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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge die Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottes­diensten gehalten wurden.

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Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti
Konfirmationsgottesdienst
8. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Alles ist euer: es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

1. Kor 3, 22-23a

Liebe Gemeinde!

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Alles ist euer, das heißt ja: alles gehört euch! Das ist doch schon mal was, oder? Alles gehört euch. Na, da kann euch jetzt niemand mehr reinreden, ihr könnt selbst bestimmen, was ihr tut, und auch, womit ihr es tut. Das ist doch mal eine gute Nachricht. Dass so etwas in der Bibel steht, habt Ihr vermutlich noch nicht gewusst, oder?

Aber, wie das so ist, es hat einen Haken. Es bleibt ja nicht bei diesem einen Satz. Vielmehr geht es weiter:

„Alles ist euer: es sei Paulus, Apollos oder Kephas...“ Was wollt Ihr schon mit den Dreien? Abgesehen davon, dass sie längst tot sind?

Nun, es ist immer gut, sich darüber zu informieren, was damals eigentlich los war, als dieser Text geschrieben wurde, um das besser zu verstehen.

Paulus, der diesen Brief geschrieben hat, war einige Zeit vorher schon einmal in Korinth gewesen. Da hatte es noch keine Christen dort gegeben.

Er hatte sofort begonnen, von Jesus zu erzählen, und es dauerte nicht lange, bis die ersten sich taufen ließen, weil die Worte des Paulus sie so sehr angesprochen hatten und der Geist Gottes sie angerührt hatte, dass sie zur Gemeinde von Jesus Christus gehören wollten. Und so wuchs eine kleine Gemeinde heran. Vielleicht waren es zehn, vielleicht zwanzig oder sogar fünfzig, wir wissen es nicht. Jedenfalls erzählten auch sie immer wieder von Jesus, auf dem Marktplatz und an den Straßenecken, und täglich kamen mehr Menschen zur Gemeinde dazu.

Paulus konnte nicht in Korinth bleiben, er musste weiter, denn er hatte vor, noch mehr Orte aufzusuchen und dort neue Gemeinden zu gründen. So ließ er die Korinther zurück und vertraute darauf, dass der Geist Gottes die Gemeinde lenken und schützen würde.

Das ging auch eine Zeit lang gut. Doch dann kam ein anderer namens Apollos, der manches anders sah als Paulus. Und dann begann dieser zu predigen in der Gemeinde, und manche Christen hatten das Gefühl, dass das, was er sagte, richtiger war, während andere meinten, dass die Worte des Paulus stimmten.

So entstanden zwei Gruppen   man könnte schon fast von Parteien reden. Schwierig wurde es, als dann wieder andere kamen und noch einmal auf andere Weise das erklärten, was sie bereits gehört hatten, und so entstand noch eine dritte Gruppe oder Partei.

An den Urhebern der jeweiligen Lehre unterschied man auch die Parteien: die des Paulus, die des Apollo und die des Kephas.

Als Paulus davon hörte, war er sehr betroffen. Das fand er ganz und gar nicht gut, denn das war ja eigentlich das Wichtigste an der Botschaft Jesu: dass alle eins sind, dass sie sich nicht voneinander trennen lassen, dass sie bildlich gesprochen alle Glieder an einem Leib sind – darauf kam es an.

So verstand er auch das Abendmahl, in dem die Gemeinschaft untereinander gerade durch das Teilhaben an dem einen Kelch zum Ausdruck kommt, und so verstand er die Worte, die Jesus gesagt hatte, dass sie alle wie Geschwister sein sollten.

Also schrieb er nach Korinth an die Gemeinde, und dazu passen dann auch diese Zeilen: Alles ist euer. Er spricht damit die Gemeinde an und meint: niemand kann euch sagen, dass etwas so oder so verstanden werden muss. Es gibt keinen Menschen, der in irgendeiner Weise eine höhere Autorität hätte als die anderen. Ihr seid alle Geschwister, und es gibt nur einen Herrn: Jesus Christus.

Das wird am Ende des Predigttextes deutlich: Alles ist euer, ihr aber seid Christi. Wieder mit anderen Worten: Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus.

Durch die Taufe wurdet ihr zu Kindern Gottes. Unverwechselbar, unverrückbar, niemand kann euch das nehmen. Aber als Kinder, das wisst Ihr, gibt es auch immer Verpflichtungen. Kinder sind zwar letztlich eigenständige und unabhängige Menschen, aber die Tatsache, dass sich Eure Eltern um Euch kümmern, dass sie für Euch sorgen und sicherstellen, dass Ihr zu essen und ein Dach über dem Kopf habt, verpflichtet Euch ihnen gegenüber.

So ist es auch für die Kinder Gottes: Ihr gehört Jesus Christus, und mit ihm Gott, unserem himmlischen Vater.

Die Konfirmation ist nun der Punkt, wo ihr volljährig werdet – Gott gegenüber. Im Konfirmandenunterricht habt Ihr gelernt, was es bedeutet, Kind Gottes zu sein – das hoffe ich jedenfalls. Nun liegt es an Euch, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Als ich Euch unterrichtet habe, da habe ich mich bemüht, es so zu tun, wie es dem Wort Gottes entspricht.

Mit der Konfirmation tragt ihr nun selbst dafür Verantwortung, das Gelernte weiter zu sagen, es umzusetzen und anzuwenden – und selbst Erfahrungen zu sammeln auf dem Weg des Glaubens, die ihr dann ebenfalls weitergeben könnt.

Und darum ist die Konfirmation etwas Besonderes: nicht, weil nun endlich der Konfirmandenunterricht vorüber ist, sondern weil ihr in die Verantwortung hinein genommen werdet, weil ihr nun als fähig angesehen werdet, selbst zu entscheiden, was richtig ist und was falsch von dem, was Euch über Gott gesagt wird.

Da sieht das schon ganz anders aus, dieses „Euch gehört alles“. Es gehört euch alles in sofern, als ihr nun das Gute vom Bösen zu unterscheiden und das eine zu tun sowie das andere zu lassen in der Lage sein solltet.

Ihr gehört Christus – das ist wohl der wichtigste Satz des Predigttextes. Diese Zugehörigkeit zu Christus bringen wir besonders in der Feier des Abendmahls zum Ausdruck.

Denn das Abendmahl ist nicht nur das Essen einer Oblate und das Trinken eines Schlucks Wein oder Traubensaft, sondern es ist die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbst.

Jesus Christus ist mitten unter uns, wenn wir das Abendmahl feiern, er verbindet uns untereinander, indem wir das gleiche Brot teilen und aus dem einen Kelch trinken.

Alles ist euer – das ist Grund zur Freude, und zugleich ist es eine Last, denn es bedeutet ja auch Verantwortung. Aber weil wir Christus gehören, darum kann diese Last nicht schwer werden, denn er trägt sie mit uns. Er will uns helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die Gemeinde ist bereit, Euch zu helfen, wenn Ihr Hilfe braucht. Und es ist gut, dieses Angebot auch in Anspruch zu nehmen. Christ sein heißt nämlich auch: zu einer Gemeinde zu gehören, Glied an einem großen Leib zu sein. Das ist ein großartiges Geschenk.

Dass ihr das in Eurem Leben erfahrt und auch sichtbar werden lasst, das wünsche ich Euch von Herzen.

Amen

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Predigt zum Ostersonntag
1. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten (2. Tim 2, 8a)

Liebe Gemeinde!

So ganz verstanden habe ich sie nie: Hanna, die Frau, die kein Kind haben konnte.

Sie musste die größte Demütigung hinnehmen, die man sich nur vorstellen kann: dass ihr Mann eine zweite Frau nahm, um sich Nachkommen zu verschaffen.

Er liebte Hanna, das steht außer Zweifel, aber die Sicherung des Erbes war wichtiger – und dazu brauchte er Nachkommen. Darum nahm sich Elkana, ihr Mann, eine zweite Frau, die ihm dann auch viele Kinder, Söhne und Töchter, schenkte.

Und weil sie dies tat, blickte sie verächtlich hinab auf Hanna, und verspottete und kränkte sie.

Hanna war verzweifelt. Sie sah nur noch eine Möglichkeit: Gott um Hilfe zu bitten.

Als sie ihren jährlichen Gang zum Heiligtum machten, fiel sie vor dem Altar nieder und betete lange, so lange, dass der Priester glaubte, sie sei betrunken, zumal sie nur ihre Lippen bewegte, aber nichts zu hören war.

Doch Hanna war nicht betrunken – sie war nur tieftraurig. An diesem Tag hatte sie ein Gelöbnis getan, dass sie, wenn Gott ihr einen Sohn schenken würde, sie diesen Gott weihen würde.

Sie würde ihr erstes und vielleicht einziges Kind Gott opfern. Sie wusste, dass sie ihn dann nicht wieder sehen würde, außer, wenn sie selbst den langen Weg zum Heiligtum zurückkehren würde.

Und das ist es, was ich nicht verstehe.

Worauf kam es ihr denn an?

Wollte sie ein Kind haben, nur um wieder angesehen zu werden? Wollte sie einen Sohn haben, damit ihr Mann sie wieder an die erste Stelle rückte?

Sollte das Kind nur dazu dienen, die Rangordnung in der Familie wieder herzustellen – dass sie wieder die erste Frau sein würde?

Kinder haben damals sehr viel bedeutet, das steht fest. Sie waren der Reichtum einer Familie. Eine Frau ohne Kinder würde im Alter als Witwe kaum überleben können.

Hanna dachte nicht daran. Sie war bereit, wenn sie ein Kind kriegen würde, dieses Kind wegzugeben – in die Hände Gottes. Sie würde gewissermaßen ihre Altersversorgung, ihre Rente aufgeben. Also diente das Kind wohl wirklich nur dazu, ihr Ansehen wieder herzustellen?

Gewiss war dieser Aspekt wichtig für Hanna, aber er stand dann doch nicht im Vordergrund.

Vielmehr hat sich Hanna wertlos gefühlt. Ihr Selbstwertgefühl war geschwunden. Sie konnte schuften, so viel sie wollte – nie würde sie eine vollwertige Frau sein, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Sie wollte nur wieder wissen, dass sie ein vollwertiger Mensch ist.

Darum betete sie zu Gott. Darum war sie bereit, das Kind, wenn ihr Gott eines schenken wollte, in seinen Dienst zu stellen. Sie war bereit, alles wieder zu opfern, wenn Gott ihr nur zeigen würde, dass sie nicht weniger wert ist als die andere Frau ihres Mannes.

Gott erkennt ihre Not. Er erhört ihre Bitte. Er wendet sich ihr zu und lässt sie ein Kind empfangen. Das Kind wird Samuel genannt.

Es wird ein großer Prophet in Israel werden. Samuel ist der Prophet, der die Männer Saul und David zu Königen salbt. Nach ihm sind zwei Bücher in unserem Alten Testament benannt.

Aber das alles weiß seine Mutter noch nicht. Sie stillt ihn, und als sie ihn entwöhnt hatte, ging sie mit ihm zum Heiligtum, um ihn in die Obhut des Priesters zu geben.

Samuel war da noch ein kleines Kind. Hanna würde nicht miterleben können, wie er aufwächst. Sie würde nicht sehen können, wie er Schritt für Schritt lernt, das Leben zu meistern. Aber sie weint nicht, als sie von ihm Abschied nimmt, sondern sie jubelt zu Gott und sagt:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, daß er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.

Das ist eigentlich noch schwerer zu verstehen. Wie kann sie fröhlich sein, jetzt, da sie ihr Kind zurücklässt?

Hanna jubelt Gott zu, denn sie hat Gott um Hilfe gebeten, und er hat sie erhört. Was Gott ihr gegeben hat, gibt sie Gott zurück, nur mit einem Unterschied: sie tut es als eine vollwertige Frau. Gott hat ihr dies ausdrücklich bestätigt.

Sie weiß nun, dass Gott sie wert achtet, obgleich die Menschen um sie herum ihr das Gefühl gaben, dass sie nichts wert sei. Mit Ausnahme ihres Mannes, aber auch er hatte ihr ja ihre Minderwertigkeit vorgehalten, indem er eine zweite Frau nahm.

Jetzt hatte Gott sie gewissermaßen »aufgewertet«. Er hatte sie von den Toten wieder heraufgeführt – er hatte sie wieder lebendig gemacht. Darum gilt Gott Lob und Dank.

Was hat das mit Ostern zu tun? Vordergründig wohl gar nichts. Denn hier, in dem Lobgesang der Hanna, geht es nicht um die Auferweckung von den Toten. Es geht nicht um Gottes Sieg über den Tod, der unser aller Leben verändert hat. Hanna spricht zwar davon, dass Gott die Toten wieder zum Leben erweckt, aber sie hat da wohl eher von ihrem eigenen Zustand gesprochen: sie war innerlich tot, denn ihr Leben hatte keinen Sinn mehr – vielleicht bis dahin auch nie gehabt. Nun hatte Gott ihrem Leben wieder einen Sinn gegeben, er hatte ihr wieder Leben geschenkt. In diesem Sinne war sie wohl auferweckt worden.

Geht es aber nicht auch darum heute, an Ostern? Geht es nicht darum, dass Gott unserem Leben einen Sinn gibt? Dass er uns zeigt, wie wertvoll wir ihm sind?

Wenn wir das Wunder der Auferstehung Jesu betrachten, dann erkennen wir, wie wichtig wir Gott sind. Denn Gott schenkt uns durch diesen Sieg des Lebens über den Tod Hoffnung, die uns tragen kann auch in schweren Zeiten, in denen wir uns wert- und nutzlos fühlen. Er hat den Tod überwunden, für jeden einzelnen von uns – und dafür gab er seinen Sohn in den Tod. Soviel sind wir ihm wert.

Mit diesem Glauben lohnt sich das Leben. Es gewinnt Qualität, selbst dann, wenn es von leidvollen Erfahrungen durchsetzt ist. Denn Gott hat uns so wert geachtet, dass er seinen eigenen Sohn dahin gab, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Wir sind mit Christus auferstanden! Halleluja!

(Amen)

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Predigt zur Osternacht
1. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten (2. Tim 2, 8a)

Liebe Gemeinde!

Wir haben uns an diesem Morgen
schon ganz auf Ostern eingestellt.
Weg mit Furcht und weg mit Sorgen
und allem, was uns nicht gefällt.

Die Sonne zeigt schon ihr Gesicht,
auch dann, wenn wir nur Wolken seh’n,
Sie bringt das helle Tageslicht
und hilft uns sich’re Wege geh’n.

Und just genau um diese Stunde,
vor etwa zweimal tausend Jahr’n,
da machten Frauen ihre Runde
sie wollten sich dem Friedhof nah’n.

Denn dort, das wissen alle schon,
lag Jesus tot in einem Grabe,
die Frauen machten keinen Ton,
doch jede hatte eine Gabe.

Die eine brachte Salben mit,
und Öle trug die zweite,
so gingen sie mit forschem Schritt,
dass man den Leib bereite

für seine lange, ew’ge Ruh.
Die Dritte trug dann Tücher noch,
so gingen sie dem Grabe zu.
Doch wie kommt man nur in das Loch?

