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Kanzel

Kanzelworte – Archiv 2015

Hier sind ältere Predigten zu finden, die von Pfarrer Dr. Martin Senftleben in Gottesdiensten bzw. Domandachten gehalten wurden.


Predigt zum Altjahrsabend
31. Dezember 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? wie geschrieben steht (Psalm 44,23): „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“

Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

(Röm 8, 31b-39)

Liebe Gemeinde,

Gott ist für uns, das ist das erste, was ich aus diesem Predigttext mitnehme, aber nicht ganz unbeschwert und ohne Sorge. Denn unter einem solchen Slogan wurden früher und werden auch heute noch Kriege geführt.

Gott ist für uns ist hier aber auch nicht so gemeint, wie es jene gemeint haben. Gottes „Für-Uns-Sein“ besteht nicht darin, dass er unsere Position bestätigt und unsere Gegner niedermacht.

Diese Aussage ist vielmehr ganz anders gemeint: Es geht nämlich um die Liebe Gottes, die sich uns bedingungslos hingibt, mit der wir bedingungslos beschenkt werden.

Gott ist für uns also nicht in dem Sinne, dass er sich an unsere Seite stellt und mit uns in den Krieg zieht, sondern in dem Sinn, dass er uns als Menschen ernst nimmt, sich uns in Liebe zuwendet und uns einen Ort schenkt, an dem wir in Frieden sein können.

– Wir blicken auf ein Jahr zurück, das nicht so war wie die Jahre zuvor. Viele Flüchtlinge kamen in unser Land, suchten hier Schutz und Sicherheit. An vielen Orten in Deutschland haben sie diesen Schutz und diese Sicherheit auch gefunden, an manchen aber nicht. Da gab es massive Anfeindungen bis hin zur mutwilligen Zerstörung von Häusern, die eine Unterkunft für solche schutz- und hilfesuchenden Menschen sein sollten.

Es ist beschämend und bedrückend, dass solcher Hass auch heute, 70 Jahre nach dem Holocaust, noch möglich ist.

– Da waren die Terroranschläge in Paris, die uns den Atem stocken ließen und die Angst vor Terroranschlägen auch in Deutschland derart schürten, dass manche große Veranstaltung abgesagt wurde.

– Da waren die Naturkatastrophen, z. B. das Erdbeben in Nepal und die flutartigen Regenfälle in Indien, die Tausenden von Menschen das Leben und noch mehr Menschen ihre Existenzgrundlage nahmen.

Und da waren dann all die Dinge in unserem persönlichen Leben und Erleben, erfreuliche und weniger erfreuliche Begegnungen, Krankheit und Gesundheit, Freude und Leid. Einige sind heute hier, die im ausklingenden Jahr ein besonderes Ereignis feiern durften und den Segen Gottes empfingen.

Gott ist für uns – Sie haben vermutlich schon bemerkt, dass diese Worte etwas anders klingen als das, was aus dem Römerbrief vorgelesen wurde. Dort heißt es:

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? (Röm 8, 31b)

Es ist eine rhetorische Frage, die die Antwort „Niemand“ provoziert.

Man könnte den einleitenden Teil „Ist Gott für uns“ auch als Bedingung für die eigentliche Frage verstehen, also: „Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?“, aber das würde die Aussage dann doch zu sehr abschwächen, denn es gäbe dann ja auch die Möglichkeit, dass Gott nicht für uns ist.

Aber tatsächlich meint Paulus nichts anderes als das, was ich schon zum Ausdruck brachte: Gott ist für uns. Denn das wird aus all dem, was er zuvor schreibt, mehr als deutlich.

Gott ist also für uns. Nehmen wir das erst einmal in uns auf, nehmen wir es wahr und nehmen wir es an:

Gott wendet sich uns zu. Wir sind seine Kinder. Und so wissen wir auch, wie Paulus wenige Verse vorher sagt, dass uns alle Dinge zum Besten dienen.

Wir dürfen getrost sein, auch dann, wenn das Jahr nicht so verlaufen ist, wie wir es uns wünschten, denn Gott ist bei uns, er lässt uns nicht allein.

Dass Gott kein Automat ist, in den wir unsere Wünsche reinstecken können, damit sie dann irgendwie erfüllt werden, ist uns wohl allen klar.

Wir dürfen aber damit rechnen, dass er unsere Lebenssituation kennt, dass er sie wahrnimmt und dass er uns auch in schweren Zeiten begleitet und nahe ist. Wie gesagt: er lässt uns nicht allein.

Die tröstlichste Botschaft aus unserem Predigttext ist nun die:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Für Paulus gibt es da keinen Zweifel: Gott und wir, die wir in der Taufe zu seinen Kindern geworden sind, gehören untrennbar zusammen. Er weiß, dass sein ganzer Weg ein von Gott begleiteter Weg ist. Und diese Gewissheit will er mit uns teilen.

Wir wissen, dass ihn diese Überzeugung nicht zu einem Träumer machte. Im Gegenteil. Er war sich der Gefahren dieser Welt durchaus bewusst.

Aber er sah ihnen furchtlos entgegen, denn er wusste, dass, was immer auch geschehen würde, er Gott auf seiner Seite hatte – nicht zur Bestätigung seiner Position, sondern schlicht als Hilfe und Halt, falls er denn doch wieder ins Gefängnis geworfen, gefoltert oder gar am Ende getötet werden sollte.

Ein unerschütterlicher Glaube in die unendliche Liebe Gottes macht ihn fähig, einer ungewissen Zukunft getrost entgegen zu gehen.

Können wir das auch? Können wir mit solch einer Gewissheit ins neue Jahr gehen? Ich wünsche es uns allen.

Was immer das neue Jahr bringen mag, was immer wir uns vornehmen, was immer über uns kommt, ohne dass wir etwas tun könnten, um es zu verhindern: lasst uns darauf vertrauen, dass Gott mit uns geht, dass er bei uns ist – jeden Tag, jede Stunde. Denn nichts kann uns von seiner Liebe trennen – absolut nichts.

So können wir aufrechten Ganges in das neue Jahr gehen, dankbar und getrost, so wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Lied, das wir gleich singen werden, auch zum Ausdruck bringt.

Amen

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Predigt zum Christfest I
25. Dezember 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Titus 3, 4-7

Liebe Gemeinde,

Da ist also schon wieder so ein schön verschachtelter Satz, nachdem wir uns schon gestern in der Christvesper um 17 Uhr mit einem ähnlichen Abschnitt aus dem gleichen Brief befasst haben. Aber das hat vielleicht auch etwas Gutes, denn man kann ja unter Umständen an den gestrigen Abschnitt anknüpfen.

Was ist das Weihnachtliche an diesem Text? Man hört vom Bad der Wiedergeburt – also der Taufe – gerecht geworden durch die Gnade Jesu Christi – hier haben wir die Gnade, von der auch gestern die Rede war – und doch ist der Bezug zur Christgeburt schon ganz am Anfang des Textes gesetzt: Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig.

Paulus redet hier von nichts anderem als von der Menschwerdung Gottes, von der Geburt unseres Heilands. In dem Kind wurde die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes offenbar.

Freundlichkeit und Menschenliebe – wenn man sich das anhört, denkt man schon fast an ein formelles Vorstellungsgespräch, in dem man jedes seiner Worte sorgfältig abwägt und möglichst vermeidet, irgendwelche Gefühle zu zeigen. Man bleibt nüchtern, neutral. Und so erscheint einem diese Einleitung recht unpersönlich.

Freundlichkeit und Menschenliebe – man könnte zumindest die Freundlichkeit auch anders übersetzen: etwa mit Güte oder Milde. Das kommt dem Wort im griechischen Urtext näher und hört sich schon etwas persönlicher an.

Es würde auch zu dem passen, wohin diese Erscheinung der – sagen wir es jetzt mal so – Güte und Menschenliebe Gottes führt: dass er uns selig macht. Denn da geht es ja an unsere Substanz, es geht um unsere Existenz.

Selig – da denke ich an manche Konfirmanden, die bei dem Wort völlig ratlos sind. Was bedeutet es? Ich würde „wunschlos glücklich“ sagen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt keine Wünsche mehr. Wer selig ist, befindet sich in einem paradiesischen Zustand, ohne jedes Verlangen, ohne jede Sehnsucht. Alles ist vollkommen. Das bedeutet „selig“.

Wenn man sich diese Bedeutung vergegenwärtigt, muss man natürlich auch fragen: sind wir das? Sind wir selig?

Paulus spricht in der Vergangenheit – Gott machte uns selig. Es ist also nichts, was vielleicht noch geschehen könnte. Es ist bereits geschehen. Und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass diese Seligkeit bereits vorüber sein könnte. Es heißt nicht: er machte die Menschen damals selig, doch das ist jetzt vorbei. Nein: Gott machte uns selig. Und mit diesem „uns“ sind selbstverständlich auch wir gemeint.

Und so ergibt sich die Frage: hat die Güte und Menschenliebe Gottes uns selig gemacht?

Man kann durchaus den Eindruck haben, dass das nicht der Fall ist. Wenn es nicht die Sorge um das tägliche Auskommen ist, dann sind es andere Dinge, die einem das Leben versauern. Etwa eine Krankheit, oder Ärger mit den Nachbarn, oder Probleme in der Ehe, oder der Verlust eines lieben Menschen. Manche sind so belastet von all den Problemen, mit denen sie sich tagtäglich auseinandersetzen müssen, dass sie kaum mehr eine Ahnung davon haben, was es bedeutet, glücklich zu sein, geschweige denn wunschlos glücklich.

Aber die Sehnsucht danach ist durchaus da. Wir wollen es schon erleben, diese Seligkeit, von der Paulus redet. Und das geht nicht nur uns Christen so, sondern allen Menschen:

Denn wunschlos glücklich, also selig zu sein, ist ein sehr erstrebenswerter Zustand.

Aber es gibt da natürlich Menschen, die sagen, dass es unmöglich sei, solche Seligkeit erlangen zu können. Es sei Utopie.

Andere sagen, es gehe vielleicht für einen kurzen Moment, für einen Augenblick, höchstens für wenige Stunden. Frisch Verliebte zum Beispiel erleben so etwas vielleicht, wenn sie zusammen sind. Denn wenn sie sich haben, brauchen sie nichts anderes.

Aber die Realität des Lebens holt einen ja doch immer wieder ein. Und dort, im Alltag, so scheint es, gibt es solche Seligkeit nicht.

Der Mensch ist eben keine Insel, auf der alles gut zusammenpasst und wo niemand reinpfuschen kann; man kann sich nicht von seinen Mitmenschen loslösen und so tun, als gäbe es sie nicht. Immer ist das Leben ein Zusammenspiel vieler Elemente, von denen man nur einen kleinen Teil wirklich beeinflussen kann.

Aber es gibt Menschen, die versuchen es dann doch, selig zu sein oder zu werden. Sie schotten sich ab von allen anderen, geben alles auf, um diesen Ort der Seligkeit zu finden – oder suchen die Seligkeit im Reichtum, der sie doch nicht reich macht und erst recht nicht glücklich machen kann.

Andere tun wenigstens ab und zu etwas dafür, selig zu sein. Die Wellness Center zum Beispiel, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, sind ein Beleg für das Verlangen nach Seligkeit, und vielleicht gibt es ja auch Menschen, die sich durch die fürsorgliche Behandlung dort tatsächlich in den siebten Himmel versetzt fühlen.

Aber es bleibt nur für einen Augenblick, denn der Effekt tritt einzig dadurch auf, dass man für eine kurze Zeit herausgenommen wird aus dem Alltag, dem man sich danach dann aber wieder stellen muss.

Die Art und Weise, wie viele Menschen mit dem Christfest umgehen, lässt ebenfalls erkennen, dass es eine Sehnsucht nach der Seligkeit gibt. Man beschenkt sich, um die andere Person glücklich zu machen, vielleicht sogar so glücklich, dass keine Wünsche mehr offen bleiben.

Und man wünscht für sich selbst insgeheim das Gleiche.

Aber wir merken schnell, dass es so nicht funktioniert. Auf den einen erfüllten Wunsch folgt bald der nächste unerfüllte. Es gibt wieder etwas, wovon wir glauben, dass es uns dazu hilft, selig zu werden. Und andererseits die Erfahrung, dass wir es nicht sind. Und so könnte es endlos weitergehen.

Aber das Christfest ist durchaus dazu geeignet, uns selig zu machen – das sagt Paulus, und dem wollen wir noch etwas nachgehen.

