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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge die Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottes­diensten gehalten wurden.

Ältere Predigten finden Sie im » Archiv.


Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis
1. Juli in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde!

„Ilse Meyer, pack deine Sachen und mach dich auf den Weg! Großes wartet auf dich!“

Ilse Meyer ist verstört.

Den Mann, der da vor ihr steht, hat sie noch nie gesehen. Eigentlich wollte sie nur mit den vollgepackten Einkaufstaschen möglichst schnell nach Hause, da stand er plötzlich vor ihr und versperrte ihr den Weg.

Sie versuchte, an ihm vorbei zu gehen, aber als er den Weg nicht freigeben wollte, drehte sie sich um und begann, den Weg wieder zurück zu gehen, den sie gekommen war. Sie würde jetzt einen Umweg machen müssen, aber den Umweg nahm sie, wenn auch unwillig, in Kauf, weil ihr dieser Mann doch etwas unheimlich geworden war.

Als sie sich von dem Mann entfernte, begann sie, leise vor sich hin zu schimpfen: „Was ist das denn für eine Art. Was will der eigentlich von mir? Ich kenne ihn doch gar nicht.“

Während ihr diese Gedanken durch den Kopf gehen, versucht sie, die Geräusche hinter sich wahrzunehmen. Wird er hinter ihr herlaufen? Oder sie rufen?

Aber es bleibt still. Erleichtert geht sie zügig weiter. Doch erst als sie um die Ecke gebogen ist, dreht sie sich noch einmal um. Niemand ist ihr gefolgt, so scheint es.

Eilig geht sie nun zu ihrer Wohnung. Es dauert 5 Minuten länger, weil sie einmal fast um den ganzen Block gehen muss.

Etwas Angst bleibt: immerhin kannte der Mann ihren Namen. Würde er vielleicht am Hauseingang auf sie warten?

Aber da ist niemand. Erleichtert holt sie den Schlüssel hervor und schließt die Tür auf. Die eine Treppe bis zu ihrer Wohnung ist schnell bewältigt. Als die Wohnungstür schließlich ins Schloss fällt, kann sie sich entspannen. Mit dem Rücken an die Eingangstür gelehnt, atmet sie tief durch.

Dann beginnt sie kopfschüttelnd, ihren Einkauf auszupacken. Was wollte der Mann von ihr? ‚Pack deine Sachen und mach dich auf den Weg …‘, hatte er gesagt. Was für einen Weg denn? Wohin?

Das hätte sie ihn vielleicht noch fragen sollen.

Vielleicht hatte sie ja eine Reise bei einem Preisausschreiben gewonnen (sie machte nämlich bei jedem Preisausschreiben mit). Dann war dies vielleicht nur eine etwas skurrile Art des Veranstalters, ihr mitzuteilen, dass sie gewonnen hatte?

Na, dann würde der Mann ja sicher gleich klingeln. Und so wandelte sich die Angst in Spannung und, ja, auch in Hoffnung.

Aber: es rührte sich nichts. Ilse Meyer blieb allein.

Ganz ähnlich ging es einem Mann vor rund 4000 Jahren:

Der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. (Gen 12, 1-4a)

Zugegeben, Gott sprach ein paar mehr Worte zu Abram als jener Mann zu Ilse Meyer. Aber das Ansinnen ist doch ganz ähnlich: Pack deine Sachen und mach dich auf den Weg. In ein Land, das ich dir zeigen will. Großes wartet auf dich – obwohl du selbst es gar nicht erleben wirst. Aber deine Nachkommen – sie werden es erleben.

Warum reagiert Abram nicht so wie Ilse Meyer?

Ich denke mal, niemand unter uns würde sich wie Abram einfach auf den Weg machen, weil da irgend jemand ihm sagt: mach dich auf, verlasse deine Heimat, dein Vaterland, deine Sippe, und geh in ein neues Land, das du nicht kennst.

Aber es ist ja auch nicht irgend jemand. Es ist der Herr, der Gott, den das Gottesvolk später Jahwe nennen wird, der „Ich bin da“.

Aber wusste Abram das? Wohl kaum.

Mit diesen Versen beginnt die Geschichte des Gottesvolkes. Alles, was sich davor ereignete, versinkt im Dunkel. Allein die sogenannten Urgeschichten, die Erzählungen von der Schöpfung, vom Garten Eden, vom Sündenfall, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel sind davor noch aufgeschrieben.

Und dann beginnt recht unvermittelt die Geschichte des Gottes, der sich Menschen offenbart, und die Geschichte des Volkes, das sich von Gott immer wieder rufen lässt, ihm aber eben so oft untreu wird.

Wie offenbarte sich Gott, damals, dieses erste Mal? Hatte Abram einen Traum? Stand da plötzlich ein Mann vor ihm – so wie vor Ilse Meyer? Oder war da ein Verwandter, der ihm riet, sich möglichst bald von seiner Sippe zu entfernen, weil ihm Gefahr drohte? Man weiß ja nicht, wie das damals so ablief. Auch da gab es schon Erbstreitigkeiten.

Merkwürdig verschwommen erfahren wir von diesem Beginn des Gottesvolkes, und dabei ist doch alles so einfach, so klar – so wie bei Ilse Meyer. Ein paar Worte nur, die die Welt verändern können – wenn man auf sie hört.

Mach dich auf – geh den Weg, den ich dir zeigen werde.

Und welchen Weg zeigst du mir? Da sind so viele Wege...

Immer weniger Menschen können uns davon erzählen, wie sie damals, nach dem Krieg, gezwungen wurden, sich mit nur wenigen Habseligkeiten auf den Weg zu machen – ins Ungewisse. Viele haben diesen Weg nicht überlebt. Aber wer das erlebt und überlebt hat, wird eine Ahnung haben von dem, was hier von Abram erwartet wird.

Verlasse dein Vaterland – deine Heimat.

Warum wandte er sich nicht einfach ab? Warum versagte er dieser Aufforderung nicht den Gehorsam? War er vielleicht nur ein Abenteurer, der sich schon immer nach dem Neuen, Unbekannten gesehnt hatte? War es vielleicht seine eigene Stimme, die er da gehört hatte – seine Sehnsucht nach dem Abenteuer?

Aber warum sollte er die Geborgenheit und die Sicherheit der eigenen Sippe so einfach aufgeben? Und hätte er dann nicht alleine losziehen müssen, wenn er auf Abenteuer aus ist?

Nein, er nimmt seine Frau, Sarai, die Unfruchtbare, mit, und seinen Neffen, Lot. Außerdem nimmt er all seine Habe mit – Zelte, Mägde, Knechte, Vieh... es ist ein beachtlicher Tross. Nichts für einen Abenteurer. Hier wird ein Umzug geplant, ohne ein Ziel zu kennen.

Und außerdem: Abram ist 75 Jahre alt, wie wir wenig später erfahren. Auch damals war das schon ein ansehnliches Alter. Die Jahre waren nicht kürzer als zu unserer Zeit. Abram war, so kann man sagen, eine gesetzte Persönlichkeit, die eigentlich nichts mehr zu erwarten hatte als den Tod.

Und doch macht er sich auf, um etwas Neues zu beginnen, von dem er nicht weiß, was es ist.

Wir wissen, was aus diesem Aufbruch geworden ist, und es fällt uns darum nicht so sonderlich schwer, das Handeln des Abram zu verstehen. Für ihn jedoch war es ein Aufbruch ins Ungewisse, ein absolutes Wagnis – im Grunde war es eine Selbstaufgabe. Denn die Verheißung, die diese Aufforderung enthielt, widersprach ja auch aller Erfahrung. Seine Frau und er konnten keine Kinder kriegen.

Und dennoch: Der Ruf, der damals an Abram erging, war in seiner Konsequenz einmalig. Aus dem einen Menschen und seiner Frau wird, entgegen allem Anschein, ein großes Volk – das Volk Gottes, auf dem eine große Verheißung ruht.

So einmalig dieser Ruf in seiner Konsequenz ist, so ist er doch nicht der einzige. Immer wieder wird von solchem Ruf erzählt, z.B. bei den Propheten.

Der bekannteste Ruf in die Nachfolge Gottes ist wohl dieser:

Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11, 28)

Aber auch das schlichte „Folge mir nach!“ aus Jesu Mund.

Unzählige Male ist dieser Ruf erklungen, nicht nur zur Zeit Jesu, sondern auch in den folgenden Jahrhunderten, bis heute.

Und manchen geht es da wohl wie der Ilse Meyer: sie verstehen nicht, worum es geht.

Ist es denkbar, dass Gott einen einfachen Menschen, einen Arbeiter, eine Angestellte, eine Rentnerin so mir nichts, dir nichts, in seine Nachfolge ruft und ihnen damit eine besondere Aufgabe zuweist?

Natürlich ist das denkbar. Gott hat eine unscheinbare Frau dazu auserkoren, dass sie die Mutter seines Sohnes wird. Die Apostel waren Fischer oder einfache Arbeiter, einer war Zöllner. Warum sollte er nicht einen Arbeiter oder eine Angestellte oder eine Rentnerin dazu rufen, dass sie mit bauen an seinem Reich?

Denn wenn Gott ruft, dann geht es doch immer darum, dass wir ein Teil werden seines Plans.

Spannend ist, dass der Ruf ohne Risiko ausgeschlagen werden kann. Gott wirbt, indem er ein Versprechen gibt, aber es gibt keine Drohung etwa der Art: wenn du nicht folgst, wird es dir so und so ergehen. So wie bei Ilse Meyer bleibt es bei diesem einmaligen Ruf mit einer Verheißung, aber ohne Drohung. Und darum kann sich Ilse Meyer ja auch so einfach abwenden.

Wenn Abram sich damals nicht aufgemacht hätte, wäre die Bibel schon nach wenigen Seiten zu Ende. Und dann hätte sich wohl kaum jemand die Mühe gemacht, die Geschichte eines Abram aus Ur und Haran aufzuschreiben. Wozu auch?

Andererseits: wenn Abram sich nicht aufgemacht hätte, wäre der Ruf an einen anderen ergangen. Gott hätte ihn schon gefunden, den Menschen, der ihm vertraute, so wie Abram es tat – obwohl er keine Ahnung hatte, auf was und auf wen er sich da einließ.

Es braucht Mut, so wie damals die Fischer Mut brauchten, um ihre einzige Einnahmequelle zurück zu lassen und sich auf einen Weg ins Ungewisse zu machen.

Aber ist es nicht so: wenn Gott ruft, dann gibt es keine Reue. Immer wieder erleben die Gerufenen, wie er ihnen beisteht, wie er sie sicher auf ihrem Weg führt, wie er ihnen Kraft gibt in der Not.

Der „Ich bin da“ macht seinem Namen alle Ehre. Und darum ist es gut und richtig, sich auf das Wagnis einzulassen. Denn auf dem Weg, den er uns weist, wird er sich uns immer auf’s Neue zeigen. Auch und vielleicht gerade dann, wenn wir das Gefühl haben, nicht wirklich nützlich sein zu können.

Gott gibt uns die Gaben, die wir brauchen, um auf seinem Weg bestehen zu können. Sein Geist ist mit uns. Von unserer Seite ist nur eines nötig: Glaube.

Sicher gibt es auch Scharlatane, die versuchen, das auszunutzen. Darum gibt es noch eine Möglichkeit, den Glauben zu festigen und damit Vertrauen in die Weisung Gottes zu gewinnen: das Gebet.

Wenn wir einen Ruf hören, aber nicht sicher sind, ob es Gottes Ruf ist, dann können wir unsere Fragen und Zweifel vor Gott bringen. Er wird antworten, denn unser Herr Jesus Christus hat es uns versprochen, indem er sagte: Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Mt 7, 7b)

So lasst uns auf seinen Ruf hören und ihm folgen. Denn Gott lässt uns nicht allein, wenn wir auf seinen Wegen gehen.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, regiere eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen

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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis
24. Juni in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn «wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun» (Psalm 34,13-17).

Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. (1. Petr 3, 8-15a)

Liebe Gemeinde!

Liebe Gemeinde. Warum fange ich eigentlich die Predigt mit diesen Worten an? Vielleicht, weil es so üblich ist? Nun, es müsste ja nicht sein. Doch wie sollte ich sonst beginnen?

Liebe Gemeinde. Das könnte auch der Bürgermeister in einer Versammlung sagen. Immerhin nennt man es eine Gemeinde, der er vorsteht. Aber, wenn ich es richtig weiß, wird er es nicht tun.

Er redet vielmehr die Versammelten mit „Verehrte Damen und Herren“ oder so ähnlich an. Warum tue ich das nicht auch hier?

Nun, wenn ich es täte, dann würde ich damit vor allem zum Ausdruck bringen, dass die einzelne Person wichtiger ist als die Gemeinschaft. Denn jeder und jede würde sich ja einzeln angesprochen fühlen – was ja eigentlich auch dazu passen würde, dass viele vereinzelt in den Bänken sitzen. Und vielleicht auch dazu, dass hier heute nicht nur Menschen sind, die zur Stiftskirchengemeinde gehören.

Aber es wäre dennoch nicht richtig. Denn wir sind eine Gemeinde, eine Gemeinschaft. Denn Jesus hat uns zur Gemeinschaft berufen. Der Glaube macht uns zu einer Gemeinde, und nicht unsere Herkunft, und das soll auch in der Anrede zum Ausdruck kommen.

Auch wenn wir, die wir hier versammelt sind, nur einen Bruchteil der Gemeinde Jesu Christi darstellen, so sind wir doch Gemeinde, Gemeinschaft.

Gemeinde, das ist nicht nur ein bunt zusammen gewürfelter Haufen, sondern eine Gruppe von Menschen, die sich durch gemeinsame Interessen und Ziele verbunden wissen. Das ist auch in der politischen Gemeinde so. Da ist das gemeinsame Interesse der Ort, zu dem man gehört. Freilich ein kleiner gemeinsamer Nenner, aber er existiert.

Christliche Gemeinde hingegen, das ist noch ein bisschen mehr.

Petrus beschreibt das in seinem ersten Brief:

„Seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.“ (1. Petr 3, 8-9)

Seid allesamt gleich gesinnt – ja, wie soll man das verstehen? Es gibt, glaube ich, kaum etwas langweiligeres – und wohl auch kaum etwas heuchlerischeres – als wenn alle Mitglieder einer Gruppe einer Meinung sind. Es mag zwar solche Fälle geben, aber sie sind eher selten.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass man nach Kompromissen sucht und sie dann in manchmal mühsamen Auseinandersetzungen auch findet. So geht es jedenfalls in den meisten Kirchenvorstandssitzungen. Es ist gut, wenn wir uns bemühen, zu Entscheidungen zu kommen, die alle mittragen können. Aber es ist klar, dass das nicht deswegen geschieht, weil alle meinen, dass dies die beste Lösung ist, sondern weil erkannt wird, dass es die Lösung ist, die alle mittragen können.

Seid allesamt gleich gesinnt, aber nicht so, dass ihr ja und Amen zu allem sagt, was euch aufgetischt wird. Prüft die Geister, das gilt gerade für die christliche Gemeinde. Und wovon ihr meint, dass es gut und richtig ist, das behaltet. (1. Thess 5, 21)

Füreinander da zu sein, das versteht sich eigentlich von selbst innerhalb der christlichen Gemeinde, und dennoch ist es überhaupt nicht selbstverständlich. Manchmal bekommt man ja gar nicht mit, dass die Nachbarin, die alleine lebt, krank im Bett liegt und sich nicht mehr helfen kann.

Der Pastor erfährt nicht, dass ein Gemeindeglied, das sich immer treu zur Gemeinde gehalten hat, gestorben ist – erst Wochen, nachdem sie anonym beerdigt wurde, erfährt er es durch den freundlichen Bestattungsunternehmer, der zunächst aber das Interesse des Sohnes, der aus der Kirche ausgetreten ist, höher stellte als die Gemeinde Gottes, zu der die Verstorbene gehörte.

Wie oft erinnern wir unsere Kinder daran, dass es nichts austrägt, wenn man sich gegenseitig immer unangenehmere Schimpfwörter an den Kopf wirft. Sie machen es immer wieder, der Zorn wächst, manchmal wird es sogar handgreiflich. Das ist, so denke ich, nicht unüblich.

Und wie oft ertappen wir uns selbst dabei, dass wir uns über unser Gegenüber derart ärgern, dass wir im Zorn auseinandergehen?

„Segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.“ (1. Petr 3, 9b)

Ist uns das überhaupt bewusst?

Segen. Ich glaube, wir können uns alle etwas darunter vorstellen. Aber beschreiben lässt er sich nur schwer. Da sind die sogenannten „irischen“ Segenssprüche hilfreich, aber dadurch, dass sie Segen konkreter beschreiben, verkürzen sie ihn auch.

Von Segen können wir auf jeden Fall wohl dies sagen: es ist eine Kraft, die uns begleitet, die mit uns geht auf unseren Wegen, die spürbar wird auf vielfältige Weise. Aber wie genau – ja, wer kann das sagen? Auf jeden Fall erwarten wir vom Segen Gutes, Schutz, Hilfe, auch Kraft – doch glaube ich, dass Segen auch dort sein kann, wo man verloren und hilflos ist.

Wenn man Segen festhalten könnte ...

Nun, wir tun es. Allerdings ohne dass wir etwas dazu tun könnten. Man kann es sich vielleicht so vorstellen, dass der Segen an einem klebt. Ein Erbe wird man nicht los, es sei denn, man will es nicht. Aber wer wollte schon Segen ausschlagen?

Doch macht Petrus darauf aufmerksam, dass wir den Segen ererben, damit wir daraus unsere Konsequenzen ziehen:

Segnet.

Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder dies deutlich machen: wir ererben den Segen. Wir sind gewissermaßen Kinder des Segens. Und da Segen etwas ist, das man austeilt, darum sollen wir auch das tun.

Dabei brauchen wir keine Angst zu haben, dass der Segen irgendwann nicht mehr da ist, dass er weniger oder schwächer wird. Im Gegenteil. Segen wird mehr, je mehr man davon austeilt. Das ist eine grundlegende Eigenart des Segens, dass er zunimmt, auch bei dem, der ihn austeilt.

Segnet also viel lieber als dass ihr Böses mit Bösem vergeltet, weil ihr dazu berufen seid, den Segen zu ererben.

Doch wissen wir, dass diese Verhaltensregeln nicht unbedingt etwas mit dem Christsein zu tun haben. Auch für Menschen, die sich nicht zu Christus bekennen, ist es natürlich sinnvoll und gut, nicht Böses mit Bösem zu vergelten. Es hat sich immer ausgezahlt, wenn man zur Versöhnung bereit war, und wird das auch in Zukunft tun.

Auf diese recht einfache Schlussfolgerung weist Petrus gegen Ende unseres Predigttextes hin:

„Wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.“ (1. Petr 3, 13-15)

Doch so sehr es wohl richtig ist, dass denen, die Gutes tun, kein Schaden zugefügt werden dürfte, so sehr widerspricht es ja doch der Realität. Auch dies hat Jesus gesagt, dass Gott die Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse; es ist nicht automatisch so, dass es nur dem Guten gut und nur dem Bösen schlecht geht. Wir erleben es oft anders herum:

Die, die Gutes tun, sehen sich selbst oft in der Situation, dass sie leiden müssen, während es denen, die Böses tun, immer besser zu gehen scheint.

Ob es reicht, so einfach diesen Satz hin zu werfen: „Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.“? (1. Petr 3, 14a)

Manche verbittern jedenfalls darüber, dass sie in ihrem Bemühen um Gerechtigkeit nichts erreichen, dass sie vielmehr dadurch noch Nachteile haben in ihrem Leben.

Es genügt, einen Blick zurück in die Zeit zu werfen, wo es die DDR noch gab: die Menschen, die sich konsequent zur christlichen Gemeinde hielten, konnten ihre Berufswünsche nicht verwirklichen und mussten auch sonst viele Benachteiligungen erdulden. Wie viele dann doch am Ende klein bei gegeben haben, wissen wir nicht, wohl aber ist deutlich, was für eine Konsequenz dies für die christliche Gemeinde hatte.

Aber nein, ich meine nicht die Tatsache, dass sie immer kleiner geworden ist, sondern die Tatsache, dass sie das wahr gemacht hat, wozu Petrus uns am Ende unseres Predigttextes auffordert: „heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.“

Ist es nötig, dass Christen erst in einer Situation sein müssen, in der sie ihren Glauben nicht mehr frei leben können, damit dies geschieht? Geht es uns vielleicht zu gut? Fehlt uns die Herausforderung oder die Bedrohung?

Nun, ich denke, dass es genug Herausforderungen gibt. Angefangen bei dem Versuch, die Einigkeit, von der Petrus zu Beginn sprach, herzustellen, über das Bemühen, Gutes zu tun und dem Frieden nachzujagen, bis hin zum Segnen: das sind Aufgaben, die uns als Christen gestellt sind und die uns leicht fallen sollten, weil wir doch Christus in unseren Herzen tragen.

Er gibt uns Kraft und Mut dazu, und er ist es auch, der uns wieder auf hilft, wenn wir versagt haben. Wenn wir uns darauf verlassen, dann wird durch unser Leben und Handeln auch in dieser Welt erkennbar, dass wir Gemeinde Jesu Christi sind.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis
3. Juni in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.

Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? (Jer 23, 16-29)

Liebe Gemeinde!

Der Prophet Jeremia ist Sohn eines Priesters. Er wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts vor Christus geboren. Als Gott ihn in den Dienst eines Propheten rief, muss er noch sehr jung gewesen sein, denn er bezeichnet sich selbst als zu jung, um ein Prophet zu sein.

Vermutlich ist diese Antwort aus der Erfahrung heraus gewachsen, die er in der Priesterfamilie gemacht hatte. Es dauerte seine Zeit, bis ein Priester sein Amt in rechter Weise und in der Vollmacht des Herrn ausüben konnte. Und vermutlich fürchtete er, dass niemand auf ihn hören würde aufgrund seines Alters. Es fehlte ihm an sichtbarer Autorität.

So würden wir es wohl auch empfinden, wenn ein 16-Jähriger vor uns stünde und sagen würde: „So spricht der Herr!“ Wie kann das sein? Da würden die meisten nur müde lächeln, und andere würden ihn verspotten und beschimpfen.

Aber Gott rührt ihn an, diesen Jeremia, und so beginnt er seinen Dienst als Prophet, als Prediger. Er muss dafür leiden, denn die Worte Gottes, die er an die Menschen weitergibt, sind alles andere als angenehm.

Aber er kann nicht davon abweichen, und so nimmt er eher das Leid und die Strafe auf sich dafür, dass er Gottes Wort predigt, als sich eines angenehmen Lebens zu freuen, indem er den Menschen nach dem Mund redet und dadurch das Wort Gottes missachtet.

In der Zeit des Propheten Jeremia zogen die Babylonier gegen Jerusalem, um es zu erobern – die gerechte Strafe Gottes war also zu erwarten, so hatte es das Volk Israel dann interpretiert.

Der König befragte Gott durch Propheten, die aus seiner Hand ihren Unterhalt bekamen – wie konnten sie da gegen seine Vorhaben oder Entschlüsse etwas sagen?

Es scheint, dass es ihnen ohnehin am Wort des Herrn mangelte – sie predigten nur das, was sie für angemessen und nützlich hielten – nicht zuletzt nützlich für sie selbst. So wie ein Sprichwort sagt: Der Hund beißt nicht die Hand, die ihn füttert.

Jeremia aber war nicht in den Diensten des Königs, sodass es für ihn auch keine Skrupel diesbezüglich geben konnte. Er genoss offenbar genug Aufmerksamkeit im Volk, dass es den König nervös und unruhig machte. Denn das Volk spürte wohl, dass der Prophet recht hatte. Aber anstatt auf die Worte des Propheten zu hören, setzte der König ihn gefangen, um ihn mundtot zu machen.

Die Worte des Propheten, die wir eben als Predigttext gehört haben, können auch uns nervös machen. Ich möchte mich ihnen in drei Schritten näheren. Der erste Schritt ist eine Frage:

1. Schritt: Was wollen wir hören?

Diese Frage mag etwas merkwürdig erscheinen, aber darum geht es ja zunächst einmal in unserem Predigttext. Die Propheten reden dummes Zeug, so könnte man sagen, aber es ist das, was die Menschen hören wollen.