Sie wussten ja, das Grab war dicht,
Denn niemand sollte Frevel tun,
So ist der Lauf dieser Geschicht’,
Die Toten sollt ihr lassen ruh’n.

Ein dicker, großer Stein war da,
ganz schwer und unbeweglich,
die Frauen waren nun schon nah,
doch war ihr Weg vergeblich?

Denn Kraft und Stärke sind gefragt,
den Stein bewegt nicht irgendwer,
da wird man leicht mal ganz verzagt,
ein kräft’ger Mann muss dafür her.

Denkt ihr! Mit einem geht es nicht,
es müssen Viere sicher sein,
der Stein, der hat schon sein Gewicht,
geballte Kraft muss da herein.

Schon schau’n sie sich nach Hilfe um,
sie gehen langsam, Schritt für Schritt,
die letzte Kurve noch herum,
Doch was ist das? Ihr Herz erschrickt!

Der Stein ist fort! Das darf nicht sein,
sie schauen sich verwundert an,
nur eine wagt sich sacht hinein,
die andern stehen hintenan.

Sie schaut und sucht und sieht sich um,
der Leib des Herrn ist nicht mehr da,
zum Ausgang dreht sie sich dann um,
da sind zwei Männer ihr ganz nah.

Das war erstmal ein großer Schreck,
doch fasst sie Mut und fragt sogleich:
„Wart ihr schon hier? Mein Herr ist weg!“
und wird dann doch noch ziemlich bleich.

„Ihr sucht“, so hört sie daraufhin,
„den Herrn, der lebt, am falschen Ort.
Verstandet ihr denn nicht den Sinn,
von dem von ihm gesproch’nen Wort?

Er hatte zu euch doch gesprochen,
dass er getötet werden muss.
Von Sündern wird sein Leib gebrochen,
Doch kommt es damit nicht zum Schluss.

Er sagte auch zu Mann und Frau,
dass er bald auferstehen wird,
am dritten Tag im Morgengrau,
die Sonne dann den Tag gebiert.

Kommt euch nun die Erinnerung?“
Die Frauen schauten sich kurz an.
Sie hörten die Verkündigung
und wussten: das hat Gott getan.

Sie machten kehrt und brachen auf,
zurück, es sollte schneller geh’n,
doch gab es keinen Wettkampf-Lauf,
der Wind ließ ihre Haare weh’n.

Sie kamen zu den Jüngern bald,
die war’n noch ganz verschlafen
und hörten es und blieben kalt,
als sie die Worte trafen.

Was reden die nur für ’nen Quatsch,
so haben sie sogleich gesagt.
Das ist doch nur mal wieder Tratsch,
sein Tod euch an der Seele nagt.

„Was soll’s“, so dachte Petrus sich
und schlich sich unauffällig raus,
„ich werde überzeugen mich
und gehe dann auch gleich nach Haus.“

Er ging und lief und rannte gar,
und kam zum Grab und sah hinein,
er sah: der Herr war nicht mehr da,
das machte seinen Mut doch klein.

Er schaut sich um, das Grab war leer,
und niemand war für ihn bereit,
kein Mann in Weiß, das ist schon schwer,
kein Menschlein war da weit und breit.

Der Petrus war schon recht verzagt,
Die Frauen hatten’s erst geseh’n,
und ihnen wurde es gesagt,
Es ging jetzt nur um’s Auferstehn.

Doch glauben, das ging gar nicht gut,
es konnten ja auch Räuber sein,
die frech und voller Übermut
gestiegen in das Grab hinein,

und dann den Leib des Herrn versteckt,
Wohin? Warum? Das weiß man nicht,
sie waren sicher ganz verdreckt,
und scheuten dazu noch das Licht.

Auch Petrus kam es in den Sinn,
was ihm der Herr mal einst gesagt,
dass ihn der Tod wird raffen hin
und steht dann auf am dritten Tag.

Doch glauben, fiel auch jetzt noch schwer,
so wandte sich der Jünger fort,
und dachte dann noch hin und her,
als er ging weg von diesem Ort.

Wir wissen, dass am gleichen Tag
der Herr zwei Jüngern bald erschien,
er brach das Brot, so wie man’s mag,
und da erkannten sie dann ihn.

Noch manches and’re wird erzählt,
der Lukas schrieb es alles auf.
Der Herr hat’s Leben sich erwählt,
nun nimmt das unsre seinen Lauf.

Der Predigttext war das zwar nicht,
doch passt es zu dem heut’gen Tag,
es ist ja schließlich die Geschicht’
von Ostern, die wohl jeder mag.

Der Predigttext steht in ’nem Brief,
ganz kurz und knapp, so soll er sein,
ein halbes Verslein ist er tief,
passt fast in eine Zeile rein.

Er lautet – ich mach’s im Gedicht:
„Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
vom Tod er auferstanden ist.“
So kommt zu uns das wahre Licht.

Der Vers steht bei Timotheus,
Brief zwei enthält ihn und noch mehr,
das ist nun keine harte Nuss,
es soll euch freuen richtig sehr.

Kapitel zwei, da steht er dann
im achten Vers geschrieben,
Zuhause schaut ihn nochmal an,
und lest ihn vor den Lieben.

„Halt im Gedächtnis Jesus Christ,“
so geht ein Lied, ihr kennt es auch,
das tut uns gut, wahrhaftig ist
das Lied bei uns auch im Gebrauch.

Doch heute nicht, wir singen gern
von Ostern diesen ganzen Tag,
und freuen uns, dass nah und fern,
solch Lied ganz oft erklingen mag.

Die Osterbotschaft hören wir,
und nehmen sie auch in uns auf,
Der Tod ist tot! Das glauben wir
und das nimmt sicher seinen Lauf.

Wer Christus glaubt, der lebt fürwahr,
der Tod hat nichts zu sagen,
das Leben siegt! Gott ist uns nah!
So woll’n wir’s fröhlich wagen

Und tragen in die Welt hinein,
das Wort, das uns so froh gesagt.
Dem Tod, dem geben wir ein Nein,
und sind dabei ganz unverzagt.

Weil Christus lebt, drum leb auch ich,
und du und all die andern,
die durch die Taufe ewiglich
in Gottes Nähe wandern

Und schauen seine Herrlichkeit
an aller Orten Enden.
So wollen wir voll Fröhlichkeit
uns nur zu ihm hin wenden.

Er ist der Herrscher überall,
sein Sieg schenkt uns das Leben,
wir hören’s mit Posaunenschall,
Gott hat uns all’s vergeben.

So gehen wir ganz wohlgemut
den Weg, den er uns zeiget,
und freu’n uns, dass er Gutes tut,
bis sich die Sonne neiget.

Wir danken ihm in Demut dann,
weil er uns immer nahe ist,
und sagen’s auch mit Freude an:
„Wir danken dir, du Herre Christ.“

Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
der auch am dritten Tage
siegreich vom Tod erstanden ist,
befreit von Not und Plage.

Bedenke, dass er Fried gemacht,
weil Gott uns so sehr liebt,
sein Tod das Leben wiederbracht,
er uns’re Schuld vergibt.

So denken wir nun immer dran,
und werden’s nicht vergessen,
Was er so Gutes hat getan,
auch nicht beim Abendessen.

Sein Nam’ in uns geprägt soll sein,
wir sind sein Volk wohl durch die Tauf’,
so lasst es uns’re Freude sein:
Das Leben, es nimmt seinen Lauf.

Drum sprechen wir nun unumwunden
das „Amen“, das heißt: es ist wahr,
und glauben es auch alle Stunden:
Er lebt! So ist es Jahr für Jahr.

Amen

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Predigt zum Karfreitag
30. März 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Darum ist Christus der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe emp­fangen.

Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen ge­macht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu er­scheinen. Auch nicht, um sich oftmals zu opfern, wie der Hohepries­ter alle Jahre mit fremdem Blut in das Heiligtum geht; sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an.

Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Men­schen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler weg­zunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen er­scheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Amen (Hebr 9, 15-28 i.A.)

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz – es ist das wichtigste Symbol der Christenheit. In jeder Kirche ist es zu sehen, in jedem Andachtsraum, in vielen Wohnungen. Viele Menschen tragen ein Kreuz an einer Kette um den Hals.

Warum ist das Symbol des Kreuzes uns Christen so wichtig ge­worden?

Kreuzigung – das war damals, zur Zeit Jesu, eine ganz übliche Strafe. Die Gekreuzigten hingen oft tagelang am Kreuz, auch noch nach ih­rem Tod, zur Abschreckung und zur Sicherung der Macht durch die Römer.

Man wollte deutlich machen, was die zu erwarten haben, die sich in irgend einer Weise gegen die römische Besatzung auflehnen. Das Kreuz war kein Symbol, das man sich um den Hals hängte oder in das Haus an die Wand, es war kein Symbol der Anbetung, sondern im Gegenteil: es war ein Symbol der Angst und des Schreckens. Nie­mand, aber wirklich niemand, konnte dem Kreuz etwas Gutes abge­winnen.

Jesus erlitt die gleiche Strafe wie tausende vor ihm – und tausende nach ihm. Er litt die gleichen Schmerzen, aber es gibt doch einen Un­terschied:

Jesus hat diese Strafe nicht verdient. Das erkennt sogar Pilatus, der nur zögerlich das Todesurteil spricht; aber er spricht es. Er hat ja die Macht. Er kann es tun, er kann unschuldige Menschen zum Tod ver­urteilen. Niemand kann ihn deswegen belangen.

Jesus stirbt, ohne schuldig zu sein. Aber er wehrt sich auch nicht. Er beteuert nicht seine Unschuld, fühlt sich auch nicht ungerecht be­handelt. Er nimmt die Strafe auf sich, weil er konsequent den Willen seines himmlischen Vaters gelebt hat und weiß: dies ist nicht seine Strafe, sondern die Strafe für alle Menschen. Er hat sich nicht abbringen lassen von dem Weg, im Gegenteil: er ging ihn ganz bewusst.

Das zeigt uns auch sein Gebet am Abend in Gethsemane, wo er sich frei­willig dem Willen Gottes unterwirft. Er lässt zu, wovor er durchaus Angst hat, weil er die Schmerzen ahnt, die ihm bevorstehen: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen – doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“

Jesus liefert sich dem Willen seines himmlischen Vaters aus – er ord­net sein Wünschen dem Willen des Vaters unter. Wenn er sich ans Kreuz nageln lässt, so geschieht es also, weil er selbst es will – weil sein Wille mit dem Willen des Vaters eins geworden ist.

Dieser Wille des Vaters ist es nun, der uns unerklärlich erscheint. Wie kann der liebende, barmherzige Gott, so etwas verlangen? Wie kann er wollen, dass sein Sohn gekreuzigt wird?

Die Antwort ist befremdlich, besonders dann, wenn man nicht bereit ist, sich einzuordnen in die lange Geschichte Gottes mit der Menschheit. Denn sie kann nur dann wirklich verstanden werden, wenn man auch diese Geschichte versteht.

Die Antwort lautet – einfach, und doch so schwer verdaulich heutzutage: Gott wollte ein Opfer.

Dieses von Gott gewollte Opfer – und darauf macht uns der Hebrä­erbrief aufmerksam – konnte kein Mensch darbringen. Denn jeder Mensch ist Sünder, niemand kann ein vollkommenes, reines Opfer darbringen.

Jesus hat uns ja auch gesagt, wie leicht es ist, an seinen Mitmenschen und vor Gott schuldig zu werden. Ein böser Gedanke genügt, ein Begehren – Dinge, die nach außen hin keine Konsequenz haben, weil niemand davon weiß: sie belasten aber die Seele, und wirken sich letztlich dann doch auf die eine oder andere Art und Weise aus. Und sie graben die Gräben, die zwischen Gott und Mensch bestehen.

Darum, weil wir alle Sünder sind, kann es kein von Menschen darge­brachtes Opfer geben, das diese Sünde fortschaffen könnte. Es ist selbst schon durch die Sünde des Opfernden wertlos gemacht.

Also musste Gott einspringen und selbst dieses Opfer darbringen. Nur so konnte endlich Frieden einkehren zwischen Gott und den Menschen, die Gräben konnten wieder überbrückt werden.

Aber Gott tut das nun nicht um seiner selbst willen, sondern um unseretwillen, um uns zu befreien von der Notwendigkeit, etwas gut machen zu müssen. Und zugleich befreit er uns damit von der Gefahr der Heuchelei, dass wir nicht anders scheinen als wir sind, nur um uns selbst glauben zu machen, wir wären vor Gott gerecht.

Der Weg Jesu ist es, der in dieses von Gott gewollte, notwendige Opfer mündet. Er allein, der Sohn Gottes, Mensch geworden, ist es, der den Graben überbrücken kann. Sein Opfer stellt den Frieden her, nach dem wir uns sehnen, und nach dem sich Gott selbst so lange gesehnt hat. Sein Opfer befreit uns nicht nur von Schuld, sondern auch von der Angst, wir müssten Gott durch gute Taten mit uns versöhnen.

So stellt Jesu Opfer alles Bisherige auf den Kopf. Während man frü­her geglaubt hat, dass der Mensch selbst Wiedergutmachung leisten muss Gott gegenüber, so ist dies nun nicht mehr nötig. Ein für allemal hat Gott diese Wiedergutmachung geleistet, am Kreuz, am Symbol der Angst und des Schreckens, das so zu einem Symbol der Hoffnung und Zuversicht wird.

Doch die Welt versteht es nicht, und so wird das Symbol auch immer wieder benutzt, um Christen zu verhöhnen.

Es gibt ein Bild, in eine Mauer eingeritzt, das aus der frühen Zeit der Christen stammt und einen Menschen mit einem Eselskopf am Kreuz zeigt. Daneben kniet ein Mensch in anbetender Haltung. Darunter steht: Alexamenos betet seinen Gott an. Dieses Bild findet sich auf dem römischen Hügel Palatin.

Die Welt hat es nicht begriffen und nicht für wahr halten können, dass sich Gott derart erniedrigt und sogar den Tod erleidet. Was für ein Gott ist das, der all seine Macht und sogar seine Unsterblichkeit auf­gibt? Was gibt es da anzubeten? Wer solch einen Gott anbetet, ist selbst ein Esel.

Es ist ja auch wahr. Damit werden ja auch wir Christen nicht so richtig fertig, dass Gott stirbt. Gott kann nicht wirklich sterben. Jahrhundertelang haben sich Theologen darüber den Kopf zerbrochen, wie man das erklären kann.

Die einzige Erklärung ist die: Gott wurde Mensch, ganz und gar. Er äußert sich all seiner Gewalt, so heißt es in dem bekannten Weihnachtslied „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“ von Nikolaus Hermann.

Nur so konnte er auch den Tod erleiden, den Tod, der uns von unserer Schuld erlöst.

Ich muss an ein weiteres simples Bild denken, das ähnlich wie das andere das Geschehen am Kreuz instrumentalisiert, um Christen zu verhöhnen. Da steht zunächst an der Wand: „Gott ist tot.“ Und darunter der Name des Autors dieses Satzes: Nietzsche. Auf dem nächsten Bild sieht man den gleichen Schriftzug auf der Wand, aber er hat sich geändert. Das Wort Gott ist durchge­strichen, und darüber steht „Nietzsche“. Und der Name darunter ist ebenfalls durchgestrichen, und daneben steht: „Gott“. So dass nun zu lesen ist: „Nietzsche ist tot. Gott“.