Als die Güte und Menschenliebe Gottes erschien, machte er uns selig – es ist nun mal etwas, was geschehen ist – und Paulus deutet in keiner Weise ein „nun aber sind wir es nicht mehr“ an.

Aber wie kommt es, dass wir so wenig davon merken?

Es hat gewiss damit zu tun, dass es rund zweitausend Jahre her ist. Anfangs hatte man noch mit dem baldigen Kommen des Herrn gerechnet; man hatte erwartet, dass er sein Reich bald aufrichten würde; da brauchte man dann auch nichts. Doch das Kommen des Herrn blieb aus, und so begann man wieder, sich mit der Welt zu arrangieren.

Doch Paulus hat das nicht getan.

Er weist vielmehr auf das hin, was die Seligkeit in uns erhalten kann in allem Warten und Hoffen: es ist der Heilige Geist. Den hat Gott reichlich über uns ausgegossen durch Jesus Christus, damit wir Erben des ewigen Lebens würden. (Tit 3, 6-7a)

Gott schenkt uns eine Hoffnung durch seinen Geist, die über dieses Leben hinausweist, und zwar dauerhaft. Wir sind durch seine Gnade gerecht geworden, d.h. es gibt nichts, was uns von Gott trennen könnte. Denn es kommt nicht darauf an, was wir getan haben.

Gott hat den Heiligen Geist reichlich über uns ausgegossen, und das heißt ja: im Überfluss, mehr als nötig. Und darum dürfen wir auch fest darauf vertrauen, dass wir Erben des ewigen Lebens sind, wie Paulus sagt.

Was für ein großartiges Geschenk! Und es ist ein wahres Geschenk. Denn Gott erwartet kein Gegengeschenk, außer, dass wir auf seine Zusage vertrauen – und das kostet uns ja nichts.

Ausdrücklich weist Paulus darauf hin, dass es die Barmherzigkeit Gottes ist, an der wir teilhaben durch das Bad der Wiedergeburt – die Taufe.

Der Heilige Geist erinnert uns immer wieder daran.

„Ich bin getauft“ – diese drei Worte können schon selig machen. Denn sie bedeuten: Gott nimmt mich an, so wie ich bin. Er lässt mich teilhaben an seiner Güte, und er erweist mir seine Gnade. Ich bin frei, ihm zu begegnen, ohne Wenn und Aber. Ich darf das ewige Leben ererben.

Im Abendmahl erfahren wir Gottes Geschenk zum Christfest auf eigene Weise. Gott schenkt sich uns. Er gibt sich uns hin im Brot und im Saft der Reben. So wie er damals Mensch wurde und sich den Menschen auslieferte, so schenkt er sich uns, wenn wir das Abendmahl feiern.

Was könnte uns seliger machen als dieses großartige Geschenk der Liebe Gottes?

Amen

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Predigt zur Christvesper
24. Dezember 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken. (Tit 2, 11-14)

Liebe Gemeinde,

Einmal tief durchatmen – das scheint angesichts dieses Predigttextes angebracht. Ein einziger, langer Satz, der sich über fünf Verse erstreckt – da kann man schnell den Überblick verlieren. Aber auch wenn man es verstanden hat: der Inhalt ist nicht so leicht zu verdauen.

Zunächst einmal: Das einzige, was uns vom Predigttext an das Christfest erinnert, ist der einleitende Satz: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.

Wie schön wäre es, hätte Paulus da einen Punkt gemacht. Wir könnten es dann einfach dabei belassen. Heilsame Gnade, die sich über die Menschheit ausschüttet. Man fühlt sich erinnert an das, was man von allen Seiten hört: Gott ist die Liebe, alles ist gut, Friede auf Erden, Versöhnung, Gott liebt uns.

Ja, es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes. Alles ist gut. So kann man sich dann auch auf Weihnachten freuen.

Aber Paulus lässt es dabei ja nicht bewenden, und auch auf diesen einleitenden ersten Abschnitt muss man schon etwas genauer schauen.

Gnade, das bedeutet, dass einem die Schuld nicht angerechnet wird, dass man schuldfrei gesprochen wird, obwohl man schuldig ist. Das ist Gnade. Wir müssen nicht für das bezahlen, was wir getan haben. Oder doch?

Wenn man auf die Unruhen in den Schwellen- und Entwicklungsländern blickt, auf die vielen Flüchtlinge, die sich hilfesuchend an uns wenden, dann wird einem vielleicht auch bewusst, dass das alles nicht zufällig geschieht, sondern dass hier die Früchte der globalen Marktwirtschaft erkennbar werden.

Die Zusammenhänge sind vielfältig und nicht leicht zu durchschauen. Jedenfalls haben auch die Terrorangriffe in diesem ausklingenden Jahr einen bleibenden Eindruck hinterlassen, und natürlich fragen wir uns, ob dies Reaktionen sind auf unser Handeln – oder, anders gesagt, auf das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das unser Leben bestimmt und für das wir mit verantwortlich sind, weil wir es Tag für Tag nutzen.

So richtig erkennbar wird die Gnade da nicht gerade. Im Gegenteil: Eigentlich sind wir recht hilflos angesichts dieser Entwicklungen. Wir können sie zur Kenntnis nehmen, aber im Grunde gar nichts daran ändern.

Doch nun haben wir diese Zusage von der heilsamen Gnade Gottes, die allen Menschen erschienen ist. Was meinte Paulus damit?

Er hatte wohl nicht die politischen Veränderungen und Entwicklungen in der Welt im Blick. Ihm ging es um den Menschen – so wie es Gott um den Menschen geht. Denn wir sind Geschöpfe Gottes, wir sind sein Werk. Er hatte sich natürlich schon etwas gedacht, als er den Menschen schuf – er hatte schon seine Ideen von dem Geschöpf, das als einziges in der Lage ist, seinen Schöpfer wahrzunehmen.

Aber der Mensch hat sich immer wieder von Gott abgewandt, so als sei er selbst Schöpfer aller Dinge. Ein letzter Versuch, einen bleibenden, dauerhaften Kontakt wiederherzustellen, ist darum die Menschwerdung Gottes. Er wurde Mensch, damit nichts Trennendes mehr Bestand haben kann. Gott überwindet alle Grenzen.

Und dennoch wird es nicht besser mit uns, im Gegenteil: immer wieder entstehen neue Wunden. Wir verletzen uns, oft auch unbedacht und unbewusst, aber es geschieht. Missverständnisse führen dazu, dass Menschen nicht mehr miteinander reden. Wir leiden unter der Geringschätzung anderer, und so könnte ich immer weiter machen, bis hin zu den Bürgerkriegen, die viel Unruhe in unsere Welt brachten und unsägliches Leid verursachten.

Gott will alle Wunden heilen. Darum kam er in die Welt, damit wir seine heilsame Gnade spüren; damit wir selbst auch bereit werden, zu vergeben, auf unsere Mitmenschen zu zu gehen und immer einen Vertrauensvorschuss bei uns zu haben.

Ich möchte Ihnen dazu eine kurze Geschichte erzählen:

Zwei Juden kamen zum Rabbi einer Kleinstadt und sagten ihm: „Unsere weisen Männer zu Hause haben uns etwas erzählt, das uns überrascht und das wir nicht verstehen. Sie hören nicht auf, uns zu ermuntern, mit leichter Freude das Gute und das Übel anzunehmen, das Gott uns schickt. Erzähle uns, Rabbi, wie wir so etwas anstellen können.“

„Nun“, sagte der Rabbi, „ich sag euch was. Geht drüben in den Klassenraum. Dort werdet ihr einem alten Rabbi begegnen, der gerade seine Pfeife raucht. Ihm ist viel Not und Leid in seinem Leben widerfahren. Er hat die Antwort für euch.“

Die Männer folgten dem Rat, fanden tatsächlich den alten Rabbi und trugen ihm ihr Anliegen vor. Der legte seine Pfeife ab, lächelte den Männern zu und sagte: „Ich bin der letzte Mensch auf Erden, den ihr so etwas fragen solltet. Damit müsstet ihr zu einem anderen gehen. Ich bin gar nicht in der Lage, eure Frage zu beantworten; denn ich habe im Leben noch kein Leid und kein Übel von Gott erfahren.“

Es ist Gnade, wenn ein Mensch, der in seinem Leben viel Leid und Elend erfahren hat – so wie dieser alte Rabbi – so etwas sagen kann: ich habe im Leben noch kein Leid und kein Übel von Gott erfahren.

Denn damit meint er nicht etwa, dass ihm ständig der Satan als Gegenspieler Gottes ins Leben gepfuscht hätte. Er weiß wohl, dass alle Mächte der Welt Gott untertan sind.

Nein, er hat vielmehr immer die Liebe Gottes vor Augen gehabt und war sich dieser Liebe so sicher, dass sein ganzes Leben davon geprägt war, trotz allen Leids, das ihm widerfuhr. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass Gott für ihn da ist, und darum war für ihn auch all das Schwere, das sein Leben beeinflusst und vielleicht auch bedrückt hatte, eine gute Gabe Gottes gewesen.

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen – Dies hatte auch der alte Rabbi für sich erlebt.

Aber damit hört Paulus nun allerdings nicht auf.

Er fährt vielmehr damit fort, dass uns diese Gnade in Zucht nimmt – die heilsame Gnade. Die Gnade erzieht uns – und das bedeutet nichts anderes, als dass Grenzen aufgerichtet werden. Aber das sind keine Grenzen, die uns wie Gefängnismauern vorkommen müssen, sondern es sind Grenzen, die sich von selbst ergeben, in die wir uns gerne fügen, wenn wir einmal wahrgenommen haben, wie heilsam die Gnade Gottes ist.

Absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden dürfte eigentlich nicht wirklich schwer fallen, weil wir wissen: Gott ist alles in allem. Durch ihn haben wir unser Leben, er erhält es, er hält es auch über den Tod hinaus. Warum sollen wir uns sorgen? Worum sollen wir uns sorgen? Warum Schätze auf Erden sammeln, um uns abzusichern, wo wir doch längst in Gott geborgen sind und in ihm den größten Schatz haben?

Besonnen, gerecht und fromm leben wir in dieser Welt, wenn wir die heilsame Gnade Gottes erfahren haben. Das kann durchaus bedeuten, dass wir so etwas wie Aussteiger sind. Menschen, die sich den gesellschaftlichen Zwängen nicht mehr unterwerfen wollen. Die das Wirtschaftssystem unserer Welt zumindest in Frage stellen und es nicht als gottgegeben hinnehmen.

Man muss nicht gleich ein Hippie sein, um als Aussteiger zu gelten. Man ist schon ein Aussteiger, wenn man zum Beispiel darauf achtet, wo die Dinge herkommen, die man zum täglichen Leben braucht, wer am Anfang der Produktionskette steht, und was dieser Mensch dafür bekommt. Und dann seine Konsequenzen zieht.

Oder wenn wir darauf achten, was für Folgen unser Tun hat auch auf lange Sicht gesehen, für unsere Kinder und Kindeskinder, aber auch für die Menschen in fernen Ländern. Gerecht zu sein, ist nicht einfach – die Klimagipfel zeigen immer neu, dass es viel Anstrengung erfordert, Lösungen zu finden, die alle akzeptieren können.

Aber besonnen, gerecht und fromm zu sein, ist andererseits nichts, wofür wir uns anstrengen müssten. Denn es ist die Konsequenz der Erfahrung, die wir durch die heilsame Gnade Gottes gemacht haben und machen. Es geschieht – wir sind es, weil uns die Gnade Gottes dazu befreit.

Die Tatsache, dass Gott selbst Mensch wird, können wir uns eigentlich nicht oft genug bewusst machen. Es ist ein umwerfendes Ereignis, das alles auf den Kopf stellt und gerade das, was wir heute vielleicht noch als Errungenschaft menschlicher Genialität feiern, derart abwertet, dass es völlig bedeutungslos wird.

Es ist ein neues Weltbild und ein neues Menschenbild, das durch das Handeln Gottes, durch seine Gnade, entsteht. Manches davon kann in unserer Welt schon andeutungsweise sichtbar werden, vieles aber noch nicht, weil wir Menschen häufig eben doch zu gerne Nabelschau betreiben und keinen Blick für unsere Nächsten haben. Man will die Gnade nicht – vielleicht auch deswegen, weil man meint, sie nicht zu brauchen.

So aber ist die christliche Gemeinde nicht. Wir sind Volk Gottes, gereinigt durch das Blut Jesu Christi. Wir wissen, was Gnade bedeutet; und wir wissen, dass wir diese Gnade brauchen, und nicht nur wir.