Und so ist es durchaus sinnvoll, uns selbst einmal zu fragen, was wir eigentlich hören wollen – und was nicht.

Gefällt uns solch ein Gott, der damit droht, dass er sein Volk im Stich lässt?

Wir möchten doch vielmehr, dass er uns nahe ist, und sind dankbar für genau solche Worte, die uns das auch zusagen.

Hat es da nicht einen Bruch gegeben zwischen dem Alten und dem Neuen Testament in dem Sinn, dass Gott nicht mehr fern sein kann, seit er in Jesus Christus Mensch wurde? Ist die Drohung der Gottesferne für uns nicht bedeutungslos geworden?

Vielleicht ist es so. Doch muss ich an Bonhoeffers Warnung vor der billigen Gnade ist, die eben keine Gnade ist, sondern nur eine Selbsttäuschung, denn, so Bonhoeffer, durch die billige Gnade wird die Sünde gerechtfertigt, nicht aber der Sünder.

Da ist nun die Drohung, dass Gott sein Volk im Stich lassen könnte. Können wir dagegen die Gnade ausspielen?

Ich glaube nicht. Vielmehr müssen wir diese Worte ernst nehmen, und auch andere, wie z.B. das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, wo fünf außen vor bleiben, nur weil sie vergaßen, genug Öl mitzunehmen. Und warum muss der Knecht, der seinem Herrn den Zentner zurück gibt, den er von ihm bekommen hat, in die Finsternis hinausgeworfen werden?

Warum gibt es in solchen Texten keine Barmherzigkeit?

Was wollen wir hören? Nur das Angenehmen? Oder sind wir bereit, auch die Mahnungen Gottes zu hören und anzunehmen?

Wir kommen zum zweiten Schritt:

2. Schritt: Kann Gottes Nähe furchtbar sein?

Eigentlich können wir uns das nicht vorstellen. „Gott ist die Liebe“ (1. Joh 4, 16), hat Johannes in seinem 1. Brief gesagt. Und da möchten wir uns gerne hineinkuscheln in dieses Wort. Wir möchten von Liebe umgeben sein.

Aber der Prophet Jeremia hat da andere Worte für uns:

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? 24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR. (Jer 23, 23f)

Zunächst stellt Gott dar, dass er nicht nur nah, sondern auch fern sein kann. Das ist die Drohung, die über dem Volk Israel schwebt.

Solche Gottesferne hat Jesus am Kreuz erlebt, als er ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Und es ist nicht das letzte Mal, dass solche Gottesferne erfahren wurde.

Wohl jeder Mensch erlebt sie irgend wann einmal, z.B. wenn ein lieber Mensch stirbt, oder wenn man die Arbeitsstelle verloren hat, oder wenn eine Ehe zerbricht, oder wenn ein Kind den Eltern den Rücken kehrt und sagt, es wolle nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Gott, wo bist Du?

Die Worte des Propheten, von denen ausdrücklich gleich dreimal in unserem kurzen Abschnitt gesagt wird, dass es Worte Gottes sind, gehen aber noch weiter. Plötzlich ist Gott doch nahe, aber es ist eine Nähe, die einem Angst macht.

„Meinst du, dass sich jemand heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.“

Ja, Gott ist nahe. Aber wehe dem, der diese Nähe gar nicht will. Dem wird die Nähe Gottes zu einer unheilvollen, vielleicht sogar grausamen Erfahrung.

Aber wer sind diese, die Gottes Nähe gar nicht wollen? Sehnen wir uns nicht alle danach, seine Nähe zu spüren?

Nun, solange wir uns Gott als den lieben Gott vorstellen, der nur das Beste für alle Menschen will, ist das wohl so. Aber wenn wir ihn als den erleben, der etwas von uns erwartet, ja, der Rechenschaft von uns fordert über das, was wir getan haben, dann möchten wir ihm wohl eher ausweichen. Denn wir ahnen, und vielleicht wissen wir es, dass wir oft genug versagt haben, dass wir nicht getan haben, was von uns erwartet wird.

Wir merken schon, dass wir eigentlich etwas tun müssten. Und dann lassen wir es doch bleiben. Wird uns das alles nicht angerechnet werden am Jüngsten Tag? Können wir uns wirklich jetzt schon damit rausreden, dass Gott uns um Christi willen alles vergeben wird? Wäre das nicht allzu billige Gnade?

Durch die Taufe wird uns die Vergebung unserer Sünden zugesprochen. Für die meisten von uns ist das lange her. Aber die Taufe, und damit auch die Zusage der Sündenvergebung, bleibt gültig. Und dennoch: wenn wir die Hände in den Schoß legen, weil wir uns darauf verlassen, dass Gott uns vergibt, machen wir es uns zu einfach.

Und darum kommt der dritte Schritt dazu:

3. Schritt: Gottes Wort hören – und tun

Jesu Worte sind sehr eindeutig gewesen: „Wenn einer deinen Rock nehmen will, dann gib ihm auch den Mantel. Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mit zu gehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.“ (Mt 5, 40-42)

Das Gleichnis vom Weltgericht führt uns deutlich vor Augen, wie es denen ergeht, die nicht bereit waren, ihre Mitmenschen im Gefängnis zu besuchen, sie zu kleiden, ihnen zu essen zu geben, ihnen Herberge zu gewähren. (Mt 25, 31ff).

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 15) führt uns vor Augen, wann das Gebot der Nächstenliebe eingehalten, und wann es gebrochen wird.

Da geht es um Ansprüche, die Gott an uns stellt. Diese Ansprüche können nicht einfach weggeredet werden, indem wir sagen: es ist alles gut, Gott vergibt uns, Werke sind unnütz und tot, allein der Glaube macht uns gerecht.

Dies ist zwar ein Kernsatz reformatorischen Glaubens, aber Martin Luther hatte mit der sogenannten Werkgerechtigkeit zu kämpfen und stellte darum das „Allein aus Glauben“, das „sola fide“, in den Mittelpunkt und sogar über alles.

Damals ist das Sola Fide durchaus sinnvoll und richtig gewesen. Aber wir leben nicht mehr in solch einer Situation, wo man meinte, mit Hilfe von Werken vor Gott gerecht werden zu können.

Heute hören wir an allen Ecken, dass jeder in den Himmel kommt, Gott liebt sie doch alle, wie könnte es also anders sein als dass alle Menschen erlöst werden. Wir merken schon den bitteren Beigeschmack solcher Worte, wenn wir z.B. an den Kinderschänder und -mörder denken.

Der furchtbare Gott, der sein Volk im Stich lassen kann, ist uns völlig fremd geworden.

Aber muss Gott nicht rasend werden, wenn es allen Menschen so einfach gemacht wird, wenn es sich alle Menschen so einfach machen und Gott nur noch zum Kuscheln gebrauchen wollen?

Glaube hat Werke (Jak 2, 17). Sie gehören zum christlichen Glauben dazu. „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein, sonst betrügt ihr euch selbst“ (Jak 1, 22), schreibt Jakobus. Und das bedeutet: Nächstenliebe, Friedfertigkeit, Versöhnungsbereitschaft. Es bedeutet Selbsthingabe in der Nachfolge Jesu.

Wer Jesus nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge ihm.

Und nicht: Der lehne sich zurück und entspanne sich.

Ein Leben in der Nachfolge Christi ist kein einfaches Leben. Wer sich bemüht, mit seinen Mitteln und Möglichkeiten das Seine zu tun, der darf sich natürlich darauf verlassen, dass die Zusage der Taufe gültig ist, falls er in seinem Handeln versagt, oder falls dieses Handeln einfach nicht ausreicht.

Aber wir dürfen uns selbst nicht genug sein. Gott stellt uns in eine Welt, die uns braucht. Verschließen wir davor nicht die Augen, damit wir nicht am Ende die Nähe Gottes fürchten müssen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Exaudi
13. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den HERRN», sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Jer 31, 31-34

Liebe Gemeinde!

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich einen neuen Bund mit denen schließen, die an mich glauben und auf meine Hilfe vertrauen. Ich will einen Bund mit ihnen schließen, der noch nie dagewesen ist. Einen Bund, der nicht auf Gegenseitigkeit beruht, wie es üblicherweise der Fall ist, wenn man einen Vertrag schließt, sondern einen Bund, in dem ich mich alleine verpflichte, spricht der Herr.

Ich will Euren Teil des Bundes ebenfalls übernehmen. Ich will tun, was ihr hättet tun sollen: denn ich will mein Gesetz in eure Herzen geben und in eure Sinne schreiben, damit ihr sie niemals vergessen könnt und damit sie euch zur Richtschnur für euer ganzes Leben werden. Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein, so wie ich es schon vor Zeiten gewesen bin, spricht der Herr.

Dann ist es so weit, dass niemand mehr dem anderen sagen muss, wer ich bin, denn sie alle kennen mich, ob alt oder jung, sie alle werden wissen, wer ich bin, spricht der Herr.

Ich will ihnen vergeben, alles, was sie Übles getan haben, in Gedanken, Worten und Werken, ich will es ihnen ganz und gar vergeben, so dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Das soll mein Zeichen sein, an dem sie mich erkennen, spricht der Herr.

Ich vermute einmal, dass die Worte des Propheten Jeremia so ähnlich geklungen hätten, wenn er sie uns heute zugesprochen hätte. Es ändert sich nicht viel, eigentlich nur die Anrede. Aber ist das richtig? Ist nicht zumindest ein Teil längst erfüllt? Müssten darum die Worte nicht ganz anders klingen?

Der neue Bund, der einseitige Bund, in dem Gott alles übernimmt, auch unsere Pflicht: er ist bereits geschlossen, indem er seinen Sohn am Kreuz opferte. Und damit geht auch das andere einher:

dass Gott uns unsere Schuld vergibt, dass wir uns darum nicht mehr mühen müssen, dass er vergisst, was wir alles getan haben, bewusst oder unbewusst, um anderen zu schaden.

Doch was nützt das, wenn man sich vielerorts keiner Schuld bewusst ist? Wenn viele Menschen das Gefühl haben, diesen Bund nicht zu brauchen, weil sie meinen, ganz gut alleine zurecht kommen zu können?

Und da ist dann auch noch eins in diesem prophetischen Spruch des Jeremia, das nicht erfüllt zu sein scheint: Gott wird sein Gesetz in unsere Herzen geben und in unseren Sinn schreiben, so dass wir es nicht mehr vergessen können, und alle werden Gott kennen, es wird niemanden geben, der nicht von Gott weiß, der nicht weiß, dass Gott ihm alle Schuld vergibt.

Da ist also noch etwas offen, denn es sind ja längst nicht alle, denen es in die Herzen geschrieben ist.

Und darum ist dann auch die Frage berechtigt, ob damit nicht auch alle anderen Dinge, die in dieser Prophezeiung angesprochen werden, noch offen sind. Gehört nicht alles zusammen?

Eines müssen wir jedenfalls bekennen: auch wenn wir uns unser Leben lang bemüht haben, Gott zu vertrauen und seinen Worten zu folgen, so haben wir es doch nicht geschafft, ihn wirklich zu kennen. Wir wissen zwar von ihm durch die Worte der Schrift, aber nicht zu Unrecht hat der frühere Papst Benedikt XVI., als er noch Kardinal war, einmal gesagt, dass es so viele verschiedene Vorstellungen von Gott gibt, wie es Menschen gibt.

Wir kennen Gott nicht wirklich, wir glauben höchstens, ihn zu kennen. Und das entspricht nicht dem, was in der Prophezeiung des Jeremia angekündigt wird. Das einzige, was wir sicher von Gott sagen können, ist, dass er sich unseren Vorstellungskräften entzieht. Er umfasst ja alles, was jemals unsere Sinne erfassen könnten. Er ist gewissermaßen jenseits unserer Realität.

Auf der anderen Seite ist da Jesus. Durch ihn ist Gott uns ja so nahe gekommen, wie es anders kaum möglich war. Müssten wir darum nicht auch sagen dürfen, dass wir Gott kennen?

Manche tun das. Sie glauben, Gott wirklich zu kennen, weil Sie Jesus Christus kennen. Und dann glauben sie auch, zu wissen, wie alles zu geschehen hat, und sagen, dass es so und so sein muss.

Wer sich dann nicht entsprechend verhält, wird schuldig gesprochen. Nur gibt es auch hier Uneinigkeit; die einen fordern dies, die andern jenes. Zum Beispiel die Frage, ob homosexuelle Paare nun gesegnet werden dürfen, ob man sie kirchlich trauen darf usw., wird von den einen bejaht, von anderen aber strikt abgelehnt, und dann gibt es natürlich dazwischen noch viele Abstufungen.

Klar, dass es nicht Gott sein kann, der diese Menschen treibt, denn genau das, so sagt der Prophet Jeremia, wird es dann ja nicht mehr geben, wenn Gott diesen Bund schließt.

Vielmehr wird dann niemand dem anderen mehr sagen müssen, wer Gott ist und wie er sich entsprechend zu verhalten hat.

Jene Menschen glauben, Gott zu kennen, und merken dabei oft nicht, dass sie sich Gott schon längst ihren Vorstellungen entsprechend geformt und angepasst haben. Gott ist nicht mehr der Schöpfer, sondern er ist zum Geschöpf geworden. Er dient ihnen als Werkzeug, und nicht umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte.

Nun berufen sie sich auf Jesus. Jesus ist zwar Gottes Sohn, und in ihm ist Gott den Menschen ganz nahe gekommen, aber er begegnete uns als Mensch. Er hat zwar von Gott geredet und vieles von der Wahrheit Gottes sichtbar gemacht, aber wir wissen von dem, was er tat und sagte, auch nur durch Berichte, die zwei Jahrtausende alt sind. Das ist nicht das, wovon Jeremia spricht, dass Gott sein Gesetz in unsere Herzen geben und in unsere Sinne schreiben wird. Wir ahnen mehr als dass wir von Gott wissen.

Und so machen wir uns unser Bild von Gott, weil wir diese Unklarheit nicht ertragen können, und beginnen damit, dass wir sein Handeln in dieser Welt erklären oder gar rechtfertigen wollen. Aber wie könnten wir, da wir doch selbst gar nicht den Überblick haben können, um die Zusammenhänge zu verstehen, in denen dies oder jenes sich ereignet? Wie könnten wir Gott erklären, da wir ihn gar nicht richtig kennen?

Wenn wir gefragt werden nach Gott, dann ist es gut, wenn wir Auskunft geben können nach bestem Wissen und Gewissen. Aber es muss auch möglich sein, zu sagen, dass Gott alleine die Antwort auf diese oder jene Frage weiß.

Niemand muss Gott erklären oder gar rechtfertigen. Wo immer das geschieht, wird Gott auf die Ebene der Menschen heruntergezogen, wird er klein, ja, menschlich gemacht. Aber so klein ist er nicht, und er ist auch nicht menschlich, auch wenn er Mensch wurde.

Im Gegenteil: Er ist es, der uns geschaffen hat, der einen neuen Bund begründet, einen Bund, in dem er der Handelnde und wir einzig die Empfangenden sind.

Jeremia redet von diesem souveränen Gott. Er redet von dem Gott, der sich von niemandem sagen lässt, was er zu tun oder zu lassen hat. Er redet von dem Gott, der seine Liebe an uns Menschen in kaum vorstellbarer Weise deutlich gemacht hat.

Und er gibt die Worte dieses Gottes weiter, Worte, deren Erfüllung wir schon ahnen, von denen wir aber zugleich auch sagen müssen, dass sie ihrer Erfüllung harren.

„Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern lehren und sagen: «Erkenne den HERRN», sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR;“

Gottes Gesetz wird in die Herzen der Menschen geschrieben werden. Nicht von Menschenhand, sondern von Gottes Hand.

Nicht von ungefähr steht dieser Text zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Es ist die Zeit, in der die Jüngerinnen und Jünger damals ausharrten und warteten auf den verheißenen Geist, durch den sich genau dies ereignen sollte.

Und im Grunde befinden wir uns ja in einer ganz ähnlichen Situation. Zwar hat es das Ereignis der Ausgießung des Heiligen Geistes gegeben, aber wir sind nicht in der Lage, festzustellen, wo und wie er wirkt. Jesus hat deswegen ja auch vom Geist gesagt, dass er wie der Wind ist: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ (Joh 3, 8a)

Pfingsten ist nicht das Ende des Handelns Gottes, sondern es ist der Anfang.

Und darum bleiben wir Wartende. Das wird uns heute wieder besonders deutlich. Aber unser Warten ist nicht ohne Hoffnung, denn die Verheißung ist da, durch Jeremia wie durch Jesus Christus selbst, dass dieser Geist Gottes die Herzen und Sinne aller Menschen erfüllen wird. Nur ist dies nicht unser Werk, sondern allein das Werk Gottes.

Darum ist es gut, wenn wir nicht aufhören, um diesen Geist zu bitten, der uns dahin bringt, dass niemand mehr den anderen über Gott belehren muss, sondern alle die Güte und Gnade Gottes erkennen.

Amen

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Predigt zu Christi Himmelfahrt
10. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus Christus betete: Ich bitte aber nicht allein für die, die du mir gegeben hast, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Joh 17, 20-26)

Liebe Gemeinde!

Jesus hält Fürbitte. Das Beten für andere gehört zur christlichen Existenz dazu. Das Denken an andere ist wesentlicher Bestandteil christlichen Glaubens. Darum kann es eigentlich auch nicht angehen, zu behaupten, Glaube sei Privatsache.

Zwar ist es natürlich die Entscheidung jedes Einzelnen, woran er glauben möchte – und insofern ist es auch Privatsache. Aber wer sein Leben als Christ gestalten will, kommt an diesem grundlegenden Wesenszug des Füreinander-Da-Seins nicht vorbei.

Christliche Kirche bedeutet Gemeinschaft, die über das bloße Nachbarsein hinausgeht. Man nimmt Anteil am Ergehen seiner Mitmenschen und hilft, wo Hilfe nötig ist. Und man bringt das, wo man selbst vielleicht keine Möglichkeiten der Hilfe sieht, in der Fürbitte vor Gott.

Nun ist das Gebet, das uns hier vom Evangelisten Johannes überliefert wird, etwas Besonderes. Es wurde als „Das hohepriesterliche Gebet“ überschrieben und ist Teil der sogenannten Abschiedsreden, die wir in dieser Form nur bei Johannes finden.

Es wird eine innige Verbindung zwischen Jesus und seinen Jüngern deutlich, wobei aber Jesus nicht nur den damals aktuellen Zustand, sondern auch die Zukunft sieht, in der er selbst leibhaftig nicht mehr unter ihnen sein kann. Er denkt also an uns.

Das Anliegen des Gebetes müsste uns die Tränen in die Augen treiben, denn es ist etwas, wovon wir heute weit entfernt sind. Jesus betet, damit sie – d.h. die, die an ihn glauben – alle eins seien.

Schon im 11. Jahrhundert (1054) kam es zu Spannungen und schließlich zur Trennung von der Ost- und der Westkirche, und im 16. Jahrhundert entstand nicht nur die lutherische, sondern gleich eine ganze Reihe von protestantischen Kirchen, die sich zumindest in jener Zeit überhaupt nicht grün waren.

Schon zuvor waren protestantische Kirchen entstanden, die Waldenser, Lollarden und Hussiten, woraus teilweise grausame Kriege hervorgingen. Auch nach der Reformation kam es unter den Christen immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die viel Leid unter den Christen verursachten.

Heute gibt es zahlreiche Denominationen, die jede für sich das Recht in Anspruch nehmen, sich aus diesem oder einem anderen Grund vom Rest der Christenheit abzugrenzen.

Und dagegen steht der Wille Jesu, dass wir alle eins seien.

Letztlich geht es doch nur um den Glauben an Jesus Christus – um das unverbrüchliche Vertrauen in die Liebe Gottes, die in ihm sichtbar wurde. Das mag zwar der kleinste gemeinsame Nenner sein – aber müssten wir darum, weil wir alle dies gemeinsam haben, nicht auch eine Kirche sein?

Hat Jesus etwa vergeblich darum gebetet, dass sie alle sein sein sollen?

Im Grunde wohl ja, denn schließlich erleben wir diese Einheit nicht. Zwar gibt es die sogenannte Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, die ACK, unter der sich viele der protestantischen Denominationen versammeln und einige gemeinsame Eckpunkte festsetzen.

Und es gibt den Ökumenischen Rat der Kirchen, dem rund 350 Kirchen aus über 120 Ländern angehören. Aber dennoch bleiben die Kirchen, die Mitglieder solcher Organisationen sind, jede für sich, und wie wenig wir voneinander wissen, kann einem z.B. auf dem Kirchentag besonders deutlich werden.

An einem dieser Kirchentage nahm ich an einer Abendveranstaltung teil, die überschrieben war mit „Toast auf die Ökumene“. Es ging dabei ums Essen – konfessionsübergreifend, versteht sich. Es war ein Erzpriester der orthodoxen Kirche, ein Erzbischof der römisch-katholischen und ein Bischof der evangelischen Kirche vertreten. Es gab etwas zu essen, und der orthodoxe Erzpriester war gebeten worden, das Tischgebet zu sprechen.

Er begann mit einer Anekdote: Es wurde von einer ökumenischen Gruppe kirchlicher Funktionäre ein Essen veranstaltet, zu dem auch ein jüdischer Rabbi eingeladen worden war. Der Tisch war reich gedeckt – mit Speisen, die der Rabbi aufgrund der biblischen Speisegebote nicht zu sich nehmen durfte. Am Ende bat man ihn, das Dankgebet zu sprechen, und freute sich an der ökumenischen Geste, während der Rabbi leicht verwirrt Gott dankte für ein Essen, das er nicht hatte essen dürfen, weil Gott es so geboten hatte.

Der orthodoxe Erzpriester fuhr dann fort mit dem Hinweis, dass es für ihn nicht ganz so tragisch sei, obgleich diese Veranstaltung am Karfreitag, dem bedeutendsten Fastentag der orthodoxen Kirche, durchgeführt wurde, denn ihm sei ja das Gebet vor dem Essen übertragen worden.

Wahrscheinlich war wenigen in dem großen Saal überhaupt bewusst gewesen, dass die orthodoxe Kirche Ostern zu einem anderen Termin als Protestanten und römische Katholiken feiern, und dass dieser Freitag, damals der 3. Mai, der Karfreitag im orthodoxen Kirchenjahr war, wussten wohl die wenigsten. Ich frage mich, ob es den Veranstaltern bewusst gewesen war.

Wir wissen also wenig voneinander, und das ist ausgesprochen schade, denn es ist doch eigentlich ungeheuer interessant, zu sehen und zu verstehen, welche Ausdrucksformen christlichen Glaubens die Christen an anderen Orten oder auch in der Nachbarschaft gefunden haben. Manches könnte sicher auch uns bereichern.

Ich hatte zu Studienzeiten einen Kommilitonen, der kurz vor Beginn seiner Studien ein Erlebnis hatte, das ihn vehement zur römischen Kirche hinzog. Er war ein inbrünstiger Verehrer Marias geworden.

Wir haben oft darüber gesprochen, warum er zur römisch-katholischen Kirche konvertieren wolle – was er übrigens erst nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums tat. Von diesen Gesprächen ist mir vor allem eines in Erinnerung geblieben:

Er meinte, dass die römische Kirche eine große Vielfalt zulasse, während die protestantische Kirche sich immer weiter spalten würde und einem Flickenteppich gleiche, der durch ökumenische Organisationen wie z.B. den Weltrat der Kirchen mehr schlecht als recht zusammengehalten würde.

Die römische Kirche wahrt nach seiner Ansicht die Einheit der Kirche in aller Vielfalt, so wie sie auch durch Jesus erbeten wird, und wir Protestanten sind es, die diese Einheit zerstört haben.

Ich würde das zwar zumindest vom geschichtlichen Hintergrund her anders sehen, aber es gibt mir bis heute zu denken. Was ist aus dem Gebet Jesu um die Einheit aller Gläubigen geworden?

Ist es vergeblich gewesen, oder ist es vielleicht eine Zukunftsvision, auf deren Erfüllung wir noch warten, so wie so manches prophetische Wort?

Das kann es wohl kaum sein, denn Jesus will ja, dass die Christen nach außen hin wirken: die Welt soll glauben können, dass Jesus von Gott gesandt ist.

„Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast“ betet Jesus, „damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“ (Joh 17, 22-23)

Die Einheit der Christen scheint demnach eine Voraussetzung dafür zu sein, daß die Welt auf Gottes Liebe aufmerksam werden und ihr vertrauen kann.

Jesus blickt also definitiv nicht in eine ferne Zukunft, die vielleicht sogar erst am Jüngsten Tag sichtbar wird. Es geht vielmehr um ein glaubwürdiges Zeugnis, das vor allem durch die Einheit der Christen an Überzeugungskraft gewinnt.

Denn in der Einheit der Christen wird die Kraft der Liebe Gottes und des Heiligen Geistes erkennbar. Wenn Menschen trotz aller Unterschiede bereit sind, aufeinander zu hören und zu achten, dann ist das in unserer Zeit schon etwas Besonderes, auf das Menschen aufmerksam und neugierig werden.

Aber dieses Zeugnis wird durch die Zersplitterung der Kirche ungeheuer schwierig.

Denn die Reformation hat nicht nur neue und durchaus richtige Erkenntnisse gebracht – sie hat auch die Einheit der Kirche zerstört und in der Folge viel Leid vor allem über die Bevölkerung in Deutschland, aber auch in ganz Europa gebracht, wenn wir nur an den 30-jährigen Krieg denken.

Natürlich könnte man jetzt spitzfindig werden und sagen: Woher weiß Johannes denn, was Jesus gebetet hat? Vielleicht hat er sich das ja nur ausgedacht, um drohenden Spaltungen in der frühen Christenheit entgegen zu wirken?

Die Evangelien wurden ja für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben, und vielleicht hatte Johannes tatsächlich eine Gemeinde vor Augen, in der es schon Tendenzen zur Spaltung gab.

Wir wissen auch aus den Briefen des Paulus, dass es schon in den ganz jungen Gemeinden zu Auseinandersetzungen darüber kam, wer denn nun richtig glauben würde. Manche machten es abhängig von der Verkündigung eines bestimmten Menschen, andere machten sich ihre Gedanken über das Wesen Jesu: ist er nun Gottes Sohn oder nur ein von Gott beseelter Mensch? Was bedeutet sein Tod am Kreuz?

Die Antworten auf diese Fragen fielen schon in den ersten Jahrzehnten der Christenheit unterschiedlich aus, und je nachdem, in welchem Maße diese Fragen an Bedeutung gewannen, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen bis hin zur Spaltung der Gemeinde.

Die Frage, wer das Richtige glaubt, ist aber im Grunde die falsche Frage. Wir werden darauf vertrauen müssen, dass der Heilige Geist uns den richtigen Glauben schenkt. Und wir müssen wohl auch darauf vertrauen, dass der Heilige Geist in allen Menschen Glauben wirken kann – richtigen Glauben.

Wenn wir das Abendmahl feiern, heißt es bei der Entlassung: „Das stärke und erhalte euch im rechten (d.h. im richtigen) Glauben zum ewigen Leben.“

Ich erinnere mich an einen Pastor, der mir, noch bevor ich mein Studium begann, erzählte, dass er bei der Entlassung vom Abendmahl das Wort „rechten“ weglasse, denn wer wolle entscheiden, was der richtige Glaube ist?

Mittlerweile ist mir klar geworden, dass wir das ja gerade nicht entscheiden, sondern der Heilige Geist. Und darum ist diese Segensbitte zur Entlassung beim Abendmahl eigentlich gerade richtig so, wie sie schon seit Jahrhunderten gesprochen wird.

Denn es ist eine Bitte, die wir an den Heiligen Geist richten. Er erhalte unseren Glauben in der rechten Weise, er stärke uns zu diesem rechten Glauben durch die Gaben, die wir im Abendmahl empfangen.

Wir sind noch – oder wieder – weit entfernt von der Einheit, die Jesus für alle erbittet, die an ihn glauben. Und ob die Worte nun wörtlich dem entsprechen, was Jesus gesagt hat, ist nicht so wichtig, wohl aber, dass sie dem Geist und dem Willen Jesu entsprechen, und davon bin ich überzeugt.

Denn die Einheit der Christen kann nicht nur ein Wunschtraum sein, sie ist nötig, damit die Welt erkennt, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.

Nun argumentieren manche, dass es die eine, die einzige, Kirche schon gibt – nämlich im Reich Gottes: dort gibt es keine Lutheraner, Reformierte, Baptisten, römische Katholiken, Altkatholiken, Selbständige Lutheraner, Methodisten, Pfingstler usw. Dort sind wir alle wahrhaftig Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Aber hier, in dieser Welt, gibt es nach wie vor die unzähligen Denominationen, die sich voneinander abgrenzen, weil sie meinen, für sich den richtigen Glauben in Anspruch nehmen zu dürfen.

Unsere Aufgabe ist es, uns für die Einheit der Kirche in dieser Welt stark zu machen und dabei den Glauben nicht klein zu reden, sondern uns ernsthaft um den rechten Glauben bemühen, den uns der Heilige Geist schenken will.

So lasst uns auch unser Gebet einmünden in das Gebet Jesu – dass die Kirche auch in dieser Welt eins werde, damit die Welt glauben kann.

Amen

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Predigt zum Sonntag Rogate
6. Mai in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss. (Kol 4, 2-4)

Liebe Gemeinde!

Wenn ich ein Gemeindeglied besuche, dann ist es häufig so, dass ich auch anbiete, ein Gebet zu sprechen. In der Regel wird dieses Angebot gerne angenommen, manchmal aber auch nicht. Von zwei solcher Reaktionen möchte ich kurz berichten:

Einmal kam ich zu einer Frau, die viel Leid erlebt hatte und vielfach enttäuscht worden war. Als ich ihr anbot, ein Gebet zu sprechen, erwiderte sie: „Von mir aus, machen Sie ruhig, mir bedeutet das nichts.“

Ich habe gebetet. Aber ich habe mich oft gefragt, ob dieses Gebet etwas bewegt haben kann.

Andererseits war mir das Gebet unter diesen Umständen besonders wichtig. Ich wollte nun gerade für diese Frau beten, damit sie die stärkende Kraft des Gebetes wieder neu entdecken konnte. Ich hatte die Hoffnung, dass das Gebet in ihr etwas bewegt.

Ein andermal kam ich zu einem Ehepaar, das rundum zufrieden zu sein schien. Sie hatten liebe Kinder, es ging ihnen gesundheitlich dem Alter entsprechend gut, die Rente reichte.

Es war sein Geburtstag, und so wollte ich auch diesen Besuch mit einem Gebet für das Geburtstagskind abschließen. Er lehnte dankend ab: „Wissen Sie, ich habe so viele schlimme Dinge erlebt, vor allem im Krieg, da kann ich nicht glauben, dass es einen Gott gibt. Er hätte das doch verhindern müssen.“

Merkwürdig, dass er dennoch die Gemeinschaft der Kirche nicht verlassen hatte. Aber zugleich auch ermutigend. Ich habe seinen Wunsch respektiert, mich aber oft gefragt, wie es dazu kommen kann, dass Menschen nicht mehr in der Lage sind, zu beten, und manchmal dann auch andere nicht für sie beten lassen.

Nun fordert uns Paulus zum Gebet auf. Er schreibt zwar an die Christen in Kolossä, aber wir können diese Worte getrost auch für uns in Anspruch nehmen.

„Seid beharrlich im Gebet“, so lesen wir. Mit anderen Worten: hört nicht mit dem Beten auf! „wacht in ihm“, so heißt es weiter. Verbringt Eure Zeit betend, Tag und Nacht.

Das erscheint dann doch ziemlich übertrieben – man muss ja schließlich auch mal was anderes tun.

Ein Konfirmand meinte: „Wenn ich bedroht werde, dann werde ich bestimmt nicht auf die Knie fallen und beten.“ Damit wollte er sagen, dass es Situationen gibt, in denen Handeln wichtiger ist als Beten.

So mag es sein. Aber ich habe es erlebt – und Sie sicher auch – dass wir eben gerade in solchen Situationen, in denen es um unsere Existenz geht, uns wieder an Gott erinnern und ihn um Hilfe bitten. „Not lehrt beten“, so heißt es ja so schön im Volksmund.

Die sogenannten Stoßgebete, die wir in solch akuten Situationen zum Himmel schickten, haben dann auch unter Umständen einen Perspektivwechsel verursacht, wodurch wir wieder aus der Gefahr hinaus gelangten.

„Seid beharrlich im Gebet“; damit meint Paulus sicher nicht, dass wir tagtäglich von morgens bis abends beten sollen. Dann könnte ja nichts mehr getan werden. Die alltäglichen Geschäfte müssen erledigt, die Arbeit, mit der wir unseren Lebensunterhalt verdienen, muss getan werden. Also Beten doch nur am Morgen und am Abend?

Dann hätte es mit dem beharrlichen Beten nicht mehr viel zu tun. Nein, Paulus meint, dass wir das Beten zu einem Bestandteil unseres Alltags machen sollen. Was immer wir tun – es verdient auch, vor Gott gebracht zu werden. Die Gespräche, die wir führen, der Einkauf, das Handwerk, die täglichen Verrichtungen des Alltags – all das kann von einem Gebet begleitet werden.

Es ist zwar hilfreich, aber nicht nötig, dass wir für das Gebet eine besondere Atmosphäre schaffen. Die hat es auch in den Luftschutzbunkern nicht gegeben.

Ob wir nun in unserem Gebet Gott um Hilfe bei einer Entscheidung bitten, oder ob uns jemand eingefallen ist, für den man ein kurzes Gebet spricht – solche Gebete geschehen oft ganz unmerklich, im Herzen. Gott hört auch solche Gebete.

Ebenso wichtig wie das Bitten um Hilfe für einen selbst oder für andere ist dann aber auch die Danksagung. Da gibt es gerade im Alltäglichen viele Anlässe. Die Fülle, aus der wir schöpfen können, die Sicherheit, in der wir leben, die Menschen, die uns begleiten und mit denen wir in Liebe verbunden sind – all das ist Grund zum Danken, und noch viel mehr.

Seid beharrlich im Gebet …

Doch warum beten wir nun eigentlich?

Das fragen uns solche Menschen, von denen ich zu Beginn erzählt habe. Hat es denn einen Sinn?

Vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden fiel es jedenfalls schwer, im Gebet einen Sinn zu erkennen. Einer meinte, er hätte es in einer Angelegenheit dreimal versucht, und es wäre nichts geschehen. Worum es sich konkret handelte, wollte er nicht sagen, aber es war klar, dass er eine spezifische Reaktion erwartete, und darin enttäuscht wurde.

Generell herrschte unter den Konfirmanden die Meinung vor, dass es jedenfalls keine erkennbare Reaktion auf das Gebet gibt. Und darum sei es überflüssig.

Wenn man den Erfahrungsschatz 13- bis 14-jähriger Jungen und Mädchen in Betracht zieht, dann ist es auch in der Regel sehr verständlich, dass ihnen das Gebet nutzlos erscheint.

Denn manche Antwort, das wissen viele von uns, weil sie es selbst so erfahren haben, kommt oft erst viel später, oder man erkennt sie als Antwort erst im Nachhinein, ebenfalls Jahre später.

Denn Gott antwortet auf unser Gebet nicht notwendigerweise so, wie wir es erwarten. Er stellt das Gebet in einen großen Zusammenhang, den wir nicht mehr überblicken können. Er schaut, wie das, worum wir bitten, in diesen großen Zusammenhang hineinpasst, und erfüllt unsere Bitten dementsprechend. Und das kann ganz anders sein, als wir es erwarten oder uns vorstellen.

Manchmal werden wir selbst dann auf dieses große Ganze gestoßen und erkennen, dass unser Gebet in die falsche Richtung lief.

Nun könnte man aus dieser Beobachtung seine Schlüsse ziehen und sagen: in Zukunft bete ich nur noch ganz allgemein, nichts Konkretes mehr. Dann kann ich nicht enttäuscht werden, und ich kann auch sicher sein, nicht das Falsche zu erbitten.

Aber was soll ein solches Gebet dann überhaupt noch? Es würde genügen, Gott alles anheim zu stellen, und das wär’s dann schon. Also etwa: „Gott, mach alles so, wie du es haben willst. Amen“

Ein Gebet Jesu zeigt uns, dass die konkrete Situation genauso wichtig ist wie alles in Gottes Hand zu legen. Es ist das Gebet, das er in Gethsemane, kurz vor seiner Gefangennahme, sprach: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22, 42)

Gott wollte den Kelch nicht an Jesus vorübergehen lassen, und Jesus wusste das auch. Denn welche andere Möglichkeit hätte es gegeben, um das Heil für alle Menschen zu bewirken?

Das konkrete Gebet, das Gebet, das ein Ziel hat, ist wichtig. Darum verzichtet Jesus nicht darauf.

Und so soll auch unser Gebet ein Gebet sein, das dem Handeln Gottes Raum gibt, andererseits aber auch unsere konkrete Not nicht außen vor lässt.

Paulus weiß, dass kein Gebet vergeblich ist. Gott hört unsere Gebete, und wir dürfen darauf vertrauen, dass er nur das Beste für uns will. Dabei sollen wir uns klar sein, dass dieses Beste ganz anders aussehen kann als das, was wir uns wünschen.

Darum hat Paulus auch im Römerbrief zum Thema Gebet Folgendes gesagt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Röm 8, 28a)

Wer betet, bringt damit seine Liebe zu Gott zum Ausdruck. Wer betend lebt und arbeitet, ist erfüllt von der Liebe zu Gott. Für einen solchen Menschen also gilt, dass ihm alle Dinge zum Besten dienen. Denn er schöpft aus dem Gebet seine Kraft, er gewinnt daraus Hoffnung und Zuversicht.

Paulus fordert dazu auf, ganz konkret für ihn zu beten, der im Gefängnis ist, dass sich eine Tür auftut für das Wort des Evangeliums. Soll dies die Tür seines Gefängnisses sein?

Er rechnet jedenfalls fest damit, dass das Gebet Wunder wirken kann. Nicht nur, dass es uns selbst, unsere Einstellung zu den Dingen, die uns widerfahren, verändert, sondern auch, dass sich durch unser Gebet die Welt um uns herum verändert.

Paulus war davon fest überzeugt. Dass viele heute diese Überzeugung nicht mehr teilen, erlebe ich immer wieder. Es genügt nun mal nicht, nur hin und wieder einmal zu beten. Sondern: Seid beharrlich im Gebet. Hört nicht auf, zu beten.

Amen

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Predigt zum Sonntag Jubilate
22. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

(2. Kor 4, 16-18)

Liebe Gemeinde!

Es ist Geburtstag. Einer der Gäste kommt mit einem großen, in blau glänzendem Geschenkpapier eingepackten und mit einer ebenso großen und auffälligen Schleife versehenen Karton in den Armen zur Tür herein. Kaum passt der Karton durch die Tür, und der Gast fordert Sie gleich auf, auszupacken. Natürlich sind Sie gespannt, was da wohl drin sein könnte. Und so öffnen Sie das Paket, nur um festzustellen, dass darin ein weiteres Paket zu finden ist. Diesmal glänzt das Geschenkpapier rot. Sie packen also auch dieses Paket aus, und entdecken – ein weiteres, diesmal in gelbem Geschenkpapier. So geht es weiter und weiter, die Kartons werden kleiner und kleiner, die Farbe des Geschenkpapiers wechselt immer wieder. Das Zimmer füllt sich mit leeren Schachteln und zusammengeknülltem Geschenkpapier. Am Ende fischen Sie eine Schachtel Pralinen heraus.

Nichts Aufregendes also. Ihre Enttäuschung wollen Sie natürlich nicht zeigen. Also lobt man die Idee, durch die man ja in gewissem Sinne an der Nase herum geführt wurde. Der äußere Schein entsprach absolut nicht dem, was drinnen war.

Es kann natürlich auch anders herum sein. Vielleicht hat Ihnen ein anderer Gast ein bedeutungsvolles Geschenk gemacht, das Sie sehr schätzen und lieben – nur, dieses Geschenk war in Zeitungspapier eingewickelt. Der Gast war der Meinung, dass es nicht auf die Verpackung ankommt, sondern auf das, was drinnen ist.

Und damit hat er ja auch selbstverständlich Recht. Der Inhalt ist das Wesentliche.

Nun redet Paulus von etwas ganz ähnlichem. Er unterscheidet zwischen einem äußeren und einem inneren Menschen. Also der Verpackung und dem Inhalt.

Da ist also das Innere, das nichts mit den Innereien zu tun hat, ja, auch nicht mit dem Herzen, das unermüdlich das Blut durch unsere Adern pumpt, sondern nur und ausschließlich mit dem, was weithin als Seele bezeichnet wird, deren Existenz kein Mensch bisher nachweisen konnte, deren Existenz aber alle in irgendeiner Form spüren.

Doch von dem inneren Menschen als Seele zu reden, wäre wohl doch nicht ganz richtig. Denn üblicherweise wird die Seele doch als etwas verstanden, was man losgelöst vom Körper sehen muss, und das ist hier nicht gemeint. Paulus redet selbst ja auch nicht von der Seele, er bleibt bei dem recht ungenauen Inneren des Menschen, das sich allerdings tagtäglich erneuern kann, im Gegensatz zum äußeren Menschen.

Bleiben wir also bei dieser Beschreibung, dass der innere Mensch eben all das ist, was man nicht wahrnehmen oder messen kann, das, was kein Gramm auf der Waage wiegt, und dennoch im Leben des Menschen ein großes Gewicht hat.

Vielleicht ist aber auch diese Beschreibung nicht ganz richtig. Denn wahrnehmen können wir ja schon etwas von diesem inneren Menschen. Meistens jedenfalls. Nur bleibt diese Wahrnehmung genauso unklar wie die Beschreibung selbst. Es lässt sich schwer unterscheiden, was nun innerer und was äußerer Mensch ist.

Paulus spricht von dem äußeren Menschen als etwas, das man wahrnehmen kann. Es ist der Körper, der sich über die Jahre verändert, der langsam alt wird, schwach und krank. Zum äußeren Menschen gehört auch die Fähigkeit, nachzudenken, zu sprechen, Wege zu suchen und Lösungen zu finden.

Manchmal ist der Körper von Geburt an schwach und zerbrechlich, ja, er ist es ja eigentlich gerade dann, aber ich meine etwas anderes: wenn das Kind nicht so geboren wird, wie wir es erwarten – wenn es geistig oder körperlich behindert ist, wie solch ein Zustand meist genannt wird, dann ist dem Menschen schon ganz früh eine Last aufgelegt, die aber nur den äußeren Menschen betrifft.

Stellen wir es uns einmal vor, das Kind, das da mit einer sogenannten Behinderung geboren wurde. Was nimmt es davon wahr? Was nimmt es davon als Behinderung wahr? Ist nicht das ganze Leben dieses Kindes völlig normal, gemessen an seinen eigenen Maßstäben? Es wird doch nur dadurch, dass wir es mit anderen vergleichen, zu einem behinderten Menschen.

Und dann wäre da ja noch der innere Mensch, von dem Paulus redet und den wir eben nicht sehen können, der vielleicht auch wegen der Behinderung für uns nicht so deutlich oder gar überhaupt nicht erkennbar wird. Wie sieht es mit dem inneren Menschen eines solchen Menschen aus?

Manche meinen, dass Kinder mit Behinderungen besser gar nicht erst geboren werden sollten. Aber was gibt uns das Recht, darüber zu entscheiden, ob dieses Leben es wert ist, gelebt zu werden?

Leider sind wir längst in der Lage, den Zustand des äußeren Menschen schon lange vor der Geburt festzustellen, und so entscheiden wir dann oft über das Leben des Kindes, indem wir unsere eigene Kraft und Fähigkeit abzuschätzen versuchen. Doch damit führen wir uns selbst in die Irre, denn es ist doch oft so, dass unsere Kraft mit der Aufgabe wächst, und wir können ja nicht wissen, welche Kräfte uns da zuwachsen würden, wenn wir in dieser Weise herausgefordert wären.

Doch kehren wir zurück zum „normalen“ Lebenslauf, wo die Behinderungen erst mit zunehmendem Alter beginnen. Wir spüren die Schwäche des Körpers zunehmend, Krankheiten, die einem zusetzen und die Bewegungsfreiheit immer weiter einschränken, machen Angst.

Häufig höre ich den Wunsch, nicht teilnahmslos dahin siechen zu müssen, und wenn ich an dem Bett eines sterbenden Menschen stehe, dann kann ich diesen Wunsch manchmal auch nachvollziehen.

Man möchte barmherzig sein, den Stecker ziehen, wie es heißt, aber was, wenn da gar kein Stecker ist? Auch ohne Maschinen sind es manchmal Monate und Jahre, die ein Mensch in solchem Zustand verbringt.

Der äußere Mensch scheint längst tot, er regt sich nicht mehr, kann kein Wort hervorbringen, keinen Gedanken mehr äußern, kein Gefühl mehr zeigen. Was kann dieser Mensch denn noch mitbekommen von dem, was da um ihn herum geschieht? Und was erlebt er von seinem Leiden?

Das fatale ist, dass wir in solcher Situation in der Regel nur den äußeren Menschen sehen können. Der innere Mensch bleibt uns verborgen. Und dann vergleichen wir wieder mit dem, was wir als Leben einschätzen können, was wir selbst erleben, und meinen, dass ein solches Dahinsiechen nichts mehr wert sei.

Paulus nun sieht den inneren Menschen:

Der wird von Tag zu Tag erneuert, ja, er gewinnt sogar dadurch, dass der äußere Mensch verfällt. Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit …, die der innere Mensch bereits wahrnehmen kann.

Nun sagt Paulus auch, dass wir als Christen eben nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen. Abgesehen davon, dass diese Aussage an sich schon paradox ist, stellt sich natürlich die Frage, wie wir das anstellen.

Nun, wir können das Unsichtbare mit dem inneren Menschen wahrnehmen. Der innere Mensch nimmt die Ewigkeit wahr, wobei auch diese Wahrnehmung so ungenau ist wie die Beschreibung des inneren Menschen selbst.

Ob wir uns das vorstellen können? Es fällt zumindest schwer. Denn wir machen in allem ja doch den äußeren Menschen zum Maßstab, weil das alles ist, womit wir vergleichen können. Was wir erfahren, das muss das Normale sein.

Es ist also wichtig, dass wir die Wahrnehmung des inneren Menschen stärken, dass wir versuchen, über das Sichtbare hinaus zu sehen auf das Unsichtbaren.

Wieder stecken wir im Paradox, und dieses Paradoxon hält an: wenn wir die Augen schließen, wenn es uns gelingt, die äußere Wahrnehmung zu verringern, dann kann es geschehen, dass wir den inneren Menschen zu Gesicht bekommen. Vielleicht.

Noch einmal zurück zu dem Satz des Paulus: „Unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“

Zweierlei möchte ich dazu noch anmerken: Trübsal empfinden wir in der Regel nicht als leicht, aber sie ist es dadurch, dass sie zeitlich ist. Sie kann nur zeitlich sein, denn spätestens durch unseren Tod findet sie ihr Ende. Dann aber haben wir unser Ende noch nicht gefunden, im Gegenteil: wir haben Teil an der Ewigkeit, die wir mit dem äußeren Menschen ja auch nicht wahrnehmen können, wohl aber mit dem inneren Menschen.

Der innere Mensch, und damit komme ich zum Zweiten, erkennt diese über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. Er hat Teil daran – auch in diesem Leben, auch und gerade dann, wenn der äußere Mensch verfällt. Denn durch den Verfall des äußeren Menschen wächst die Wahrnehmungsfähigkeit für das Unsichtbare. Die Herrlichkeit Gottes wird sichtbarer und klarer, weil sich der äußere Mensch immer mehr auf das Wesentliche reduziert, weil er nicht mehr im Weg stehen kann.

Wenn ich das Leuchten in den Augen einer Demenzkranken sehe, dann habe ich das Gefühl, dass da etwas genau von dieser Herrlichkeit sichtbar wird. Es wird sogar meinem äußeren Menschen sichtbar, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Vielleicht ist es auch mein innerer Mensch, der dieses Leuchten wahrnimmt; jedenfalls habe ich es gesehen, in Menschen, von denen wir oft meinen, dass sie ihr Leben schon gelebt hätten, und dass man doch besser den Stecker ziehen solle.