Das Kreuz ist eine Herausforderung. Uns, die wir glauben, ist es das Symbol des Heils geworden, das Symbol der Befreiung. Was anderen Angst macht oder sie auch einfach nur gleichgültig oder gar höhnisch werden lässt: es schenkt uns Hoffnung und Zuversicht. Durch das Kreuz wissen wir, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann. Weil das Kreuz die Manifestation der Liebe Gottes ist.

Im Tod begegnet uns Gott und reißt uns aus dem Tod heraus; das Kreuz wird zur Lebensquelle, weil es das Trennende, den Tod, fortnimmt.

Nun schreibt der Verfasser des Briefes an die Hebräer am Ende unseres Abschnittes: Christus wird ein zweites Mal kommen, aber nicht, um ein zweites Mal die Sünde weg zu nehmen, sondern um die, die auf ihn warten, mit sich zu führen in das Reich Gottes.

So sind wir also Wartende. Nun wissen wir aber weder Tag noch Stunde, wann es geschehen wird. Es kann also kein Warten sein so wie am Bahnhof auf einen Zug, dessen Ankunftszeit einigermaßen sicher bekannt ist. Wir können daher auch nicht wartend irgendwo verharren, etwa in einer Kirche, sondern müssen unsere Alltagsgeschäfte aufnehmen, um unser Leben fristen zu können. Wir müssen weitermachen.

Doch stellen wir uns eine ähnliche Situation kurz vor: Jemand hat sich angekündigt, dass er zu Besuch kommen würde, ohne dabei eine Zeit zu nennen. Die Person ist uns bekannt, und ihr Besuch ist uns wichtig. Wir sind bereit, stellen uns vor, wie es sein wird. Wir warten einige Tage, verschieben Vorhaben, die nicht so wichtig sind, um sicher zu sein, dass der Besucher uns auch wirklich antrifft. Aber: es geschieht nichts. Unser Warten ist vergeblich.

Vielleicht begegnen wir der Person später dann wieder einmal auf der Straße, erinnern sie an ihr Versprechen, und sie bekräftigt noch einmal ihren Wunsch, einen Besuch abzustatten.

Doch die Person kommt einfach nicht. Wie lange sind wir bereit zu warten? Einen Monat? Zwei Monate? Irgendwann jedenfalls hat es mit dem Warten ein Ende. Es liegt nichts mehr bereit für diesen Besucher, man denkt nicht mehr darüber nach, welche Fragen man stellen, welche Themen man er­örtern möchte.

Man nimmt auch nicht Rücksicht, wenn man seine eigenen Vorhaben plant. Ob man nun da ist oder nicht, es spielt keine Rolle. Insgeheim wünscht man sich vielleicht sogar, dass dieser Besucher vor verschlossener Tür steht, wenn er sich dann doch mal zu einem Besuch aufrafft. Sicher ist auch die Enttäuschung groß, aber das vergeht mit der Zeit genauso wie die Freude auf diese Begegnung.

Jesus hat sein Kommen wie das eines Diebes angekündigt. Dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Und er hat uns zur Wachsam­keit aufgefordert, damit wir nicht überrascht werden oder gar diese Begegnung verpassen, weil wir nicht da sind.

Ja, er wird kommen, um uns teilhaben zu lassen an seinem Heil. Ist es das nicht wert, zu warten, auch wenn wir keine Ahnung haben, wann das sein wird? Ist es das nicht wert, sein Leben so zu gestalten, dass er uns nicht verpasst – und wir ihn nicht?

Das Kreuz – es erinnert uns nun nicht nur an das von Gott vollbrachte Opfer und damit an seine unermessliche Liebe, sondern auch an diese Zusage, dass er kommen wird, uns zum Heil.

Amen

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Predigt zum Sonntag Palmarum
25. März 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

(Jes 50, 4-9)

Liebe Gemeinde!

Die Gottesknechtslieder aus dem Buch des Propheten Jesaja sind uns zumindest teilweise vertraut. Die meisten kennen die Worte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ (Jes 53, 4). In diesem einen Satz steht eigentlich schon alles, was sich am Karfreitag ereignet.

Die Verbindung vom Propheten Jesaja zu Jesus hatten die Christen schon sehr früh erkannt. Auch die Evangelien und Briefe des sogenannten Neuen Testaments stellen immer wieder Verbindungen her und bezeugen damit, dass die heiligen Schriften des Volkes Israel unbedingt zum christlichen Glauben dazu gehören, zumal diese ja auch Jesu heilige Schriften waren.

Unser Predigttext wird auch zu den sogenannten Gottesknechtsliedern gezählt, obwohl darin nicht von einem Knecht, sondern von einem Jünger, also einem Schüler oder Lehrling, die Rede ist.

In Gottesknechtsliedern wird beschrieben, wie der Knecht Gottes um des Wortes Gottes willen verschmäht, bespiehen und geschlagen wird. Der, dem dies widerfährt, wehrt sich nicht dagegen, sondern lässt es willig geschehen. So wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, bleibt er stumm.

Solche Züge finden sich auch in unserem Predigttext. Darum gilt auch er als Gottesknechtslied.

Weil das Verhalten Jesu ganz dem des Gottesknechts ähnelt, kann man diese Texte als Hinweise auf Jesus verstehen, was dann ja auch die frühe Christengemeinde schon getan hat.

Aber ist mit dem Gottesknecht wirklich Jesus gemeint? Heute ist man sich da nicht mehr so sicher wie damals. Denn es gibt auch Aussagen, die nicht so einfach auf Jesus übertragen werden können. Und das jüdische Volk hat natürlich eigene Interpretationen dieser Texte bereit, die auch ihre Berechtigung haben.

Manche meinen, der Prophet rede von sich selber, andere, er rede vom Volk Israel, und wieder andere, er rede von einer unbekannten Person, die noch kommen wird – vielleicht von Jesus, aber das sei nicht sicher zu sagen.

Auf den Messias möchte man diese Worte aber nicht beziehen, denn der Messias kommt ja als ein Retter und Friedensstifter, indem er die Feinde des Volkes Israel zerschlägt. Der Messias ist eine mächtige Person. Und das passt nicht auf den beschriebenen Gottesknecht.

Dass Jesu Macht in seiner Ohnmacht offenbar wurde, lässt sich für viele Menschen eben nur schwer nachvollziehen.

Jesaja benennt in unserem Predigttext zwei wichtige Eigenschaften des Jüngers oder Gottesknechts: das Reden und das Hören.

Der Jünger bekommt den Auftrag, mit den Müden zu reden. Dazu hat er eine Zunge bekommen. Er soll das nicht nur irgendwann, wann es ihm beliebt, sondern „zur rechten Zeit“ tun. Zu der Gabe der Zunge, mit der er reden, und der Ohren, mit denen er hören kann, gehört also auch die Gabe der Sensibilität. Er muss in der Lage sein, den rechten Zeitpunkt zu erfassen und dann erst zu reden.

Der Jünger soll also mit den Müden reden. Er soll sie ansprechen in ihrer Müdigkeit, er soll sie gewissermaßen wieder aufwecken.

Aber warum bezeichnet Jesaja seine Zuhörer so? Haben sie zu wenig geschlafen, vielleicht so wie wir, weil uns durch die Umstellung auf die Sommerzeit heute nacht eine Stunde weniger Schlaf vergönnt war?

Jesaja beschreibt vor unserem Predigttext, worum es geht.

Da lesen wir nämlich von einer Klage Gottes. Gott klagt darüber, dass sein Volk abtrünnig geworden ist, dass sie sich von ihm abgewendet haben.

„Warum kam ich und niemand war da? Warum rief ich und niemand antwortete?“ (Jes 50, 2), so fragt Gott.

Und dann will er wissen, ob es einen Zweifel geben kann an seiner Fähigkeit, zu erlösen und zu erretten. Und schließlich heißt es unmittelbar vor unserem Textabschnitt:

„Ich kleide den Himmel mit Dunkel und hülle ihn in Trauer.“ (Jes 50, 3)

Gott trauert also um sein Volk, das ihn verlassen hat.

Es scheint, dass die Menschen müde geworden sind, von Gott etwas zu erwarten. Gott ist ihnen gleichgültig geworden. Sie bemühen sich nicht mehr um ihn, sie hören auch nicht mehr auf ihn. Die Worte des Propheten, die Zusagen Gottes, berühren sie nicht, sie hören nicht hin.

Das mag auch einen Grund haben. Immerhin geschieht dies alles in der Zeit des Babylonischen Exils. Die Herrlichkeit Israels ist dahin, das Land liegt wüst da, Jerusalem ist zerstört, die meisten Israeliten, vor allem die Gebildeten und Wohlhabenden, sind ins Ausland verschleppt.

Das politische Ziel der Eroberer war, die Eroberten so zu entwurzeln, dass sie sich letztlich ganz in die Kultur der Eroberer integrieren würden. Und das schien auch bei den Israeliten zu gelingen.

Denn das, wofür es sich noch gelohnt hätte, aufzubegehren, war ja zerstört. Die Stadt Jerusalem und der Tempel lagen in Trümmern. Gott, der Allmächtige, der die Welt erschaffen hatte, hatte sein Heiligtum aufgegeben.

Da kann man sich genauso gut auch mit den Mächtigen arrangieren.

Denn Gott konnte gegen eine solche Macht offenbar nichts ausrichten, sonst hätte er die Eroberung Jerusalems gewiss verhindert. Und nun sagen sie: Sein Arm reicht nicht bis nach Babylon. (Jes 50, 2)

Das ist aber eine Vorstellung, die eher auf die babylonischen Götter passt, als auf den allmächtigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sogar die Naturgewalten auf den Kopf stellen kann. Wieso sollte sein Arm zu kurz geworden sein, um zu erlösen? (Jes 50, 2b)

Aber die Menschen erwarteten nichts mehr von Gott, sie waren des Wartens müde geworden. Auch wenn sie ihr Schicksal hier und dort noch beklagten und vielleicht auch erkannten, dass es eigentlich ja ihr eigenes Versagen war, das sie ins Exil gebracht hatte, so wurden es doch immer weniger, in denen die Sehnsucht nach Rückkehr wach blieb und die sich die Rettung durch Gott erhofften.

Inzwischen waren Kinder geboren, die keine andere Umgebung kannten, denen das Exil, denen Babylon zur Heimat zu werden begann oder schon geworden war. Der Gott Abrahams wurde ihnen immer fremder, die Götter der Babylonier wurden ihnen immer vertrauter.

Gott sah es, und trauerte um sein Volk, das ihn so schnell vergessen konnte.

Wir finden uns in dem Volk Israel wieder mit unseren eigenen Zweifeln und Fragen. Wir erwarten, dass Gott handelt, dass er positiv Einfluss nimmt auf unser Leben. Wir wünschen uns, dass er Unglück ab- oder wenigstens zum Guten wendet.

Aber wenn dieser Wunsch nicht in absehbarer Zeit erfüllt wird, hören wir auf zu warten. Wir rechnen nicht mehr mit dem Handeln Gottes. Wir beginnen, ihn zu vergessen.

Indem wir das tun, missachten wir die Souveränität Gottes. Wir haben keine Geduld. Und wir wollen nicht akzeptieren, dass Gott nicht so handelt, wie wir es erwarten.

Darum wenden wir uns ab, werden müde. Kinder wachsen auf in einer Umgebung, in der sie nichts mehr von Gott erfahren, weil niemand mehr von Gott redet. Weihnachten ist nicht das Fest der Geburt Christi, sondern das Fest der Familie. Ostern ist nicht das Fest der Auferstehung Christi, sondern der Ostereiersuche.

Viele Menschen erwarten nichts mehr von Gott, weil er unsere Erwartungen enttäuscht hat, weil er unseren Wünschen nicht entspricht.

Aber das kann es ja eigentlich nicht sein. Im Grunde können wir nur staunend und dankbar vor Gott stehen, denn er handelt ja nicht so, wie wir es eigentlich verdient hätten.

Er erbarmt sich über uns, er wendet sich nicht von uns ab. Er kann in Segen verwandeln, wo wir nur Schaden angerichtet haben. Er tritt für uns ein, wo wir versagen.

Und wer meint, er brauche das nicht, weil er sich nichts zu schulden habe kommen lassen, der mag sich an die Geschichte von der Ehebrecherin erinnern lassen, in der Jesus die Ankläger mit den Worten auffordert: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“

Es gab niemanden, der ohne Schuld war, und so ist es bis heute. Vor Gott könnte niemand von uns bestehen, wenn es nicht seine Liebe wäre, die unsere Unvollkommenheit überwindet.

Gott bleibt zwar in seinem Handeln für uns unberechenbar – aber nicht im negativen Sinn. Nur dass wir nicht bestimmen können, wie Gott handelt. Er weiß, wie es um uns steht, und er wird tun, was nötig ist, damit wir ihm danken können für sein Tun.

Der Prophet Jesaja ist ein Werkzeug Gottes. Er redet mit den Müden, macht ihnen Mut. Aber er kann das auch nicht aus sich heraus, er muss dazu selbst gestärkt und zugerüstet werden.

„Alle Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“

Es ist der Morgen, an dem der Geist frisch und ausgeruht ist, um das Wort Gottes zu empfangen. Am Morgen spricht Gott zu dem Propheten. Am Morgen lässt er ihn wissen, was nötig ist.

Der Morgen ist auch für uns eine gute Zeit. Nach dem Aufstehen zuerst in der Bibel lesen und beten. Stille Zeit haben. Auf Gott hören.

Jochen Klepper hat dies in einem Lied aufgenommen:

„Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs neue so, wie ein Jünger hört.“ (EG 452, 1-2)

Mit dem Hören geht das Reden Hand in Hand. Denn wir sagen weiter, was wir hören – es ist nicht nur für unsere Ohren bestimmt; wir sind Gesandte Gottes.

Und so sind wir gerufen, die Müden heraus zu holen aus ihrer Hoffnungslosigkeit und ihnen Hoffnung zu schenken mit den Worten, die wir von Gott empfangen.

Dass das Wort Gottes nicht immer gehört wird, erfahren wir allerdings auch. Es kann passieren, dass uns Ablehnung und sogar Hass entgegen schlagen.

Dann gilt, was der Prophet Jesaja beschreibt: Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes 50, 5b-6)

Wir erdulden die Ablehnung und den Spott und hören nicht auf, von Gott zu reden.

Und wenn uns Scheinheiligkeit vorgeworfen wird oder auch Schuld, die in der Kirche geschehen ist, dann gibt es nur eine Antwort: „Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.“ (Jes 50, 8-9)

Der Prophet beruft sich auf Gott. Gott ist auf seiner Seite. Aber die ihn das sagen hörten, werden wieder gelacht haben. Sie werden ihn verspottet und geschlagen haben. Sie werden ihm zugerufen haben:

„Wo ist denn dein Gott? Warum hilft er dir nicht? Von wegen, er ist auf deiner Seite! Und – siehst du uns etwa zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen?“

Nun, sie alle sind nicht mehr; sie sind zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen. Der Glaube aber, der den Propheten getragen hat, der ist geblieben, bis heute.