Das Christfest erinnert uns in ganz besonderer Weise daran: Gott wird Mensch, weil er uns gnädig ist, weil er das verdammende Urteil, das wir eigentlich verdient hätten, nicht sprechen will.

Lasst uns also Volk Gottes sein in einer Welt, die mit dieser Gnade nichts anfangen kann und vielleicht auch gar nicht will. Lasst uns nicht aufhören, ein Volk zu sein, das die Gnade Gottes allen Menschen sichtbar und spürbar werden lässt, indem es sich nicht mitreißen lässt von Habgier, Neid und Missgunst.

Es ist Heiligabend. Die heilsame Gnade Gottes ist erschienen allen Menschen. Sie ist da. Möge das heute und in der kommenden Zeit vielen Menschen bewusst werden – auch durch uns.

Amen

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Predigt zum 4. Sonntag im Advent
20. Dezember 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kundsein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Phil 4, 4-7

Liebe Gemeinde,

„Nun freu dich doch“, sagte die Mutter zu ihrem Sohn Philipp, der mit verärgerter Miene vor dem Gabentisch stand. Es war sein zehnter Geburtstag! Und das einzige, woran er denken konnte, war der Computer, den er sich so sehnlich gewünscht hatte und von dem er sicher war, dass er ihn bekommen würde – weil ja sein 10. Geburtstag war!

Aber es war kein Computer da. Und das ärgerte ihn maßlos. Dass da ein funkelnagelneues Fahrrad stand, beeindruckte ihn kein bisschen.

„Guck mal!“, sagte der Vater und wies auf die Nabe des Hinterrades, „Es hat sogar eine Kettenschaltung. Damit kannst Du die steilsten Berge hochfahren.“

Philipp stiegen die Tränen in die Augen. „Will kein Fahrrad“, murmelte er und rannte aus dem Zimmer.

Liebe Gemeinde,

Sie kennen das sicher auch: sie haben sich etwas sehnlich gewünscht, und dann haben Sie es nicht bekommen. Meist erleben so etwas ja nur Kinder, und heutzutage vermutlich auch immer seltener.

Aber auch als erwachsene Person macht man hin und wieder die Erfahrung, dass etwas nicht so gelingt, wie man es sich wünscht. Meist geht das Wünschen der Erwachsenen allerdings in eine andere Richtung, es geht nicht um irgendwelche Dinge, aber das Prinzip bleibt doch dasselbe: auf den Wunsch folgt die Enttäuschung.

  • Da geht etwa eine Beziehung in die Brüche, obwohl man all seine Kräfte daran setzt, sie zu erhalten, und sich auch sehnlich wünscht, dass sie nicht kaputt geht.
  • Da ist der Vorgesetzte dauernd mit einem unzufrieden, obwohl man sich viel Mühe gibt und den Wunsch hat, dass der Vorgesetzte mit einem zufrieden ist.
  • Das Haus macht mehr Ärger als Freude, denn die Wände sind feucht oder die Fenster müssten dringend ausgewechselt werden usw.. Dabei hatte man nur den Wunsch, im Alter möglichst unbehelligt von all solchen Dingen zu bleiben.
  • Da plagt einen eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann, obwohl man sich doch so sehr Gesundheit für sich und alle seine Lieben gewünscht hat.
  • Ein lieber Mensch ist gestorben, mit dem man so gerne noch ein paar Jahre verbracht hätte.

Immer wieder erfahren wir, wie unser Wünschen nicht in Erfüllung geht. Dazu gehört auch ein Wunsch, der wohl in jedem Menschen schlummert: der Wunsch nach Frieden.

Auch wenn wir in unserem Land in Frieden leben können, müssen wir erkennen, dass dieser Friede doch recht zerbrechlich ist. Unsere Soldaten sind nun auch an dem Krieg in Syrien beteiligt, und die Terroranschläge in europäischen Ländern machen Angst. Müssen wir fürchten, dass das alles auch uns bald erreicht?

Wir wünschen uns wohl nichts sehnlicher als Frieden, nicht nur für uns selbst, sondern für alle Menschen. Wenn man etwas darüber nachdenkt, stellen wir auch fest, dass im Frieden ja eigentlich alles andere mit eingeschlossen ist. Denn das, was wir uns wünschen – sei es Gesundheit, sei es ein sorgenfreies Leben, sei es eine gute Arbeitsatmosphäre, sei es die Freiheit von Trauer oder auf Frieden mit dem Nachbarn, mit anderen Worten – ist nichts anderes als versöhnt sein mit allen unseren Mitmenschen und mit uns selbst. Und das wäre die Erfüllung aller Träume.

Aber genau das ist das Problem: solche Wünsche sind nicht mehr als Träume. Von Träumen wissen wir, dass sie nicht real sind. Sie werden es in der Regel auch nie werden. Und so ist unser Wünschen im Grunde nicht mehr als der Traum von einer Realität, die es so nicht gibt.

Denn es ist kein Friede, weder im Kleinen noch im Großen. Die Beziehung wird nicht geheilt, die Krankheit hört nicht auf, der Vorgesetzte hat immer was rumzunörgeln, Das Haus muss immer wieder instandgestetzt werden, die Trauer um den lieben Menschen bleibt.

Und da wird uns nun durch den Apostel Paulus zugerufen: „Freuet euch!“ Ja, worüber sollen wir uns denn freuen?

Kindern fällt es noch etwas leichter, sich auch über ganz kleine Dinge zu freuen. Aber an dem 10-jährigen Philipp haben wir schon festgestellt, dass auch Kinder Enttäuschungen erleben, selbst dann, wenn sie eigentlich Grund zur Freude hätten.

Aber das ist ja auch bei dem Wünschen Erwachsener der Fall.

Selbst wenn wir von der Freude des Christfestes reden, müssen wir da wohl auch an die denken, die das erste Mal das Christfest ohne den Menschen feiern, mit dem sie es viele Jahrzehnte lang gemeinsam gefeiert haben. Haben sie Grund zur Freude? Und dann gibt es andere, die irgendwie versuchen, dem Christfest die Freude abzuringen, aber es beim besten Willen nicht schaffen.

Paulus scheint das alles gar nicht zu stören, obwohl es auch zu seiner Zeit ja immer wieder Unruhe und Unfrieden gab. Er selbst wurde verfolgt und hatte in der Stadt Philippi einiges erleiden müssen. Seine Erfahrung war weit weg von dem Wunschtraum Frieden.

Zur Zeit, als er diesen Brief verfasste, war er sogar selbst Gefangener – vermutlich in Rom, aber sicher lässt sich das nicht sagen. Er hatte also allen Grund, traurig zu sein, denn das, was ihm am Wichtigsten war, konnte er nicht tun: er konnte das Evangelium nicht hinaustragen in die Welt.

Und dennoch schreibt er und ruft zur Freude auf. Und er sagt, dass es ihm überhaupt nichts ausmacht, gefangen zu sein, im Gegenteil: durch seine Gefangenschaft würden andere ermutigt, um so eifriger das Evangelium weiterzusagen und auf diese Weise Christus zu verherrlichen.

Was mit ihm selbst geschehen kann – es bestand durchaus die Möglichkeit, dass ihn der Tod erwartete – beunruhigt ihn nicht. Aus diesem Brief stammen vielmehr die Worte: „Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.“ (Phil 1, 21) Und damit bringt Paulus zum Ausdruck, dass der Tod ihn nicht schrecken kann, im Gegenteil: wenn er stirbt, dann verherrlicht er Christus, und es ist ja nur die wahrhaftigste Art der Nachfolge, wenn er durch die Gewalt anderer den Tod erleidet, genau so wie Christus selbst.

Paulus ist, so kann man sagen, ganz in Christus versenkt.

Und darum kann er auch solche Worte schreiben: „Freuet euch!“

Denn er wünscht es auch für uns, dass wir ganz in Christus versenkt sind. Dass wir diese Erfahrung machen, geborgen zu sein. Es braucht ja nicht viel: wir müssen nur los- und uns fallenlassen.

Aber das ist leichter gesagt als getan. Loslassen heißt ja, ohne das, was einem bisher eine gewisse Sicherheit und Halt gegeben hat, sein zu müssen. Und es bedeutet, sich ins Ungewisse hinein zu begeben.

Und wenn man das Gefühl hatte, ohnehin nur noch an etwas zu hängen, während sich unter einem ein tiefer Abgrund auftut, dann will man gar nicht loslassen, denn das würde doch nur das Ende bedeuten.

Aber woran halten wir uns eigentlich fest? Sind es nicht gerade die Dinge, die uns belasten, die uns Sorgen machen?

Lasst los, ruft uns Paulus zu, „sorgt euch um nichts,“ (Phil 4, 6a), denn Gott sorgt für euch. Aber was können wir dann tun, wo es doch guten Grund für unsere Sorgen gibt, weil das, was uns belastet, nicht einfach verschwindet?

„In allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“ (Phil 4, 6b) Bringt Eure Sorgen zu Gott. Oder anders: Betet. Und bittet dabei nicht nur, sondern dankt auch. Denn Gott hat Euch das größte Geschenk gemacht, das er machen kann: er gab uns seinen Sohn. Er lieferte sich uns aus, damit wir mit ihm wieder versöhnt sein können.

Was wir nicht leisten können, aber eigentlich müssten, das hat er getan.

Weil Gott so an uns gehandelt hat, darum kann Paulus uns auch zur Freude auffordern. Da mag die Welt um uns zusammenbrechen: die Liebe Gottes kann dadurch nicht zerstört werden. Und darum: Freuet euch!

Die Liebe Gottes relativiert all das, worum wir uns sorgen. Sie macht uns bewusst, dass das, woran wir uns klammern, nutzlos ist und uns nicht helfen kann. Und sie gibt uns den Mut, Dinge zu tun, die eigentlich unmöglich erscheinen.

Nur: lasst uns dazu am Gebet mit Danksagung bleiben. Denn das Gebet ist der Weg, wie wir uns immer wieder seiner Liebe vergewissern können. Es ist der Weg, auf dem wir unsere Sorgen loslassen können. Denn durch das Gebet versenken wir uns gewissermaßen in Christus, wir empfinden die tiefe Geborgenheit, die er für uns bereit hält.

Dann wird auch wahr, was am Ende unseres kurzen Predigttextes steht und in der Regel am Ende jeder Predigt der Gemeinde zugerufen wird:

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Phil 4, 7)

Der Friede Gottes, das ist nicht der Friede dieser Welt. Es ist vielmehr der Friede, der entsteht durch die Erkenntnis, dass Gott kommt, um diese Welt von allem Unfrieden zu befreien. „Der Herr ist nahe!“ (Phil 4, 5b), das könnte man kindlich naiv auf das Christfest hin deuten, aber gemeint ist: seine Wiederkunft ist nahe. Er wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten – dieser Satz des Glaubensbekenntnisses spiegelt sich in diesen vier Worten wider.

Das erwarten wir also, und darauf vertrauen wir, und darum haben wir Frieden in einer Welt, die von Unfrieden gezeichnet ist.

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag im Advent
6. Dezember 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

(Jak 5, 7-8)

Liebe Gemeinde!

Nachdem Clara mit dem Fahrrad etwas ruppig über den Bordstein gefahren war, war der Reifen platt. Wie auch sonst hatte sie ihren Vater gebeten, das Fahrrad zu reparieren. Aber nachdem der heraus­bekommen hatte, wie es zu dem Platten gekommen war, sagte er zu ihr: „Du hast mir doch schon oft genug zugesehen, wie das geht. Versuch’s mal selber. Du weißt ja, wo das Werkzeug ist. Wenn Du nicht weiter weißt, komme ich und helfe dir.“

Clara machte sich murrend daran, denn eigentlich würde sie viel lieber mit ihren Freundinnen was unternehmen. Doch zuvor zog sie sich noch die spezielle Arbeitskleidung an. Denn sie wusste ja, dass das Reparieren von Fahrrädern mit viel Schmutz verbunden ist, und ihre schicken Klamotten wollte sie nicht ruinieren.

Gleich am Anfang schon tat sich das erste Problem auf: die Radmuttern lösten sich nicht. „Papa, ich schaff’ das nicht!“ rief sie in die Wohnung hinein.

„Einen Moment, ich komme gleich!“, schallte es aus der Wohnung zurück, und Clara setzte sich hoffnungsvoll auf die Stufe und betrachtete währenddessen das Fahrrad.

‚Das Hinterrad ist viel schwerer zu reparieren als das Vorderrad‘, hatte sie schon vor längerer Zeit festgestellt, ‚denn da muss man ja auch noch auf die Kette aufpassen und sie hinterher wieder richtig spannen.‘ Aber Papa würde ihr da sicher helfen … wenn er nur käme.