Sicher gibt es auch Situationen, in denen selbst dieses Leuchten nicht mehr sichtbar wird. Darum ist es gut, wenn wir dann unsere Augen schließen und uns bemühen, mit dem inneren Menschen zu sehen, was der äußere Mensch nicht mehr sehen kann.

Wer das Leid aus seinem Leben auszuschließen versucht, der beraubt sich selbst der Möglichkeit, die Herrlichkeit Gottes wahrzunehmen. So wecke Gott in uns die Sinne, die wir brauchen, um das Unsichtbare und damit unser Leben in einem neuen Licht zu sehen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti
Konfirmationsgottesdienst
8. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Alles ist euer: es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

1. Kor 3, 22-23a

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Alles ist euer, das heißt ja: alles gehört euch! Das ist doch schon mal was, oder? Alles gehört euch. Na, da kann euch jetzt niemand mehr reinreden, ihr könnt selbst bestimmen, was ihr tut, und auch, womit ihr es tut. Das ist doch mal eine gute Nachricht. Dass so etwas in der Bibel steht, habt Ihr vermutlich noch nicht gewusst, oder?

Aber, wie das so ist, es hat einen Haken. Es bleibt ja nicht bei diesem einen Satz. Vielmehr geht es weiter:

„Alles ist euer: es sei Paulus, Apollos oder Kephas...“ Was wollt Ihr schon mit den Dreien? Abgesehen davon, dass sie längst tot sind?

Nun, es ist immer gut, sich darüber zu informieren, was damals eigentlich los war, als dieser Text geschrieben wurde, um das besser zu verstehen.

Paulus, der diesen Brief geschrieben hat, war einige Zeit vorher schon einmal in Korinth gewesen. Da hatte es noch keine Christen dort gegeben.

Er hatte sofort begonnen, von Jesus zu erzählen, und es dauerte nicht lange, bis die ersten sich taufen ließen, weil die Worte des Paulus sie so sehr angesprochen hatten und der Geist Gottes sie angerührt hatte, dass sie zur Gemeinde von Jesus Christus gehören wollten. Und so wuchs eine kleine Gemeinde heran. Vielleicht waren es zehn, vielleicht zwanzig oder sogar fünfzig, wir wissen es nicht. Jedenfalls erzählten auch sie immer wieder von Jesus, auf dem Marktplatz und an den Straßenecken, und täglich kamen mehr Menschen zur Gemeinde dazu.

Paulus konnte nicht in Korinth bleiben, er musste weiter, denn er hatte vor, noch mehr Orte aufzusuchen und dort neue Gemeinden zu gründen. So ließ er die Korinther zurück und vertraute darauf, dass der Geist Gottes die Gemeinde lenken und schützen würde.

Das ging auch eine Zeit lang gut. Doch dann kam ein anderer namens Apollos, der manches anders sah als Paulus. Und dann begann dieser zu predigen in der Gemeinde, und manche Christen hatten das Gefühl, dass das, was er sagte, richtiger war, während andere meinten, dass die Worte des Paulus stimmten.

So entstanden zwei Gruppen   man könnte schon fast von Parteien reden. Schwierig wurde es, als dann wieder andere kamen und noch einmal auf andere Weise das erklärten, was sie bereits gehört hatten, und so entstand noch eine dritte Gruppe oder Partei.

An den Urhebern der jeweiligen Lehre unterschied man auch die Parteien: die des Paulus, die des Apollo und die des Kephas.

Als Paulus davon hörte, war er sehr betroffen. Das fand er ganz und gar nicht gut, denn das war ja eigentlich das Wichtigste an der Botschaft Jesu: dass alle eins sind, dass sie sich nicht voneinander trennen lassen, dass sie bildlich gesprochen alle Glieder an einem Leib sind – darauf kam es an.

So verstand er auch das Abendmahl, in dem die Gemeinschaft untereinander gerade durch das Teilhaben an dem einen Kelch zum Ausdruck kommt, und so verstand er die Worte, die Jesus gesagt hatte, dass sie alle wie Geschwister sein sollten.

Also schrieb er nach Korinth an die Gemeinde, und dazu passen dann auch diese Zeilen: Alles ist euer. Er spricht damit die Gemeinde an und meint: niemand kann euch sagen, dass etwas so oder so verstanden werden muss. Es gibt keinen Menschen, der in irgendeiner Weise eine höhere Autorität hätte als die anderen. Ihr seid alle Geschwister, und es gibt nur einen Herrn: Jesus Christus.

Das wird am Ende des Predigttextes deutlich: Alles ist euer, ihr aber seid Christi. Wieder mit anderen Worten: Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus.

Durch die Taufe wurdet ihr zu Kindern Gottes. Unverwechselbar, unverrückbar, niemand kann euch das nehmen. Aber als Kinder, das wisst Ihr, gibt es auch immer Verpflichtungen. Kinder sind zwar letztlich eigenständige und unabhängige Menschen, aber die Tatsache, dass sich Eure Eltern um Euch kümmern, dass sie für Euch sorgen und sicherstellen, dass Ihr zu essen und ein Dach über dem Kopf habt, verpflichtet Euch ihnen gegenüber.

So ist es auch für die Kinder Gottes: Ihr gehört Jesus Christus, und mit ihm Gott, unserem himmlischen Vater.

Die Konfirmation ist nun der Punkt, wo ihr volljährig werdet – Gott gegenüber. Im Konfirmandenunterricht habt Ihr gelernt, was es bedeutet, Kind Gottes zu sein – das hoffe ich jedenfalls. Nun liegt es an Euch, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Als ich Euch unterrichtet habe, da habe ich mich bemüht, es so zu tun, wie es dem Wort Gottes entspricht.

Mit der Konfirmation tragt ihr nun selbst dafür Verantwortung, das Gelernte weiter zu sagen, es umzusetzen und anzuwenden – und selbst Erfahrungen zu sammeln auf dem Weg des Glaubens, die ihr dann ebenfalls weitergeben könnt.

Und darum ist die Konfirmation etwas Besonderes: nicht, weil nun endlich der Konfirmandenunterricht vorüber ist, sondern weil ihr in die Verantwortung hinein genommen werdet, weil ihr nun als fähig angesehen werdet, selbst zu entscheiden, was richtig ist und was falsch von dem, was Euch über Gott gesagt wird.

Da sieht das schon ganz anders aus, dieses „Euch gehört alles“. Es gehört euch alles in sofern, als ihr nun das Gute vom Bösen zu unterscheiden und das eine zu tun sowie das andere zu lassen in der Lage sein solltet.

Ihr gehört Christus – das ist wohl der wichtigste Satz des Predigttextes. Diese Zugehörigkeit zu Christus bringen wir besonders in der Feier des Abendmahls zum Ausdruck.

Denn das Abendmahl ist nicht nur das Essen einer Oblate und das Trinken eines Schlucks Wein oder Traubensaft, sondern es ist die Gemeinschaft mit Jesus Christus selbst.

Jesus Christus ist mitten unter uns, wenn wir das Abendmahl feiern, er verbindet uns untereinander, indem wir das gleiche Brot teilen und aus dem einen Kelch trinken.

Alles ist euer – das ist Grund zur Freude, und zugleich ist es eine Last, denn es bedeutet ja auch Verantwortung. Aber weil wir Christus gehören, darum kann diese Last nicht schwer werden, denn er trägt sie mit uns. Er will uns helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die Gemeinde ist bereit, Euch zu helfen, wenn Ihr Hilfe braucht. Und es ist gut, dieses Angebot auch in Anspruch zu nehmen. Christ sein heißt nämlich auch: zu einer Gemeinde zu gehören, Glied an einem großen Leib zu sein. Das ist ein großartiges Geschenk.

Dass ihr das in Eurem Leben erfahrt und auch sichtbar werden lasst, das wünsche ich Euch von Herzen.

Amen

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Predigt zum Ostersonntag
1. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten (2. Tim 2, 8a)

Liebe Gemeinde!

So ganz verstanden habe ich sie nie: Hanna, die Frau, die kein Kind haben konnte.

Sie musste die größte Demütigung hinnehmen, die man sich nur vorstellen kann: dass ihr Mann eine zweite Frau nahm, um sich Nachkommen zu verschaffen.

Er liebte Hanna, das steht außer Zweifel, aber die Sicherung des Erbes war wichtiger – und dazu brauchte er Nachkommen. Darum nahm sich Elkana, ihr Mann, eine zweite Frau, die ihm dann auch viele Kinder, Söhne und Töchter, schenkte.

Und weil sie dies tat, blickte sie verächtlich hinab auf Hanna, und verspottete und kränkte sie.

Hanna war verzweifelt. Sie sah nur noch eine Möglichkeit: Gott um Hilfe zu bitten.

Als sie ihren jährlichen Gang zum Heiligtum machten, fiel sie vor dem Altar nieder und betete lange, so lange, dass der Priester glaubte, sie sei betrunken, zumal sie nur ihre Lippen bewegte, aber nichts zu hören war.

Doch Hanna war nicht betrunken – sie war nur tieftraurig. An diesem Tag hatte sie ein Gelöbnis getan, dass sie, wenn Gott ihr einen Sohn schenken würde, sie diesen Gott weihen würde.

Sie würde ihr erstes und vielleicht einziges Kind Gott opfern. Sie wusste, dass sie ihn dann nicht wieder sehen würde, außer, wenn sie selbst den langen Weg zum Heiligtum zurückkehren würde.

Und das ist es, was ich nicht verstehe.

Worauf kam es ihr denn an?

Wollte sie ein Kind haben, nur um wieder angesehen zu werden? Wollte sie einen Sohn haben, damit ihr Mann sie wieder an die erste Stelle rückte?

Sollte das Kind nur dazu dienen, die Rangordnung in der Familie wieder herzustellen – dass sie wieder die erste Frau sein würde?

Kinder haben damals sehr viel bedeutet, das steht fest. Sie waren der Reichtum einer Familie. Eine Frau ohne Kinder würde im Alter als Witwe kaum überleben können.

Hanna dachte nicht daran. Sie war bereit, wenn sie ein Kind kriegen würde, dieses Kind wegzugeben – in die Hände Gottes. Sie würde gewissermaßen ihre Altersversorgung, ihre Rente aufgeben. Also diente das Kind wohl wirklich nur dazu, ihr Ansehen wieder herzustellen?

Gewiss war dieser Aspekt wichtig für Hanna, aber er stand dann doch nicht im Vordergrund.

Vielmehr hat sich Hanna wertlos gefühlt. Ihr Selbstwertgefühl war geschwunden. Sie konnte schuften, so viel sie wollte – nie würde sie eine vollwertige Frau sein, weil sie keine Kinder bekommen konnte. Sie wollte nur wieder wissen, dass sie ein vollwertiger Mensch ist.

Darum betete sie zu Gott. Darum war sie bereit, das Kind, wenn ihr Gott eines schenken wollte, in seinen Dienst zu stellen. Sie war bereit, alles wieder zu opfern, wenn Gott ihr nur zeigen würde, dass sie nicht weniger wert ist als die andere Frau ihres Mannes.

Gott erkennt ihre Not. Er erhört ihre Bitte. Er wendet sich ihr zu und lässt sie ein Kind empfangen. Das Kind wird Samuel genannt.

Es wird ein großer Prophet in Israel werden. Samuel ist der Prophet, der die Männer Saul und David zu Königen salbt. Nach ihm sind zwei Bücher in unserem Alten Testament benannt.

Aber das alles weiß seine Mutter noch nicht. Sie stillt ihn, und als sie ihn entwöhnt hatte, ging sie mit ihm zum Heiligtum, um ihn in die Obhut des Priesters zu geben.

Samuel war da noch ein kleines Kind. Hanna würde nicht miterleben können, wie er aufwächst. Sie würde nicht sehen können, wie er Schritt für Schritt lernt, das Leben zu meistern. Aber sie weint nicht, als sie von ihm Abschied nimmt, sondern sie jubelt zu Gott und sagt:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, daß er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.

Das ist eigentlich noch schwerer zu verstehen. Wie kann sie fröhlich sein, jetzt, da sie ihr Kind zurücklässt?

Hanna jubelt Gott zu, denn sie hat Gott um Hilfe gebeten, und er hat sie erhört. Was Gott ihr gegeben hat, gibt sie Gott zurück, nur mit einem Unterschied: sie tut es als eine vollwertige Frau. Gott hat ihr dies ausdrücklich bestätigt.

Sie weiß nun, dass Gott sie wert achtet, obgleich die Menschen um sie herum ihr das Gefühl gaben, dass sie nichts wert sei. Mit Ausnahme ihres Mannes, aber auch er hatte ihr ja ihre Minderwertigkeit vorgehalten, indem er eine zweite Frau nahm.

Jetzt hatte Gott sie gewissermaßen »aufgewertet«. Er hatte sie von den Toten wieder heraufgeführt – er hatte sie wieder lebendig gemacht. Darum gilt Gott Lob und Dank.

Was hat das mit Ostern zu tun? Vordergründig wohl gar nichts. Denn hier, in dem Lobgesang der Hanna, geht es nicht um die Auferweckung von den Toten. Es geht nicht um Gottes Sieg über den Tod, der unser aller Leben verändert hat. Hanna spricht zwar davon, dass Gott die Toten wieder zum Leben erweckt, aber sie hat da wohl eher von ihrem eigenen Zustand gesprochen: sie war innerlich tot, denn ihr Leben hatte keinen Sinn mehr – vielleicht bis dahin auch nie gehabt. Nun hatte Gott ihrem Leben wieder einen Sinn gegeben, er hatte ihr wieder Leben geschenkt. In diesem Sinne war sie wohl auferweckt worden.

Geht es aber nicht auch darum heute, an Ostern? Geht es nicht darum, dass Gott unserem Leben einen Sinn gibt? Dass er uns zeigt, wie wertvoll wir ihm sind?

Wenn wir das Wunder der Auferstehung Jesu betrachten, dann erkennen wir, wie wichtig wir Gott sind. Denn Gott schenkt uns durch diesen Sieg des Lebens über den Tod Hoffnung, die uns tragen kann auch in schweren Zeiten, in denen wir uns wert- und nutzlos fühlen. Er hat den Tod überwunden, für jeden einzelnen von uns – und dafür gab er seinen Sohn in den Tod. Soviel sind wir ihm wert.

Mit diesem Glauben lohnt sich das Leben. Es gewinnt Qualität, selbst dann, wenn es von leidvollen Erfahrungen durchsetzt ist. Denn Gott hat uns so wert geachtet, dass er seinen eigenen Sohn dahin gab, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Wir sind mit Christus auferstanden! Halleluja!

(Amen)

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Predigt zur Osternacht
1. April in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten (2. Tim 2, 8a)

Liebe Gemeinde!

Wir haben uns an diesem Morgen
schon ganz auf Ostern eingestellt.
Weg mit Furcht und weg mit Sorgen
und allem, was uns nicht gefällt.

Die Sonne zeigt schon ihr Gesicht,
auch dann, wenn wir nur Wolken seh’n,
Sie bringt das helle Tageslicht
und hilft uns sich’re Wege geh’n.

Und just genau um diese Stunde,
vor etwa zweimal tausend Jahr’n,
da machten Frauen ihre Runde
sie wollten sich dem Friedhof nah’n.

Denn dort, das wissen alle schon,
lag Jesus tot in einem Grabe,
die Frauen machten keinen Ton,
doch jede hatte eine Gabe.

Die eine brachte Salben mit,
und Öle trug die zweite,
so gingen sie mit forschem Schritt,
dass man den Leib bereite

für seine lange, ew’ge Ruh.
Die Dritte trug dann Tücher noch,
so gingen sie dem Grabe zu.
Doch wie kommt man nur in das Loch?

Sie wussten ja, das Grab war dicht,
Denn niemand sollte Frevel tun,
So ist der Lauf dieser Geschicht’,
Die Toten sollt ihr lassen ruh’n.

Ein dicker, großer Stein war da,
ganz schwer und unbeweglich,
die Frauen waren nun schon nah,
doch war ihr Weg vergeblich?

Denn Kraft und Stärke sind gefragt,
den Stein bewegt nicht irgendwer,
da wird man leicht mal ganz verzagt,
ein kräft’ger Mann muss dafür her.

Denkt ihr! Mit einem geht es nicht,
es müssen Viere sicher sein,
der Stein, der hat schon sein Gewicht,
geballte Kraft muss da herein.

Schon schau’n sie sich nach Hilfe um,
sie gehen langsam, Schritt für Schritt,
die letzte Kurve noch herum,
Doch was ist das? Ihr Herz erschrickt!

Der Stein ist fort! Das darf nicht sein,
sie schauen sich verwundert an,
nur eine wagt sich sacht hinein,
die andern stehen hintenan.

Sie schaut und sucht und sieht sich um,
der Leib des Herrn ist nicht mehr da,
zum Ausgang dreht sie sich dann um,
da sind zwei Männer ihr ganz nah.

Das war erstmal ein großer Schreck,
doch fasst sie Mut und fragt sogleich:
„Wart ihr schon hier? Mein Herr ist weg!“
und wird dann doch noch ziemlich bleich.

„Ihr sucht“, so hört sie daraufhin,
„den Herrn, der lebt, am falschen Ort.
Verstandet ihr denn nicht den Sinn,
von dem von ihm gesproch’nen Wort?

Er hatte zu euch doch gesprochen,
dass er getötet werden muss.
Von Sündern wird sein Leib gebrochen,
Doch kommt es damit nicht zum Schluss.

Er sagte auch zu Mann und Frau,
dass er bald auferstehen wird,
am dritten Tag im Morgengrau,
die Sonne dann den Tag gebiert.

Kommt euch nun die Erinnerung?“
Die Frauen schauten sich kurz an.
Sie hörten die Verkündigung
und wussten: das hat Gott getan.

Sie machten kehrt und brachen auf,
zurück, es sollte schneller geh’n,
doch gab es keinen Wettkampf-Lauf,
der Wind ließ ihre Haare weh’n.

Sie kamen zu den Jüngern bald,
die war’n noch ganz verschlafen
und hörten es und blieben kalt,
als sie die Worte trafen.

Was reden die nur für ’nen Quatsch,
so haben sie sogleich gesagt.
Das ist doch nur mal wieder Tratsch,
sein Tod euch an der Seele nagt.

„Was soll’s“, so dachte Petrus sich
und schlich sich unauffällig raus,
„ich werde überzeugen mich
und gehe dann auch gleich nach Haus.“

Er ging und lief und rannte gar,
und kam zum Grab und sah hinein,
er sah: der Herr war nicht mehr da,
das machte seinen Mut doch klein.

Er schaut sich um, das Grab war leer,
und niemand war für ihn bereit,
kein Mann in Weiß, das ist schon schwer,
kein Menschlein war da weit und breit.

Der Petrus war schon recht verzagt,
Die Frauen hatten’s erst geseh’n,
und ihnen wurde es gesagt,
Es ging jetzt nur um’s Auferstehn.

Doch glauben, das ging gar nicht gut,
es konnten ja auch Räuber sein,
die frech und voller Übermut
gestiegen in das Grab hinein,

und dann den Leib des Herrn versteckt,
Wohin? Warum? Das weiß man nicht,
sie waren sicher ganz verdreckt,
und scheuten dazu noch das Licht.

Auch Petrus kam es in den Sinn,
was ihm der Herr mal einst gesagt,
dass ihn der Tod wird raffen hin
und steht dann auf am dritten Tag.

Doch glauben, fiel auch jetzt noch schwer,
so wandte sich der Jünger fort,
und dachte dann noch hin und her,
als er ging weg von diesem Ort.

Wir wissen, dass am gleichen Tag
der Herr zwei Jüngern bald erschien,
er brach das Brot, so wie man’s mag,
und da erkannten sie dann ihn.

Noch manches and’re wird erzählt,
der Lukas schrieb es alles auf.
Der Herr hat’s Leben sich erwählt,
nun nimmt das unsre seinen Lauf.

Der Predigttext war das zwar nicht,
doch passt es zu dem heut’gen Tag,
es ist ja schließlich die Geschicht’
von Ostern, die wohl jeder mag.

Der Predigttext steht in ’nem Brief,
ganz kurz und knapp, so soll er sein,
ein halbes Verslein ist er tief,
passt fast in eine Zeile rein.

Er lautet – ich mach’s im Gedicht:
„Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
vom Tod er auferstanden ist.“
So kommt zu uns das wahre Licht.

Der Vers steht bei Timotheus,
Brief zwei enthält ihn und noch mehr,
das ist nun keine harte Nuss,
es soll euch freuen richtig sehr.

Kapitel zwei, da steht er dann
im achten Vers geschrieben,
Zuhause schaut ihn nochmal an,
und lest ihn vor den Lieben.

„Halt im Gedächtnis Jesus Christ,“
so geht ein Lied, ihr kennt es auch,
das tut uns gut, wahrhaftig ist
das Lied bei uns auch im Gebrauch.

Doch heute nicht, wir singen gern
von Ostern diesen ganzen Tag,
und freuen uns, dass nah und fern,
solch Lied ganz oft erklingen mag.

Die Osterbotschaft hören wir,
und nehmen sie auch in uns auf,
Der Tod ist tot! Das glauben wir
und das nimmt sicher seinen Lauf.

Wer Christus glaubt, der lebt fürwahr,
der Tod hat nichts zu sagen,
das Leben siegt! Gott ist uns nah!
So woll’n wir’s fröhlich wagen

Und tragen in die Welt hinein,
das Wort, das uns so froh gesagt.
Dem Tod, dem geben wir ein Nein,
und sind dabei ganz unverzagt.

Weil Christus lebt, drum leb auch ich,
und du und all die andern,
die durch die Taufe ewiglich
in Gottes Nähe wandern

Und schauen seine Herrlichkeit
an aller Orten Enden.
So wollen wir voll Fröhlichkeit
uns nur zu ihm hin wenden.

Er ist der Herrscher überall,
sein Sieg schenkt uns das Leben,
wir hören’s mit Posaunenschall,
Gott hat uns all’s vergeben.

So gehen wir ganz wohlgemut
den Weg, den er uns zeiget,
und freu’n uns, dass er Gutes tut,
bis sich die Sonne neiget.

Wir danken ihm in Demut dann,
weil er uns immer nahe ist,
und sagen’s auch mit Freude an:
„Wir danken dir, du Herre Christ.“

Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
der auch am dritten Tage
siegreich vom Tod erstanden ist,
befreit von Not und Plage.

Bedenke, dass er Fried gemacht,
weil Gott uns so sehr liebt,
sein Tod das Leben wiederbracht,
er uns’re Schuld vergibt.

So denken wir nun immer dran,
und werden’s nicht vergessen,
Was er so Gutes hat getan,
auch nicht beim Abendessen.

Sein Nam’ in uns geprägt soll sein,
wir sind sein Volk wohl durch die Tauf’,
so lasst es uns’re Freude sein:
Das Leben, es nimmt seinen Lauf.

Drum sprechen wir nun unumwunden
das „Amen“, das heißt: es ist wahr,
und glauben es auch alle Stunden:
Er lebt! So ist es Jahr für Jahr.

Amen

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Predigt zum Karfreitag
30. März 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Darum ist Christus der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe emp­fangen.

Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen ge­macht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu er­scheinen. Auch nicht, um sich oftmals zu opfern, wie der Hohepries­ter alle Jahre mit fremdem Blut in das Heiligtum geht; sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an.

Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Men­schen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler weg­zunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen er­scheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Amen (Hebr 9, 15-28 i.A.)

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz – es ist das wichtigste Symbol der Christenheit. In jeder Kirche ist es zu sehen, in jedem Andachtsraum, in vielen Wohnungen. Viele Menschen tragen ein Kreuz an einer Kette um den Hals.

Warum ist das Symbol des Kreuzes uns Christen so wichtig ge­worden?

Kreuzigung – das war damals, zur Zeit Jesu, eine ganz übliche Strafe. Die Gekreuzigten hingen oft tagelang am Kreuz, auch noch nach ih­rem Tod, zur Abschreckung und zur Sicherung der Macht durch die Römer.

Man wollte deutlich machen, was die zu erwarten haben, die sich in irgend einer Weise gegen die römische Besatzung auflehnen. Das Kreuz war kein Symbol, das man sich um den Hals hängte oder in das Haus an die Wand, es war kein Symbol der Anbetung, sondern im Gegenteil: es war ein Symbol der Angst und des Schreckens. Nie­mand, aber wirklich niemand, konnte dem Kreuz etwas Gutes abge­winnen.