Als Christen leben wir in der Tradition dieses Glaubens, der weiß, dass er nicht zuschanden wird – nicht vor Gottes Angesicht.

Und darum hören wir auch nicht auf, von ihm zu reden, ganz gleich, wie groß der Hass ist, der uns entgegenschlägt, damit die Müden es hören.

Und wir hören auch nicht auf, danach zu handeln, damit alle es sehen, was Gott dieser Welt zu sagen hat: dass sie nicht verloren ist in ihrer Angst, in ihrer Habgier und Selbstsucht. Denn Gott ist da, sein Arm ist lang genug, um zu erlösen, er ist stark genug, um zu erretten – auch und gerade die, die meinen, dass Gott unbedeutend oder unnötig geworden ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Judica
18. März 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die Israeliten brachen auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. (Num 21, 4-9)

Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns in der Fastenzeit. Die Protestanten nennen diese Zeit gerne Passionszeit, weil sie damit den Gedanken der Werkgerechtigkeit, der früher vor allen Dingen hinter dem Fasten stand, vermeiden wollen.

Dass zwischen dem Fasten und der Gnade Gottes kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, ist heute den meisten Menschen bewusst, auch unseren römisch-katholischen Geschwistern. Das hat dazu geführt, dass immer weniger Menschen das Fasten üben.

Aber dass Verzicht durchaus auch seinen Sinn haben kann, wird heute zunehmend wahrgenommen. Darum gibt es auch auf evangelischer Seite schon seit Jahren die Aktion „Sieben Wochen ohne“, die allerdings wenig mit dem Fasten im herkömmlichen Sinn zu tun hat, wo es ja wesentlich um den Verzicht auf Nahrung ging.

Wer schon einmal gefastet hat, weiß, dass darin etwas Befreiendes liegt. Man löst sich von Zwängen, die einem sonst so selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass man sie gar nicht mehr als Zwänge wahrnimmt. Und doch sind sie da.

Durch das Fasten bekommt man einen anderen Zugang zu sich selbst, denn man löst sich von diesen Zwängen. Und man kann durch das Fasten auch einen neuen Zugang zu Gott bekommen.

Jesus fastete 40 Tage in der Wüste und erlebte dabei nicht nur Gutes: die Versuchungen Satans waren verlockend. Und doch erfuhr er am Ende dieser Zeit, nachdem er den Versuchungen widerstanden hatte, was man vielleicht tatsächlich nur durch das Fasten lernt, wahrzunehmen: die Engel dienten ihm.

Durch das Fasten wird die Seele freier, sie ist nicht mehr so stark an die Erde gebunden, sie ist nicht mehr erdschwer, sondern wird himmelleicht – so könnte man es vielleicht beschreiben. Wenigstens für eine Weile. Denn man kann und soll natürlich nicht ewig fasten. Doch die Erfahrungen, die man im Fasten gemacht hat, bleiben und können Nahrung für die Seele sein, für eine lange Zeit danach.

Von Alters her gilt, dass man an den Sonntagen mit dem Fasten aussetzt. Denn die Sonntage sind Feiertage, an denen wir fröhlich und dankbar sein sollen. Und darum natürlich auch ordentlich essen. Und so kommen wir von Aschermittwoch bis Karsamstag auf insgesamt genau 40 Fastentage in dieser Zeit, die uns zum Osterfest hinführt.

Die 40 ist eine symbolträchtige Zahl. Wir haben es schon gehört: Jesus fastete 40 Tage in der Wüste. Aber die Zahl taucht noch viel öfter an wichtigen Stellen in der Bibel auf:

Vierzig Jahre zog das Volk der Israeliten durch die Wüste. Vierzig Tage war Mose auf dem Berg Sinai, um die 10 Gebote zu empfangen. Vierzig Tage und Nächte wanderte der Prophet Elia zum Berg Horeb. Vierzig Tage dauerte der Regen der Sintflut. Vierzig Tage lag die Stadt Ninive in Sack und Asche, nachdem der Prophet Jona ihr das Gericht Gottes angekündigt hatte. Vierzig Tage lang erschien der auferstandene Christus den Jüngerinnen und Jüngern.

Der Kirchenvater Aurelius Augustinus versteht die Zahl Vierzig als Symbol für das ganze irdische Leben, das ja auch insofern ein Verzicht ist, als wir die Herrlichkeit Gottes nicht wirklich sehen, sondern höchstens erahnen können.

In der Bibel wird die Zahl vierzig fast immer in den Zusammenhang von Buße, innerer Einkehr, Gebet oder Erprobung gestellt.

Die Zahl Vierzig begleitet uns also durch unser Leben hindurch, wir werden jedes Jahr in dieser Zeit vor Ostern an sie erinnert – auch wenn wir es gar nicht so deutlich wahrnehmen.

Fasten – das Volk Israel war in unserem Predigttext offenbar dazu gezwungen. Es gab weder Brot noch Wasser, d.h. die elementarsten Lebensmittel fehlten. Und doch hatten sie eine Speise, aber die war wohl nicht so erquicklich: „ … uns ekelt vor dieser mageren Speise“ (Num 21, 5c).

Gemeint ist das Manna, die Gabe Gottes. Aber diese Gabe Gottes ist eben nur genug zum Leben, es ist nichts wirklich Erquickliches. Keine leckere Tafel Schokolade, kein zartes Stück Kalbsfleisch, kein saftiger Apfel, keine frische Scheibe Brot. Und tagaus, tagein so etwas eigentlich Undefinierbares wie das Manna essen zu müssen, wird wohl allen Menschen auf Dauer wenigstens unangenehm.

Es scheint, als hätten die Israeliten vergessen, dass diese Gabe von Gott kam. Wie sonst könnten sie sagen: „uns ekelt vor dieser mageren Speise“? Missfallen, ja, sogar Verachtung ist aus diesen Worten zu hören. Missfallen am Handeln Gottes.

Er hatte sie aus der Knechtschaft in Ägypten befreit, hatte ihnen durch die zehn Gebote eine neue Lebensordnung gegeben, hatte sie versorgt und hatte ihnen immer wieder zu verstehen gegeben, dass es Konsequenzen haben würde, wenn sie sich von ihm abwendeten.

Und doch fingen sie immer wieder an zu murren: wären wir doch lieber in Ägypten geblieben. Nichts half, immer wieder wollten sie zurück in die Knechtschaft der Ägypter und sich damit von der Führung Gottes lossagen.

Gott hatte sich so sehr bemüht, diesem Volk seine Freiheit zu geben, es zu seinem Volk werden zu lassen: doch es wollte einfach nicht. Ist es da verwunderlich, dass er immer wieder versucht, sie durch Strafaktionen umzuwenden zu ihm hin?

Mir fällt auf, dass wir eigentlich diesen Israeliten ganz nah sind. Gott sorgt für uns, es geht uns sehr gut, auch wenn es uns tatsächlich mitunter besser gehen könnte. Aber niemand muss hungern, es fehlt nichts von dem, was wir zum Leben brauchen.

Und doch sind wir nicht so richtig zufrieden, denn wir neigen dazu, unsere Situation mit der anderer zu vergleichen. Dabei schauen wir stets auf die, denen es besser geht als uns selbst, und meinen, dass es uns auch so gut wie ihnen gehen müsste, oder wenigstens annähernd so gut.

Aber wir vergleichen immer nur mit Äußerlichkeiten. Die wahren Werte nehmen wir nur selten wahr. Und so verlieren diese wahren Werte auch für uns ihren Wert.

Was bedeutet schon die Liebe zum Mitmenschen? Bin ich nicht mir selbst der Nächste? Was bedeutet schon die Liebe zu Gott? Er macht doch sowieso, was er will – da habe ich doch nichts davon?

Gott ließ die Israeliten deutlich spüren, dass sie auf dem Holzweg waren: Feurige Schlangen sandte er unter das Volk, die viele von ihnen töteten. Für solche Strafmaßnahmen haben wir nur wenig Verständnis, aber sie weisen uns im Grunde doch nur darauf hin, dass ein Weg, der von Gott weg führt, tödlich ist.

Und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Am Ende eines Lebens, das sich von Gott losgelöst hat, steht der Tod. Es ist ein leeres Leben. Man mag zwar vieles erreicht haben, vielleicht werden einem sogar Denkmäler gesetzt: aber was hat man schon davon? Tot ist tot! Und so manches Denkmal wurde auch schon wieder abgebaut, so mancher, der meinte, er hätte Bedeutung und wäre wichtig, ist längst vergessen.

In unserem Land werden Waffen hergestellt, mit denen in anderen Ländern Menschen getötet werden – durchaus auch Frauen und Kinder. Während wir Nahrung im Überfluss haben und reichlich davon wegwerfen, verhungern in anderen Teilen der Welt die Menschen.

Und am Ende wartet der Tod auf alle die, die meinen, dass das egal sei – Hauptsache, uns geht es gut.

Demgegenüber steht das Leben in der Gegenwart Gottes, etwas, wovon wir wenig wissen und das uns in diesem Leben nicht mit materiellen Gütern überschüttet, obwohl man manchmal durchaus den Wohlstand als Segen Gottes empfindet – aber es ist eben doch alles vergänglich, es nützt uns nichts mehr, wenn wir gestorben sind.

Der wahre Reichtum liegt darin, dass unsere Seele Frieden findet, der höher ist als alle unsere Vernunft und selbst dann Bestand hat, wenn um uns herum nur Unfriede herrscht. Es ist der Friede, der in der Liebe zum Nächsten und zu Gott seine Wurzeln hat.

Den Israeliten wurde eine eherne Schlange als Zeichen vorgehalten, das sie wieder zum Leben bringen sollte, auch wenn sie von einer der feurigen Schlangen gebissen wurden. Dass das Anschauen dieses Symbols eine solche Wirkung haben kann, können wir uns kaum vorstellen. Aber das hat es auch nicht. Das Symbol weist nämlich auf Gott hin, von dem die lebenspendende Kraft ausgeht.

Aber wie kann eine Schlange ein Symbol Gottes sein? Ist sie nicht von der Schöpfung an das Symbol des Versuchers?

Diese eherne Schlange hat nur eine weisende Funktion. Sie weist darauf hin, dass Gott mitten unter ihnen ist, trotz ihrer fortwährenden Abtrünnigkeit. Es ist das Symbol der Strafe, das zum Heil wird durch Gott selbst.

Auch wir haben solch ein Symbol, das bei vielen Menschen damals, als die Christenheit entstand, aber auch heute, da sich in unserem Land immer mehr Menschen vom Christentum entfernen, immer wieder Unverständnis auslöst: es ist das Symbol des Kreuzes.

Dieses Symbol weist uns hin auf die Strafe für unsere Sünde, es ist das Symbol des Todes. Und zugleich ist es die Tür zu Gott, denn an diesem Symbol erkennen wir, dass Gott die Sünde von uns nimmt, dass er unser Vater sein will und wir seine Kinder sein sollen, dass zwischen Gott und uns die Gnade steht und nicht das Gericht.

Das Kreuz ist, obwohl es das Symbol des Todes ist, doch auch das Symbol der unverbrüchlichen Liebe Gottes.

Wir befinden uns im letzten Drittel der Fastenzeit, in zwei Wochen schon feiern wir das Osterfest. Die Fastenzeit ist ein Weg, der uns mit Jesus in das tiefste Leid führt – doch durch das Leid hindurch auch zur größten Freude. Es ist ein Weg, der dem des Volkes Israel ganz ähnlich ist. Es ist ein Weg der Begegnung mit Gott.

Vielleicht nutzen wir dieses letzte Drittel des Weges, um uns bewusst zu machen, was wichtig ist unserem Leben – und was nicht.

Geben wir uns Gelegenheit, still zu werden und darüber nachzudenken, wo wir die Liebe, mit der Gott uns begegnet, vergessen oder gar missachtet haben.

Vielleicht wird diese Fastenzeit dann für uns eine Zeit der Umkehr und der Erneuerung.

Amen

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Predigt zum Sonntag Reminiscere
25. Februar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5, 1-7)

Liebe Gemeinde!

Der Ort, in dem mein Vater geboren wurde, Grünberg in Schlesien, galt seinerzeit als das nördlichste Weinanbaugebiet. Der Wein soll so sauer gewesen sein, dass selbst der Teufel bei einem Wetttrinken schließlich aufgab, weil ihm der Wein zu sauer war, und die Schlesier fortan in Ruhe ließ.

Es galt also als durchaus mutig, solchen Wein überhaupt anzubauen, und wohl als noch mutiger, ihn zu trinken. Dazu, so meinte der Teufel, müsse man geborener Schlesier sein.

Nun hat Jesaja in unserem Predigttext natürlich nicht an Schlesien gedacht. Er lebte in einem Land, in dem Wein gut gedeihen konnte und durchaus eine angenehme Süße erreichte.

Aber es geht um einen Weinberg, der offenbar saure anstatt süße Früchte hervorbringt, die dann eben nicht dazu taugen, einen guten Wein zu produzieren.

Zweimal hören wir in unserem Predigttext das Wort „Wohlan“, und vielleicht verstehen wir dieses Wort auch noch als eine ermutigende Aufforderung zu etwas, das sich in der Regel als erfreulich erweist:

Wohlan, ich will leben und gute Tage haben. (Pred 2, 1)

Wohlan denn, iss mit Freuden dein Brot und trinke mit frohem Herzen deinen Wein; denn vorlängst hat Gott dieses dein Thun gutgeheißen. (Pred 9, 7)

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! (Jes 55, 1)

Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer! (Jer 22, 14)

Wohlan, laßt uns umkehren zum Herrn! (Hos 6, 1)

Aber nicht immer endet dieses „Wohlan“ in einer hoffnung- und frohmachenden Aufforderung. Es kann auch anders klingen, etwa so:

Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommen wird! (Jak 5, 1)

Wohlan denn, hat euch mein Vater ein schweres Joch aufgeladen, so will ich euer Joch noch drückender machen. (2. Chron 10, 11)

Wohlan. Ein Lied wird gesungen, dessen Melodie wir nicht kennen. Es ist ein Lied von einem Freund und seinem Weinberg.

Der Weinberg scheint dabei seinen eigenen Willen zu bekommen, denn der Freund tut ja alles, was ein Weinberg braucht, damit er gute, süße Trauben hervorbringen kann, doch der Weinberg denkt gar nicht daran, sondern er bringt schlechte Früchte. Er setzt gewissermaßen seinen eigenen Kopf durch.

Die Bürger Jerusalems und die ganze Bevölkerung Judas soll nun Recht sprechen zwischen dem Weinberg und dem Freund, und wir merken schon, dass es hier um mehr geht als nur um einen Weinberg: Es geht um die, die dazu aufgefordert wurden, Recht zu sprechen.

Es ist so wie damals, als der Prophet Natan vor David trat und ihm die Geschichte vom reichen Mann erzählte, der das Schaf des armen Nachbarn nahm und es schlachtete, um das zubereitete Fleisch seinem hohen Gast vorsetzen zu können. Damit provozierte Natan Davids spontanes Urteil gegen den reichen Mann und drehte dann den Spieß um und sagte: Du bist der Mann, der dieses Urteil verdient!

Es scheint, als ob unser Predigttext, dieses Lied vom Freund und seinem Weinberg, genauso wirken soll.