Nach einer Weile, die ihr schon wie eine Ewigkeit erschien, kam eine Freundin vorbei und rief ihr zu: „Kommst du mit? Wir wollen bei Elli die neueste Folge von DSST (das bedeutet: „Deutschland sucht den schönsten Teenager“) anschauen.“

Da konnte Clara nicht widerstehen. Sie sprang ohne zu überlegen auf und ging mit ihrer Freundin zu Elli. Dass sie ihre Arbeitsklamotten anhatte, störte sie nicht besonders, denn die hatte ihre Mutter ja gerade erst gewaschen. Außerdem hatte sie eigentlich schon vergessen, warum sie eigentlich da draußen auf der Stufe gesessen hatte.

Wenig später kam der Vater heraus. Das Fahrrad stand zwar vor der Tür, aber Clara war weit und breit nicht zu sehen. Leise lächelnd schüttelte er den Kopf und ging wieder ins Haus hinein.

Liebe Gemeinde,

„Ich komme gleich“, hatte der Vater gesagt.

Wenn jemand ein solches Versprechen gibt, was erwarten wir dann von ihm? Doch sicher, dass es nicht allzu lange dauern wird, bis die Person kommt. Aber was heißt „nicht allzu lange“? Für manche Menschen sind 5 Minuten schon eine lange Zeit, andere harren ohne zu Murren eine halbe Stunde oder vielleicht sogar noch länger aus.

Aber irgendwann wird sich wohl jeder einer anderen Aufgabe zuwenden. Denn ewig warten, dazu hat wohl niemand Lust. Es gibt andere, interessantere Dinge, denen man sich zuwenden kann.

Nun haben wir es in unserem christlichen Glauben genau mit solch einem „Ich komme gleich!“ zu tun. Luther hat es etwas anders übersetzt mit „Ich komme bald!“. Wir hören es ähnlich in unserem Predigttext, aber auch genau so in den Worten eines der Predigttexte für diesen Sonntag aus dem Buch der Offenbarung:

Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! (Offb 3, 11)

Wie lange dauert es, bis das „bald“ eintritt? Fünf Minuten? 10 Minuten? Eine halbe Stunde? Oder doch länger?

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache, heißt es im 91. Psalm, und so könnte man das lange Hinauszögern vielleicht damit erklären. Aber es sind nun schon 2000 Jahre, die wir auf das Kommen des Herrn warten, und wenn man die Übertragung auf Gottes Zeit wörtlich nehmen will, dann müsste man wohl folgern, dass inzwischen bei ihm zwei Tage vergangen sind.

Auch so lange lässt man niemanden warten, wenn man verspricht, bald zu kommen.

Aber es gibt ja auch das Versprechen des Verreisenden: Ich bin bald wieder da. Von einem solchen Versprechen wissen wir, dass es schon einige Tage, vielleicht sogar Wochen, dauern kann, bis er wiederkommt. Da sind wir dann auch bereit, zu warten.

An so ein Versprechen könnte man auch bei Jesus denken, weil er ja auch regelrecht Abschied von seinen Jüngern genommen hat, was besonders im Johannes-Evangelium mit den Abschiedsreden deutlich wird. Auch da hat er gesagt: ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. (Joh 14, 3b)

Aber da sagt er diese Worte als Mensch, und es scheint, als wolle er tatsächlich in kurzer Zeit zurück kommen, vielleicht ein paar Jahre, aber sicher keine Jahrhunderte später.

Und so gab es unter den ersten Christen ja auch die sogenannte „Naherwartung“, denn man hatte Jesus tatäschlich so verstanden, dass er noch zu Lebzeiten der Apostel wiederkommen würde. Dazu trugen auch die Worte bei, die wir bei Matthäus, Markus und Lukas lesen können: „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“ (Mt 16, 28; Mk 9, 1; Lk 9, 27)

Und auch unser heutiges Evangelium spricht davon: „Wahrlich, ich sage euch: dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“ (Lk 21, 32)

Für eine längere Zeit ist der Mensch ohnehin nicht geschaffen. Ihm sind nur 70, wenn’s hochkommt 80 Jahre gegeben, in denen er warten kann. Und wer ernstlich wartet, der will es auch erleben, im wahrsten Sinn des Wortes.

Aber nun sind es fast 2000 Jahre des Wartens. Was sollen wir davon halten? Kombiniert Jesus das menschliche Wiederkommen nach einer längeren Reise mit den Worten aus dem 91. Psalm, so dass wir noch einige tausend, vielleicht sogar zigtausend Jahre des Wartens vor uns haben?

Dann wäre es wohl nur recht, wenn wir es uns mehr oder minder bequem machten, wenn wir unser Leben so einrichteten, als käme er nicht. Denn es wäre ja tatsächlich noch Zeit, das Wiederkommen des Menschensohn beträfe eine Generation, die lange nach uns geboren wird.

Aber so kann ich die vielen Worte vom Kommen des Menschensohnes, die wir in dieser Zeit des Advent lesen, nicht verstehen. Wir werden ja ermahnt, wachsam zu sein, denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da wir es nicht meinen. (Mt 24, 44)

So sagte Jesus mehr als einmal. Und auch unser heutiger Predigttext unterstützt diese Mahnung, indem er uns zur Geduld aufruft:

So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. (Jak 5, 7-8)

Die Adventszeit erinnert uns daran, dass der Menschensohn wiederkommen wird, dass wir es uns nicht allzu bequem machen sollen, ja eigentlich, dass wir es uns gar nicht bequem machen sollen. Denn, so schön das Bild vom wartenden Bauern auch sein mag, es ist insofern schlicht falsch, als der Bauer genau weiß, wann die Erde ihre Frucht hervorbringt. Es ist eine Kenntnis, die er aufgrund jahrelanger Beobachtung Jahr für Jahr gewinnen konnte und die ihm sicher auch von seinem Vater schon übermittelt wurde.

So ist es aber nicht mit dem Kommen des Menschensohnes. Er kommt wie ein Dieb in der Nacht (Mt 24, 43) – völlig unerwartet. Fast so, wie plötzlich die vielen Flüchtlinge zu uns kommen, nachdem in den rund zwanzig Jahren zuvor nur relativ wenige Flüchtlinge bei uns Asyl suchten – wenigstens so wenige, dass man es meist gar nicht richtig wahrgenommen hat.

Wir können es jedenfalls nicht steuern, und wir können auch nicht eine Zeit festlegen. Wir wissen nur: „Das Kommen des Herrn ist nahe.“

Jakobus mahnt uns zur Geduld, und er meint damit nicht, dass wir uns auf eine lange Zeit einrichten sollen, sondern er meint damit schlicht: rechnet mit seinem Kommen.

Clara aus unserer anfänglichen Geschichte hatte keine Geduld. Sie wollte nicht warten, sondern mit ihren Freundinnen zusammen sein.

Und so geht es wohl auch vielen Menschen. Sie fragen sich: Was für einen Sinn hat es, zu warten? Worauf warten wir überhaupt? Lohnt es sich, zu warten?

Nun, es lohnt sich sicher für alle, die das Reich Gottes erleben wollen. Für alle, die sich danach sehnen, die Gemeinschaft mit Gott zu erleben, ewigen Frieden zu erfahren, Hass, Neid, Leid, Enttäuschung, Trauer und sogar den Tod hinter sich zu lassen.

Andererseits: wer sich nicht danach sehnt, wer kein Verlangen danach hat, die Erlösung der Menschheit von allem Übel zu erleben, der wird es auch nicht erleben.

Ich denke dabei an ein Buch, das vor vielen Jahren veröffentlicht wurde und das Kommen des Himmelreiches zum Thema hatte. Es beschrieb dieses Ereignis aus der Sicht derer, die zurück blieben, die den Menschensohn nicht erwartet hatten. Sie erlebten, wie plötzlich Menschen, die ihnen vertraut waren, nicht mehr da waren, sie wurden „entrückt“ in die Gegenwart Gottes. Die Welt verwandelte sich und versank im Chaos, denn es fehlten die Menschen, die ihre Kraft aus der Liebe Gottes schöpften und aus der Sehnsucht nach seinem Kommen heraus ihr Leben gestalteten und damit auch das Denken und Handeln ihrer Mitmenschen beeinflussten.

Wichtig ist im Grunde nur, dass wir die Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott nicht aufgeben, dass wir nicht aufhören, die Bitte des Vaterunsers: „Dein Reich komme“, ernst zu nehmen und aus tiefem Herzen zu beten.

„O Heiland, reiß die Himmel auf …“ (EG 7)

Gerade haben wir dieses Lied gesungen. In ihm klingt eine verlangende Sehnsucht nach dem Kommen des Menschensohnes an.

In lebhaften Bildern bittet Friedrich Spee den Heiland, endlich in unsere arme Welt zu kommen, die zu der Zeit der Entstehung dieses Liedes bereits die ersten Jahre des 30-jährigen Krieges erlebt hatte.

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.“
(EG 7, 4)

So sehr wir uns nach seinem Kommen sehnen, so wenig, glaube ich, haben wir begriffen, was es bedeutet, wenn Jesus sagt, dass das Himmelreich schon mitten unter uns ist.

Denn wir reden hier ja doch von zwei verschiedenen Erfahrungswelten. Zeit und Ewigkeit können nicht wirklich zusammen gehen, und wer in der Zeit ist, kann die Ewigkeit nicht wirklich begreifen. Die Zeit ist immer ein Teil der Ewigkeit, aber die Ewigkeit kann nicht ein Teil der Zeit sein.

Aber indem wir die Zeit als Teil der Ewigkeit begreifen, wissen wir, weil Gott der Ewige ist, dass wir in ihm geborgen sind, dass wir bereits etwas schmecken können von der Ewigkeit.

Seid … geduldig und stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn ist nahe. (Jak 5, 8)

Seid geduldig, aber legt deswegen nicht die Hände in den Schoß, es sei denn, um auf diese Weise um sein Kommen zu bitten. Seid geduldig, denn er kommt, um uns teilhaben zu lassen an der Welt Gottes, um uns die bleibende Stadt zu schenken, das himmlische Jerusalem, wo Gott selbst alle Tränen abwischen wird von unseren Angesichtern, wo der Tod nicht mehr sein wird noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. Denn das Erste ist vergangen. (Offb 21, 4).

„Ja, ich komme bald!“, heißt es am Ende unserer Bibel, und unsere Antwort lautet: „Amen, ja, komm, Herr Jesus!“ (Offb 22, 20)

Amen

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Predigt zur Lichterkirche am 1. Sonntag im Advent
29. November 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde!

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
den Vers ein jedes Kind schon kennt,
und denkt bei sich, bald wird er kommen,
zu allen, die sich gut benommen.

So warten sie ganz aufgeregt,
und hoffen, dass er sich bewegt
von seinem Heim in weiter Ferne,
dort, wo am Horizont die Sterne.

Und wer noch rät, wer das wohl sei
dem helf’ ich kurz und knapp dabei:
Knecht Ruprecht mit dem schweren Sack
ist’s, der den Kindern Freude macht.

Sie nennen ihn auch Nikolaus,
der mit dem klitzekleinen Haus,
und andre sagen dann und wann,
es sei der liebe Weihnachtsmann.

Der Grund der Freude, ist doch klar,
das macht es ja so wunderbar,
das sind die Mengen von Geschenken,
an die sie immerzu nur denken.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
Den Vers ein jeder Mensch noch kennt,
erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
ohje, das Christfest vor der Tür!

Das heisst doch: auf! Geschenke kaufen,
zum x-ten Mal zum Laden laufen,
das Geld rinnt schneller durch die Finger,
der Kontostand wird nur geringer!

Da soll man auch noch fröhlich sein,
wenn alle nach Geschenken schrein?
Was kauf ich nur für jene, diesen,
viel wird im Laden angepriesen,
doch wenn er das dann gar nicht mag,
ist auch dahin der schöne Tag,
und so erstreckt sich dann die Suche –
und schlägt bedrückend nur zu Buche …

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
Ein Lichtlein, das ein jeder kennt,
ein Licht, das funkelt und auch strahlt,
ein Licht, das manche Schatten malt.

Ein Licht, das uns den Weg erhellt,
ein Licht, das uns den Gruß bestellt:
Advent, es ist die Zeit des Wartens,
und nicht des emsig, eifrig Startens
in einen Kauf- und Sinnesrausch
der endet im Geschenketausch.