Jesus erlitt die gleiche Strafe wie tausende vor ihm – und tausende nach ihm. Er litt die gleichen Schmerzen, aber es gibt doch einen Un­terschied:

Jesus hat diese Strafe nicht verdient. Das erkennt sogar Pilatus, der nur zögerlich das Todesurteil spricht; aber er spricht es. Er hat ja die Macht. Er kann es tun, er kann unschuldige Menschen zum Tod ver­urteilen. Niemand kann ihn deswegen belangen.

Jesus stirbt, ohne schuldig zu sein. Aber er wehrt sich auch nicht. Er beteuert nicht seine Unschuld, fühlt sich auch nicht ungerecht be­handelt. Er nimmt die Strafe auf sich, weil er konsequent den Willen seines himmlischen Vaters gelebt hat und weiß: dies ist nicht seine Strafe, sondern die Strafe für alle Menschen. Er hat sich nicht abbringen lassen von dem Weg, im Gegenteil: er ging ihn ganz bewusst.

Das zeigt uns auch sein Gebet am Abend in Gethsemane, wo er sich frei­willig dem Willen Gottes unterwirft. Er lässt zu, wovor er durchaus Angst hat, weil er die Schmerzen ahnt, die ihm bevorstehen: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen – doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“

Jesus liefert sich dem Willen seines himmlischen Vaters aus – er ord­net sein Wünschen dem Willen des Vaters unter. Wenn er sich ans Kreuz nageln lässt, so geschieht es also, weil er selbst es will – weil sein Wille mit dem Willen des Vaters eins geworden ist.

Dieser Wille des Vaters ist es nun, der uns unerklärlich erscheint. Wie kann der liebende, barmherzige Gott, so etwas verlangen? Wie kann er wollen, dass sein Sohn gekreuzigt wird?

Die Antwort ist befremdlich, besonders dann, wenn man nicht bereit ist, sich einzuordnen in die lange Geschichte Gottes mit der Menschheit. Denn sie kann nur dann wirklich verstanden werden, wenn man auch diese Geschichte versteht.

Die Antwort lautet – einfach, und doch so schwer verdaulich heutzutage: Gott wollte ein Opfer.

Dieses von Gott gewollte Opfer – und darauf macht uns der Hebrä­erbrief aufmerksam – konnte kein Mensch darbringen. Denn jeder Mensch ist Sünder, niemand kann ein vollkommenes, reines Opfer darbringen.

Jesus hat uns ja auch gesagt, wie leicht es ist, an seinen Mitmenschen und vor Gott schuldig zu werden. Ein böser Gedanke genügt, ein Begehren – Dinge, die nach außen hin keine Konsequenz haben, weil niemand davon weiß: sie belasten aber die Seele, und wirken sich letztlich dann doch auf die eine oder andere Art und Weise aus. Und sie graben die Gräben, die zwischen Gott und Mensch bestehen.

Darum, weil wir alle Sünder sind, kann es kein von Menschen darge­brachtes Opfer geben, das diese Sünde fortschaffen könnte. Es ist selbst schon durch die Sünde des Opfernden wertlos gemacht.

Also musste Gott einspringen und selbst dieses Opfer darbringen. Nur so konnte endlich Frieden einkehren zwischen Gott und den Menschen, die Gräben konnten wieder überbrückt werden.

Aber Gott tut das nun nicht um seiner selbst willen, sondern um unseretwillen, um uns zu befreien von der Notwendigkeit, etwas gut machen zu müssen. Und zugleich befreit er uns damit von der Gefahr der Heuchelei, dass wir nicht anders scheinen als wir sind, nur um uns selbst glauben zu machen, wir wären vor Gott gerecht.

Der Weg Jesu ist es, der in dieses von Gott gewollte, notwendige Opfer mündet. Er allein, der Sohn Gottes, Mensch geworden, ist es, der den Graben überbrücken kann. Sein Opfer stellt den Frieden her, nach dem wir uns sehnen, und nach dem sich Gott selbst so lange gesehnt hat. Sein Opfer befreit uns nicht nur von Schuld, sondern auch von der Angst, wir müssten Gott durch gute Taten mit uns versöhnen.

So stellt Jesu Opfer alles Bisherige auf den Kopf. Während man frü­her geglaubt hat, dass der Mensch selbst Wiedergutmachung leisten muss Gott gegenüber, so ist dies nun nicht mehr nötig. Ein für allemal hat Gott diese Wiedergutmachung geleistet, am Kreuz, am Symbol der Angst und des Schreckens, das so zu einem Symbol der Hoffnung und Zuversicht wird.

Doch die Welt versteht es nicht, und so wird das Symbol auch immer wieder benutzt, um Christen zu verhöhnen.

Es gibt ein Bild, in eine Mauer eingeritzt, das aus der frühen Zeit der Christen stammt und einen Menschen mit einem Eselskopf am Kreuz zeigt. Daneben kniet ein Mensch in anbetender Haltung. Darunter steht: Alexamenos betet seinen Gott an. Dieses Bild findet sich auf dem römischen Hügel Palatin.

Die Welt hat es nicht begriffen und nicht für wahr halten können, dass sich Gott derart erniedrigt und sogar den Tod erleidet. Was für ein Gott ist das, der all seine Macht und sogar seine Unsterblichkeit auf­gibt? Was gibt es da anzubeten? Wer solch einen Gott anbetet, ist selbst ein Esel.

Es ist ja auch wahr. Damit werden ja auch wir Christen nicht so richtig fertig, dass Gott stirbt. Gott kann nicht wirklich sterben. Jahrhundertelang haben sich Theologen darüber den Kopf zerbrochen, wie man das erklären kann.

Die einzige Erklärung ist die: Gott wurde Mensch, ganz und gar. Er äußert sich all seiner Gewalt, so heißt es in dem bekannten Weihnachtslied „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“ von Nikolaus Hermann.

Nur so konnte er auch den Tod erleiden, den Tod, der uns von unserer Schuld erlöst.

Ich muss an ein weiteres simples Bild denken, das ähnlich wie das andere das Geschehen am Kreuz instrumentalisiert, um Christen zu verhöhnen. Da steht zunächst an der Wand: „Gott ist tot.“ Und darunter der Name des Autors dieses Satzes: Nietzsche. Auf dem nächsten Bild sieht man den gleichen Schriftzug auf der Wand, aber er hat sich geändert. Das Wort Gott ist durchge­strichen, und darüber steht „Nietzsche“. Und der Name darunter ist ebenfalls durchgestrichen, und daneben steht: „Gott“. So dass nun zu lesen ist: „Nietzsche ist tot. Gott“.

Das Kreuz ist eine Herausforderung. Uns, die wir glauben, ist es das Symbol des Heils geworden, das Symbol der Befreiung. Was anderen Angst macht oder sie auch einfach nur gleichgültig oder gar höhnisch werden lässt: es schenkt uns Hoffnung und Zuversicht. Durch das Kreuz wissen wir, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann. Weil das Kreuz die Manifestation der Liebe Gottes ist.

Im Tod begegnet uns Gott und reißt uns aus dem Tod heraus; das Kreuz wird zur Lebensquelle, weil es das Trennende, den Tod, fortnimmt.

Nun schreibt der Verfasser des Briefes an die Hebräer am Ende unseres Abschnittes: Christus wird ein zweites Mal kommen, aber nicht, um ein zweites Mal die Sünde weg zu nehmen, sondern um die, die auf ihn warten, mit sich zu führen in das Reich Gottes.

So sind wir also Wartende. Nun wissen wir aber weder Tag noch Stunde, wann es geschehen wird. Es kann also kein Warten sein so wie am Bahnhof auf einen Zug, dessen Ankunftszeit einigermaßen sicher bekannt ist. Wir können daher auch nicht wartend irgendwo verharren, etwa in einer Kirche, sondern müssen unsere Alltagsgeschäfte aufnehmen, um unser Leben fristen zu können. Wir müssen weitermachen.

Doch stellen wir uns eine ähnliche Situation kurz vor: Jemand hat sich angekündigt, dass er zu Besuch kommen würde, ohne dabei eine Zeit zu nennen. Die Person ist uns bekannt, und ihr Besuch ist uns wichtig. Wir sind bereit, stellen uns vor, wie es sein wird. Wir warten einige Tage, verschieben Vorhaben, die nicht so wichtig sind, um sicher zu sein, dass der Besucher uns auch wirklich antrifft. Aber: es geschieht nichts. Unser Warten ist vergeblich.

Vielleicht begegnen wir der Person später dann wieder einmal auf der Straße, erinnern sie an ihr Versprechen, und sie bekräftigt noch einmal ihren Wunsch, einen Besuch abzustatten.

Doch die Person kommt einfach nicht. Wie lange sind wir bereit zu warten? Einen Monat? Zwei Monate? Irgendwann jedenfalls hat es mit dem Warten ein Ende. Es liegt nichts mehr bereit für diesen Besucher, man denkt nicht mehr darüber nach, welche Fragen man stellen, welche Themen man er­örtern möchte.

Man nimmt auch nicht Rücksicht, wenn man seine eigenen Vorhaben plant. Ob man nun da ist oder nicht, es spielt keine Rolle. Insgeheim wünscht man sich vielleicht sogar, dass dieser Besucher vor verschlossener Tür steht, wenn er sich dann doch mal zu einem Besuch aufrafft. Sicher ist auch die Enttäuschung groß, aber das vergeht mit der Zeit genauso wie die Freude auf diese Begegnung.

Jesus hat sein Kommen wie das eines Diebes angekündigt. Dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Und er hat uns zur Wachsam­keit aufgefordert, damit wir nicht überrascht werden oder gar diese Begegnung verpassen, weil wir nicht da sind.

Ja, er wird kommen, um uns teilhaben zu lassen an seinem Heil. Ist es das nicht wert, zu warten, auch wenn wir keine Ahnung haben, wann das sein wird? Ist es das nicht wert, sein Leben so zu gestalten, dass er uns nicht verpasst – und wir ihn nicht?

Das Kreuz – es erinnert uns nun nicht nur an das von Gott vollbrachte Opfer und damit an seine unermessliche Liebe, sondern auch an diese Zusage, dass er kommen wird, uns zum Heil.

Amen

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Predigt zum Sonntag Palmarum
25. März 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

(Jes 50, 4-9)

Liebe Gemeinde!

Die Gottesknechtslieder aus dem Buch des Propheten Jesaja sind uns zumindest teilweise vertraut. Die meisten kennen die Worte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ (Jes 53, 4). In diesem einen Satz steht eigentlich schon alles, was sich am Karfreitag ereignet.

Die Verbindung vom Propheten Jesaja zu Jesus hatten die Christen schon sehr früh erkannt. Auch die Evangelien und Briefe des sogenannten Neuen Testaments stellen immer wieder Verbindungen her und bezeugen damit, dass die heiligen Schriften des Volkes Israel unbedingt zum christlichen Glauben dazu gehören, zumal diese ja auch Jesu heilige Schriften waren.

Unser Predigttext wird auch zu den sogenannten Gottesknechtsliedern gezählt, obwohl darin nicht von einem Knecht, sondern von einem Jünger, also einem Schüler oder Lehrling, die Rede ist.

In Gottesknechtsliedern wird beschrieben, wie der Knecht Gottes um des Wortes Gottes willen verschmäht, bespiehen und geschlagen wird. Der, dem dies widerfährt, wehrt sich nicht dagegen, sondern lässt es willig geschehen. So wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, bleibt er stumm.

Solche Züge finden sich auch in unserem Predigttext. Darum gilt auch er als Gottesknechtslied.

Weil das Verhalten Jesu ganz dem des Gottesknechts ähnelt, kann man diese Texte als Hinweise auf Jesus verstehen, was dann ja auch die frühe Christengemeinde schon getan hat.

Aber ist mit dem Gottesknecht wirklich Jesus gemeint? Heute ist man sich da nicht mehr so sicher wie damals. Denn es gibt auch Aussagen, die nicht so einfach auf Jesus übertragen werden können. Und das jüdische Volk hat natürlich eigene Interpretationen dieser Texte bereit, die auch ihre Berechtigung haben.

Manche meinen, der Prophet rede von sich selber, andere, er rede vom Volk Israel, und wieder andere, er rede von einer unbekannten Person, die noch kommen wird – vielleicht von Jesus, aber das sei nicht sicher zu sagen.

Auf den Messias möchte man diese Worte aber nicht beziehen, denn der Messias kommt ja als ein Retter und Friedensstifter, indem er die Feinde des Volkes Israel zerschlägt. Der Messias ist eine mächtige Person. Und das passt nicht auf den beschriebenen Gottesknecht.

Dass Jesu Macht in seiner Ohnmacht offenbar wurde, lässt sich für viele Menschen eben nur schwer nachvollziehen.

Jesaja benennt in unserem Predigttext zwei wichtige Eigenschaften des Jüngers oder Gottesknechts: das Reden und das Hören.

Der Jünger bekommt den Auftrag, mit den Müden zu reden. Dazu hat er eine Zunge bekommen. Er soll das nicht nur irgendwann, wann es ihm beliebt, sondern „zur rechten Zeit“ tun. Zu der Gabe der Zunge, mit der er reden, und der Ohren, mit denen er hören kann, gehört also auch die Gabe der Sensibilität. Er muss in der Lage sein, den rechten Zeitpunkt zu erfassen und dann erst zu reden.

Der Jünger soll also mit den Müden reden. Er soll sie ansprechen in ihrer Müdigkeit, er soll sie gewissermaßen wieder aufwecken.

Aber warum bezeichnet Jesaja seine Zuhörer so? Haben sie zu wenig geschlafen, vielleicht so wie wir, weil uns durch die Umstellung auf die Sommerzeit heute nacht eine Stunde weniger Schlaf vergönnt war?

Jesaja beschreibt vor unserem Predigttext, worum es geht.

Da lesen wir nämlich von einer Klage Gottes. Gott klagt darüber, dass sein Volk abtrünnig geworden ist, dass sie sich von ihm abgewendet haben.

„Warum kam ich und niemand war da? Warum rief ich und niemand antwortete?“ (Jes 50, 2), so fragt Gott.

Und dann will er wissen, ob es einen Zweifel geben kann an seiner Fähigkeit, zu erlösen und zu erretten. Und schließlich heißt es unmittelbar vor unserem Textabschnitt:

„Ich kleide den Himmel mit Dunkel und hülle ihn in Trauer.“ (Jes 50, 3)

Gott trauert also um sein Volk, das ihn verlassen hat.

Es scheint, dass die Menschen müde geworden sind, von Gott etwas zu erwarten. Gott ist ihnen gleichgültig geworden. Sie bemühen sich nicht mehr um ihn, sie hören auch nicht mehr auf ihn. Die Worte des Propheten, die Zusagen Gottes, berühren sie nicht, sie hören nicht hin.

Das mag auch einen Grund haben. Immerhin geschieht dies alles in der Zeit des Babylonischen Exils. Die Herrlichkeit Israels ist dahin, das Land liegt wüst da, Jerusalem ist zerstört, die meisten Israeliten, vor allem die Gebildeten und Wohlhabenden, sind ins Ausland verschleppt.

Das politische Ziel der Eroberer war, die Eroberten so zu entwurzeln, dass sie sich letztlich ganz in die Kultur der Eroberer integrieren würden. Und das schien auch bei den Israeliten zu gelingen.

Denn das, wofür es sich noch gelohnt hätte, aufzubegehren, war ja zerstört. Die Stadt Jerusalem und der Tempel lagen in Trümmern. Gott, der Allmächtige, der die Welt erschaffen hatte, hatte sein Heiligtum aufgegeben.

Da kann man sich genauso gut auch mit den Mächtigen arrangieren.

Denn Gott konnte gegen eine solche Macht offenbar nichts ausrichten, sonst hätte er die Eroberung Jerusalems gewiss verhindert. Und nun sagen sie: Sein Arm reicht nicht bis nach Babylon. (Jes 50, 2)

Das ist aber eine Vorstellung, die eher auf die babylonischen Götter passt, als auf den allmächtigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sogar die Naturgewalten auf den Kopf stellen kann. Wieso sollte sein Arm zu kurz geworden sein, um zu erlösen? (Jes 50, 2b)

Aber die Menschen erwarteten nichts mehr von Gott, sie waren des Wartens müde geworden. Auch wenn sie ihr Schicksal hier und dort noch beklagten und vielleicht auch erkannten, dass es eigentlich ja ihr eigenes Versagen war, das sie ins Exil gebracht hatte, so wurden es doch immer weniger, in denen die Sehnsucht nach Rückkehr wach blieb und die sich die Rettung durch Gott erhofften.

Inzwischen waren Kinder geboren, die keine andere Umgebung kannten, denen das Exil, denen Babylon zur Heimat zu werden begann oder schon geworden war. Der Gott Abrahams wurde ihnen immer fremder, die Götter der Babylonier wurden ihnen immer vertrauter.

Gott sah es, und trauerte um sein Volk, das ihn so schnell vergessen konnte.

Wir finden uns in dem Volk Israel wieder mit unseren eigenen Zweifeln und Fragen. Wir erwarten, dass Gott handelt, dass er positiv Einfluss nimmt auf unser Leben. Wir wünschen uns, dass er Unglück ab- oder wenigstens zum Guten wendet.

Aber wenn dieser Wunsch nicht in absehbarer Zeit erfüllt wird, hören wir auf zu warten. Wir rechnen nicht mehr mit dem Handeln Gottes. Wir beginnen, ihn zu vergessen.

Indem wir das tun, missachten wir die Souveränität Gottes. Wir haben keine Geduld. Und wir wollen nicht akzeptieren, dass Gott nicht so handelt, wie wir es erwarten.

Darum wenden wir uns ab, werden müde. Kinder wachsen auf in einer Umgebung, in der sie nichts mehr von Gott erfahren, weil niemand mehr von Gott redet. Weihnachten ist nicht das Fest der Geburt Christi, sondern das Fest der Familie. Ostern ist nicht das Fest der Auferstehung Christi, sondern der Ostereiersuche.

Viele Menschen erwarten nichts mehr von Gott, weil er unsere Erwartungen enttäuscht hat, weil er unseren Wünschen nicht entspricht.

Aber das kann es ja eigentlich nicht sein. Im Grunde können wir nur staunend und dankbar vor Gott stehen, denn er handelt ja nicht so, wie wir es eigentlich verdient hätten.

Er erbarmt sich über uns, er wendet sich nicht von uns ab. Er kann in Segen verwandeln, wo wir nur Schaden angerichtet haben. Er tritt für uns ein, wo wir versagen.

Und wer meint, er brauche das nicht, weil er sich nichts zu schulden habe kommen lassen, der mag sich an die Geschichte von der Ehebrecherin erinnern lassen, in der Jesus die Ankläger mit den Worten auffordert: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“

Es gab niemanden, der ohne Schuld war, und so ist es bis heute. Vor Gott könnte niemand von uns bestehen, wenn es nicht seine Liebe wäre, die unsere Unvollkommenheit überwindet.

Gott bleibt zwar in seinem Handeln für uns unberechenbar – aber nicht im negativen Sinn. Nur dass wir nicht bestimmen können, wie Gott handelt. Er weiß, wie es um uns steht, und er wird tun, was nötig ist, damit wir ihm danken können für sein Tun.

Der Prophet Jesaja ist ein Werkzeug Gottes. Er redet mit den Müden, macht ihnen Mut. Aber er kann das auch nicht aus sich heraus, er muss dazu selbst gestärkt und zugerüstet werden.

„Alle Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“

Es ist der Morgen, an dem der Geist frisch und ausgeruht ist, um das Wort Gottes zu empfangen. Am Morgen spricht Gott zu dem Propheten. Am Morgen lässt er ihn wissen, was nötig ist.

Der Morgen ist auch für uns eine gute Zeit. Nach dem Aufstehen zuerst in der Bibel lesen und beten. Stille Zeit haben. Auf Gott hören.

Jochen Klepper hat dies in einem Lied aufgenommen:

„Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs neue so, wie ein Jünger hört.“ (EG 452, 1-2)

Mit dem Hören geht das Reden Hand in Hand. Denn wir sagen weiter, was wir hören – es ist nicht nur für unsere Ohren bestimmt; wir sind Gesandte Gottes.

Und so sind wir gerufen, die Müden heraus zu holen aus ihrer Hoffnungslosigkeit und ihnen Hoffnung zu schenken mit den Worten, die wir von Gott empfangen.

Dass das Wort Gottes nicht immer gehört wird, erfahren wir allerdings auch. Es kann passieren, dass uns Ablehnung und sogar Hass entgegen schlagen.

Dann gilt, was der Prophet Jesaja beschreibt: Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes 50, 5b-6)

Wir erdulden die Ablehnung und den Spott und hören nicht auf, von Gott zu reden.

Und wenn uns Scheinheiligkeit vorgeworfen wird oder auch Schuld, die in der Kirche geschehen ist, dann gibt es nur eine Antwort: „Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.“ (Jes 50, 8-9)

Der Prophet beruft sich auf Gott. Gott ist auf seiner Seite. Aber die ihn das sagen hörten, werden wieder gelacht haben. Sie werden ihn verspottet und geschlagen haben. Sie werden ihm zugerufen haben:

„Wo ist denn dein Gott? Warum hilft er dir nicht? Von wegen, er ist auf deiner Seite! Und – siehst du uns etwa zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen?“

Nun, sie alle sind nicht mehr; sie sind zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen. Der Glaube aber, der den Propheten getragen hat, der ist geblieben, bis heute.

Als Christen leben wir in der Tradition dieses Glaubens, der weiß, dass er nicht zuschanden wird – nicht vor Gottes Angesicht.

Und darum hören wir auch nicht auf, von ihm zu reden, ganz gleich, wie groß der Hass ist, der uns entgegenschlägt, damit die Müden es hören.

Und wir hören auch nicht auf, danach zu handeln, damit alle es sehen, was Gott dieser Welt zu sagen hat: dass sie nicht verloren ist in ihrer Angst, in ihrer Habgier und Selbstsucht. Denn Gott ist da, sein Arm ist lang genug, um zu erlösen, er ist stark genug, um zu erretten – auch und gerade die, die meinen, dass Gott unbedeutend oder unnötig geworden ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Judica
18. März 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die Israeliten brachen auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. (Num 21, 4-9)

Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns in der Fastenzeit. Die Protestanten nennen diese Zeit gerne Passionszeit, weil sie damit den Gedanken der Werkgerechtigkeit, der früher vor allen Dingen hinter dem Fasten stand, vermeiden wollen.

Dass zwischen dem Fasten und der Gnade Gottes kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, ist heute den meisten Menschen bewusst, auch unseren römisch-katholischen Geschwistern. Das hat dazu geführt, dass immer weniger Menschen das Fasten üben.

Aber dass Verzicht durchaus auch seinen Sinn haben kann, wird heute zunehmend wahrgenommen. Darum gibt es auch auf evangelischer Seite schon seit Jahren die Aktion „Sieben Wochen ohne“, die allerdings wenig mit dem Fasten im herkömmlichen Sinn zu tun hat, wo es ja wesentlich um den Verzicht auf Nahrung ging.

Wer schon einmal gefastet hat, weiß, dass darin etwas Befreiendes liegt. Man löst sich von Zwängen, die einem sonst so selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass man sie gar nicht mehr als Zwänge wahrnimmt. Und doch sind sie da.

Durch das Fasten bekommt man einen anderen Zugang zu sich selbst, denn man löst sich von diesen Zwängen. Und man kann durch das Fasten auch einen neuen Zugang zu Gott bekommen.

Jesus fastete 40 Tage in der Wüste und erlebte dabei nicht nur Gutes: die Versuchungen Satans waren verlockend. Und doch erfuhr er am Ende dieser Zeit, nachdem er den Versuchungen widerstanden hatte, was man vielleicht tatsächlich nur durch das Fasten lernt, wahrzunehmen: die Engel dienten ihm.

Durch das Fasten wird die Seele freier, sie ist nicht mehr so stark an die Erde gebunden, sie ist nicht mehr erdschwer, sondern wird himmelleicht – so könnte man es vielleicht beschreiben. Wenigstens für eine Weile. Denn man kann und soll natürlich nicht ewig fasten. Doch die Erfahrungen, die man im Fasten gemacht hat, bleiben und können Nahrung für die Seele sein, für eine lange Zeit danach.