Die Frage, wozu ein Weinberg gut sein soll, der keine guten Früchte bringt, muss eigentlich automatisch mit der Feststellung beantwortet werden, dass er zu nichts taugt. Zwangsläufig wird man aufhören, ihn zu versorgen, man überlässt ihn der Witterung und den Tieren, die ihn sicher schnell zerstören werden.

Man spürt in diesem Lied schon, dass der Weinberg dem Freund am Herzen liegt – es ist fast wie eine enttäuschte Liebe, von der hier die Rede ist.

Und man erwartet eigentlich auf die Frage, was man noch tun soll an dem Weinberg, die Antwort, dass da nichts mehr zu tun ist, dass man ihn aufgeben solle. Aber diese Antwort wird von den Angesprochenen nicht gegeben, sondern von Jesaja selbst.

Und dann kommt, was man eigentlich schon erwarten konnte: Dieser Weinberg ist das Haus Israel, und die Männer Judas, die, die ihr Urteil sprechen sollten, sind die Pflanzung, die nur schlechte Früchte hervorbringt.

Aber damit nicht genug: die letzten Worte, der letzte Satz benennt konkret die „sauren Früchte“, das Schlechte, was von den Männern Judas hervorgeht:

Er, d.h. Gott, wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5, 7b)

Gott erwartet die Einhaltung der 10 Gebote, die jedem Menschen ein Leben ohne Sorge und in Frieden ermöglichen sollen. Er erwartet, dass die Waisen und Witwen, die keinen eigenen Besitz haben, durch die Gemeinschaft versorgt werden. Er erwartet, dass nicht Geld, sondern Fürsorge für die Mitmenschen das Handeln eines jeden bestimmt.

Gott erwartet weiterhin, dass Richter unbestechlich sind, dass sie sich weder von der Macht einer Person noch von Geld in ihrem Urteil beeinflussen lassen.

Ganz offensichtlich werden diese Erwartungen nicht erfüllt. Und eigentlich will Jesaja die Menschen in Juda dazu bringen, selbst diese Erkenntnis zu gewinnen. Und dann könnte endlich wieder ein Rechtsspruch erfolgen, dann könnte das Unrecht benannt und das Recht für die Schwachen in der Gesellschaft wieder aufgerichtet werden.

Wir haben schon festgestellt, dass es in unserem Predigttext allerdings gar nicht zu einem Rechtsspruch kommt. Denn da ist nur Rechtsbruch.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, die wie nie zuvor vom Geld regiert wird. In der Regierung sitzen Vertreter der Wirtschaft, die massiven Druck auf die Regierung ausüben können. Und so werden Gesetze erlassen, die nicht das Interesse der Schwachen in unserer Gesellschaft, sondern das Interesse der Wirtschaft vertreten.

Man kann zwar argumentieren, dass beides miteinander Hand in Hand geht, aber solange es Arbeitsplätze gibt, die einen Menschen im Ruhestand dazu zwingen, staatliche Unterstützung, die so genannte Grundsicherung, zu beantragen, er also trotz lebenslanger Arbeit nur knapp sein Leben fristen kann, ist das kein tragendes Argument. Und doch ist es so.

Das Stichwort Altersarmut entstand vor einigen Jahren, als es plötzlich deutlich wurde: immer mehr Menschen im Ruhestand versorgen sich bei den Tafeln mit Lebensmitteln, weil sie nicht genug Geld haben, um sich mit Nahrung zu versorgen.

Immerhin gibt es diese Möglichkeit, und so könnte man sagen, dass die Fürsorge ja doch da ist. Sie kommt aber nicht von der Allgemeinheit, sondern von einzelnen, hochmotivierten Menschen, die man als die berühmte Ausnahme bezeichnen dürfte, die die Regel bestätigen.

Der Prophet Jesaja legt den Finger auf diese Wunde. Auch er weiß, dass es Ausnahmen gibt, aber mit seiner pauschalen Aussage will er wachrütteln.

Doch scheint das nicht zu funktionieren. Es gibt keine Reaktion seitens der angesprochenen Bevölkerung, und auch da finden wir uns wieder:

Anstatt dass der Staat mehr im sozialen Bereich investiert, zieht er sich immer weiter zurück und zwingt jeden einzelnen Menschen dazu, selbst die Risiken abzusichern, die das Leben so mit sich bringt.

Es scheint, als wolle Jesaja genau dies zum Ausdruck bringen: Seine Kritik stößt auf taube Ohren. Anstatt auf die Vorwürfe zu reagieren, schweigt man lieber, denn jede Reaktion würde ja einem Schuldeingeständnis gleichkommen.

Es geht also letztlich darum, wie wir mit Schuld umgehen. Die Kirche hatte lange Zeit eine Antwort darauf, indem sie das Verhalten Jesu gegenüber Sündern aufnahm und den Menschen die Möglichkeit gab, sich die Vergebung zusprechen zu lassen.

Nun ist in der römisch-katholischen Kirche die Beichte eine mehr oder weniger lästige Pflicht, deren Einhaltung aber kaum mehr überwacht wird. Doch so lästig diese Pflicht sein mag, und so viel Missbrauch damit getrieben wurde, sie hat doch auch etwas Gutes: jeder Mensch muss sich seiner eigenen Schuld bewusst werden und dann auch dazu stellen. Er muss zugeben, dass er schuldig geworden ist, und dafür dann eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung leisten.

Die Protestanten haben die Beichtstühle relativ schnell aus den Kirchen geräumt. Ich habe bisher nur sehr wenige protestantische Kirchen gesehen, in denen ein Beichtstuhl zu sehen ist, der dann allerdings nicht mehr zur Beichte genutzt wird.

Martin Luther hatte die Beichte aber nie abgeschafft, sondern nur um den Teil der Wiedergutmachung gekürzt. Denn das ist ja die Kernbotschaft des Evangeliums, dass wir keine Wiedergutmachung mehr leisten müssen; Gott hat die Wiedergutmachung bereits geleistet durch Jesus Christus.

Aber schuldig werden wir dennoch, und anstatt nun diese Schuld mit sich herum zu schleppen und sich immer wieder einzureden, dass alles gut sei, man im Herzen aber doch keine Ruhe findet, könnte man tatsächlich zu einem anderen Menschen gehen und ihm die Schuld bekennen und von ihm dann den Zuspruch der Vergebung bekommen.

Vorzugsweise ist es natürlich der Mensch, an dem man schuldig wurde, aber wenn das nun nicht möglich ist, dann kann man natürlich auch den Pfarrer oder die Pfarrerin bitten, die Beichte abzunehmen.

Für Martin Luther war dies übrigens so selbstverständlich, dass die Beichte Bestandteil des Kleinen und Großen Katechismus wurde.

Ein römisch-katholischer Kollege sagte mir einmal, dass ein großer Teil der Menschen, die zu ihm kommen, um die Beichte abzulegen, Protestanten sind, und das lässt doch auch erkennen, dass wir Protestanten einen Weg eingeschlagen haben, der uns von Gott entfernt, anstatt zu ihm hin zu führen.

Denn viele Menschen scheinen der Ansicht zu sein, dass sie den Zuspruch der Vergebung nicht brauchen, müssen aber erkennen, dass sie immer neu schuldig und mit dieser Schuld nicht fertig werden.

Gott wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5, 7b)

Der erste Schritt zum Rechtsspruch ist das Bekenntnis der eigenen Schuld. Der erste Schritt zur Gerechtigkeit ist die Erkenntnis der eigenen Fehler.

Gott ist die Liebe. Darum dürfen wir auch auf seine Gnade vertrauen.

Aber es bedarf immer auch unseres Wollens, d.h., wir müssen unsere Schuld eingestehen und um Vergebung bitten. Erst dann kann Gottes Liebe für uns auch wirksam werden, erst dann können wir auch den Zuspruch der Vergebung erlangen. Erst dann kann aus Rechtsbruch ein Rechtsspruch werden.

Amen

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae
4. Februar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

(2. Kor 12, 1-10)

Liebe Gemeinde!

niemand hört gerne einem Angeber zu. Und wie ist es mit dem anderen Extrem? Auch Tiefstapler hat man ja eigentlich nicht gerne um sich.

Stellen wir es uns einmal kurz vor.

Da sind fünf Menschen beieinander beim Kaffeetrinken, und der eine sagt: „Ich habe kürzlich dem Bürgermeister die Hand geschüttelt“. Sagt der nächste: „Das ist noch gar nichts. Ich habe vor zwei Tagen mit Siegmar Gabriel gesprochen.“ Und der dritte: „Als ich vor einem Monat in Berlin war, ist mir doch glatt Angela Merkel über den Weg gelaufen. Sie hielt an, streckte mir die Hand entgegen und sagte: Schön, dass ich Sie mal wiedersehe, Herr Meier!“

Irgendwann wird es tatsächlich etwas unglaubwürdig. Aber es gibt Menschen, die stört das nicht weiter, sondern lügen das Blaue vom Himmel herunter, nur damit sie im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Mit solchen Menschen hatten es die Menschen in Korinth damals zu tun bekommen. Ob sie gelogen haben, wissen wir nicht, aber es fiel schon auf, dass sie sich immer wieder ihrer besonderen Leistungen oder Fähigkeiten rühmten und damit ordentlich angaben.

„Ich habe gestern einen bösen Geist ausgetrieben“, hieß es da wohl, und ein anderer sagte vielleicht: „Ich habe einen Kranken geheilt!“ Wieder ein anderer mag gesagt haben: „Gott ist mir erschienen und hat mir den Auftrag gegeben, Euch zur Buße zu rufen!“

Sie alle hinterließen mit solchen Aussagen natürlich einen nachhaltigen Eindruck. Wer möchte nicht mit einem Wunderheiler befreundet sein, und wer möchte nicht gerne jemanden hören, der mit Gott redet.

Gut, heute würde man solche Aussagen wohl gleich in die Lügenschublade packen und sich müde lächelnd abwenden. Denn für uns aufgeklärte Menschen ist es doch eher unwahrscheinlich, dass Wunder geschehen. Und wer will schon überprüfen, ob da wirklich Gott geredet hat? Das muss doch erst einmal bewiesen werden!

Aber damals war das anders. Man traute es den Menschen zu, Wunder zu vollbringen, auch wenn es nicht immer Wunder waren. Und auch dass Gott mit den Menschen redete, lag immer im Bereich des Möglichen. Warum sollte es denn nicht Propheten geben? Gott hatte schon immer in den vergangenen Jahrhunderten Propheten berufen, warum also nicht auch heute?

Die Korinther nahmen darum solche Aussagen ernst, denn sie trauten Gott zu, dass er auf diese Weise unter den Menschen wirkt.

Und so erhielten die, die damit prahlten, viel Aufmerksamkeit.

Paulus sah das und war traurig, dass die Korinther sogleich auf solche Prahlerei reagierten. Denn er wusste, dass Manches davon sicher an den Haaren herbeigezogen war.

Vor allem aber störte ihn das „Ich“ in diesen Aussagen. Wenn durch Menschen Wunder geschehen, dann ist das immer Gottes Werk. Wenn man also davon erzählt, dann bitte schön wenigstens so: „Gott hat gestern einen Kranken geheilt!“ oder „Gott hat einen bösen Geist ausgetrieben.“

Nun wollte Paulus den Korinthern deutlich machen, was da nicht stimmt. Aber wie sollte er das machen?

Er tut das Gleiche wie seine Nebenbuhler, die dort in Korinth vor Ort sind, während er umher reist und neue Gemeinden gründet oder die besucht, die er schon gegründet hat.

Paulus rühmt sich also. Er prahlt, er gibt an.

Aber dann ist es doch nichts an ihm selber, das er rühmt, sondern er redet von einem anderen Menschen.

Dieser Mensch wurde von Gott entrückt und konnte wunderbare Dinge sehen, so schreibt er.

Die Entrückung in den dritten Himmel, von der Paulus da schreibt, mag uns etwas befremdlich erscheinen. In der antiken Welt gab es die Vorstellung, dass es sieben Himmel gäbe, und wir kennen ja auch heute noch die Redewendung: „Ich fühle mich wie im siebten Himmel.“ Jeder Himmel bringt einen der Herrlichkeit Gott etwas näher.

Paulus lässt durchblicken, dass es sich bei dem Menschen, von dem er da erzählt, eigentlich um ihn selber handelt.

Aber das sagt er nicht ausdrücklich, sondern betont: „Für mich selbst will ich mich nicht rühmen.“

Denn an ihm selbst ist nichts Rühmenswertes. Er ist ein Schwächling, so würde er sich am liebsten selber beschreiben.

Aber wie ist das mit den Schwächlingen? Mit denen wollen wir uns doch auch nicht gerne abgeben. Falsche Demut, Unterwürfigkeit, oder einfach nur die Betonung körperlicher Einschränkungen, um nur ja nicht mit anpacken zu müssen; das stößt uns doch auch ab.

Wir mögen weder Hoch- noch Tiefstapler.

Aber in genau dieses Terrain begibt sich Paulus und zeigt damit die Absurdität von beidem auf. Es nützt nichts, weder das eine noch das andere. Und darum hat er auch vierzehn Jahre lang nicht davon erzählt.

Denn es verändert höchstens die Sichtweise der Menschen. Sie schauen anders auf ihn, vielleicht staunend, vielleicht bemitleidend, vielleicht bewundernd, vielleicht verachtend. Deswegen hätte er vermutlich besser gar nichts davon geschrieben.

Aber er will den Kontrast setzen zu den Angebern, die sich da in Korinth aufhalten. Er will sagen: das hätte ich auch längst getan haben können, aber ich brauche es nicht, denn das Wesentliche ist doch etwas ganz anderes.

Und um das zu verdeutlichen, beschreibt oder besser umschreibt er sein Handicap, das ihn schon lange quält und ihm Schmerzen bereitet. Der Engel Satans, so schreibt er, schlägt ihn mit Fäusten. Damit bringt er zum Ausdruck, dass sein Körper durch irgendeine nicht näher bezeichnete Krankheit, die ihm dazu noch beständig Schmerzen verursacht, eingeschränkt ist.

Viele haben gerätselt, welche Krankheit er wohl damit gemeint haben könnte. Doch das bleibt offen. Wir wissen nur, dass er krank war. Er flehte zu Gott, dreimal, dass er die Schmerzen und die Krankheit von ihm nehme, denn Paulus sah in ihr ein Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums.

Wie oft wünschen sich Menschen das wohl? Wie oft bitten sie Gott: lass mich wieder gesund werden? Und wie oft wurden sie enttäuscht?

Paulus aber ist nicht enttäuscht worden. Aber er ist auch nicht geheilt worden. Im Gegenteil: der Engel Satans schlägt ihn nach wie vor mit Fäusten.

Aber er hat eine Antwort von Gott bekommen auf seine Gebete:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich lerne aus diesem Verhalten des Paulus zunächst einmal, wie man richtig betet:

Es macht wenig Sinn, Gott mit seinen Anliegen auf die Nerven zu gehen. Man muss die gleiche Sache nicht hundertmal vor Gott bringen. Einmal genügt schon.

Paulus betont darum dieses „dreimal“, weil er selbst das schon viel findet. Er rechnet normalerweise schon nach dem ersten Mal mit einer Reaktion Gottes, denn er weiß, dass Gott nicht vergesslich ist, und dass er unsere Gebete erhört.