Nein, Warten, das ist angesagt,
und wer so recht zu warten wagt,
der wird alsbald im Geist erfahren:
was einst geschah vor vielen Jahren,
dass Gottes Sohn ward dort gebor’n,
das ist auch heute nicht verlor’n,
es ist für die Glückseligkeit
und all der Kinder Fröhlichkeit
die Ursach und der einz’ge Grund,
das tut uns das Wort Gottes kund.

Der Herr, er kam als kleines Kind,
das auf sich nahm all uns’re Sünd,
er kam, weil es so dunkel war,
er kam, und bracht’ das Licht uns dar.

Das Licht, das alles helle macht,
sogar der Seele tiefste Nacht.
Er schenkt uns Hoffnung, Liebe, Mut,
er hilft, er richtet alles gut.

Advent, da soll’n wir uns besinnen
auf das, was Gott will wohl beginnen
mit uns und unserm ganzen Leben,
dass wir nicht nur nach Wohlstand streben.

Des andern Wohl soll uns allein,
und auch in Zukunft wichtig sein.
Gott schenkt uns dazu auch den Mut,
denn letztlich macht er alles gut.

Er ist mit seinem Geist dabei,
das macht uns alle richtig frei,
damit wir sehn, wie’s andern geht
und wie’s um unsern Nachbarn steht.

Wir sollen auch ja nicht vergessen,
wem wir verdanken unser Essen,
denn das sind Menschen, weit entfernt,
wie man schon in der Schule lernt,
die werkeln dort für wenig Lohn –
im Grunde ist es ja ein Hohn:
Damit wir hier schön billig leben,
kann niemand dort nach Wohlstand streben,
Sie leben dort in kleinen Hütten,
und wenn es mal beginnt zu schütten,
dann wird die Hütte fortgeschwemmt,
und mit ihr noch das letzte Hemd.

Mit wenig kann man vieles tun,
drum lasst uns heute auch nicht ruhn
und sagen, was uns alle freut:
Gott kommt! Das gilt für uns auch heut’.

Advent – lasst uns doch in uns gehn
und die dort nicht im Regen stehn.
Lasst uns mal jenen Freude machen,
die sonst nichts haben mehr zum Lachen.

Dann wird das Christfest dieses Jahr,
vielleicht mal anders – so wie’s war
vor vielen hunderten von Jahren,
als wir noch nicht geboren waren.

Denn damals in der heil’gen Nacht
da haben Hirten wohl gewacht,
und ihnen ward zuerst gesagt
was heut’ fast keiner glauben mag:

dass dieses Kind der Heiland ist,
der Herr, der Helfer Jesus Christ.
Das Kind in Armut war geborn,
Gott hatte es sich auserkorn.
Drum sollen wir daran nun denken,
wenn wir uns wieder mal beschenken.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
damit ein jeder Mensch erkennt,
dass Gott für uns den Frieden will,
dass es mal werde richtig still,
dass niemand mehr in Ängsten lebe,
dass jeder nur nach Frieden strebe,
dass wir vertrauend uns begegnen,
damit es Segen möge regnen
auf diese uns’re arme Welt,
in der, wie’s scheint, nur zählt das Geld.

Advent, Advent, lasst uns das Licht
das heut’ erstrahlt, vergessen nicht.
Lasst es uns in die Welt reintragen,
heut’ und an allen andern Tagen,
Damit es werde hell im Herzen
und niemand leide große Schmerzen,
damit sich freu’n kann alle Welt,
weil ihr das Heil ist schon bestellt.
Amen, das sagen wir zur Stund,
Amen, wir tun der Welt es kund.

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Predigt zum 1. Sonntag im Advent
29. November 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zu­sammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns able­gen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Röm 13, 8-12

Liebe Gemeinde!

Es gibt Kirchen so wie diese, in denen die Zahl der Touristen, die sie aufsuchen, höher ist als die Zahl der Gottesdienstbesucher. Das ist auch nicht verwunderlich. Kirchengebäude haben etwas Anziehendes.

Manche faszinieren durch ihre Architektur, viele durch ihre Größe, viele durch besondere Kunstwerke, die sie beherbergen, viele durch Schmuck und Zierrat, mit dem sie verschönert wurden.

Auch Menschen, die sich schon vor langer Zeit von der Kirche abgewandt haben, finden den Weg dorthin. Vielleicht ist es nur rein fachliches Interesse an den Kunstwerken oder der Architektur, die sie treibt; vielleicht ist es aber auch die Suche nach einem tieferen Sinn, die Suche nach einer Antwort auf die große Frage des Lebens. Kirchengebäude scheinen noch am ehesten geeignet, darauf eine Antwort zu geben.

Aber warum ist das so?

Die Architektur zum Beispiel führt oft den Blick nach oben, zu Gott hin – so meinte man, als solche Kirchen gebaut wurden. Man meinte, Gott sei irgendwo oben im Himmel zu finden – schließlich wird das Wort „Himmel“ in der Bibel ja auch oft als Wohnsitz Gottes genannt. Dass es sich dabei nicht um den Himmel, der sich über uns wölbt, handelt, sondern um eine Metapher für das Reich Gottes, wissen wir eigentlich erst, seitdem wir unsere Erde als einen relativ kleinen Planeten in einem riesigen Universum realisiert haben.

In ihrer majestätischen Größe lassen die Kirchen den Menschen klein erscheinen und dadurch staunend erkennen, dass es noch etwas Größeres geben muss, das unser Leben bestimmt.

Manche Kunstwerke vermitteln etwas von der Kraft des Glaubens, der Menschen zu aufopferungsvollen Taten bewegte – z. B. zum Bau einer solchen Kirche.

Winkel und Ecken geben den Kirchengebäuden etwas Geheimnisvolles; sie erinnern an die Suche nach dem, was das Leben ganz, ja, heil werden lässt. Das Alter mancher Gegenstände führt die Gedanken zurück in eine längst vergangene Zeit, manche Symbole weisen andererseits in die Zukunft.

Auch in unserer Kirche finden wir viele Symbole und Zeichen. Das beginnt mit der Form des Grundrisses, der wie ein Kreuz gestaltet ist.

In der Apsis im hohen Chor sehen wir z. B. die Symbole der vier Evangelisten.

Die Kapitelle mancher Säulen veranlassen die Menschen zu verschiedenen Deutungen.

Auch die bewusst in die Kirche eingebaute scheinbare Ungenauigkeit der Architektur, die wir an der Südwestecke des Gebäudes sehen können, ist Symbol und soll uns hinweisen auf die Vollkommenheit Gottes im Gegensatz zur Unvollkommenheit des Menschen.

Das himmlische Jerusalem im Gewölbe des hohen Chors, die Engel mit den Räuchergefäßen und vieles mehr machen unsere Kirche zu einem Ort, dem etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles innewohnt, so wie Gott uns oft rätselhaft und geheimnisvoll erscheint.

Und da erkennen wir wieder: Die Kirchen sind besonders dazu geeignet, uns Gott nahe zu bringen, selbst wenn dies nur dadurch geschieht, dass sie uns die Rätselhaftigkeit Gottes bewusst machen.

Ein weiteres Symbol, das wir nur zu einer bestimmten Zeit in den Kirchen finden, ist der Adventskranz, der uns heute mit seinem ersten Licht zur Vorbereitung auf das bevorstehende Christfest auffordert.

Kirchen sind Gebäude, die Gottesnähe vermitteln wollen. Sie helfen uns, Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden, indem sie auf den Allmächtigen Gott, unseren himmlischen Vater, verweisen, der unser Leben in seiner Hand hält, der uns in der Taufe als seine Kinder angenommen hat und letztlich unser Leben vollendet.

Aber vor allem und in erster Linie sind Kirchen Gottesdiensträume, Orte, an denen sich die Gemeinde versammelt, um gemeinsam Gott zu loben, zu ihm zu beten, auf sein Wort zu hören und die Sakramente zu empfangen.

Denn erst durch den Gottesdienst wird der Raum wirklich lebendig; durch den Gottesdienst erhalten die Symbole und Bilder, die den Raum gestalten, ihre Bedeutung und Ausstrahlungskraft. Eine Kirche, die keine Gottesdienstgemeinde hat, ist keine Kirche mehr, sondern nur noch Kulturraum.

Wir brauchen solche Räume, denn als christliche Gemeinde ist uns ein Auftrag gegeben, der ohne die Möglichkeit der Vergewisserung, ohne den Zugang zu der Quelle, die uns Kraft und Ausdauer verleiht, nicht umzusetzen ist.

Der Auftrag wurde uns in der Epistel durch die Worte des Paulus vermittelt. Er lässt die 10 Gebote gipfeln im Gebot der Nächstenliebe, so wie Jesus es getan hat, als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wurde:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Eine Konfirmandin fragte mal: „Was, wenn man sich selbst hasst?“

Nun, es gibt Menschen, die meinen, sich selbst um des Nächsten willen verachten zu müssen. Aber sie tun sich und ihren Nächsten damit keinen Gefallen, und früher oder später werden sie das auch selbst feststellen müssen.

Indem sie sich selbst verachten, um dem Nächsten besser dienen zu können, werden sie schwach und verlieren letztlich die Kraft, die sie brauchen, um den Dienst an ihren Mitmenschen tun zu können. Man muss schon auf sich selbst achten, auch und gerade, wenn das Leben eigentlich nur aus der Hinwendung zu den Mitmenschen besteht. Und da kann der Gottesdienst zu einer großen Hilfe werden.

Aber das ist doch noch etwas anderes, als wenn ein Mensch sich selbst hasst. Ein solcher Mensch kann seinen Nächsten nicht lieben. Er ist zu sehr auf sich selbst konzentriert. Sein Selbsthass ist im Grunde ein Ruf nach Hilfe, aber das nimmt man kaum wahr. Wer sich selbst hasst, dem fehlt die Erfahrung der Liebe Gottes.

Als christliche Gemeinde sind wir aufgefordert, unsere Augen und Ohren aufzusperren – nicht, um Gerüchte aufzunehmen oder weiterzugeben, sondern um zu erfahren, wo Menschen in Not sind und Hilfe brauchen – auch solche Menschen, die sich selbst hassen. Ihnen die Liebe Gottes zu vermitteln, ist vielleicht das Schwerste, was uns zu tun aufgetragen ist. Aber es ist nicht unmöglich. Und manchmal bedarf es nur des ersten Schrittes, alles Weitere ergibt sich dann von selbst, denn der Geist hilft unserer Schwachheit auf, wie es Paulus so schön im Brief an die Römer formulierte (Röm 8, 26). Und Gott hilft uns, wenn wir uns ihm zuwenden im Gebet.

Liebe deinen Nächsten – eine Gemeinde, die nach diesem Gebot lebt, hat im Grunde schon alle Gebote erfüllt. Sie kann, vielleicht sogar, ohne es zu bemerken, diese Welt, die so sehr von Not und Elend gekennzeichnet ist, verändern. Sie greift ein in das Weltgefüge, weil sie sich selbst von der Liebe Gottes getragen weiß. Sie kann Großes vollbringen, indem sie im Kleinen tätig wird.

„Die Nacht ist vorgerückt“, mahnt uns Paulus und erinnert uns an das Kommen des Herrn, mit dem wir zu jeder Stunde rechnen sollen.

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“, ruft uns der Prophet Sacharja zu. Während wir unseren Weg gehen, während wir Nächstenliebe üben, kommt uns der Tag entgegen, von dem wir auch in dem Lied Jochen Kleppers singen:

1. Die Nacht ist vorgedrunden, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

3. Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

5. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Darauf kommt es an: dass wir gewiss sind und damit rechnen, dass unser König kommt, der Gerechte und Helfer, dass er schon auf dem Weg ist. Lasst uns darauf vertrauen, denn aus dieser Zusage schöpfen wir Kraft für unseren Alltag.

Lasst uns die Waffen des Lichts anlegen, fordert Paulus uns auf – die Waffen des Tages, Waffen, die nicht verletzen, sondern heilen. Zu den Waffen des Lichts zählt die Liebe.

So ungerne wir von Waffen reden: gerade wenn es um die Liebe geht, kann manchmal die Vorstellung, mit der Liebe eine Waffe in der Hand zu halten, ganz hilfreich sein.

Denn viele Menschen denken ja, dass Liebe etwas für Weichlinge sei, für Menschen, die sich nicht durchsetzen können. Sie verstecken sich nur hinter dem Wörtchen Liebe, meint man, um sich keine Blöße geben zu müssen.