Von Alters her gilt, dass man an den Sonntagen mit dem Fasten aussetzt. Denn die Sonntage sind Feiertage, an denen wir fröhlich und dankbar sein sollen. Und darum natürlich auch ordentlich essen. Und so kommen wir von Aschermittwoch bis Karsamstag auf insgesamt genau 40 Fastentage in dieser Zeit, die uns zum Osterfest hinführt.

Die 40 ist eine symbolträchtige Zahl. Wir haben es schon gehört: Jesus fastete 40 Tage in der Wüste. Aber die Zahl taucht noch viel öfter an wichtigen Stellen in der Bibel auf:

Vierzig Jahre zog das Volk der Israeliten durch die Wüste. Vierzig Tage war Mose auf dem Berg Sinai, um die 10 Gebote zu empfangen. Vierzig Tage und Nächte wanderte der Prophet Elia zum Berg Horeb. Vierzig Tage dauerte der Regen der Sintflut. Vierzig Tage lag die Stadt Ninive in Sack und Asche, nachdem der Prophet Jona ihr das Gericht Gottes angekündigt hatte. Vierzig Tage lang erschien der auferstandene Christus den Jüngerinnen und Jüngern.

Der Kirchenvater Aurelius Augustinus versteht die Zahl Vierzig als Symbol für das ganze irdische Leben, das ja auch insofern ein Verzicht ist, als wir die Herrlichkeit Gottes nicht wirklich sehen, sondern höchstens erahnen können.

In der Bibel wird die Zahl vierzig fast immer in den Zusammenhang von Buße, innerer Einkehr, Gebet oder Erprobung gestellt.

Die Zahl Vierzig begleitet uns also durch unser Leben hindurch, wir werden jedes Jahr in dieser Zeit vor Ostern an sie erinnert – auch wenn wir es gar nicht so deutlich wahrnehmen.

Fasten – das Volk Israel war in unserem Predigttext offenbar dazu gezwungen. Es gab weder Brot noch Wasser, d.h. die elementarsten Lebensmittel fehlten. Und doch hatten sie eine Speise, aber die war wohl nicht so erquicklich: „ … uns ekelt vor dieser mageren Speise“ (Num 21, 5c).

Gemeint ist das Manna, die Gabe Gottes. Aber diese Gabe Gottes ist eben nur genug zum Leben, es ist nichts wirklich Erquickliches. Keine leckere Tafel Schokolade, kein zartes Stück Kalbsfleisch, kein saftiger Apfel, keine frische Scheibe Brot. Und tagaus, tagein so etwas eigentlich Undefinierbares wie das Manna essen zu müssen, wird wohl allen Menschen auf Dauer wenigstens unangenehm.

Es scheint, als hätten die Israeliten vergessen, dass diese Gabe von Gott kam. Wie sonst könnten sie sagen: „uns ekelt vor dieser mageren Speise“? Missfallen, ja, sogar Verachtung ist aus diesen Worten zu hören. Missfallen am Handeln Gottes.

Er hatte sie aus der Knechtschaft in Ägypten befreit, hatte ihnen durch die zehn Gebote eine neue Lebensordnung gegeben, hatte sie versorgt und hatte ihnen immer wieder zu verstehen gegeben, dass es Konsequenzen haben würde, wenn sie sich von ihm abwendeten.

Und doch fingen sie immer wieder an zu murren: wären wir doch lieber in Ägypten geblieben. Nichts half, immer wieder wollten sie zurück in die Knechtschaft der Ägypter und sich damit von der Führung Gottes lossagen.

Gott hatte sich so sehr bemüht, diesem Volk seine Freiheit zu geben, es zu seinem Volk werden zu lassen: doch es wollte einfach nicht. Ist es da verwunderlich, dass er immer wieder versucht, sie durch Strafaktionen umzuwenden zu ihm hin?

Mir fällt auf, dass wir eigentlich diesen Israeliten ganz nah sind. Gott sorgt für uns, es geht uns sehr gut, auch wenn es uns tatsächlich mitunter besser gehen könnte. Aber niemand muss hungern, es fehlt nichts von dem, was wir zum Leben brauchen.

Und doch sind wir nicht so richtig zufrieden, denn wir neigen dazu, unsere Situation mit der anderer zu vergleichen. Dabei schauen wir stets auf die, denen es besser geht als uns selbst, und meinen, dass es uns auch so gut wie ihnen gehen müsste, oder wenigstens annähernd so gut.

Aber wir vergleichen immer nur mit Äußerlichkeiten. Die wahren Werte nehmen wir nur selten wahr. Und so verlieren diese wahren Werte auch für uns ihren Wert.

Was bedeutet schon die Liebe zum Mitmenschen? Bin ich nicht mir selbst der Nächste? Was bedeutet schon die Liebe zu Gott? Er macht doch sowieso, was er will – da habe ich doch nichts davon?

Gott ließ die Israeliten deutlich spüren, dass sie auf dem Holzweg waren: Feurige Schlangen sandte er unter das Volk, die viele von ihnen töteten. Für solche Strafmaßnahmen haben wir nur wenig Verständnis, aber sie weisen uns im Grunde doch nur darauf hin, dass ein Weg, der von Gott weg führt, tödlich ist.

Und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Am Ende eines Lebens, das sich von Gott losgelöst hat, steht der Tod. Es ist ein leeres Leben. Man mag zwar vieles erreicht haben, vielleicht werden einem sogar Denkmäler gesetzt: aber was hat man schon davon? Tot ist tot! Und so manches Denkmal wurde auch schon wieder abgebaut, so mancher, der meinte, er hätte Bedeutung und wäre wichtig, ist längst vergessen.

In unserem Land werden Waffen hergestellt, mit denen in anderen Ländern Menschen getötet werden – durchaus auch Frauen und Kinder. Während wir Nahrung im Überfluss haben und reichlich davon wegwerfen, verhungern in anderen Teilen der Welt die Menschen.

Und am Ende wartet der Tod auf alle die, die meinen, dass das egal sei – Hauptsache, uns geht es gut.

Demgegenüber steht das Leben in der Gegenwart Gottes, etwas, wovon wir wenig wissen und das uns in diesem Leben nicht mit materiellen Gütern überschüttet, obwohl man manchmal durchaus den Wohlstand als Segen Gottes empfindet – aber es ist eben doch alles vergänglich, es nützt uns nichts mehr, wenn wir gestorben sind.

Der wahre Reichtum liegt darin, dass unsere Seele Frieden findet, der höher ist als alle unsere Vernunft und selbst dann Bestand hat, wenn um uns herum nur Unfriede herrscht. Es ist der Friede, der in der Liebe zum Nächsten und zu Gott seine Wurzeln hat.

Den Israeliten wurde eine eherne Schlange als Zeichen vorgehalten, das sie wieder zum Leben bringen sollte, auch wenn sie von einer der feurigen Schlangen gebissen wurden. Dass das Anschauen dieses Symbols eine solche Wirkung haben kann, können wir uns kaum vorstellen. Aber das hat es auch nicht. Das Symbol weist nämlich auf Gott hin, von dem die lebenspendende Kraft ausgeht.

Aber wie kann eine Schlange ein Symbol Gottes sein? Ist sie nicht von der Schöpfung an das Symbol des Versuchers?

Diese eherne Schlange hat nur eine weisende Funktion. Sie weist darauf hin, dass Gott mitten unter ihnen ist, trotz ihrer fortwährenden Abtrünnigkeit. Es ist das Symbol der Strafe, das zum Heil wird durch Gott selbst.

Auch wir haben solch ein Symbol, das bei vielen Menschen damals, als die Christenheit entstand, aber auch heute, da sich in unserem Land immer mehr Menschen vom Christentum entfernen, immer wieder Unverständnis auslöst: es ist das Symbol des Kreuzes.

Dieses Symbol weist uns hin auf die Strafe für unsere Sünde, es ist das Symbol des Todes. Und zugleich ist es die Tür zu Gott, denn an diesem Symbol erkennen wir, dass Gott die Sünde von uns nimmt, dass er unser Vater sein will und wir seine Kinder sein sollen, dass zwischen Gott und uns die Gnade steht und nicht das Gericht.

Das Kreuz ist, obwohl es das Symbol des Todes ist, doch auch das Symbol der unverbrüchlichen Liebe Gottes.

Wir befinden uns im letzten Drittel der Fastenzeit, in zwei Wochen schon feiern wir das Osterfest. Die Fastenzeit ist ein Weg, der uns mit Jesus in das tiefste Leid führt – doch durch das Leid hindurch auch zur größten Freude. Es ist ein Weg, der dem des Volkes Israel ganz ähnlich ist. Es ist ein Weg der Begegnung mit Gott.

Vielleicht nutzen wir dieses letzte Drittel des Weges, um uns bewusst zu machen, was wichtig ist unserem Leben – und was nicht.

Geben wir uns Gelegenheit, still zu werden und darüber nachzudenken, wo wir die Liebe, mit der Gott uns begegnet, vergessen oder gar missachtet haben.

Vielleicht wird diese Fastenzeit dann für uns eine Zeit der Umkehr und der Erneuerung.

Amen

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Predigt zum Sonntag Reminiscere
25. Februar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5, 1-7)

Liebe Gemeinde!

Der Ort, in dem mein Vater geboren wurde, Grünberg in Schlesien, galt seinerzeit als das nördlichste Weinanbaugebiet. Der Wein soll so sauer gewesen sein, dass selbst der Teufel bei einem Wetttrinken schließlich aufgab, weil ihm der Wein zu sauer war, und die Schlesier fortan in Ruhe ließ.

Es galt also als durchaus mutig, solchen Wein überhaupt anzubauen, und wohl als noch mutiger, ihn zu trinken. Dazu, so meinte der Teufel, müsse man geborener Schlesier sein.

Nun hat Jesaja in unserem Predigttext natürlich nicht an Schlesien gedacht. Er lebte in einem Land, in dem Wein gut gedeihen konnte und durchaus eine angenehme Süße erreichte.

Aber es geht um einen Weinberg, der offenbar saure anstatt süße Früchte hervorbringt, die dann eben nicht dazu taugen, einen guten Wein zu produzieren.

Zweimal hören wir in unserem Predigttext das Wort „Wohlan“, und vielleicht verstehen wir dieses Wort auch noch als eine ermutigende Aufforderung zu etwas, das sich in der Regel als erfreulich erweist:

Wohlan, ich will leben und gute Tage haben. (Pred 2, 1)

Wohlan denn, iss mit Freuden dein Brot und trinke mit frohem Herzen deinen Wein; denn vorlängst hat Gott dieses dein Thun gutgeheißen. (Pred 9, 7)

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! (Jes 55, 1)

Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer! (Jer 22, 14)

Wohlan, laßt uns umkehren zum Herrn! (Hos 6, 1)

Aber nicht immer endet dieses „Wohlan“ in einer hoffnung- und frohmachenden Aufforderung. Es kann auch anders klingen, etwa so:

Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommen wird! (Jak 5, 1)

Wohlan denn, hat euch mein Vater ein schweres Joch aufgeladen, so will ich euer Joch noch drückender machen. (2. Chron 10, 11)

Wohlan. Ein Lied wird gesungen, dessen Melodie wir nicht kennen. Es ist ein Lied von einem Freund und seinem Weinberg.

Der Weinberg scheint dabei seinen eigenen Willen zu bekommen, denn der Freund tut ja alles, was ein Weinberg braucht, damit er gute, süße Trauben hervorbringen kann, doch der Weinberg denkt gar nicht daran, sondern er bringt schlechte Früchte. Er setzt gewissermaßen seinen eigenen Kopf durch.

Die Bürger Jerusalems und die ganze Bevölkerung Judas soll nun Recht sprechen zwischen dem Weinberg und dem Freund, und wir merken schon, dass es hier um mehr geht als nur um einen Weinberg: Es geht um die, die dazu aufgefordert wurden, Recht zu sprechen.

Es ist so wie damals, als der Prophet Natan vor David trat und ihm die Geschichte vom reichen Mann erzählte, der das Schaf des armen Nachbarn nahm und es schlachtete, um das zubereitete Fleisch seinem hohen Gast vorsetzen zu können. Damit provozierte Natan Davids spontanes Urteil gegen den reichen Mann und drehte dann den Spieß um und sagte: Du bist der Mann, der dieses Urteil verdient!

Es scheint, als ob unser Predigttext, dieses Lied vom Freund und seinem Weinberg, genauso wirken soll.

Die Frage, wozu ein Weinberg gut sein soll, der keine guten Früchte bringt, muss eigentlich automatisch mit der Feststellung beantwortet werden, dass er zu nichts taugt. Zwangsläufig wird man aufhören, ihn zu versorgen, man überlässt ihn der Witterung und den Tieren, die ihn sicher schnell zerstören werden.

Man spürt in diesem Lied schon, dass der Weinberg dem Freund am Herzen liegt – es ist fast wie eine enttäuschte Liebe, von der hier die Rede ist.

Und man erwartet eigentlich auf die Frage, was man noch tun soll an dem Weinberg, die Antwort, dass da nichts mehr zu tun ist, dass man ihn aufgeben solle. Aber diese Antwort wird von den Angesprochenen nicht gegeben, sondern von Jesaja selbst.

Und dann kommt, was man eigentlich schon erwarten konnte: Dieser Weinberg ist das Haus Israel, und die Männer Judas, die, die ihr Urteil sprechen sollten, sind die Pflanzung, die nur schlechte Früchte hervorbringt.

Aber damit nicht genug: die letzten Worte, der letzte Satz benennt konkret die „sauren Früchte“, das Schlechte, was von den Männern Judas hervorgeht:

Er, d.h. Gott, wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5, 7b)

Gott erwartet die Einhaltung der 10 Gebote, die jedem Menschen ein Leben ohne Sorge und in Frieden ermöglichen sollen. Er erwartet, dass die Waisen und Witwen, die keinen eigenen Besitz haben, durch die Gemeinschaft versorgt werden. Er erwartet, dass nicht Geld, sondern Fürsorge für die Mitmenschen das Handeln eines jeden bestimmt.

Gott erwartet weiterhin, dass Richter unbestechlich sind, dass sie sich weder von der Macht einer Person noch von Geld in ihrem Urteil beeinflussen lassen.

Ganz offensichtlich werden diese Erwartungen nicht erfüllt. Und eigentlich will Jesaja die Menschen in Juda dazu bringen, selbst diese Erkenntnis zu gewinnen. Und dann könnte endlich wieder ein Rechtsspruch erfolgen, dann könnte das Unrecht benannt und das Recht für die Schwachen in der Gesellschaft wieder aufgerichtet werden.

Wir haben schon festgestellt, dass es in unserem Predigttext allerdings gar nicht zu einem Rechtsspruch kommt. Denn da ist nur Rechtsbruch.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, die wie nie zuvor vom Geld regiert wird. In der Regierung sitzen Vertreter der Wirtschaft, die massiven Druck auf die Regierung ausüben können. Und so werden Gesetze erlassen, die nicht das Interesse der Schwachen in unserer Gesellschaft, sondern das Interesse der Wirtschaft vertreten.

Man kann zwar argumentieren, dass beides miteinander Hand in Hand geht, aber solange es Arbeitsplätze gibt, die einen Menschen im Ruhestand dazu zwingen, staatliche Unterstützung, die so genannte Grundsicherung, zu beantragen, er also trotz lebenslanger Arbeit nur knapp sein Leben fristen kann, ist das kein tragendes Argument. Und doch ist es so.

Das Stichwort Altersarmut entstand vor einigen Jahren, als es plötzlich deutlich wurde: immer mehr Menschen im Ruhestand versorgen sich bei den Tafeln mit Lebensmitteln, weil sie nicht genug Geld haben, um sich mit Nahrung zu versorgen.

Immerhin gibt es diese Möglichkeit, und so könnte man sagen, dass die Fürsorge ja doch da ist. Sie kommt aber nicht von der Allgemeinheit, sondern von einzelnen, hochmotivierten Menschen, die man als die berühmte Ausnahme bezeichnen dürfte, die die Regel bestätigen.

Der Prophet Jesaja legt den Finger auf diese Wunde. Auch er weiß, dass es Ausnahmen gibt, aber mit seiner pauschalen Aussage will er wachrütteln.

Doch scheint das nicht zu funktionieren. Es gibt keine Reaktion seitens der angesprochenen Bevölkerung, und auch da finden wir uns wieder:

Anstatt dass der Staat mehr im sozialen Bereich investiert, zieht er sich immer weiter zurück und zwingt jeden einzelnen Menschen dazu, selbst die Risiken abzusichern, die das Leben so mit sich bringt.

Es scheint, als wolle Jesaja genau dies zum Ausdruck bringen: Seine Kritik stößt auf taube Ohren. Anstatt auf die Vorwürfe zu reagieren, schweigt man lieber, denn jede Reaktion würde ja einem Schuldeingeständnis gleichkommen.

Es geht also letztlich darum, wie wir mit Schuld umgehen. Die Kirche hatte lange Zeit eine Antwort darauf, indem sie das Verhalten Jesu gegenüber Sündern aufnahm und den Menschen die Möglichkeit gab, sich die Vergebung zusprechen zu lassen.

Nun ist in der römisch-katholischen Kirche die Beichte eine mehr oder weniger lästige Pflicht, deren Einhaltung aber kaum mehr überwacht wird. Doch so lästig diese Pflicht sein mag, und so viel Missbrauch damit getrieben wurde, sie hat doch auch etwas Gutes: jeder Mensch muss sich seiner eigenen Schuld bewusst werden und dann auch dazu stellen. Er muss zugeben, dass er schuldig geworden ist, und dafür dann eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung leisten.

Die Protestanten haben die Beichtstühle relativ schnell aus den Kirchen geräumt. Ich habe bisher nur sehr wenige protestantische Kirchen gesehen, in denen ein Beichtstuhl zu sehen ist, der dann allerdings nicht mehr zur Beichte genutzt wird.

Martin Luther hatte die Beichte aber nie abgeschafft, sondern nur um den Teil der Wiedergutmachung gekürzt. Denn das ist ja die Kernbotschaft des Evangeliums, dass wir keine Wiedergutmachung mehr leisten müssen; Gott hat die Wiedergutmachung bereits geleistet durch Jesus Christus.

Aber schuldig werden wir dennoch, und anstatt nun diese Schuld mit sich herum zu schleppen und sich immer wieder einzureden, dass alles gut sei, man im Herzen aber doch keine Ruhe findet, könnte man tatsächlich zu einem anderen Menschen gehen und ihm die Schuld bekennen und von ihm dann den Zuspruch der Vergebung bekommen.

Vorzugsweise ist es natürlich der Mensch, an dem man schuldig wurde, aber wenn das nun nicht möglich ist, dann kann man natürlich auch den Pfarrer oder die Pfarrerin bitten, die Beichte abzunehmen.

Für Martin Luther war dies übrigens so selbstverständlich, dass die Beichte Bestandteil des Kleinen und Großen Katechismus wurde.

Ein römisch-katholischer Kollege sagte mir einmal, dass ein großer Teil der Menschen, die zu ihm kommen, um die Beichte abzulegen, Protestanten sind, und das lässt doch auch erkennen, dass wir Protestanten einen Weg eingeschlagen haben, der uns von Gott entfernt, anstatt zu ihm hin zu führen.

Denn viele Menschen scheinen der Ansicht zu sein, dass sie den Zuspruch der Vergebung nicht brauchen, müssen aber erkennen, dass sie immer neu schuldig und mit dieser Schuld nicht fertig werden.

Gott wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5, 7b)

Der erste Schritt zum Rechtsspruch ist das Bekenntnis der eigenen Schuld. Der erste Schritt zur Gerechtigkeit ist die Erkenntnis der eigenen Fehler.

Gott ist die Liebe. Darum dürfen wir auch auf seine Gnade vertrauen.

Aber es bedarf immer auch unseres Wollens, d.h., wir müssen unsere Schuld eingestehen und um Vergebung bitten. Erst dann kann Gottes Liebe für uns auch wirksam werden, erst dann können wir auch den Zuspruch der Vergebung erlangen. Erst dann kann aus Rechtsbruch ein Rechtsspruch werden.

Amen

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae
4. Februar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

(2. Kor 12, 1-10)

Liebe Gemeinde!

niemand hört gerne einem Angeber zu. Und wie ist es mit dem anderen Extrem? Auch Tiefstapler hat man ja eigentlich nicht gerne um sich.

Stellen wir es uns einmal kurz vor.

Da sind fünf Menschen beieinander beim Kaffeetrinken, und der eine sagt: „Ich habe kürzlich dem Bürgermeister die Hand geschüttelt“. Sagt der nächste: „Das ist noch gar nichts. Ich habe vor zwei Tagen mit Siegmar Gabriel gesprochen.“ Und der dritte: „Als ich vor einem Monat in Berlin war, ist mir doch glatt Angela Merkel über den Weg gelaufen. Sie hielt an, streckte mir die Hand entgegen und sagte: Schön, dass ich Sie mal wiedersehe, Herr Meier!“

Irgendwann wird es tatsächlich etwas unglaubwürdig. Aber es gibt Menschen, die stört das nicht weiter, sondern lügen das Blaue vom Himmel herunter, nur damit sie im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Mit solchen Menschen hatten es die Menschen in Korinth damals zu tun bekommen. Ob sie gelogen haben, wissen wir nicht, aber es fiel schon auf, dass sie sich immer wieder ihrer besonderen Leistungen oder Fähigkeiten rühmten und damit ordentlich angaben.

„Ich habe gestern einen bösen Geist ausgetrieben“, hieß es da wohl, und ein anderer sagte vielleicht: „Ich habe einen Kranken geheilt!“ Wieder ein anderer mag gesagt haben: „Gott ist mir erschienen und hat mir den Auftrag gegeben, Euch zur Buße zu rufen!“

Sie alle hinterließen mit solchen Aussagen natürlich einen nachhaltigen Eindruck. Wer möchte nicht mit einem Wunderheiler befreundet sein, und wer möchte nicht gerne jemanden hören, der mit Gott redet.

Gut, heute würde man solche Aussagen wohl gleich in die Lügenschublade packen und sich müde lächelnd abwenden. Denn für uns aufgeklärte Menschen ist es doch eher unwahrscheinlich, dass Wunder geschehen. Und wer will schon überprüfen, ob da wirklich Gott geredet hat? Das muss doch erst einmal bewiesen werden!

Aber damals war das anders. Man traute es den Menschen zu, Wunder zu vollbringen, auch wenn es nicht immer Wunder waren. Und auch dass Gott mit den Menschen redete, lag immer im Bereich des Möglichen. Warum sollte es denn nicht Propheten geben? Gott hatte schon immer in den vergangenen Jahrhunderten Propheten berufen, warum also nicht auch heute?

Die Korinther nahmen darum solche Aussagen ernst, denn sie trauten Gott zu, dass er auf diese Weise unter den Menschen wirkt.

Und so erhielten die, die damit prahlten, viel Aufmerksamkeit.

Paulus sah das und war traurig, dass die Korinther sogleich auf solche Prahlerei reagierten. Denn er wusste, dass Manches davon sicher an den Haaren herbeigezogen war.

Vor allem aber störte ihn das „Ich“ in diesen Aussagen. Wenn durch Menschen Wunder geschehen, dann ist das immer Gottes Werk. Wenn man also davon erzählt, dann bitte schön wenigstens so: „Gott hat gestern einen Kranken geheilt!“ oder „Gott hat einen bösen Geist ausgetrieben.“

Nun wollte Paulus den Korinthern deutlich machen, was da nicht stimmt. Aber wie sollte er das machen?

Er tut das Gleiche wie seine Nebenbuhler, die dort in Korinth vor Ort sind, während er umher reist und neue Gemeinden gründet oder die besucht, die er schon gegründet hat.

Paulus rühmt sich also. Er prahlt, er gibt an.

Aber dann ist es doch nichts an ihm selber, das er rühmt, sondern er redet von einem anderen Menschen.

Dieser Mensch wurde von Gott entrückt und konnte wunderbare Dinge sehen, so schreibt er.

Die Entrückung in den dritten Himmel, von der Paulus da schreibt, mag uns etwas befremdlich erscheinen. In der antiken Welt gab es die Vorstellung, dass es sieben Himmel gäbe, und wir kennen ja auch heute noch die Redewendung: „Ich fühle mich wie im siebten Himmel.“ Jeder Himmel bringt einen der Herrlichkeit Gott etwas näher.