Außerdem lerne ich, dass die Antwort, die Gott auf unsere Gebete gibt, nicht zwingend unserem Anliegen entspricht. Gott hat manchmal Wege für uns, die wir uns vielleicht gar nicht vorstellen können oder wollen.

Und Paulus ist klar geworden: diese Krankheit zeigt mir, dass ich nicht überheblich werden darf. Es ist nicht mein Verdienst, es ist nicht meine Kraft, durch die so wunderbare Dinge geschehen, wenn ich im Namen Jesu rede und handele. Es ist allein Gottes Verdienst.

Und so nimmt er die Krankheit hin und lässt es mit dem Beten genug sein. Denn er weiß, dass Gott ihm nahe ist, auch in dieser Krankheit. Er nimmt sie aus Gottes Hand.

Das ist ja eine Frage, die uns immer wieder bewegt, wenn uns ein schweres Leid überfällt: entweder vermuten wir, dass es eine Strafe ist, oder wir halten es für eine Versuchung, aber wir sehen es immer als etwas Falsches an, etwas, das eigentlich nicht sein dürfte.

Dabei gebraucht Gott auch das Leid, um uns auf den rechten Weg zu führen. Manchmal dauert es, bis wir das erkennen. Aber wenn wir uns Gott anvertrauen, auch mit unserem Leid, dann wird er uns auch eine Antwort geben, so wie Paulus eine Antwort bekommen hat:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor 12, 9a)

„Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Kor 12, 9a)

Gottes Gnade ist genug. Wie hätte Paulus je daran zweifeln können? Wie könnten wir daran zweifeln? Und seine Gnade erweist sich eben nicht darin, dass wir ein perfektes Leben führen können, dass unsere Kräfte immer vollständig verfügbar sind und dass wir uns immer und stets bester Gesundheit erfreuen.

Gottes Gnade erweist sich vielmehr darin, dass er uns unsere Schuld vergibt, dass er all das von uns nimmt, was uns von ihm trennt.

Lass dir an meiner Gnade genügen – mehr brauchst du nicht. Auch wenn Du Schmerzen leidest, wenn dein Körper schwach geworden ist, wenn Du dem Tod in die Augen siehst: die Gnade Gottes ist alles, was du brauchst. Und die ist dir durch die Taufe zugesagt.

Und nun wird die Schwachheit gewissermaßen zum Vehikel der Kraft Gottes. Wer seine eigene Schwachheit annimmt, spürt, wie Gottes Kraft durch ihn hindurch wirksam wird.

Ich denke da an meine Mutter, die, schon bevor sie krank wurde, viele Menschen mit ihrem tiefen Glauben beeindruckte. Als sie krank wurde, hat sie diese Krankheit aus der Hand Gottes angenommen. Sie hat Briefe geschrieben, und manche Zimmergenossen haben später dankbar von den tröstenden Gesprächen erzählt, die sie mit ihnen geführt hatte. Dabei war ihre Krankheit so selten, dass die Ärzte nicht wussten, wie sie sie behandeln sollten. Nach einem halben Jahr in verschiedenen Krankenhäusern starb sie, nicht ohne tiefe Spuren in den Herzen vieler Menschen zu hinterlassen.

Gottes Kraft war in ihr mächtig. Und so gibt es viele Menschen, die ihr Leid aus Gottes Hand annehmen und darum trotz allem sein Lob verkünden können. Denn sie resignieren nicht, sondern wissen sich eingebunden in den Heilsplan Gottes. Sie haben trotz aller Schwachheit ihren Platz im Reich Gottes und können darum auch in der Trübsal fröhlich sein.

Die Krankheit oder das Leid steht nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens solcher Menschen, sondern die Gnade Gottes, die dann auch wirksam wird durch sie.

So können auch wir leben, auch in Krankheit, auch im Elend, auch in Not. Denn das Ziel unseres Lebens ist nicht Gesundheit oder Wohlstand oder Erfolg, sondern die Gemeinschaft mit Gott. Und die können wir immer erfahren, ganz gleich, wie es uns körperlich gehen mag.

Und wenn wir in Gott sind, dann wird auch seine Kraft durch uns wirksam werden. Nicht zu unserem Lob, sondern zu seinem Lob.

So schenke uns Gott die Einsicht, seine Gnade anzunehmen und sie uns genug sein zu lassen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Septuagesimae
28. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR. Amen

(Jer 9, 22-23)

Liebe Gemeinde!

Weisheit, Stärke und Reichtum – damit ließe es sich doch leben. Wer weise ist, weiß Rat, wenn es mal nicht weitergeht, und kennt Mittel und Wege, Hindernisse zu überwinden. Weise Menschen fragt man gerne um Rat, weil das, was sie sagen, Hand und Fuß hat.

Wer stark ist, braucht keine Hilfe von anderen. Er kann sich selber helfen. Mit seiner Kraft kann er so ziemlich alles schaffen, was es zu schaffen gilt.

Und wer reich ist, kann andere für sich arbeiten lassen. Er braucht nicht stark zu sein und auch nicht weise, denn er kann Starke und Weise beauftragen, die Aufgaben, die sich ihm stellen, zu bewältigen. Mit seinem Reichtum bezahlt er sie für ihre Leistungen.

Die Kombination aus allen dreien müsste jedenfalls ein Idealzustand sein, mit dem es sich gut, ja, sehr gut leben lässt.

Dem widerspricht das Wort des Propheten auch nicht, eher im Gegenteil. Diese Eigenschaften werden ohne Wertung in den Raum gestellt, sie sind da, denn es gibt Weise, Starke und Reiche und dann auch sicher solche, die wenigstens zwei dieser Eigenschaften haben.

Dem Propheten geht es nun darum, wie wir mit diesen Eigenschaften umgehen.

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

In der Regel sprechen diese Eigenschaften ja für sich. Wer Weise ist, der braucht das nicht hinauszuposaunen.

Wer stark ist, muss nicht laufend Parkbänke stemmen, damit alle sehen, wie stark er ist.

Und Reiche müssen nicht mit einem 50 Euro Schein ihre Zigarette anzünden, um allen zu zeigen, wie reich sie sind.

Man weiß, dass Menschen solche Eigenschaften haben, weil es sich herumspricht, und wenn das nicht reicht, dann sorgen die Medien für den nötigen Bekanntheitsgrad.

Weisheit scheint dabei allerdings dann doch außen vor zu bleiben, aber das scheint auch nur so. Die meisten Zeitschriften und Tageszeitungen haben ihre Kolumnen, in denen irgend jemand mit guten Tipps – eben Weisheit – dazu verhelfen will, das Leben einfacher und angenehmer zu gestalten. Und im Fernsehen gibt es auf nahezu jedem Kanal irgendwelche Ratgebersendungen, in denen man noch etwas Neues lernen kann, angefangen beim Kochen bis hin zur Eheberatung. Dass die Weisheit, die hier weitergegeben wird, in der Regel nicht von denen stammt, die sie vermitteln, wird dabei allerdings häufiger übersehen.

Starke Menschen finden man in der Regel im Sportteil. Sport treiben viele Menschen, aber natürlich bekommen nur die Spitzensportler einen Platz in den Medien. Damit kann man ja auch Geld verdienen – wenn man sich zum Werbeträger einer Firma machen lässt, die einem dann den Lebensunterhalt auf Jahre hinaus oder gar bis zum Lebensende sichert.

Und Reichtum: die Nachrichten von den Reichen, die sich um die Belange der Armen und Unterdrückten kümmern, häufen sich in letzter Zeit. Hier sorgen die Reichen dann aber selber für die positive Öffentlichkeitswirkung, indem sie eine Stiftung gründen oder ein paar hunderttausend oder gar Millionen Dollar oder Euro für eine Organisation stiften, die sie selber gegründet haben und die natürlich nicht nur aus purer Selbstlosigkeit entstanden ist.

Immerhin kann man so den Neidern den Wind aus den Segeln nehmen, und es mindert die Steuern, wenn man etwas Gutes tut. Unabhängig davon gibt es genug Klatschblätter und -sendungen, die sich mit dem Leben der sogenannten Prominenz befassen.

Letztlich hat es aber doch jeder selbst in der Hand, wie und ob die Eigenschaften propagiert werden. Denn man muss seine Weisheiten nicht an Zeitungen oder Fernsehsender verkaufen. Man muss nicht seine körperliche Stärke nutzen, um als Werbeträger Geld zu machen. Und man muss nicht seine Wohltätigkeit dazu nutzen, um sein öffentliches Profil zu verbessern.

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

So weit, so gut. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns dort gar nicht einreihen. Eher im Gegenteil: Demut ist ja schon immer eine christliche Tugend gewesen, und falls sich dann doch jemand seiner Weisheit, seiner Stärke oder seines Reichtums bewusst ist, dann wird er dies nicht hinausposaunen – nicht in unserer Gemeinde.

Unser Predigtext hat aber noch einen weiteren Satz, den ich noch einmal ins Gedächtnis rufen möchte:

Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Klugheit und Weisheit – die beiden liegen ja eigentlich dicht beieinander. Aber Klugheit ist doch etwas anderes: es ist das Wissen, das man sich anliest oder von anderen vermittelt bekommt. Weisheit ist hingegen das Wissen, das man durch Erfahrung erwirbt. Deswegen sind ja meist auch nur alte Menschen weise, denn nur sie können aus dem großen Erfahrungsschatz ihres Lebens schöpfen.

Unser Predigttext redet aber von einer Klugheit, die man sich nicht anlesen kann, die einem auch nicht durch andere vermittelt wird. Klug sein bedeutet hiernach, den Herrn, also Gott, zu kennen. Und gerade das ist ja etwas, was nur durch Erfahrung möglich ist.

Klugheit wird durch dieses Wort des Propheten mit einem anderen Sinn belegt, als wir es üblicherweise kennen. Dadurch, dass Klug sein mit der Kenntnis Gottes, des HERRN, verbunden wird, wird zugleich unser Verständnis von Klugheit in Frage gestellt:

Man gibt sich heute ja als aufgeklärter Mensch, das Reden von Gott und noch mehr der Glaube an Gott gehören demnach in die Mottenkiste. Klug ist, wer sich auf das, was sich beweisen lässt, beschränkt, und damit aufhört, Gott zu kennen.

Aber ist wirklich der klug, der aufhört, Gott zu kennen? Wie weit kommt man mit seiner Klugheit, wenn man Gott nicht mehr kennt? Wir haben es in der Geschichte der Menschheit immer wieder erlebt, was passiert, wenn man aufhört, Gott zu kennen – den Gott Israels, den Gott, dessen Wort durch den Propheten Jeremia verkündigt wird.

Sicher, wir haben es weit gebracht mit unserer Klugheit – nur glücklicher ist die Menschheit, so scheint es mir, dabei nicht geworden. Denn auf ihrem Weg der intellektuellen Klugheit hat sie Gott verloren.

Kluge Menschen haben es einmal so formuliert: Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben. Mit anderen Worten: wir haben mittlerweile die Generation vor uns, die von Eltern erzogen werden oder wurden, die von Gott nichts mehr weiß, die Gott vergessen haben.

Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben. Und wenn es so weit ist, dann haben wir auch die Gabe Gottes verloren, nämlich das ewige Leben.

Aber der Predigttext hat noch eine Besonderheit zu bieten. Ich lese ihn noch einmal vor:

So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin,
der Barmherzigkeit,
Recht und
Gerechtigkeit
übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Man kann dieses Wort des Herrn in zwei Teile teilen, und wenn man das tut, dann erkennt man auch, dass in jedem Teil drei Dinge genannt werden, die man miteinander verbinden kann:

  • Weisheit und Barmherzigkeit
  • Stärke und Recht
  • Reichtum und Gerechtigkeit

Und daraus ergibt sich dann auch ein neues Verständnis für die Eigenschaften Weisheit, Stärke und Reichtum:

Weisheit und Barmherzigkeit: Wenn die Weisheit des Menschen und Gottes Barmherzigkeit Hand in Hand gehen, dann kann es nicht mehr nur darum gehen, das Wissen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vergrößern, sondern es wird dann Grenzen geben, die wir um dieser Barmherzigkeit willen nicht überschreiten.

Barmherzigkeit lässt uns das Verlangen nach mehr Wissen immer neu überprüfen. Was lässt sich verantworten? Gibt es nicht doch einen Punkt, an dem Forschung ein Ende haben muss? Wie tief dürfen unsere Eingriffe in die Schöpfung Gottes reichen? Wie sehr kann unser Wissen zur Existenzbedrohung anderer Völker werden – und damit letztlich auch zur Bedrohung unserer eigenen Existenz?

Stärke und Recht: Es ist das Gesetz des Dschungels, dass der Stärkere im Recht ist. Wer stärker ist, hat das Sagen, der Schwächere verliert zwangsläufig.

Dieses Gesetz lässt sich durchaus auch generell auf die Menschheit übertragen. Wer nicht bereit ist, Konkurrenten mit der Kraft seiner Ellbogen aus dem Rennen zu werfen, wird in der Regel selbst aus der Bahn fliegen.

In unserem Predigttext trifft diese Stärke nun auf Gottes Recht. Da kann es nicht mehr ein Dschungelgesetz sein, das die Verhältnisse regelt. Sondern der Starke schafft dem Schwachen Recht. So gehören die beiden zusammen, so soll Stärke zum Einsatz kommen, indem sie anderen Menschen, nämlich den Schwächeren, hilft.

Reichtum und Gerechtigkeit: Mit dem Reichtum ist es merkwürdig: je mehr man hat, desto mehr scheint man davon zu brauchen. Nie hat man das Gefühl, dass es genug ist. Man sieht sich in Konkurrenz zu den anderen, ebenfalls Reichen, und müht sich, ihnen gegenüber herauszustechen.

Wenn der Reichtum des Menschen und die Gerechtigkeit Gottes zusammentreffen, dann ändert sich das schlagartig. Man sieht nicht mehr seinen eigenen Reichtum im Verhältnis zu anderen, die auf ähnlichem Niveau stehen, sondern man sieht sich im Verhältnis zu denen, die ihr Leben mit einem Minimum fristen müssen, das oftmals noch nicht einmal ausreicht, um genug Essen für den nächsten Tag zu beschaffen. Man erkennt seinen eigenen Überfluss und die Möglichkeit, dass man abgeben kann, nicht nur einen kleinen Bruchteil seines Reichtums, sondern so viel, dass man selbst nur noch einen kleinen Bruchteil seines Reichtums behält.

So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin,
der Barmherzigkeit,
Recht und
Gerechtigkeit
übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Amen

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Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias
21. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offb 1, 9-18)

Liebe Gemeinde!

„Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus“ – was für eine Anrede! Mich beeindruckt, wie der Seher mit wenigen Worten so viel zum Ausdruck bringt. Solch einen Menschen wünscht man sich an seine Seite.

Bruder – das ist er ja eigentlich nicht, zumindest nicht nach dem Fleisch, mal ganz abgesehen davon, dass er vor fast zweitausend Jahren gelebt hat. Aber er ist und bleibt Bruder, weil er ein Kind Gottes ist, und vor allem, weil er sich selbst als Kind Gottes sieht, so wie wir uns durch die Taufe auch als Kinder Gottes sehen dürfen. Auf diese Weise sind wir miteinander verwandt, auch über die Zeit hinweg.