Aber Liebe ist stark, und sie macht stark. Liebe kann die Welt verändern – das hat Jesus Christus selbst bewiesen. Liebe ist die Waffe, die das Böse dieser Welt zerschlagen kann.

Liebe braucht Mut, denn sie passt nicht in eine Welt, die dem Mammon dient, die sich einzig und allein dadurch definiert, dass unterm Strich keine roten, sondern schwarze Zahlen stehen. Es erfordert Mut, sich dieser Welt, die die Liebe nicht kennt, allein mit Liebe entgegen zu stellen.

Aber wir dürfen gewiss sein: Wenn wir das tun, wird Gott uns zur Seite stehen. Denn die Liebe, das ist seine Waffe. Liebe, die den Menschen sucht, ohne ihn zu erdrücken. Liebe, die befreit von den Fesseln des Todes. Liebe, die lebendig macht.

Dass wir dies erfahren, dass wir dies auch weitergeben, dazu helfe uns Gott.

Amen

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Predigt zum Ewigkeitssonntag
22. November 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entge­gen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und mach­ten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klu­gen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlö­schen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Spä­ter kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Mt 25, 1-13

Liebe Gemeinde!

die klugen und die törichten Jungfrauen – wenn man sich das Gleichnis , das Jesus uns da erzählt, genau betrachtet, dann er­scheint es erst einmal zutiefst ungerecht.

Zunächst mal könnte man fragen, warum der Bräutigam so spät kommt. Es gehört doch zum guten Ton, es ist ein Zeichen von Respekt und Höflichkeit, pünktlich zu erscheinen. Und zu einer Hochzeit zu spät zu kommen, ist doch eigentlich völlig undenk­bar.

Von daher also ist auch nicht zu verstehen, warum nun gerade die, die eigentlich doch ausreichend Öl mitgenommen hatten, als töricht gescholten und von der Hochzeitsfeier ausgeschlossen werden, obwohl es doch eigentlich der Bräutigam ist, den man verantwortlich machen müsste.

Aber ebenso wenig zu verstehen sind da auch die anderen, die sogenannten klugen Jungfrauen, die nun noch genug Öl hatten, um nochmal nachzufüllen. Hätten sie nicht doch teilen können? Dann wäre das Öl zwar schneller verbraucht, aber vermutlich hätten sie es noch geschafft, denn sie wussten ja zu dem Zeit­punkt schon, dass der Bräutigam nun endlich kommen würde. „Siehe, der Bräutigam kommt!“ wurde ihnen zugerufen. Für den kurzen Weg ihm entgegen hätte das Öl doch sicher für alle ge­reicht.

Dass die klugen Jungfrauen um Mitternacht die fünf sogenannten törichten Jungfrauen noch zum Kaufmann schicken, ist ja eigent­lich auch ein starkes Stück. Man könnte hier durchaus auch Missgunst vermuten.

So ungerecht dies alles erscheint: wir können auf solche Fragen verzichten, denn Gleichnisse müssen nicht in allem und jedem schlüssig sein. Sie zielen vielmehr auf einen einzigen Punkt, sie wollen nur eine einzige Botschaft vermitteln – die Geschichte selbst ist nur ein Rahmen, der mehr oder weniger nachvollzieh­bar ist und vor allem dazu helfen soll, diese eine Botschaft zu verstehen.

Diese Botschaft herauszufinden, ist allerdings manchmal nicht so einfach – man verzettelt sich eben, da die Gleichnisse ja sehr an­schaulich sind, doch gerne in den Einzelheiten, die nur der Ver­bildlichung dienen.

Unser Gleichnis macht es uns allerdings einfach, weil Jesus selbst in seinem abschließenden Satz die Botschaft vermittelt: „Wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ (Mt 25, 1-13)

Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen teilt uns zunächst mit, dass es darum geht, zu warten. Auf wen, lässt sich ziemlich leicht erkennen: es geht um Jesus, er ist der Bräutigam, auf den gewartet wird.

Dass er wiederkommen wird, hat er selbst angekündigt, und das bekennen wir auch im Glaubensbekenntnis: Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

Im Grunde ist es ja so, dass wir uns alle nach der Erlösung seh­nen – Erlösung von Krankheit, von Leid, von Trauer, von Elend, von Ungerechtigkeit. Nicht immer betrifft es uns selbst; nicht je­der ist krank, nicht jedem geht es schlecht, nicht jeden drückt die Trauer nieder, nicht jeder empfindet Ungerechtigkeit.

Aber das Gesicht unserer Welt ist davon gezeichnet, denn all das gibt es zur Genüge – unsere Welt ist eine Welt des Todes, sie ist vom Tod gezeichnet, sie ist, so kann man wohl sagen, in der Hand des Todes. Und so ist unsere größte Hoffnung wohl, dass wir vom Tod erlöst werden.

Selbst Wissenschaftler arbeiten übrigens daran – die Versuche, Mittel zu finden, um das Leben zu verlängern, sind ja nichts an­deres als Versuche, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, ihm das Leben abzuringen.

Aber es gelingt letztlich ja doch nicht, denn die Ewigkeit haben wir nicht in unserer Hand, über sie können wir weder herrschen noch sie für uns nutzbar machen – nicht auf wissenschaftlichem Wege wenigstens. Die Ewigkeit - sie liegt in Gottes Hand. Und von dort kommt sie zu uns durch Jesus Christus, freilich unver­fügbar.

In dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen geht es um ein Hoch­zeitsfest – dieses Hochzeitsfest ist die Ewigkeit, die Freiheit vom Tod; es ist die Gemeinschaft mit Gott.

Es wird reine Freude sein – denn Gott wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen, da wird kein Leid mehr sein, keine Trauer, kein Schmerz, ja, der Tod wird nicht mehr sein. (Offb 21, 4)

Danach sehnen wir uns, heute vielleicht mehr als sonst, aber si­cher auch, wenn wir an den Gräbern unserer Lieben stehen und sie zurück sehnen, oder auch uns zu ihnen hin.

Weg mit dem Tod! Jesus hat versprochen, dass es so sein wird, aber es bleibt die große Frage, wann es so sein wird. Unser Gleichnis widmet sich eben dieser Frage.

Manche meinen wohl, sie könnten die Zeit vorherbestimmen. Ei­gentlich müsste er ja bald kommen, schließlich geht es um eine Hochzeit – kann, ja, darf man die Braut denn lange warten las­sen? Und so hat es die frühe Christengemeinde ja auch geglaubt; darum hat Paulus geraten, besser nicht zu heiraten, weil er ja kommen wird, und da sei es gut, sein ganzes Leben nur ihm ge­widmet zu haben.

Aber Jesus kam nicht. Immer wieder gab es Menschen, die den Zeitpunkt seines Kommens voraussagten, und immer wieder wurde die Menschheit enttäuscht.

Man arrangierte sich, das Leben musste nun mal weitergehen, es normalisierte sich jedesmal neu. Und das bedeutete: es wurde ein Leben des Todes.

Denn bei allem, was wir tun, steht nicht die Frage: „Wann wird Jesus kommen?“ im Vordergrund, sondern: wie lange bleibt mir noch? Was will ich erreichen in meinem Leben, und wie kann ich Spuren hinterlassen, so dass ich nach meinem Tod nicht ver­gessen werde?

Ein Leben, das von solchen Fragen bestimmt ist, ist ein Leben des Todes. Denn letztlich werden alle vergessen, bis auf die we­nigen, über die die Geschichtsbücher schreiben. Grabmäler blei­ben 20, manchmal 30 Jahre erhalten, selten länger.

Viele verzichten heutzutage ja auch schon auf ihr eigenes Grab­mal, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Dann bleibt zwar die Erinnerung, aber sie kann nur leben in denen, die die Verstorbenen gekannt haben. Mit ihnen stirbt dann auch der letzte Rest der Erinnerung. Nichts bleibt.

Es ist trostlos, dieses Leben des Todes.

Dem steht nun die Botschaft Jesu Christi entgegen: ich komme, sagt er, und: Seid bereit! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. (Mt 25, 13)

Wer auf Jesus wartet und mit seinem Kommen rechnet, führt kein Leben des Todes, sondern ist vielmehr ein Kind des Lebens, bereit, teilzuhaben an der ewigen Freude, die den Kindern des Lebens verheißen ist.

Es mag zwar sein, dass der Tod noch Macht über uns hat, aber diese Macht ist gering, denn sie betrifft letztlich nur unseren Körper.

Wer darauf vertraut, dass Jesus kommen wird, weiß, dass wir mehr sind als das, was diese Welt zu bieten hat. Wir sind wert geachtet bei Gott. Seit unserer Taufe sind wir seine Kinder, Kin­der des Lebens. Denn Menschen mögen uns vergessen, aber Gott wird uns niemals vergessen. Unsere Namen sind in das Buch des Lebens geschrieben durch die Taufe.

Das gilt natürlich genauso für die Lieben, die von uns gegangen sind und an die wir heute erinnern: Sie sind in Gottes Hand, kei­ne Qual rührt sie an. (Weish 3, 1)

Sie sind geborgen und sicher in der Liebe Gottes, niemals ver­gessen, auch wenn ihre sterblichen Überreste unter dem „grünen Rasen“ liegen und niemand, der vorübergeht, weiß, wer wo liegt.

Jesus kommt, nur: wann? Das Gleichnis von den zehn Jungfrau­en will uns nicht darauf eine Antwort geben. Es sagt uns viel­mehr schlicht: seid bereit. Rechnet damit. Hört nicht auf, darauf zu vertrauen, daran zu glauben, dass Jesus kommen wird.

Oft genug wird über sein Kommen in der Bibel gesagt, dass er kommen wird wie ein Dieb in der Nacht, zu einer Stunde, da wir gar nicht damit rechnen. Darum sollen wir wachsam sein, bereit, ihm entgegen zu treten, uns von ihm führen zu lassen in das himmlische Jerusalem, die neue Stadt, die Gott selbst für die Kinder des Lebens baut.

Manche Kritiker sehen in solchen Worten ein Vertrösten auf’s Jenseits. Das sehe ich aber nicht so.

Denn diese neue Stadt, dieses himmlische Jerusalem – wie im­mer man es sich vorstellen mag – ist die Heimat, die uns jetzt schon bereitet ist, mit der wir auch in diesem Leben rechnen kön­nen.

Und wenn wir das tun, wenn wir darauf vertrauen, dass wir eine solche Heimat haben, dann werden wir auch jetzt schon erfahren, was dort vollendet wird: dass Gott alle Tränen von unseren An­gesichtern abwischt, dass es keine Trauer und kein Leid mehr gibt, sondern Gott mitten unter uns. (Offb 21, 4)

Die Ewigkeit umschließt unsere Zeit – sie ist nicht irgendwo in weiter Ferne, weder zeitlich noch räumlich. Sie ist längst da und wird immer sein.

Und so umschließt natürlich Gott, der Ewige, unsere Zeit; er ist uns nahe, seine Liebe trägt und hält uns, selbst in der tiefsten Trauer, selbst in der Stunde des Todes und darüber hinaus.

Darum gibt es nun doch eine Antwort auf die Frage, wann Jesus kommen wird. Sie lautet: jetzt! Denn jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. (2. Kor 6, 2b) Nicht irgendwann in wei­ter Ferne.

Dieses „Jetzt“ wird sichtbar in der Feier des Heiligen Abend­mahls. Denn hier begegnen wir Gott leibhaftig und gegenwärtig im Brot und Traubensaft.

Im Abendmahl haben wir Gemeinschaft mit allen, die vor uns entschlafen sind, und mit Gott. Darum schließen wir die Lichter, die wir im Gedenken an die Verstorbenen gleich anzünden, mit ein in unseren Abendmahlskreis.

Im Abendmahl erfahren wir die Gnade und Liebe Gottes in einer Weise, wie sie sonst kaum anders erfahrbar ist.

Durch das Abendmahl erfahren wir das Heil, die heilsame und heilende Kraft Gottes.

Dazu stärke uns Gott den Glauben und das Vertrauen in seine unverbrüchliche, ewige Liebe.

Amen

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Predigt zum Bittgottesdienst für den Frieden
15. November 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: „Grenzerfahrung“
anlässlich der Friedensdekade 2015

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

(Der Predigttext findet sich am Ende der Predigt)

Liebe Gemeinde!

Um eine Grenzerfahrung zu machen, muss man erstmal an eine Grenze kommen.