Paulus lässt durchblicken, dass es sich bei dem Menschen, von dem er da erzählt, eigentlich um ihn selber handelt.

Aber das sagt er nicht ausdrücklich, sondern betont: „Für mich selbst will ich mich nicht rühmen.“

Denn an ihm selbst ist nichts Rühmenswertes. Er ist ein Schwächling, so würde er sich am liebsten selber beschreiben.

Aber wie ist das mit den Schwächlingen? Mit denen wollen wir uns doch auch nicht gerne abgeben. Falsche Demut, Unterwürfigkeit, oder einfach nur die Betonung körperlicher Einschränkungen, um nur ja nicht mit anpacken zu müssen; das stößt uns doch auch ab.

Wir mögen weder Hoch- noch Tiefstapler.

Aber in genau dieses Terrain begibt sich Paulus und zeigt damit die Absurdität von beidem auf. Es nützt nichts, weder das eine noch das andere. Und darum hat er auch vierzehn Jahre lang nicht davon erzählt.

Denn es verändert höchstens die Sichtweise der Menschen. Sie schauen anders auf ihn, vielleicht staunend, vielleicht bemitleidend, vielleicht bewundernd, vielleicht verachtend. Deswegen hätte er vermutlich besser gar nichts davon geschrieben.

Aber er will den Kontrast setzen zu den Angebern, die sich da in Korinth aufhalten. Er will sagen: das hätte ich auch längst getan haben können, aber ich brauche es nicht, denn das Wesentliche ist doch etwas ganz anderes.

Und um das zu verdeutlichen, beschreibt oder besser umschreibt er sein Handicap, das ihn schon lange quält und ihm Schmerzen bereitet. Der Engel Satans, so schreibt er, schlägt ihn mit Fäusten. Damit bringt er zum Ausdruck, dass sein Körper durch irgendeine nicht näher bezeichnete Krankheit, die ihm dazu noch beständig Schmerzen verursacht, eingeschränkt ist.

Viele haben gerätselt, welche Krankheit er wohl damit gemeint haben könnte. Doch das bleibt offen. Wir wissen nur, dass er krank war. Er flehte zu Gott, dreimal, dass er die Schmerzen und die Krankheit von ihm nehme, denn Paulus sah in ihr ein Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums.

Wie oft wünschen sich Menschen das wohl? Wie oft bitten sie Gott: lass mich wieder gesund werden? Und wie oft wurden sie enttäuscht?

Paulus aber ist nicht enttäuscht worden. Aber er ist auch nicht geheilt worden. Im Gegenteil: der Engel Satans schlägt ihn nach wie vor mit Fäusten.

Aber er hat eine Antwort von Gott bekommen auf seine Gebete:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich lerne aus diesem Verhalten des Paulus zunächst einmal, wie man richtig betet:

Es macht wenig Sinn, Gott mit seinen Anliegen auf die Nerven zu gehen. Man muss die gleiche Sache nicht hundertmal vor Gott bringen. Einmal genügt schon.

Paulus betont darum dieses „dreimal“, weil er selbst das schon viel findet. Er rechnet normalerweise schon nach dem ersten Mal mit einer Reaktion Gottes, denn er weiß, dass Gott nicht vergesslich ist, und dass er unsere Gebete erhört.

Außerdem lerne ich, dass die Antwort, die Gott auf unsere Gebete gibt, nicht zwingend unserem Anliegen entspricht. Gott hat manchmal Wege für uns, die wir uns vielleicht gar nicht vorstellen können oder wollen.

Und Paulus ist klar geworden: diese Krankheit zeigt mir, dass ich nicht überheblich werden darf. Es ist nicht mein Verdienst, es ist nicht meine Kraft, durch die so wunderbare Dinge geschehen, wenn ich im Namen Jesu rede und handele. Es ist allein Gottes Verdienst.

Und so nimmt er die Krankheit hin und lässt es mit dem Beten genug sein. Denn er weiß, dass Gott ihm nahe ist, auch in dieser Krankheit. Er nimmt sie aus Gottes Hand.

Das ist ja eine Frage, die uns immer wieder bewegt, wenn uns ein schweres Leid überfällt: entweder vermuten wir, dass es eine Strafe ist, oder wir halten es für eine Versuchung, aber wir sehen es immer als etwas Falsches an, etwas, das eigentlich nicht sein dürfte.

Dabei gebraucht Gott auch das Leid, um uns auf den rechten Weg zu führen. Manchmal dauert es, bis wir das erkennen. Aber wenn wir uns Gott anvertrauen, auch mit unserem Leid, dann wird er uns auch eine Antwort geben, so wie Paulus eine Antwort bekommen hat:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor 12, 9a)

„Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Kor 12, 9a)

Gottes Gnade ist genug. Wie hätte Paulus je daran zweifeln können? Wie könnten wir daran zweifeln? Und seine Gnade erweist sich eben nicht darin, dass wir ein perfektes Leben führen können, dass unsere Kräfte immer vollständig verfügbar sind und dass wir uns immer und stets bester Gesundheit erfreuen.

Gottes Gnade erweist sich vielmehr darin, dass er uns unsere Schuld vergibt, dass er all das von uns nimmt, was uns von ihm trennt.

Lass dir an meiner Gnade genügen – mehr brauchst du nicht. Auch wenn Du Schmerzen leidest, wenn dein Körper schwach geworden ist, wenn Du dem Tod in die Augen siehst: die Gnade Gottes ist alles, was du brauchst. Und die ist dir durch die Taufe zugesagt.

Und nun wird die Schwachheit gewissermaßen zum Vehikel der Kraft Gottes. Wer seine eigene Schwachheit annimmt, spürt, wie Gottes Kraft durch ihn hindurch wirksam wird.

Ich denke da an meine Mutter, die, schon bevor sie krank wurde, viele Menschen mit ihrem tiefen Glauben beeindruckte. Als sie krank wurde, hat sie diese Krankheit aus der Hand Gottes angenommen. Sie hat Briefe geschrieben, und manche Zimmergenossen haben später dankbar von den tröstenden Gesprächen erzählt, die sie mit ihnen geführt hatte. Dabei war ihre Krankheit so selten, dass die Ärzte nicht wussten, wie sie sie behandeln sollten. Nach einem halben Jahr in verschiedenen Krankenhäusern starb sie, nicht ohne tiefe Spuren in den Herzen vieler Menschen zu hinterlassen.

Gottes Kraft war in ihr mächtig. Und so gibt es viele Menschen, die ihr Leid aus Gottes Hand annehmen und darum trotz allem sein Lob verkünden können. Denn sie resignieren nicht, sondern wissen sich eingebunden in den Heilsplan Gottes. Sie haben trotz aller Schwachheit ihren Platz im Reich Gottes und können darum auch in der Trübsal fröhlich sein.

Die Krankheit oder das Leid steht nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens solcher Menschen, sondern die Gnade Gottes, die dann auch wirksam wird durch sie.

So können auch wir leben, auch in Krankheit, auch im Elend, auch in Not. Denn das Ziel unseres Lebens ist nicht Gesundheit oder Wohlstand oder Erfolg, sondern die Gemeinschaft mit Gott. Und die können wir immer erfahren, ganz gleich, wie es uns körperlich gehen mag.

Und wenn wir in Gott sind, dann wird auch seine Kraft durch uns wirksam werden. Nicht zu unserem Lob, sondern zu seinem Lob.

So schenke uns Gott die Einsicht, seine Gnade anzunehmen und sie uns genug sein zu lassen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Septuagesimae
28. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR. Amen

(Jer 9, 22-23)

Liebe Gemeinde!

Weisheit, Stärke und Reichtum – damit ließe es sich doch leben. Wer weise ist, weiß Rat, wenn es mal nicht weitergeht, und kennt Mittel und Wege, Hindernisse zu überwinden. Weise Menschen fragt man gerne um Rat, weil das, was sie sagen, Hand und Fuß hat.

Wer stark ist, braucht keine Hilfe von anderen. Er kann sich selber helfen. Mit seiner Kraft kann er so ziemlich alles schaffen, was es zu schaffen gilt.

Und wer reich ist, kann andere für sich arbeiten lassen. Er braucht nicht stark zu sein und auch nicht weise, denn er kann Starke und Weise beauftragen, die Aufgaben, die sich ihm stellen, zu bewältigen. Mit seinem Reichtum bezahlt er sie für ihre Leistungen.

Die Kombination aus allen dreien müsste jedenfalls ein Idealzustand sein, mit dem es sich gut, ja, sehr gut leben lässt.

Dem widerspricht das Wort des Propheten auch nicht, eher im Gegenteil. Diese Eigenschaften werden ohne Wertung in den Raum gestellt, sie sind da, denn es gibt Weise, Starke und Reiche und dann auch sicher solche, die wenigstens zwei dieser Eigenschaften haben.

Dem Propheten geht es nun darum, wie wir mit diesen Eigenschaften umgehen.

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

In der Regel sprechen diese Eigenschaften ja für sich. Wer Weise ist, der braucht das nicht hinauszuposaunen.

Wer stark ist, muss nicht laufend Parkbänke stemmen, damit alle sehen, wie stark er ist.

Und Reiche müssen nicht mit einem 50 Euro Schein ihre Zigarette anzünden, um allen zu zeigen, wie reich sie sind.

Man weiß, dass Menschen solche Eigenschaften haben, weil es sich herumspricht, und wenn das nicht reicht, dann sorgen die Medien für den nötigen Bekanntheitsgrad.

Weisheit scheint dabei allerdings dann doch außen vor zu bleiben, aber das scheint auch nur so. Die meisten Zeitschriften und Tageszeitungen haben ihre Kolumnen, in denen irgend jemand mit guten Tipps – eben Weisheit – dazu verhelfen will, das Leben einfacher und angenehmer zu gestalten. Und im Fernsehen gibt es auf nahezu jedem Kanal irgendwelche Ratgebersendungen, in denen man noch etwas Neues lernen kann, angefangen beim Kochen bis hin zur Eheberatung. Dass die Weisheit, die hier weitergegeben wird, in der Regel nicht von denen stammt, die sie vermitteln, wird dabei allerdings häufiger übersehen.

Starke Menschen finden man in der Regel im Sportteil. Sport treiben viele Menschen, aber natürlich bekommen nur die Spitzensportler einen Platz in den Medien. Damit kann man ja auch Geld verdienen – wenn man sich zum Werbeträger einer Firma machen lässt, die einem dann den Lebensunterhalt auf Jahre hinaus oder gar bis zum Lebensende sichert.

Und Reichtum: die Nachrichten von den Reichen, die sich um die Belange der Armen und Unterdrückten kümmern, häufen sich in letzter Zeit. Hier sorgen die Reichen dann aber selber für die positive Öffentlichkeitswirkung, indem sie eine Stiftung gründen oder ein paar hunderttausend oder gar Millionen Dollar oder Euro für eine Organisation stiften, die sie selber gegründet haben und die natürlich nicht nur aus purer Selbstlosigkeit entstanden ist.

Immerhin kann man so den Neidern den Wind aus den Segeln nehmen, und es mindert die Steuern, wenn man etwas Gutes tut. Unabhängig davon gibt es genug Klatschblätter und -sendungen, die sich mit dem Leben der sogenannten Prominenz befassen.

Letztlich hat es aber doch jeder selbst in der Hand, wie und ob die Eigenschaften propagiert werden. Denn man muss seine Weisheiten nicht an Zeitungen oder Fernsehsender verkaufen. Man muss nicht seine körperliche Stärke nutzen, um als Werbeträger Geld zu machen. Und man muss nicht seine Wohltätigkeit dazu nutzen, um sein öffentliches Profil zu verbessern.

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

So weit, so gut. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns dort gar nicht einreihen. Eher im Gegenteil: Demut ist ja schon immer eine christliche Tugend gewesen, und falls sich dann doch jemand seiner Weisheit, seiner Stärke oder seines Reichtums bewusst ist, dann wird er dies nicht hinausposaunen – nicht in unserer Gemeinde.

Unser Predigtext hat aber noch einen weiteren Satz, den ich noch einmal ins Gedächtnis rufen möchte:

Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Klugheit und Weisheit – die beiden liegen ja eigentlich dicht beieinander. Aber Klugheit ist doch etwas anderes: es ist das Wissen, das man sich anliest oder von anderen vermittelt bekommt. Weisheit ist hingegen das Wissen, das man durch Erfahrung erwirbt. Deswegen sind ja meist auch nur alte Menschen weise, denn nur sie können aus dem großen Erfahrungsschatz ihres Lebens schöpfen.

Unser Predigttext redet aber von einer Klugheit, die man sich nicht anlesen kann, die einem auch nicht durch andere vermittelt wird. Klug sein bedeutet hiernach, den Herrn, also Gott, zu kennen. Und gerade das ist ja etwas, was nur durch Erfahrung möglich ist.

Klugheit wird durch dieses Wort des Propheten mit einem anderen Sinn belegt, als wir es üblicherweise kennen. Dadurch, dass Klug sein mit der Kenntnis Gottes, des HERRN, verbunden wird, wird zugleich unser Verständnis von Klugheit in Frage gestellt:

Man gibt sich heute ja als aufgeklärter Mensch, das Reden von Gott und noch mehr der Glaube an Gott gehören demnach in die Mottenkiste. Klug ist, wer sich auf das, was sich beweisen lässt, beschränkt, und damit aufhört, Gott zu kennen.

Aber ist wirklich der klug, der aufhört, Gott zu kennen? Wie weit kommt man mit seiner Klugheit, wenn man Gott nicht mehr kennt? Wir haben es in der Geschichte der Menschheit immer wieder erlebt, was passiert, wenn man aufhört, Gott zu kennen – den Gott Israels, den Gott, dessen Wort durch den Propheten Jeremia verkündigt wird.

Sicher, wir haben es weit gebracht mit unserer Klugheit – nur glücklicher ist die Menschheit, so scheint es mir, dabei nicht geworden. Denn auf ihrem Weg der intellektuellen Klugheit hat sie Gott verloren.

Kluge Menschen haben es einmal so formuliert: Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben. Mit anderen Worten: wir haben mittlerweile die Generation vor uns, die von Eltern erzogen werden oder wurden, die von Gott nichts mehr weiß, die Gott vergessen haben.

Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben. Und wenn es so weit ist, dann haben wir auch die Gabe Gottes verloren, nämlich das ewige Leben.

Aber der Predigttext hat noch eine Besonderheit zu bieten. Ich lese ihn noch einmal vor:

So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin,
der Barmherzigkeit,
Recht und
Gerechtigkeit
übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Man kann dieses Wort des Herrn in zwei Teile teilen, und wenn man das tut, dann erkennt man auch, dass in jedem Teil drei Dinge genannt werden, die man miteinander verbinden kann:

  • Weisheit und Barmherzigkeit
  • Stärke und Recht
  • Reichtum und Gerechtigkeit

Und daraus ergibt sich dann auch ein neues Verständnis für die Eigenschaften Weisheit, Stärke und Reichtum:

Weisheit und Barmherzigkeit: Wenn die Weisheit des Menschen und Gottes Barmherzigkeit Hand in Hand gehen, dann kann es nicht mehr nur darum gehen, das Wissen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vergrößern, sondern es wird dann Grenzen geben, die wir um dieser Barmherzigkeit willen nicht überschreiten.

Barmherzigkeit lässt uns das Verlangen nach mehr Wissen immer neu überprüfen. Was lässt sich verantworten? Gibt es nicht doch einen Punkt, an dem Forschung ein Ende haben muss? Wie tief dürfen unsere Eingriffe in die Schöpfung Gottes reichen? Wie sehr kann unser Wissen zur Existenzbedrohung anderer Völker werden – und damit letztlich auch zur Bedrohung unserer eigenen Existenz?

Stärke und Recht: Es ist das Gesetz des Dschungels, dass der Stärkere im Recht ist. Wer stärker ist, hat das Sagen, der Schwächere verliert zwangsläufig.

Dieses Gesetz lässt sich durchaus auch generell auf die Menschheit übertragen. Wer nicht bereit ist, Konkurrenten mit der Kraft seiner Ellbogen aus dem Rennen zu werfen, wird in der Regel selbst aus der Bahn fliegen.

In unserem Predigttext trifft diese Stärke nun auf Gottes Recht. Da kann es nicht mehr ein Dschungelgesetz sein, das die Verhältnisse regelt. Sondern der Starke schafft dem Schwachen Recht. So gehören die beiden zusammen, so soll Stärke zum Einsatz kommen, indem sie anderen Menschen, nämlich den Schwächeren, hilft.

Reichtum und Gerechtigkeit: Mit dem Reichtum ist es merkwürdig: je mehr man hat, desto mehr scheint man davon zu brauchen. Nie hat man das Gefühl, dass es genug ist. Man sieht sich in Konkurrenz zu den anderen, ebenfalls Reichen, und müht sich, ihnen gegenüber herauszustechen.

Wenn der Reichtum des Menschen und die Gerechtigkeit Gottes zusammentreffen, dann ändert sich das schlagartig. Man sieht nicht mehr seinen eigenen Reichtum im Verhältnis zu anderen, die auf ähnlichem Niveau stehen, sondern man sieht sich im Verhältnis zu denen, die ihr Leben mit einem Minimum fristen müssen, das oftmals noch nicht einmal ausreicht, um genug Essen für den nächsten Tag zu beschaffen. Man erkennt seinen eigenen Überfluss und die Möglichkeit, dass man abgeben kann, nicht nur einen kleinen Bruchteil seines Reichtums, sondern so viel, dass man selbst nur noch einen kleinen Bruchteil seines Reichtums behält.

So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin,
der Barmherzigkeit,
Recht und
Gerechtigkeit
übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Amen

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Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias
21. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offb 1, 9-18)

Liebe Gemeinde!

„Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus“ – was für eine Anrede! Mich beeindruckt, wie der Seher mit wenigen Worten so viel zum Ausdruck bringt. Solch einen Menschen wünscht man sich an seine Seite.

Bruder – das ist er ja eigentlich nicht, zumindest nicht nach dem Fleisch, mal ganz abgesehen davon, dass er vor fast zweitausend Jahren gelebt hat. Aber er ist und bleibt Bruder, weil er ein Kind Gottes ist, und vor allem, weil er sich selbst als Kind Gottes sieht, so wie wir uns durch die Taufe auch als Kinder Gottes sehen dürfen. Auf diese Weise sind wir miteinander verwandt, auch über die Zeit hinweg.

Mitgenosse an der Bedrängnis – er sitzt auf einer Insel, was soll er denn Bedrängnis leiden? Nun, die Insel ist klein und hat nur wenig Vegetation, es ist dort ein spärliches Leben. Und so viel wir von Johannes wissen, war er dorthin verbannt worden, die Insel war sein Gefängnis.

Er schreibt ja, dass er um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus auf dieser Insel war. Das ist Bedrängnis. Er fühlt mit seinen Glaubensgenossen, die allerdings noch ganz andere Formen der Bedrängnis erleiden. Er ist Mitgenosse an der Bedrängnis, weil er mitleidet, wenigstens im Geist.

Mitgenosse am Reich – in einem Atemzug mit der Bedrängnis ist da plötzlich vom Reich die Rede. Gemeint ist natürlich das Reich Gottes. Ich stelle mir vor, was Johannes am Ende über das himmlische Jerusalem schreibt: „Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ Das ist das Reich, das ganz im Gegensatz steht zur eben noch genannten Bedrängnis. Freiheit, die weit über räumliche Freiheit hinausgeht; Freiheit von allem, was uns bedrängt, was uns Angst macht. Mitgenosse am Reich.

Und schließlich:

Mitgenosse an der Geduld in Jesus – hier verbinden sich die beiden Gegensätze, Bedrängnis und die Freiheit des Reiches Gottes. In Jesus wurde beides offenbar: das Leid menschlicher Existenz genauso wie seine Überwindung. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Ganz nah! Habt nur ein wenig Geduld. Geduld in Jesus.

Ist es nicht doch schon sehr lang geworden, mag man fragen – immerhin zweitausend Jahre!?

Aber was sind schon zweitausend Jahre? „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache“ (Ps 90, 4), so heißt es im 90. Psalm, und wenn man spitzfindig sein will, so kann man daraus schließen, dass für Gott seither mal gerade zwei Tage und Nächte verstrichen sind. Was ist das schon? Habt nur ein wenig Geduld.

Ja, der Johannes wirkt allein durch diese kurze Vorstellung schon sympathisch, auch wenn sein Buch der Offenbarung einem manchmal wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint.

Hier, am Anfang seines Buches, schreibt er davon, wie er am Tag des Herrn, also einem Sonntag, vom Geist ergriffen wurde und all das sah, was Menschen über die Jahrhunderte immer wieder auf’s Neue bewegt hat.

Was, wenn er es für sich behalten hätte? Aber die Verbreitung dessen, was er sieht, gehört ja zu seinem Auftrag, der jetzt an ihn ergeht: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden …“

Johannes sieht etwas – er halluziniert, würden die meisten Menschen heute wohl sagen. Es ist ein Hirngespinst, etwas, das das Gehirn hervorbringt, weil die Schaltkreise darin nicht ganz richtig funktionieren. Aber ist das wirklich so? Und selbst wenn es so wäre: diese Visionen haben nicht nur Menschen bewegt, sie haben auch unzähligen Menschen in schweren Situationen geholfen, sie haben ermutigt, sie haben Hoffnung gemacht, sie haben neue Wege eröffnet. Sollte das nicht ein Geschenk Gottes sein?

Und überhaupt: ist nicht alles, was mit uns geschieht, letztlich doch inbegriffen in den großen Plan, den Gott für seine Schöpfung hat? Liegt nicht alles in seiner Hand?

Am Anfang hört Johannes nur eine Stimme. Er hätte sich die Ohren zuhalten können, er hätte weggehen können, aber er will wissen, wer da zu ihm redet.

Was er sieht, nachdem er sich umwandte, ist nicht nur diese Gestalt, die er dann zu beschreiben versucht – es ist der Plan Gottes, der sich da vor ihm ausbreitet, wenn auch nur in Bildern, die eher andeuten als beschreiben.

Dass er sich umwenden muss, um sehen zu können, mag eine Bedeutung haben. Es weist vielleicht darauf hin, dass die Anrede Gottes nicht immer direkt erfolgt, dass sie eine Antwort erfordert, auch wenn diese Antwort nur eine halbe Umdrehung ist; wenn Gott uns anruft, dann ist es an uns, uns nach ihm auszurichten, hinzuhören und hinzuschauen.

Erst dann, wenn wir reagieren, können wir auch einen Blick hineinwerfen in das Reich Gottes, das uns doch schon so nahe gekommen ist.

Das Bild, das sich vor Johannes’ Augen aufbaut, wirkt sehr konkret. Es ist, als hätte man alles hinter ihm wie ein Bühnenbild aufgestellt, und jetzt muss er nur noch beschreiben, was er da zu sehen bekommt.

Oder befand er sich vielleicht in einer Kirche? Aber damals gab es noch keine Kirchen, und was es auf der Insel Patmos an Gebäuden gab, war wohl eher spärlich und wenig eindrucksvoll.

Dieses Bild aber: es ist überwältigend. Wenn Johannes in einer Kammer gesessen hat, dann öffnet sich diese Kammer jetzt in unendlicher Weite. Die Herrlichkeit Gottes strahlt durch diese Schilderung hindurch.

Ganz nebenbei, so scheint es, wird mit Hilfe der Symbolik noch so manches andere vermittelt, was sich uns heute nicht ohne Weiteres erschließt. Die Menschen damals lebten mit solchen Symbolen und konnten darum auch sogleich etwas damit verbinden.

Sieben Leuchter: da gibt es den Bezug zu den zuvor genannten sieben Gemeinden. Warum eigentlich sieben Gemeinden, warum gerade diese sieben Gemeinden?

Die Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, der Fülle, aber sie setzt sich auch zusammen aus der vier und der drei, der Zahl der Schöpfung und der Zahl Gottes, stellt also eine Verbindung her zwischen Gott und seiner Schöpfung.