Mitgenosse an der Bedrängnis – er sitzt auf einer Insel, was soll er denn Bedrängnis leiden? Nun, die Insel ist klein und hat nur wenig Vegetation, es ist dort ein spärliches Leben. Und so viel wir von Johannes wissen, war er dorthin verbannt worden, die Insel war sein Gefängnis.

Er schreibt ja, dass er um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus auf dieser Insel war. Das ist Bedrängnis. Er fühlt mit seinen Glaubensgenossen, die allerdings noch ganz andere Formen der Bedrängnis erleiden. Er ist Mitgenosse an der Bedrängnis, weil er mitleidet, wenigstens im Geist.

Mitgenosse am Reich – in einem Atemzug mit der Bedrängnis ist da plötzlich vom Reich die Rede. Gemeint ist natürlich das Reich Gottes. Ich stelle mir vor, was Johannes am Ende über das himmlische Jerusalem schreibt: „Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ Das ist das Reich, das ganz im Gegensatz steht zur eben noch genannten Bedrängnis. Freiheit, die weit über räumliche Freiheit hinausgeht; Freiheit von allem, was uns bedrängt, was uns Angst macht. Mitgenosse am Reich.

Und schließlich:

Mitgenosse an der Geduld in Jesus – hier verbinden sich die beiden Gegensätze, Bedrängnis und die Freiheit des Reiches Gottes. In Jesus wurde beides offenbar: das Leid menschlicher Existenz genauso wie seine Überwindung. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Ganz nah! Habt nur ein wenig Geduld. Geduld in Jesus.

Ist es nicht doch schon sehr lang geworden, mag man fragen – immerhin zweitausend Jahre!?

Aber was sind schon zweitausend Jahre? „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache“ (Ps 90, 4), so heißt es im 90. Psalm, und wenn man spitzfindig sein will, so kann man daraus schließen, dass für Gott seither mal gerade zwei Tage und Nächte verstrichen sind. Was ist das schon? Habt nur ein wenig Geduld.

Ja, der Johannes wirkt allein durch diese kurze Vorstellung schon sympathisch, auch wenn sein Buch der Offenbarung einem manchmal wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint.

Hier, am Anfang seines Buches, schreibt er davon, wie er am Tag des Herrn, also einem Sonntag, vom Geist ergriffen wurde und all das sah, was Menschen über die Jahrhunderte immer wieder auf’s Neue bewegt hat.

Was, wenn er es für sich behalten hätte? Aber die Verbreitung dessen, was er sieht, gehört ja zu seinem Auftrag, der jetzt an ihn ergeht: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden …“

Johannes sieht etwas – er halluziniert, würden die meisten Menschen heute wohl sagen. Es ist ein Hirngespinst, etwas, das das Gehirn hervorbringt, weil die Schaltkreise darin nicht ganz richtig funktionieren. Aber ist das wirklich so? Und selbst wenn es so wäre: diese Visionen haben nicht nur Menschen bewegt, sie haben auch unzähligen Menschen in schweren Situationen geholfen, sie haben ermutigt, sie haben Hoffnung gemacht, sie haben neue Wege eröffnet. Sollte das nicht ein Geschenk Gottes sein?

Und überhaupt: ist nicht alles, was mit uns geschieht, letztlich doch inbegriffen in den großen Plan, den Gott für seine Schöpfung hat? Liegt nicht alles in seiner Hand?

Am Anfang hört Johannes nur eine Stimme. Er hätte sich die Ohren zuhalten können, er hätte weggehen können, aber er will wissen, wer da zu ihm redet.

Was er sieht, nachdem er sich umwandte, ist nicht nur diese Gestalt, die er dann zu beschreiben versucht – es ist der Plan Gottes, der sich da vor ihm ausbreitet, wenn auch nur in Bildern, die eher andeuten als beschreiben.

Dass er sich umwenden muss, um sehen zu können, mag eine Bedeutung haben. Es weist vielleicht darauf hin, dass die Anrede Gottes nicht immer direkt erfolgt, dass sie eine Antwort erfordert, auch wenn diese Antwort nur eine halbe Umdrehung ist; wenn Gott uns anruft, dann ist es an uns, uns nach ihm auszurichten, hinzuhören und hinzuschauen.

Erst dann, wenn wir reagieren, können wir auch einen Blick hineinwerfen in das Reich Gottes, das uns doch schon so nahe gekommen ist.

Das Bild, das sich vor Johannes’ Augen aufbaut, wirkt sehr konkret. Es ist, als hätte man alles hinter ihm wie ein Bühnenbild aufgestellt, und jetzt muss er nur noch beschreiben, was er da zu sehen bekommt.

Oder befand er sich vielleicht in einer Kirche? Aber damals gab es noch keine Kirchen, und was es auf der Insel Patmos an Gebäuden gab, war wohl eher spärlich und wenig eindrucksvoll.

Dieses Bild aber: es ist überwältigend. Wenn Johannes in einer Kammer gesessen hat, dann öffnet sich diese Kammer jetzt in unendlicher Weite. Die Herrlichkeit Gottes strahlt durch diese Schilderung hindurch.

Ganz nebenbei, so scheint es, wird mit Hilfe der Symbolik noch so manches andere vermittelt, was sich uns heute nicht ohne Weiteres erschließt. Die Menschen damals lebten mit solchen Symbolen und konnten darum auch sogleich etwas damit verbinden.

Sieben Leuchter: da gibt es den Bezug zu den zuvor genannten sieben Gemeinden. Warum eigentlich sieben Gemeinden, warum gerade diese sieben Gemeinden?

Die Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, der Fülle, aber sie setzt sich auch zusammen aus der vier und der drei, der Zahl der Schöpfung und der Zahl Gottes, stellt also eine Verbindung her zwischen Gott und seiner Schöpfung.

Die Sieben weist gerade in der Bibel hin auf das neue Zeitalter, das mit Jesus Christus angebrochen ist. Während zuvor die Menschen durch ihre Hybris, ihr „Wie-Gott-Sein-Wollen“, von Gott getrennt lebten und nur vergeblich versuchen konnten, die ursprünglich gewollte Verbindung zu Gott wieder herzustellen, hat jetzt Gott selbst diesen Schritt unternommen und breitet seine Arme aus, anstatt sie abwehrend zu verschränken.

Die sieben Gemeinden weisen durch ihre Zahl auf dieses neue Zeitalter hin, auf die Verbindung zwischen Schöpfer und Schöpfung. Es geht nicht um eine Beschränkung der Offenbarung auf einen kleinen Kreis der christlichen Gemeinden, denn die Sieben ist die Zahl der Fülle, der Vollkommenheit, und meint die ganze christliche Kirche in ihrer Vielfalt.

Dazu kommt: Wenn man die Gemeinden auf der Landkarte miteinander verbindet, gewinnt man den Eindruck eines Dreiecks, das das Symbol der Trinität ist und wiederum auf Gott hinweist – die Verbindung der christlichen Gemeinde untereinander stellt gewissermaßen die Verbindung zu Gott her.

Die Sieben spielt für die Offenbarung immer wieder eine wichtige Rolle, und sie taucht ja auch in dieser ersten Vision noch einmal auf, wenn von den sieben Sternen in der Hand des Menschensohnes die Rede ist. Insgesamt haben wir es in unserem kurzen Predigttext schon dreimal mit der Sieben zu tun!

Aus dem Mund des Menschensohnes geht ein Schwert hervor, zweischneidig und scharf. Das weist auf die Kraft seiner Worte hin. Sie haben trennende Wirkung: da gibt es die einen, die darauf hören und sich danach richten, und da gibt es die anderen, die mit seinen Worten nichts anfangen können und auch nichts anfangen wollen.

Das Wort dieses Menschensohnes kann auch vernichtend sein. Das Bild von zweischneidigen Schwert weist auf das Gericht Gottes hin, das das endgültige Ende des alten Zeitalters darstellt.

Johannes ist von dieser Erscheinung überwältigt und fällt nieder vor seine Füße – Zeichen äußerster Demut. Wie anders soll er auch auf die Begegnung mit dem Allmächtigen reagieren?

Was dann folgt, finde ich spannend: Es ist nicht nur ein Wort, das den Propheten wieder aufrichtet. Der, den Johannes mit einem Menschensohn vergleicht, legt seine rechte Hand auf ihn.

Mir fällt hier die Berührung als ein wichtiges Element der Begegnung auf. Es ist die beruhigende Hand der Mutter, die dem verängstigten Kind das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Es ist die Hand des Vertrauens, die sich dem anderen öffnet und damit anzeigt: du brauchst keine Angst zu haben, ich komme zu dir in Frieden.

Wenn Gott dem Menschen begegnet, dann ist es manchmal solch eine Berührung, die uns aufmerksam werden lässt. Wir werden angerührt von der Hand des Engels, einer guten Hand, die uns den Frieden verkündigt.

„Fürchte dich nicht!“ (Offb 1, 17), das sind die ersten Worte nach dieser Berührung, Worte, die schon so oft aus dem Mund Jesu hervorgegangen waren, weil die Jüngerinnen und Jünger es einfach nicht begreifen konnten, wenn die Majestät Gottes in Jesus sichtbar wurde.

„Fürchte dich nicht!“, denn Gott will bei uns wohnen. Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!

Und dann erst folgt die Erklärung dieses Bildes, obwohl wir es längst erkannt haben: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb, 1, 17-18)

Fürchte dich nicht, ich bin’s, ich war tot, doch ich lebe und habe dem Tod und der Hölle die Macht genommen! Jetzt kann kommen was will: ich habe den Sieg bereits errungen!

Das ist der Trost des Evangeliums! Denn der Tod ist überwunden, er hat keine Macht mehr. Darum: Fürchte dich nicht!

In der Feier des Abendmahls ist es uns geschenkt, dass wir dieses Bild gewissermaßen in uns aufnehmen. Der Erste und der Letzte und der Lebendige schenkt sich uns in den Gaben von Brot und Traubensaft.

Mögen wir das heilsame Handeln Gottes in und an uns erfahren.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
7. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22.23): «Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!» (1. Kor 1, 26-31)

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie noch das heitere Beruferaten mit Robert Lembke? Ich habe diese Sendung in meiner Jugend genossen. Der Gast machte eine Geste mit der Hand, die er in seiner beruflichen Tätigkeit häufiger ausübte, und dann ging das Fragen los, wobei man oft über die Formulierung der Fragen schmunzeln musste.

5 Mark bekam der Gast für jede Frage, die mit Nein beantwortet wurde, in sein „Schweinderl“. Nach 10 Fragen, die mit „Nein“ beantwortet wurden, war dann Schluss. Mit mehr als 50 Mark ging der Gast also nicht nach Hause. Aber darauf kam es ja nicht an, sondern es ging um den Beruf dieses Menschen.

Und das war eigentlich neben den Fragen das Schönste an dieser Fernsehshow, den Beruf des Gastes kennen zu lernen. Der wurde dann nämlich in einem kurzen Film vorgestellt. Und oft kannte man diesen Beruf bis dahin noch gar nicht.

Wie kommt man zu seinem Beruf? Heutzutage ist es in der Regel so, dass man noch als Schüler zur Berufsberatung geht, die nach verschiedenen Tests und Befragungen Empfehlungen ausspricht. Letztlich aber entscheidet man selbst, welchen Beruf man erlernen möchte.

Doch dabei bleibt es nicht. Nach der Ausbildung ist es ja heutzutage längst nicht mehr sicher, ob man auch in den ausbildenden Betrieb übernommen wird. Manche wollen sich ohnehin noch weiterbilden und spezialisieren.

Andere aber fangen ihre Karriere mit der Arbeitssuche an. Und manchmal muss man feststellen, dass der Beruf, für den man sich ausbilden ließ, keine wirklichen Zukunftschancen hat.

Dann sucht man sich eine Stelle, in der man mit der Ausbildung, die man hinter sich gebracht hat, halbwegs zurecht kommt, oder man muss sich umschulen lassen.

Während man früher sein ganzes Leben im erlernten Beruf und in der gleichen Firma arbeitete, wechselt man heutzutage zumindest den Arbeitgeber öfter, häufig ändert sich auch die berufliche Tätigkeit.

Das, was man als Beruf bezeichnet, ist nicht mehr statisch, sondern einem stetigen Wandel unterzogen, und natürlich sind auch die Anforderungen, die heute an einen Beruf gestellt werden, ganz andere als etwa vor 50 Jahren.

Beruf – darin steckt das Wort „berufen“. Berufen, das kann sowohl passiv als auch aktiv gebraucht werden. Ich kann jemanden berufen, oder ich werde berufen. Im Blick auf den Beruf ist eher die passive Bedeutung gemeint. Das ist meine Beruf, dazu wurde ich berufen. Jemand anders hat mich gerufen, das zu tun.

Aber das stimmt dann doch eigentlich nicht, denn den Beruf suche ich mir ja selber aus. Ich bin also kein Berufener, höchstens noch dadurch, dass der Arbeitgeber mir eine Stelle in seinem Betrieb gibt.

Früher war das anders: die Kinder nahmen den Beruf des Vaters an, sie konnten und wollten sich dagegen nicht wehren. Da konnte man schon eher von Berufung reden, und von daher hat das Wort „Beruf“ ja auch seinen Ursprung.

Nun redet auch Paulus von einer Berufung. „Seht doch auf eure Berufung“, (1. Kor 1, 26a) sagt er.

Was er damit genau meint, ist anfangs gar nicht so klar. Es scheint, dass er tatsächlich den Beruf meint, den die Gemeindeglieder ausüben – also z.B. Bäcker, Gärtner, Schuster oder so was. Denn er führt dann ja aus: „nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene, nicht viele Weise nach dem Fleisch sind berufen“ (1. Kor 1, 26b).

Er schaut also zunächst auf den Beruf der Gemeindeglieder und sagt: ihr seid eigentlich nichts Besonderes, ihr ragt nicht aus der Masse heraus, ihr seid nicht die Elite der Menschheit.

Wir wissen, dass die ersten Christen eher zu den sozialen Randgruppen gehörten. Viele Sklaven, Bauern und Handwerker wurden Christen, eben die Unterschicht der Gesellschaft.

Der Blick auf den weltlichen Beruf dient dem Paulus aber nur dazu, die eigentliche Berufung näher zu begründen und zu erläutern.

Ihr seid von Gott Berufene. Und jetzt schaut nochmal zurück, was ihr seid – von woher ihr berufen seid.

Gott schaut nicht auf das Äußere. Er sucht sich nicht die Creme de la Creme aus – zumindest soweit man das nach menschlichen Maßstäben so sagen würde.

Die christliche Gemeinde besteht nicht aus Firmenchefs, aus Millionären, aus Präsidenten, Kanzlern, Ministern, Fußballprofis usw. obwohl sicher einige von ihnen der Kirche angehören. Aber die Mehrheit sind einfache Menschen, die in Politik, Sport und Wirtschaft, also „in der Welt“, keine so große Rolle spielen und über deren Aktivitäten die Medien kein Wort verlieren würden: Schichtarbeiter, Handwerker, Hausfrauen, Hausmänner, Hilfskräfte, Arbeitslose, Kranke, Rentner.