Zum Beispiel der Autofahrer, der jede Geschwindig­keits­beschränkung ignoriert, weil es seiner Ansicht nach keinen Grund dafür gibt – bis es zum Unfall kommt. Die Geschwindigkeit bringt ihn an seine Grenze – denn irgendwann kommt es darauf an, wie schnell er reagieren wird. Und je schneller er fährt, desto näher ist die Grenze des Möglichen erreicht: Schließlich kann er nicht mehr rechtzeitig reagieren, um einen Unfall zu vermeiden.

Oder der Gleitschirmflieger, der die sonst klar vorhandene Grenzen des „Nicht-Fliegen-Könnens“ überwindet, nur indem er an einem Gleitschirm hängt und die Thermik geschickt ausnutzt.

Oder die Bergsteigerin, die sich immer schwierigere und höhere Gipfel vornimmt.

Oder der Drogenabhängige, der mit jedem Schuss seinen Körper dicht an die Grenze des Todes führt, aber andererseits durch die Drogen die sonst vorhandenen Grenzen und Einschränkungen scheinbar aufhebt.

Oder der Bettler, der eigentlich schon jenseits der Gesellschaft lebt, die Grenze also schon überschritten hat. Er gehört nicht mehr dazu, oder anders: Er gehört zu einer Gruppe von Menschen, die nicht dazu gehört, die ausgegrenzt ist.

Oder die Frau, die durch einen Unfall so schwer verletzt wird, dass sie für den Rest ihres Lebens auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Oder der Flüchtling, der, allein oder mit der Familie, Grenzen überschreitet – gezwungenermaßen, weil er in seiner Heimat um sein Leben fürchten muss.

Die Motive, die Menschen zu den Grenzerfahrungen führen, sind ganz unterschiedlich. Oft geht es um den besonderen Kick, aber oft wird man auch ohne es zu wollen an seine Grenzen geführt. Und dann kann man nicht anders, auch wenn man gerne anders wollte. Man muss mit diesen Grenzen fertig werden, sie evtl. überwinden oder auch akzeptieren.

Der Prophet Jona hat gleich vielfache Grenzerfahrungen gemacht. Es fängt mit der Berufung zum Propheten an. Das will er nicht. Das ist nicht sein Ding. Abgesehen davon sagte man ja zu seiner Zeit, dass die Propheten keines natürlichen Todes sterben. Warum sollte er also das Risiko auf sich nehmen?

Es wäre eine Grenzerfahrung gewesen, in der er ganz auf die Fürsorge und das Geleit Gottes angewiesen gewesen wäre.

Aber Jona weigert sich, der Aufforderung zu dieser ersten Grenzerfahrung zu folgen.

Anstelle dessen begibt er sich an die von Menschen gemachte Grenze: das äußerste Ende der damals bekannten Welt, wohlgemerkt entgegengesetzt von dem Ort, wo er als Prophet auftreten sollte.

Er flieht vor Gott. Muss ihm nicht von Anfang an bewusst gewesen sein, wie unsinnig dieses Unterfangen war? Aber irgendwie glauben wohl doch viele Menschen, dass man sich vor Gott verstecken kann.

Als Passagier auf einem Frachtschiff verbirgt er sich gewissermaßen im Bauch des Schiffes, doch Gott hat ihn im Auge. Ein Sturm bricht aus, der die Seeleute in Lebensgefahr bringt. Wieder eine Grenzerfahrung, die Jona aber zu verschlafen scheint, bis er schließlich aus dem Bauch des Schiffes hervorgeholt wird.

Freimütig bekennt er, dass er die Ursache des Sturms ist, weil er Gott nicht gehorcht hat, und empfiehlt sogar den Seeleuten, dass sie ihn über Bord werfen sollten.

Er ist an die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten gelangt. Gott kann er nicht entrinnen. Und so ist er bereit, sein Leben Gott auszuliefern.

Gott wiederum ist nicht bereit, ihn aufzugeben. Er schickt den Fisch, in dessen Bauch Jona drei Tage verbringt und das Gebet spricht, das wir vorhin gehört haben.

Aber das ist noch nicht alles. Erneut wird Jona an seine Grenzen geführt. Nachdem er vom Fisch ausgespuckt worden war, machte er sich nach Ninive auf. Vielleicht hatte er ein bisschen mehr Mut als zuvor. Aber die Angst saß ihm sicher noch im Nacken. Er war schließlich für die Leute aus Ninive ein Ausländer.

Stellen wir uns einmal vor, ein muslimischer Afghane würde sich in Königslutter auf den Marktplatz stellen und uns zurufen: „Diese Stadt ist von Gott verdammt! Noch vierzig Tage, und die Stadt wird untergehen.“

Die Reaktion wäre wohl folgende: Der Mann würde festgenommen, er würde peinlichen Verhören unterzogen (man will ja heraus bekommen, wer seine Komplizen sind), die Sicherheitskontrollen würden drastisch verstärkt, der BND würde eingeschaltet, um herauszufinden, wer wohl die Drahtzieher hinter dem zu erwartenden Terroranschlag wären, und im schlimmsten Fall, wenn man nichts heraus bekäme, würde man die Stadt evakuieren. Bei der Größenordnung unserer Stadt ginge das sicher auch.

Die andere Möglichkeit wäre, dass niemand diesen Menschen ernst nehmen würde, was wohl eher wahrscheinlich ist. Dass er vielleicht tatsächlich im Auftrag Gottes reden könnte, käme wohl niemandem in den Sinn.

Was konnte Jona, der für die Menschen in Ninive ein Ausländer und Andersgläubiger war, also in Ninive erwarten? Wenigstens, dass er verspottet und ins Gefängnis geworfen würde. Vielleicht hätte man auch hinter seiner Ankündigung einen Terroranschlag vermutet. Und vielleicht hätte man ihn, was damals gar nicht so unwahrscheinlich war, getötet.

Aber es kommt ganz anders: die Menschen in Ninive hören auf die Worte Jonas. Sie tun Buße. Die Leute von Ninive glaubten an Gott, heißt es (Jona 3, 5).

Jonas Erwartungen werden in keiner Weise erfüllt. Er will, dass die Stadt vernichtet wird, dass Gott wahr macht, was er durch ihn vorausgesagt hatte, und das Gegenteil geschieht. Keine Vernichtung, sondern Bewahrung, weil die Menschen in Ninive Buße taten. Sie kehrten um von ihren bösen Wegen (Jona 3, 10).

Ein letztes Mal wird der Prophet an seine Grenzen geführt. Er versteht Gottes Handeln nicht. Gott passt nicht mehr in seine Vorstellungen hinein – endlich, so möchte ich sagen, denn solange Gott sich in unsere Vorstellungen einfügen lässt, ist es nicht Gott, von dem wir reden und an den wir denken, sondern nur ein Produkt unserer Vorstellungskraft und -möglichkeiten.

Gott aber ist der ganz andere – das muss auch Jona erfahren. Gott entspricht nicht unseren Erwartungen; seine Wege sind nicht unsere Wege. Denn wir suchen doch stets den einfachsten Weg, den Weg des geringsten Widerstandes – so wie Jona sich einschiffte, um den Gefahren, die ihn womöglich in Ninive erwarteten, entgehen zu können.

Gott mutet uns zu, dass wir Risiken eingehen, dass wir das Ungewöhnliche tun, denn erst dann können wir erfahren, wer er ist. Wir brauchen die Grenzerfahrungen, damit wir Gott so erleben können, wie er ist.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Flüchtlinge genau solche Grenzerfahrungen machen. Sie nehmen, was sie tragen können, und verlassen ihre Heimat, und sind damit ganz auf Gottes Barmherzigkeit und Güte angewiesen.

Stellen wir uns nur einmal vor, wir müssten das tun – heute, 70 Jahre nach dem Ende des schrecklichen 2. Weltkrieges. Der Krieg ist so weit von uns weg, dass wir es uns kaum mehr vorstellen können, was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen.

Die Kriege in Syrien, Afghanistan und all den anderen Ländern aber sind heute. Und sie sind nicht so weit weg, wie es scheint. In der Nacht vom 13. auf den 14. November haben wir durch die Terroranschläge in Paris erfahren müssen, wie diese Kriege auch nach uns greifen. Zwar ist auch Paris noch weit von uns entfernt, aber es ist nah genug, um uns deutlich zu machen: es kann auch uns treffen.

Die Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan und den anderen Ländern der Region müssen fliehen, weil ihr Leben durch genau solchen Terror gefährdet ist. Schlimm ist es, wenn sie in Europa den gleichen Terror erleben müssen, dem sie gerade entflohen sind.

Um so wichtiger ist es, dass wir sie willkommen heißen, dass wir auf sie zugehen, dass wir sie uns zu Vertrauten machen und ihnen deutlich zeigen, dass sie auch uns vertrauen können. Es darf nicht sein, dass wir die Flüchtlinge nun auch unter Generalverdacht stellen und sie womöglich gar für diese terroristischen Anschläge verantwortlich machen wollen.

Der Terrorismus, den wir in Paris erlebt haben, ist ein Anschlag auf die Freiheit, die Gott uns geschenkt hat.

Und so werden auch wir an unsere Grenzen geführt. Wir müssen uns einlassen auf die Aufgaben, vor die Gott uns stellt – so wie Jona sich darauf letztlich einlassen musste. Wir können vor ihnen nicht entfliehen. Und die wichtigste Aufgabe ist, alles dafür zu tun, dass die Flüchtlinge, die zu uns kommen, spüren, dass sie hier gerne gesehen sind, dass sie willkommen sind, dass sie uns vertrauen können.

Gemeinsam mit den Flüchtlingen gelingt es uns vielleicht sogar, lebendig sichtbar zu machen, was es bedeutet, wenn wir vom „christlichen Abendland“ reden:

dass Gott sich allen Menschen in Liebe zuwendet und dass wir als seine Kinder uns ihnen in Liebe zuwenden und nicht, wie manche meinen, alles und jeden, der sich nicht zum christlichen Glauben bekennt, ausschließen oder einschränken.

Und vielleicht können wir dann auch gemeinsam mit ihnen dieses Lied des Jona singen:

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst und er antwortete mir.
Ich schrie aus dem Rachen des Todes
und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,
dass die Fluten mich umgaben.
Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,
dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen,
ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.
Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben,
die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,
der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt,
HERR, mein Gott!
Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN,
und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.
Die sich halten an das Nichtige,
verlassen ihre Gnade.
Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen.
Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN,
der mir geholfen hat.

(Jona 2, 3-10)

Amen

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Predigt zum Erntedanktag
4. Oktober in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

1. Tim 4, 4-5

Liebe Gemeinde!

„Was hat Gott geschaffen?“ – Das ist die erste Frage, die mir bei dem Predigttext durch den Kopf geht.

Ich denke, die meisten werden auf diese Frage schnell eine Antwort haben: Obst, Gemüse, Getreide (und damit natürlich auch alles, was daraus gemacht wird), vielleicht noch Milch und Milchprodukte, Fleisch usw. Wir werden also an erster Stelle an Nahrungsmittel denken.

Vielleicht kann man sich auf den Nenner einigen: alles, was ohne menschliche Einwirkung entstanden ist, ist von Gott geschaffen. Aber dann müsste man ja schon wenigstens das Brot rausnehmen. Und unsere Gemüsegärtner und Landwirte würden vermutlich auch sagen, dass es sie ganz schön viel Schweiß gekostet hat, bevor das Gemüse und Getreide geerntet werden konnte.

Also müsste man da wenigstens etwas kulanter sein und sagen: alles, was ohne menschliche Einwirkung entstehen kann, ist von Gott geschaffen. Ohne menschliche Einwirkung sehen die Kohlköpfe, die Kürbisse oder der Sellerie wahrscheinlich längst nicht so schön aus, denn sie brauchen eine pflegende Hand, um sich gut zu entwickeln. Aber um überhaupt wachsen zu können, braucht es diese pflegende Hand nicht.

Wir merken schon, dass das aber immer noch nicht alles einschließt, was wir Gott zu verdanken haben, denn wir müssten natürlich auch an die Dinge denken, die keine Nahrungsmittel sind. Was ist zum Beispiel mit dem Handy oder Smartphone, was ist mit dem Computer, der Glühlampe, dem Auto, dem Haus, der Kleidung?

Alles können wir letztlich auf Materialien zurückführen, die ganz ohne die Einwirkung des Menschen entstanden sind – manche in jahrhunderte-, jahrtausende- oder sogar jahrmillionenlangen Prozessen, wenn wir etwa an das Erdöl denken, aus dem die meisten Kunststoffe hergestellt werden und das wir, zumindest im Verhältnis gesehen, in kürzester Zeit verbrennen.