Die Sieben weist gerade in der Bibel hin auf das neue Zeitalter, das mit Jesus Christus angebrochen ist. Während zuvor die Menschen durch ihre Hybris, ihr „Wie-Gott-Sein-Wollen“, von Gott getrennt lebten und nur vergeblich versuchen konnten, die ursprünglich gewollte Verbindung zu Gott wieder herzustellen, hat jetzt Gott selbst diesen Schritt unternommen und breitet seine Arme aus, anstatt sie abwehrend zu verschränken.

Die sieben Gemeinden weisen durch ihre Zahl auf dieses neue Zeitalter hin, auf die Verbindung zwischen Schöpfer und Schöpfung. Es geht nicht um eine Beschränkung der Offenbarung auf einen kleinen Kreis der christlichen Gemeinden, denn die Sieben ist die Zahl der Fülle, der Vollkommenheit, und meint die ganze christliche Kirche in ihrer Vielfalt.

Dazu kommt: Wenn man die Gemeinden auf der Landkarte miteinander verbindet, gewinnt man den Eindruck eines Dreiecks, das das Symbol der Trinität ist und wiederum auf Gott hinweist – die Verbindung der christlichen Gemeinde untereinander stellt gewissermaßen die Verbindung zu Gott her.

Die Sieben spielt für die Offenbarung immer wieder eine wichtige Rolle, und sie taucht ja auch in dieser ersten Vision noch einmal auf, wenn von den sieben Sternen in der Hand des Menschensohnes die Rede ist. Insgesamt haben wir es in unserem kurzen Predigttext schon dreimal mit der Sieben zu tun!

Aus dem Mund des Menschensohnes geht ein Schwert hervor, zweischneidig und scharf. Das weist auf die Kraft seiner Worte hin. Sie haben trennende Wirkung: da gibt es die einen, die darauf hören und sich danach richten, und da gibt es die anderen, die mit seinen Worten nichts anfangen können und auch nichts anfangen wollen.

Das Wort dieses Menschensohnes kann auch vernichtend sein. Das Bild von zweischneidigen Schwert weist auf das Gericht Gottes hin, das das endgültige Ende des alten Zeitalters darstellt.

Johannes ist von dieser Erscheinung überwältigt und fällt nieder vor seine Füße – Zeichen äußerster Demut. Wie anders soll er auch auf die Begegnung mit dem Allmächtigen reagieren?

Was dann folgt, finde ich spannend: Es ist nicht nur ein Wort, das den Propheten wieder aufrichtet. Der, den Johannes mit einem Menschensohn vergleicht, legt seine rechte Hand auf ihn.

Mir fällt hier die Berührung als ein wichtiges Element der Begegnung auf. Es ist die beruhigende Hand der Mutter, die dem verängstigten Kind das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Es ist die Hand des Vertrauens, die sich dem anderen öffnet und damit anzeigt: du brauchst keine Angst zu haben, ich komme zu dir in Frieden.

Wenn Gott dem Menschen begegnet, dann ist es manchmal solch eine Berührung, die uns aufmerksam werden lässt. Wir werden angerührt von der Hand des Engels, einer guten Hand, die uns den Frieden verkündigt.

„Fürchte dich nicht!“ (Offb 1, 17), das sind die ersten Worte nach dieser Berührung, Worte, die schon so oft aus dem Mund Jesu hervorgegangen waren, weil die Jüngerinnen und Jünger es einfach nicht begreifen konnten, wenn die Majestät Gottes in Jesus sichtbar wurde.

„Fürchte dich nicht!“, denn Gott will bei uns wohnen. Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!

Und dann erst folgt die Erklärung dieses Bildes, obwohl wir es längst erkannt haben: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb, 1, 17-18)

Fürchte dich nicht, ich bin’s, ich war tot, doch ich lebe und habe dem Tod und der Hölle die Macht genommen! Jetzt kann kommen was will: ich habe den Sieg bereits errungen!

Das ist der Trost des Evangeliums! Denn der Tod ist überwunden, er hat keine Macht mehr. Darum: Fürchte dich nicht!

In der Feier des Abendmahls ist es uns geschenkt, dass wir dieses Bild gewissermaßen in uns aufnehmen. Der Erste und der Letzte und der Lebendige schenkt sich uns in den Gaben von Brot und Traubensaft.

Mögen wir das heilsame Handeln Gottes in und an uns erfahren.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
7. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22.23): «Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!» (1. Kor 1, 26-31)

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie noch das heitere Beruferaten mit Robert Lembke? Ich habe diese Sendung in meiner Jugend genossen. Der Gast machte eine Geste mit der Hand, die er in seiner beruflichen Tätigkeit häufiger ausübte, und dann ging das Fragen los, wobei man oft über die Formulierung der Fragen schmunzeln musste.

5 Mark bekam der Gast für jede Frage, die mit Nein beantwortet wurde, in sein „Schweinderl“. Nach 10 Fragen, die mit „Nein“ beantwortet wurden, war dann Schluss. Mit mehr als 50 Mark ging der Gast also nicht nach Hause. Aber darauf kam es ja nicht an, sondern es ging um den Beruf dieses Menschen.

Und das war eigentlich neben den Fragen das Schönste an dieser Fernsehshow, den Beruf des Gastes kennen zu lernen. Der wurde dann nämlich in einem kurzen Film vorgestellt. Und oft kannte man diesen Beruf bis dahin noch gar nicht.

Wie kommt man zu seinem Beruf? Heutzutage ist es in der Regel so, dass man noch als Schüler zur Berufsberatung geht, die nach verschiedenen Tests und Befragungen Empfehlungen ausspricht. Letztlich aber entscheidet man selbst, welchen Beruf man erlernen möchte.

Doch dabei bleibt es nicht. Nach der Ausbildung ist es ja heutzutage längst nicht mehr sicher, ob man auch in den ausbildenden Betrieb übernommen wird. Manche wollen sich ohnehin noch weiterbilden und spezialisieren.

Andere aber fangen ihre Karriere mit der Arbeitssuche an. Und manchmal muss man feststellen, dass der Beruf, für den man sich ausbilden ließ, keine wirklichen Zukunftschancen hat.

Dann sucht man sich eine Stelle, in der man mit der Ausbildung, die man hinter sich gebracht hat, halbwegs zurecht kommt, oder man muss sich umschulen lassen.

Während man früher sein ganzes Leben im erlernten Beruf und in der gleichen Firma arbeitete, wechselt man heutzutage zumindest den Arbeitgeber öfter, häufig ändert sich auch die berufliche Tätigkeit.

Das, was man als Beruf bezeichnet, ist nicht mehr statisch, sondern einem stetigen Wandel unterzogen, und natürlich sind auch die Anforderungen, die heute an einen Beruf gestellt werden, ganz andere als etwa vor 50 Jahren.

Beruf – darin steckt das Wort „berufen“. Berufen, das kann sowohl passiv als auch aktiv gebraucht werden. Ich kann jemanden berufen, oder ich werde berufen. Im Blick auf den Beruf ist eher die passive Bedeutung gemeint. Das ist meine Beruf, dazu wurde ich berufen. Jemand anders hat mich gerufen, das zu tun.

Aber das stimmt dann doch eigentlich nicht, denn den Beruf suche ich mir ja selber aus. Ich bin also kein Berufener, höchstens noch dadurch, dass der Arbeitgeber mir eine Stelle in seinem Betrieb gibt.

Früher war das anders: die Kinder nahmen den Beruf des Vaters an, sie konnten und wollten sich dagegen nicht wehren. Da konnte man schon eher von Berufung reden, und von daher hat das Wort „Beruf“ ja auch seinen Ursprung.

Nun redet auch Paulus von einer Berufung. „Seht doch auf eure Berufung“, (1. Kor 1, 26a) sagt er.

Was er damit genau meint, ist anfangs gar nicht so klar. Es scheint, dass er tatsächlich den Beruf meint, den die Gemeindeglieder ausüben – also z.B. Bäcker, Gärtner, Schuster oder so was. Denn er führt dann ja aus: „nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene, nicht viele Weise nach dem Fleisch sind berufen“ (1. Kor 1, 26b).

Er schaut also zunächst auf den Beruf der Gemeindeglieder und sagt: ihr seid eigentlich nichts Besonderes, ihr ragt nicht aus der Masse heraus, ihr seid nicht die Elite der Menschheit.

Wir wissen, dass die ersten Christen eher zu den sozialen Randgruppen gehörten. Viele Sklaven, Bauern und Handwerker wurden Christen, eben die Unterschicht der Gesellschaft.

Der Blick auf den weltlichen Beruf dient dem Paulus aber nur dazu, die eigentliche Berufung näher zu begründen und zu erläutern.

Ihr seid von Gott Berufene. Und jetzt schaut nochmal zurück, was ihr seid – von woher ihr berufen seid.

Gott schaut nicht auf das Äußere. Er sucht sich nicht die Creme de la Creme aus – zumindest soweit man das nach menschlichen Maßstäben so sagen würde.

Die christliche Gemeinde besteht nicht aus Firmenchefs, aus Millionären, aus Präsidenten, Kanzlern, Ministern, Fußballprofis usw. obwohl sicher einige von ihnen der Kirche angehören. Aber die Mehrheit sind einfache Menschen, die in Politik, Sport und Wirtschaft, also „in der Welt“, keine so große Rolle spielen und über deren Aktivitäten die Medien kein Wort verlieren würden: Schichtarbeiter, Handwerker, Hausfrauen, Hausmänner, Hilfskräfte, Arbeitslose, Kranke, Rentner.

Das sind zwar längst nicht alle, aber das ist die Mehrheit der Gemeinde, die von Gott berufen ist.

„Was töricht ist vor der Welt“, so formuliert es Paulus.

Man sagt eigentlich niemandem, dass er dumm ist. Denn das wird als Beleidigung aufgefasst, selbst dann, wenn es stimmt.

Aber wer entscheidet denn, was dumm ist und was nicht? Niemand würde auf die Idee kommen, ein Kind als dumm zu bezeichnen, das sich beim ersten Versuch, selbst aus einem Becher zu trinken, den ganzen Inhalt des Bechers über sein Gesicht gießt.

Man würde auch nicht einen alten Menschen, der an Demenz leidet und sich an nichts mehr erinnern kann, als dumm bezeichnen, weil er ratlos in das Gesicht seiner Tochter schaut und sich nicht an ihren Namen erinnert.

Aber wenn man einen ganz sachlichen Maßstab anlegen würde, würde es ja für beide stimmen. Das Kind ist noch nicht einmal in der Lage, ordentlich zu trinken. Und der alte Mensch kriegt nichts mehr ordentlich auf die Reihe. Beide könnten selbständig gar nicht existieren – also sind sie unnütz, töricht, dumm.

Vor der Welt seid ihr töricht – genau darauf will Paulus hinaus: nach dem Maßstab, den die Welt ansetzt, seid ihr dumm, missachtet, nichts Besonderes.

Ihr seid nicht viel wert. Höchstens taugt ihr als Steuerzahler und als Wähler, und als solche bekommt man schon noch etwas Aufmerksamkeit. Aber das war’s dann auch schon.

Aber für Gott sieht das ganz anders aus. Er hat andere Maßstäbe. Anstatt der Elite hat er Euch erwählt. Und das bedeutet: ihr seid wichtig. Jede und jeder Einzelne. Ihr seid nicht nur wichtig, sondern ihr seid etwas Besonderes. Ihr seid erwählt von Gott, um das, was etwas zu sein scheint, zunichte zu machen.

Dabei geht es natürlich nicht darum, Menschen zu vernichten. Es geht darum, den Blickwinkel zurecht zu rücken. Während die einen von oben nach unten schauen, schauen die anderen von unten nach oben.

So soll es nicht sein. Sondern alle sollen geradeaus schauen können. Niemand ist besser als der andere, niemand ist höher oder niedriger. Der Bundespräsident nicht, der Firmenchef nicht, der Millionär nicht, der Fußballprofi nicht. Sie sind vor Gott alle gleich.

Was auch immer man für eine tolle Leistung vollbracht hat (und man kann sich ja wirklich manchmal fragen, was für eine tolle Leistung diese oder jene Person eigentlich vollbracht hat, dass sie jetzt so eine herausragende Stellung innehat), es spielt vor Gott keine Rolle.

Ihr, liebe Gemeinde, jede und jeder Einzelne, seid in Gottes Augen etwas Besonderes. Mehr als jene Prominenz.

Aber wir sind es nicht aus uns selbst heraus, weil wir so toll sind, weil wir so viel können und es dann auch noch gut machen, sondern wir sind es, weil Gott uns dazu macht, weil wir von ihm berufen sind, weil er uns erwählt hat, seine Kinder zu sein.

Und das kann jeder einzelne hier von sich sagen: ich bin Gottes Kind. Das ist meine Berufung. Das macht mich zu etwas Besonderem. Das macht Sie, jeden einzelnen von Ihnen, zu etwas Besonderem. Weil Gott uns dazu berufen hat.

Diese Erkenntnis soll uns aber nicht überheblich werden lassen. Dann wären wir ja nicht besser als die Welt. Wir sind es, wie gesagt, nicht aus uns selbst heraus, sondern weil Gott uns dazu berufen hat. Es ist, im wahren Sinn des Wortes, unser Beruf, Christ zu sein.

„Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“ (1. Kor 1, 31) sagt Paulus, indem er Worte des Propheten Jeremia aufnimmt.

Dass das manchmal schwer fällt, ist wohl wahr. Denn wir wollen ja alles aus Gottes Hand erwarten, müssen aber feststellen, dass uns vieles verwehrt bleibt.

Die Beförderung z.B. bleibt ein Traum – ein anderer ist mal wieder vorgezogen worden. Nicht immer wird eine Krankheit geheilt. Der Tod nimmt liebe Menschen von uns. Die Rente reicht nicht. Die Bewerbung war mal wieder erfolglos.

Wie kann man da Gott rühmen?

Nun, wir können ihn rühmen, weil er uns erwählt hat, zu seinem Volk dazu zu gehören durch Jesus Christus. Und weil wir darauf vertrauen können, dass er alles zum Guten wendet, egal, wie schlecht es zur Zeit steht.

Und da ist noch eins: meist bemühen wir uns ja selbst um eine Besserung der Situation, ohne dabei daran zu denken, dass Gott an unserer Seite steht. Indem wir uns auf uns selbst verlassen, haben wir ja schon vergessen, was es heißt, von Gott berufen zu sein. Wir verfehlen unseren Beruf, unsere Berufung, wenn wir glauben, alles allein schaffen zu müssen.

In allem, was ich tue, ist Gott mit am Werk. Das Gelingen liegt in Gottes Hand. Dass uns das immer neu bewusst wird, dazu helfe uns Gott durch seinen Geist.

Amen

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Predigt zum Neujahrstag
(Tag der Beschneidung und Namengebung Jesu)
1. Januar 2018 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos 1, 1-9)

Liebe Gemeinde!

Wenn man bedenkt, was für einen geschichtlichen Hintergrund unser Predigttext hat, kann es einem schon eiskalt den Rücken runterlaufen. Da kann es noch so viele tröstliche Zusagen geben: es steht die blutige Eroberung eines Landes bevor.

Im Zug dieser Eroberung wird Gott erkannt als der Mächtige, der seinem Volk beisteht.

Diese Geschichte erinnert an das „Gott mit uns“, mit dem die Soldaten – nicht nur unsere – in den Krieg zogen. Es erinnert an grausame Feldzüge, die im Namen Gottes durchgeführt wurden und denen unzählige Menschen zum Opfer gefallen sind.

„Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.“ (Jos 1, 4)

Das ist die Verheißung für ein heimatloses Volk, das bis dahin nur in Zelten und davor in der Knechtschaft gelebt hatte. Solche Worte machen Mut und Hoffnung, vor allem, wenn man heimatlos ist. Aber was ist mit denen, die bisher in dem versprochenen Land gelebt haben?

Das Buch Josua erzählt von der Eroberung und Zerstörung Jerichos und anderer Städte sowie davon, wie das ganze Land Kanaan durch die Israeliten eingenommen wird.

Dabei ist anzunehmen, dass es nicht ganz so dramatisch zuging, wie es das Buch Josua schildert. Man will ja mit der Erzählung Gottes Handeln für sein Volk groß machen. Es soll deutlich werden, dass Gott seinem Volk einen völligen Neuanfang ermöglicht, und es soll deutlich werden, dass er ein mächtiger Gott ist.

Heute geht man davon aus, dass sich die Israeliten zum größten Teil mit den Bewohnern des Landes arrangierten, d.h. die Landnahme, wie man es auch nennt, ereignete sich nicht mit einem Schlag. Langsam durchdrang das Volk Israel, getragen durch die eigene Geschichte, das neue Land und drängte dabei die bisherigen Bewohner ins Abseits bzw. assimilierte sie.

Das wird auch bestätigt, wenn man die weitere Entwicklung des Gottesvolkes verfolgt, denn die Herausforderung, die durch die Verehrung der lokalen Gottheiten entstand, kann ja nicht aus dem Nichts hervorgehen. Es waren noch Menschen da, die in dieser fremden Religion der Aschera, des Baal oder der Astarte verwurzelt waren.

Dennoch bleibt es ein Text, der Machtansprüche geltend macht gegenüber Menschen, die natürlich selbst auch ein Recht auf Leben und die dazu nötige Grundlage, das heißt Landbesitz, haben.

Was macht also solch ein Text an einem solchen Tag im Gottesdienst?

Die Zusage des Trostes ist eine Zusage, die die Angst vor der Mehrheit der Feinde nehmen soll. Es geht im Predigttext natürlich um den bevorstehenden Krieg, die Überwältigung derer, die dort leben. So ist es ja auch dem Volk Gottes verheißen worden. Es geht um das „Gott mit uns“, das die Soldaten begleitete.

Wir können den Text davon eigentlich nicht lösen, und müssen es doch tun, denn sonst könnte er für uns nicht fruchtbar werden.

Die Bibel ist ein Buch der Geschichte im doppelten Sinn. Das, was die englische Sprache durch die Worte „history“ und „story“ unterscheidet, wird bei uns mit dem gleichen Wort belegt, auch wenn wir das Wort „Historie“ kennen. Aber es ist eben alles „Geschichte“.

Und die Bibel erzählt Geschichte. Sie erzählt die Geschichte Gottes. Sie erzählt die Geschichte der Menschen. Und sie erzählt die Geschichte Gottes mit den Menschen. Dabei verflechten sich unweigerlich real Erlebtes mit dem Erfahrenen, das weit über das tatsächlich Erlebte hinaus geht.

An einem Beispiel will ich versuchen, es zu verdeutlichen.

Nehmen wir die Geschichte zweier Liebender. Wenn sie sich küssen, sagt der Historiker: „sie küssten sich“. Damit hat er alles gesagt. Der Geschichtenerzähler aber berichtet: „Als sie sich küssten, durchwogte ein sanfter Schauer ihre Körper. Sie drängten sich näher zueinander, als wollten sie sich nie wieder voneinander trennen. Wo es dunkel war, wurde es plötzlich hell. Alle Last, jeder Zweifel fiel von ihnen ab; es war, als schwebten sie auf Wolken.“

Beides ist richtig: die Feststellung des Historikers genauso wie die Schilderung des Geschichtenerzählers. Aber der Historiker sieht nur, was sich auch definitiv beweisen lässt, wovon man ein Foto machen könnte. Der Geschichtenerzähler sieht und beschreibt viel mehr.

Und solche Geschichtenerzähler sind in der Bibel am Werk. Sie schauen über das historische Ereignis hinaus, deuten, verstärken, wo es nötig ist, oder schwächen ab. Die Erzähler der Bibel wollen vor allem eins: Gott groß machen. Darum suchen sie nach den Erfahrungen der Menschen, die sie mit Gott gemacht haben, und erzählen davon, machen sie für die Nachwelt lebendig.

Für uns wird es schwer, ja, manchmal sogar unmöglich, die Geschichte des Geschichtenerzählers von der Geschichte des Historikers zu unterscheiden. Für viele Ereignisse, die in der Bibel beschrieben werden, gibt es außerhalb der Bibel keine anderen Zeugnisse.

Die Frage, ob es sich wirklich so zugetragen hat und nicht anders, ist durchaus berechtigt. Der Versuch, sie zu beantworten, hat ja auch manche Bücher gefüllt, denn es gibt Menschen, die meinen, dass es nötig ist, die Ereignisse, von denen in der Bibel erzählt wird, zu beweisen, weil damit angeblich die Glaubwürdigkeit der Bibel zunimmt.

So glaubte man zum Beispiel, die Arche Noah im Himalaya gefunden zu haben. Uralte eingestürzte Stadtmauern, die in der Nähe der heutigen Stadt Jericho ausgegraben wurden, sollen auf die Eroberung der Stadt Jericho durch die Israeliten hinweisen. Ob es so ist oder nicht: den Erzählern der Bibel war das gar nicht so wichtig.

Und doch geht es in unserem Predigttext um genau diese Frage: was ist an dem Ganzen dran? Was ist wahr? Was können wir glauben?

Josua steht vor einer gewaltigen Aufgabe: er soll derjenige sein, der dem Volk Israel dazu verhilft, die Erfüllung der Verheißungen Gottes zu erleben.

Und ihm wird dazu Mut gemacht, indem er auf die Geschichte Gottes mit diesem Volk verwiesen wird – eine Geschichte, für die er keine Beweise hat außer den Erzählungen, die von den Vorfahren überliefert wurden.

Er steht gewissermaßen vor der Gotteserfahrung anderer und macht sich auf, nun selbst solche Erfahrungen zu sammeln.

Den historischen Rahmen können wir an dieser Stelle getrost beiseite lassen, denn darauf kommt es nicht an. Es geht um die Erfahrung Gottes und den Mut, sich darauf einzulassen.

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres.

Ich gebe zu: ich kann mit dem Jahreswechsel wenig anfangen. Die Feuerwerke der Silvesternacht machen mir keine Freude. Man muss es sich einmal vor Augen führen, wie da Geld, mit dessen Hilfe man viele Menschen vor dem Hungertod bewahren könnte, mit einem Streichholz und einem ziemlichen lauten Knall oder kurz aufflackerndem, bunten Licht vernichtet wird. Deutlich über 100 Millionen Euro sollen es auch zu diesem Jahresende wieder gewesen sein, die in Deutschland innerhalb einer halben Stunde verbrannt und verknallt wurden.

Gut, an der Börse geht die Geldvernichtung unter Umständen noch schneller und noch umfassender, aber da kann es auch andersherum ziemlich schnell wieder viel mehr werden. Das geht bei Böllern und Feuerwerksraketen nicht.

Unser Predigttext stellt uns hinein in den Kontext der Gotteserfahrung. Der Blick zurück auf die Erfahrungen anderer führt uns hinein in die eigene Gotteserfahrung. So hat es Josua damals erlebt, und so können auch wir es erleben.

Der Blick zurück ist einfach: Gottes Wirken lässt sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder erkennen, wenn man nicht nur als Historiker an die Geschichten herangeht, die uns überliefert werden. Man muss dazu nicht bis in die Zeit der Bibel zurückgehen. Wir haben Martin Luther, Paul Gerhardt, August Hermann Francke, Johann Sebastian Bach, Elisabeth Fry, Jochen Klepper oder Dietrich Bonhoeffer, um nur einige der vielen Gestalten aus den letzten fünf Jahrhunderten zu nennen. Es sind Menschen, die sich von der Gotteserfahrungen ihrer Vorfahren anrühren ließen, sodass sie sich selbst der Begegnung mit Gott öffneten und daraus ihr Leben gestalteten.

Heute sind wir an der Reihe. „Ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist.“ (Jos 1, 9a), so ruft Gott dem Josua zu, der sich selbst nicht in der Rolle des großen Führers sehen kann.

Er lässt sich auf den Ruf Gottes ein und führt das ganze Volk Israel in eine überwältigende Gotteserfahrung.

„Sei nur getrost und ganz unverzagt“ (Jos 1, 7a), so ruft Gott uns heute am Beginn des neuen Jahres zu. Lass dich auf Gott ein!

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offb 21, 6) so verspricht uns die Jahreslosung. Wann immer wir Wegzehrung brauchen, bekommen wir sie von ihm – umsonst.

„Der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst“ (Jos 1, 9c), ruft der Predigttext auch uns zu.

So lassen wir uns hineinstellen in diese einzigartige Geschichte, die mehr ist als nur eine Historie: die Geschichte Gottes mit den Menschen. Denn auch das neue Jahr ist ein Jahr des Herrn.

Amen

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