Das sind zwar längst nicht alle, aber das ist die Mehrheit der Gemeinde, die von Gott berufen ist.

„Was töricht ist vor der Welt“, so formuliert es Paulus.

Man sagt eigentlich niemandem, dass er dumm ist. Denn das wird als Beleidigung aufgefasst, selbst dann, wenn es stimmt.

Aber wer entscheidet denn, was dumm ist und was nicht? Niemand würde auf die Idee kommen, ein Kind als dumm zu bezeichnen, das sich beim ersten Versuch, selbst aus einem Becher zu trinken, den ganzen Inhalt des Bechers über sein Gesicht gießt.

Man würde auch nicht einen alten Menschen, der an Demenz leidet und sich an nichts mehr erinnern kann, als dumm bezeichnen, weil er ratlos in das Gesicht seiner Tochter schaut und sich nicht an ihren Namen erinnert.

Aber wenn man einen ganz sachlichen Maßstab anlegen würde, würde es ja für beide stimmen. Das Kind ist noch nicht einmal in der Lage, ordentlich zu trinken. Und der alte Mensch kriegt nichts mehr ordentlich auf die Reihe. Beide könnten selbständig gar nicht existieren – also sind sie unnütz, töricht, dumm.

Vor der Welt seid ihr töricht – genau darauf will Paulus hinaus: nach dem Maßstab, den die Welt ansetzt, seid ihr dumm, missachtet, nichts Besonderes.

Ihr seid nicht viel wert. Höchstens taugt ihr als Steuerzahler und als Wähler, und als solche bekommt man schon noch etwas Aufmerksamkeit. Aber das war’s dann auch schon.

Aber für Gott sieht das ganz anders aus. Er hat andere Maßstäbe. Anstatt der Elite hat er Euch erwählt. Und das bedeutet: ihr seid wichtig. Jede und jeder Einzelne. Ihr seid nicht nur wichtig, sondern ihr seid etwas Besonderes. Ihr seid erwählt von Gott, um das, was etwas zu sein scheint, zunichte zu machen.

Dabei geht es natürlich nicht darum, Menschen zu vernichten. Es geht darum, den Blickwinkel zurecht zu rücken. Während die einen von oben nach unten schauen, schauen die anderen von unten nach oben.

So soll es nicht sein. Sondern alle sollen geradeaus schauen können. Niemand ist besser als der andere, niemand ist höher oder niedriger. Der Bundespräsident nicht, der Firmenchef nicht, der Millionär nicht, der Fußballprofi nicht. Sie sind vor Gott alle gleich.

Was auch immer man für eine tolle Leistung vollbracht hat (und man kann sich ja wirklich manchmal fragen, was für eine tolle Leistung diese oder jene Person eigentlich vollbracht hat, dass sie jetzt so eine herausragende Stellung innehat), es spielt vor Gott keine Rolle.

Ihr, liebe Gemeinde, jede und jeder Einzelne, seid in Gottes Augen etwas Besonderes. Mehr als jene Prominenz.

Aber wir sind es nicht aus uns selbst heraus, weil wir so toll sind, weil wir so viel können und es dann auch noch gut machen, sondern wir sind es, weil Gott uns dazu macht, weil wir von ihm berufen sind, weil er uns erwählt hat, seine Kinder zu sein.

Und das kann jeder einzelne hier von sich sagen: ich bin Gottes Kind. Das ist meine Berufung. Das macht mich zu etwas Besonderem. Das macht Sie, jeden einzelnen von Ihnen, zu etwas Besonderem. Weil Gott uns dazu berufen hat.

Diese Erkenntnis soll uns aber nicht überheblich werden lassen. Dann wären wir ja nicht besser als die Welt. Wir sind es, wie gesagt, nicht aus uns selbst heraus, sondern weil Gott uns dazu berufen hat. Es ist, im wahren Sinn des Wortes, unser Beruf, Christ zu sein.

„Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“ (1. Kor 1, 31) sagt Paulus, indem er Worte des Propheten Jeremia aufnimmt.

Dass das manchmal schwer fällt, ist wohl wahr. Denn wir wollen ja alles aus Gottes Hand erwarten, müssen aber feststellen, dass uns vieles verwehrt bleibt.

Die Beförderung z.B. bleibt ein Traum – ein anderer ist mal wieder vorgezogen worden. Nicht immer wird eine Krankheit geheilt. Der Tod nimmt liebe Menschen von uns. Die Rente reicht nicht. Die Bewerbung war mal wieder erfolglos.

Wie kann man da Gott rühmen?

Nun, wir können ihn rühmen, weil er uns erwählt hat, zu seinem Volk dazu zu gehören durch Jesus Christus. Und weil wir darauf vertrauen können, dass er alles zum Guten wendet, egal, wie schlecht es zur Zeit steht.

Und da ist noch eins: meist bemühen wir uns ja selbst um eine Besserung der Situation, ohne dabei daran zu denken, dass Gott an unserer Seite steht. Indem wir uns auf uns selbst verlassen, haben wir ja schon vergessen, was es heißt, von Gott berufen zu sein. Wir verfehlen unseren Beruf, unsere Berufung, wenn wir glauben, alles allein schaffen zu müssen.

In allem, was ich tue, ist Gott mit am Werk. Das Gelingen liegt in Gottes Hand. Dass uns das immer neu bewusst wird, dazu helfe uns Gott durch seinen Geist.

Amen

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Predigt zum Neujahrstag
(Tag der Beschneidung und Namengebung Jesu)
1. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos 1, 1-9)

Liebe Gemeinde!

Wenn man bedenkt, was für einen geschichtlichen Hintergrund unser Predigttext hat, kann es einem schon eiskalt den Rücken runterlaufen. Da kann es noch so viele tröstliche Zusagen geben: es steht die blutige Eroberung eines Landes bevor.

Im Zug dieser Eroberung wird Gott erkannt als der Mächtige, der seinem Volk beisteht.

Diese Geschichte erinnert an das „Gott mit uns“, mit dem die Soldaten – nicht nur unsere – in den Krieg zogen. Es erinnert an grausame Feldzüge, die im Namen Gottes durchgeführt wurden und denen unzählige Menschen zum Opfer gefallen sind.

„Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.“ (Jos 1, 4)

Das ist die Verheißung für ein heimatloses Volk, das bis dahin nur in Zelten und davor in der Knechtschaft gelebt hatte. Solche Worte machen Mut und Hoffnung, vor allem, wenn man heimatlos ist. Aber was ist mit denen, die bisher in dem versprochenen Land gelebt haben?

Das Buch Josua erzählt von der Eroberung und Zerstörung Jerichos und anderer Städte sowie davon, wie das ganze Land Kanaan durch die Israeliten eingenommen wird.

Dabei ist anzunehmen, dass es nicht ganz so dramatisch zuging, wie es das Buch Josua schildert. Man will ja mit der Erzählung Gottes Handeln für sein Volk groß machen. Es soll deutlich werden, dass Gott seinem Volk einen völligen Neuanfang ermöglicht, und es soll deutlich werden, dass er ein mächtiger Gott ist.

Heute geht man davon aus, dass sich die Israeliten zum größten Teil mit den Bewohnern des Landes arrangierten, d.h. die Landnahme, wie man es auch nennt, ereignete sich nicht mit einem Schlag. Langsam durchdrang das Volk Israel, getragen durch die eigene Geschichte, das neue Land und drängte dabei die bisherigen Bewohner ins Abseits bzw. assimilierte sie.

Das wird auch bestätigt, wenn man die weitere Entwicklung des Gottesvolkes verfolgt, denn die Herausforderung, die durch die Verehrung der lokalen Gottheiten entstand, kann ja nicht aus dem Nichts hervorgehen. Es waren noch Menschen da, die in dieser fremden Religion der Aschera, des Baal oder der Astarte verwurzelt waren.

Dennoch bleibt es ein Text, der Machtansprüche geltend macht gegenüber Menschen, die natürlich selbst auch ein Recht auf Leben und die dazu nötige Grundlage, das heißt Landbesitz, haben.

Was macht also solch ein Text an einem solchen Tag im Gottesdienst?

Die Zusage des Trostes ist eine Zusage, die die Angst vor der Mehrheit der Feinde nehmen soll. Es geht im Predigttext natürlich um den bevorstehenden Krieg, die Überwältigung derer, die dort leben. So ist es ja auch dem Volk Gottes verheißen worden. Es geht um das „Gott mit uns“, das die Soldaten begleitete.

Wir können den Text davon eigentlich nicht lösen, und müssen es doch tun, denn sonst könnte er für uns nicht fruchtbar werden.

Die Bibel ist ein Buch der Geschichte im doppelten Sinn. Das, was die englische Sprache durch die Worte „history“ und „story“ unterscheidet, wird bei uns mit dem gleichen Wort belegt, auch wenn wir das Wort „Historie“ kennen. Aber es ist eben alles „Geschichte“.

Und die Bibel erzählt Geschichte. Sie erzählt die Geschichte Gottes. Sie erzählt die Geschichte der Menschen. Und sie erzählt die Geschichte Gottes mit den Menschen. Dabei verflechten sich unweigerlich real Erlebtes mit dem Erfahrenen, das weit über das tatsächlich Erlebte hinaus geht.

An einem Beispiel will ich versuchen, es zu verdeutlichen.

Nehmen wir die Geschichte zweier Liebender. Wenn sie sich küssen, sagt der Historiker: „sie küssten sich“. Damit hat er alles gesagt. Der Geschichtenerzähler aber berichtet: „Als sie sich küssten, durchwogte ein sanfter Schauer ihre Körper. Sie drängten sich näher zueinander, als wollten sie sich nie wieder voneinander trennen. Wo es dunkel war, wurde es plötzlich hell. Alle Last, jeder Zweifel fiel von ihnen ab; es war, als schwebten sie auf Wolken.“

Beides ist richtig: die Feststellung des Historikers genauso wie die Schilderung des Geschichtenerzählers. Aber der Historiker sieht nur, was sich auch definitiv beweisen lässt, wovon man ein Foto machen könnte. Der Geschichtenerzähler sieht und beschreibt viel mehr.

Und solche Geschichtenerzähler sind in der Bibel am Werk. Sie schauen über das historische Ereignis hinaus, deuten, verstärken, wo es nötig ist, oder schwächen ab. Die Erzähler der Bibel wollen vor allem eins: Gott groß machen. Darum suchen sie nach den Erfahrungen der Menschen, die sie mit Gott gemacht haben, und erzählen davon, machen sie für die Nachwelt lebendig.

Für uns wird es schwer, ja, manchmal sogar unmöglich, die Geschichte des Geschichtenerzählers von der Geschichte des Historikers zu unterscheiden. Für viele Ereignisse, die in der Bibel beschrieben werden, gibt es außerhalb der Bibel keine anderen Zeugnisse.

Die Frage, ob es sich wirklich so zugetragen hat und nicht anders, ist durchaus berechtigt. Der Versuch, sie zu beantworten, hat ja auch manche Bücher gefüllt, denn es gibt Menschen, die meinen, dass es nötig ist, die Ereignisse, von denen in der Bibel erzählt wird, zu beweisen, weil damit angeblich die Glaubwürdigkeit der Bibel zunimmt.

So glaubte man zum Beispiel, die Arche Noah im Himalaya gefunden zu haben. Uralte eingestürzte Stadtmauern, die in der Nähe der heutigen Stadt Jericho ausgegraben wurden, sollen auf die Eroberung der Stadt Jericho durch die Israeliten hinweisen. Ob es so ist oder nicht: den Erzählern der Bibel war das gar nicht so wichtig.

Und doch geht es in unserem Predigttext um genau diese Frage: was ist an dem Ganzen dran? Was ist wahr? Was können wir glauben?

Josua steht vor einer gewaltigen Aufgabe: er soll derjenige sein, der dem Volk Israel dazu verhilft, die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu erleben.

Und ihm wird dazu Mut gemacht, indem er auf die Geschichte Gottes mit diesem Volk verwiesen wird – eine Geschichte, für die er keine Beweise hat außer den Erzählungen, die von den Vorfahren überliefert wurden.

Er steht gewissermaßen vor der Gotteserfahrung anderer und macht sich auf, nun selbst solche Erfahrungen zu sammeln.

Den historischen Rahmen können wir an dieser Stelle getrost beiseite lassen, denn darauf kommt es nicht an. Es geht um die Erfahrung Gottes und den Mut, sich darauf einzulassen.

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres.

Ich gebe zu: ich kann mit dem Jahreswechsel wenig anfangen. Die Feuerwerke der Silvesternacht machen mir keine Freude. Man muss es sich einmal vor Augen führen, wie da Geld, mit dessen Hilfe man viele Menschen vor dem Hungertod bewahren könnte, mit einem Streichholz und einem ziemlichen lauten Knall oder kurz aufflackerndem, bunten Licht vernichtet wird. Deutlich über 100 Millionen Euro sollen es auch zu diesem Jahresende wieder gewesen sein, die in Deutschland innerhalb einer halben Stunde verbrannt und verknallt wurden.

Gut, an der Börse geht die Geldvernichtung unter Umständen noch schneller und noch umfassender, aber da kann es auch andersherum ziemlich schnell wieder viel mehr werden. Das geht bei Böllern und Feuerwerksraketen nicht.

Unser Predigttext stellt uns hinein in den Kontext der Gotteserfahrung. Der Blick zurück auf die Erfahrungen anderer führt uns hinein in die eigene Gotteserfahrung. So hat es Josua damals erlebt, und so können auch wir es erleben.

Der Blick zurück ist einfach: Gottes Wirken lässt sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder erkennen, wenn man nicht nur als Historiker an die Geschichten herangeht, die uns überliefert werden. Man muss dazu nicht bis in die Zeit der Bibel zurückgehen. Wir haben Martin Luther, Paul Gerhardt, August Hermann Francke, Johann Sebastian Bach, Elisabeth Fry, Jochen Klepper oder Dietrich Bonhoeffer, um nur einige der vielen Gestalten aus den letzten fünf Jahrhunderten zu nennen. Es sind Menschen, die sich von der Gotteserfahrungen ihrer Vorfahren anrühren ließen, sodass sie sich selbst der Begegnung mit Gott öffneten und daraus ihr Leben gestalteten.

Heute sind wir an der Reihe. „Ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist.“ (Jos 1, 9a), so ruft Gott dem Josua zu, der sich selbst nicht in der Rolle des großen Führers sehen kann.

Er lässt sich auf den Ruf Gottes ein und führt das ganze Volk Israel in eine überwältigende Gotteserfahrung.

„Sei nur getrost und ganz unverzagt“ (Jos 1, 7a), so ruft Gott uns heute am Beginn des neuen Jahres zu. Lass dich auf Gott ein!

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb 21, 6) so verspricht uns die Jahreslosung. Wann immer wir Wegzehrung brauchen, bekommen wir sie von ihm – umsonst.

„Der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst“ (Jos 1, 9c), ruft der Predigttext auch uns zu.

So lassen wir uns hineinstellen in diese einzigartige Geschichte, die mehr ist als nur eine Historie: die Geschichte Gottes mit den Menschen. Denn auch das neue Jahr ist ein Jahr des Herrn.

Amen

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