Meist haben bei den Produkten, die aus solchen Rohstoffen gewonnen werden, die Einwirkungen des Menschen einen sehr großen Anteil. Aber manche dieser Rohstoffe, die ja doch alle als von Gott geschaffen angesehen werden können, sind ausgesprochen selten und wachsen auch nicht einfach so nach. Die Erdölvorkommen nehmen ab, und wir wissen, dass wir dafür einen Ersatz finden müssen.

Die sogenannten „Seltenen Erden“, von denen viel in Smartphones und anderen elektronischen Artikeln verbaut werden, weisen schon mit ihrem Namen darauf hin, dass sie nicht wie Äpfel an Bäumen wachsen, sondern nur mit Mühe in wenigen Gebieten unserer Erde abgebaut werden können.

Inzwischen haben Forscher es teilweise schon fertig gebracht, manche Rohstoffe künstlich herzustellen, d.h. sie haben ähnliche Stoffe entwickelt, die zumindest einen Teil der Eigenschaften des Originals haben. Aber auch dafür werden Rohstoffe benötigt, die wiederum in der Natur, in der Schöpfung Gottes, vorkommen.

Also können wir erst einmal zu dem Schluss kommen, dass, nach den Worten des Apostels Paulus, alles gut ist – wirklich alles. Denn Paulus hat ja gesagt: Alles ist gut, was Gott geschaffen hat. Und damit sind alle Dinge gemeint, denn sie alle sind auf das zurückzuführen, was uns aus der Natur, also der Schöpfung Gottes, zur Verfügung steht.

Darum gibt es auch keinen Grund, irgend etwas schlecht zu machen oder gar zu verteufeln – weder den Computer noch das Smartphone noch den MP3-Player oder was einem sonst so in den Sinn kommt.

Vor etwa 150 Jahren hat man in der Eisenbahn noch eine Inkarnation des Teufels gesehen, weil das Monster zum einen giftige Dämpfe ausspuckte, zum andern dann auch noch die Menschen mit einer Geschwindigkeit fortbewegte, die unnatürlich und darum unbedingt schädlich sein musste. Immerhin erreichten die ersten Lokomotiven eine Geschwindigkeit von etwas über 20 Stundenkilometer!

Heute sehen wir das anders: die Eisenbahn gehört zum alltäglichen Leben dazu, und 250 Stundenkilometer sind mit dem ICE ohne Weiteres zu erreichen und auch selbstverständlich.

Dennoch fällt es uns schwer, so ein hochentwickeltes technisches Gerät wie ein Smartphone oder ein Auto oder einen Hochgeschwindigkeitszug noch als eine Schöpfung Gottes anzusehen.

Und es wird noch schwerer, wenn wir die Worte des Paulus weiterlesen: nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Da ist sogar von Heiligung die Rede. Nun, es kann wohl sein, dass manche Menschen ihr Smartphone oder anderes technisches Gerät vergöttern, aber das macht es noch nicht heilig. So etwas ist eher Abgötterei.

Wenn es um Lebensmittel geht, sieht das schon wieder etwas anders aus: es ist so selbstverständlich, dass wir uns aus dem Supermarkt mit allem, was das Herz begehrt, bedienen können, dass wir kaum mehr daran denken, dass es etwas Besonderes ist, täglich einen gedeckten Tisch haben zu können.

Wer sich an die Zeit während des Krieges und auch kurz nach dem Krieg noch erinnert, oder wer in der ehemaligen DDR gelebt hat, dem wird es wohl hin und wieder noch bewusst, dass wir in einer Fülle leben, die nicht so selbstverständlich ist. Der überwiegende Teil der Bevölkerung allerdings nimmt diese Vielfalt als etwas völlig Normales wahr und würde sich sicher wundern und dann wohl auch ärgern, wenn es mal eine Woche lang keine Milch oder Kartoffeln zu kaufen gäbe, oder wenn ein Kilo Kartoffeln plötzlich 80 Euro kosten würde. Das entspricht – relativ gesehen – dem Preis, den man in manchen Entwicklungsländern dafür bezahlen muss.

Menschen, die aus solchen Entwicklungsländern zu uns kommen, sind beeindruckt, wenn sie diese Fülle in unseren Supermärkten sehen. Und sie sind entsetzt, wenn sie bemerken, dass ein guter Teil dieser Fülle auf dem Müll landet, weil das sogenannte Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Was gäben sie darum, wenn sie diesen Müll mit nach Hause nehmen könnten!

Paulus spricht von Heiligung. Man könnte das vielleicht auch als eine Wertsteigerung ansehen. Denn was heilig ist, wird natürlich ganz anders behandelt als das, was wir als normal und alltäglich empfinden. Das Heilige hat einen höheren Wert, es verdient unsere Achtung.

Wir können das an den Menschen erkennen, die in der Woche den Kaiserdom aufsuchen. Denn auch wenn viele dieser Menschen nur das kunsthistorische Baudenkmal bewundern wollen, so sind die meisten von ihnen doch so beeindruckt, dass sie sich fast instinktiv zurückhaltend und respektvoll, ja, vielleicht sogar ehrfürchtig verhalten, denn sie spüren etwas von dem, was die Erbauer vermitteln wollten: dass dies eine Stätte der Begegnung mit Gott ist, dem Allmächtigen.

Der Kirchraum vermittelt ihnen etwas von der Heiligkeit Gottes.

Und solche Heiligkeit sollte eigentlich auch allen Dingen innewohnen, die wir von Gott empfangen, die er geschaffen hat, meint Paulus. Es geht letztlich darum, dass wir das Werk Gottes achten und respektieren.

Das fängt an bei den Kartoffeln und hört beim Smartphone nicht auf: in allen steckt etwas von der schöpfenden Kraft Gottes, und darum allein schon sind sie geheiligt – die Hand des Schöpfers heiligt sie.

Natürlich sollen wir deswegen nicht anfangen, diese Dinge anzubeten. Es sind von Gott geschaffene Dinge, die uns gegeben sind, um unser Leben zu ermöglichen oder zu erleichtern. Es sind in diesem Sinne gute Gaben Gottes.

Und darum sollen wir sie auch nicht so selbstverständlich hinnehmen, als stünden sie uns zu. Weder die Kartoffel noch die Milch noch das Smartphone noch all die anderen Dinge, die wir immer wieder gebrauchen. Darum ist es gut, wenn wir sie mit Dank empfangen und nicht einfach nur so konsumieren.

Dort, wo nicht gedankt wird, werden diese Dinge alltäglich, und wir beginnen, achtlos mit ihnen umzugehen. Wir werfen weg, was kaputt ist, und nicht nur das; wir werfen auch weg, was überholt ist, weil es schon etwas Neueres, Besseres gibt.

Und dazu hilft die Industrie ja auch ein gutes Stück mit:

Da werden in immer kürzeren Abständen neue, leistungsfähigere Geräte auf den Markt gebracht, die die früheren Modelle richtig alt aussehen lassen.

Weiter werden neue, angeblich bessere Standards entworfen, die nur noch mit neuen Geräten genutzt werden können.

Und schließlich gibt es noch die sogenannte geplante Obsoleszenz, von der in der jüngeren Vergangenheit recht häufig die Rede war. Sie zwingt uns gewissermaßen dazu, immer wieder neuere Modelle zu kaufen.

Denn die geplante Obsoleszenz ist der Versuch der Hersteller, Geräte relativ kurz nach Ablauf der Garantiezeit unbrauchbar zu machen, indem einzelne Bauteile dann ihren Dienst versagen. Da eine Reparatur in der Regel fast so viel kosten würde wie ein neues, besseres Gerät, weil angeblich nicht die einzelnen Bauteile ausgetauscht werden können, sondern immer ein großer Teil des Gerätes erneuert werden muss, kauft man natürlich das neuere Modell, anstatt das alte reparieren zu lassen. Auf diese Weise wird die Marktwirtschaft in Schwung gehalten, während die Müllberge ins Unermessliche wachsen.

Auch bei Lebensmitteln gibt es ähnliche Entwicklungen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist so etwas wie eine geplante Obsoleszenz. Die Angst vor verdorbenen Lebensmitteln führt dazu, dass durchaus noch essbare Nahrungsmittel im Mülleimer verschwinden.

Immer wieder neue Modelle herausbringen, um einen Kaufanreiz zu schaffen, muss man bei Nahrungsmitteln zwar nicht, denn man braucht sie ja sowieso, aber es gibt doch immer wieder Neu-Schöpfungen, für die durch gezielte Werbung ein Bedarf geweckt wird, der dann evtl. durch bestimmte Zusatzstoffe künstlich erhalten bleibt.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.

Denken wir also daran, Gott zu danken, um das, was wir gebrauchen und verbrauchen, mehr wertzuschätzen. Das wird uns helfen, nicht blindlings jeder Marketingstrategie zu folgen. Denn wenn wir Gott danken, sehen wir mehr als nur den Gebrauchs- oder Verbrauchsgegenstand. Wir sehen in allem Gottes schöpfende und ordnende Hand, und das lässt uns dann auch sorgsam mit allem umgehen, das wir uns aneignen.

Warum also nicht dort, wo es in Vergessenheit geraten ist, das Tischgebet wieder einführen? Es ist eine gute Gewohnheit, die dazu hilft, das, was auf dem Tisch steht, nicht so selbstverständlich hinzunehmen. Und es hilft auch, an die zu denken, die nicht in solchem Überfluss leben wie wir.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 3. Oktober 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: Nächstenliebe

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2. Mose 20,13; 21,12): «Du sollst nicht töten»; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Mt 5, 17-22)

Liebe Gemeinde!

Jesus macht es uns nicht leicht. Wie oft hat er gegen die Gesetze verstoßen? Der Mensch ist nicht um des Sabbaths willen geschaffen, sondern der Sabbath um des Menschen willen, hat er gesagt, und damit das Gebot der Sabbathruhe aus den Angeln gehoben.

Er hat provoziert, indem er Kranke gerade an diesem Tag heilte, und schalt die Pharisäer für ihre Engstirnigkeit und Gesetzlichkeit.

Und nun lesen wir diese Worte, ganz am Anfang seiner Wirksamkeit:

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. (Mt 5, 17)

„Das Gesetz und die Propheten“, das ist eine stehende Redewendung für die überlieferten Schriften, die wir heute unter der Bezeichnung „Altes Testament“ kennen.

Nun mag man fragen, was das bedeutet: er ist nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Könnte man dann vielleicht so sagen: mit seiner Auferstehung und Himmelfahrt ist das Gesetz erfüllt, also muss es niemand mehr einhalten? Es würde doch mit dem Ansatz, dass wir als Christenmenschen frei vom Gesetz sind, durchaus übereinstimmen.

Aber Jesus spricht weiter und hilft uns so, diese erste Aussage besser zu verstehen.

Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. (Mt 5, 18)

Bis Himmel und Erde vergehen. Und da das noch nicht geschehen ist, kann also diese erste Vermutung nicht richtig sein. Jesus macht auch mit seinem Tod, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt diesem Gesetz kein Ende. Es bleibt bestehen.

Was aber bedeutet dann „erfüllen“? Da hilft uns vielleicht der nächste Satz etwas weiter:

Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Das Auflösen des Gesetzes, auch eines einzelnen, kleinen, unbedeutenden Gebotes, ist falsch. Worauf es ankommt, ist vielmehr, es zu tun und zu lehren.

Und das tut Jesus. Er erfüllt das Gesetz und die Prophetenin vollkommener Weise.

Doch da fällt uns gleich wieder ein, was ich zu Anfang sagte: er bricht doch das Gesetz immer wieder, verstößt gegen die Sabbathruhe und missachtet die Würde der Schriftgelehrten und Pharisäer.

Nun, das Gesetz zu tun und zu lehren heißt nicht, blind dem Buchstaben zu folgen. Es bedarf der Interpretation. Der Buchstabe ist, das wissen wir, tot. Er wird erst lebendig durch den Geist, der ihn liest.

Dem Gesetz Leben einhauchen, das hat Jesus getan. Das ist dann auch gemeint, wenn er sagt:

Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5, 20)

Gerechtigkeit wird nicht durch stumpfsinniges Befolgen des Buchstabens erwirkt, sondern dadurch, dass das Gesetz zum Leben erweckt wird, dass es angewandt wird in seinem wirklichen Sinn, nämlich den Menschen zu dienen.

In unserem Text wird dann noch eine sogenannte Antithese vorgestellt.

Hier geht es um das eigentlich deutlichste und am wenigsten interpretierungsbedürftige Gebot: „Du sollst nicht töten“. Zwar könnte man z. B. fragen, ob sich das auch auf Tiere bezieht, vor allem die, die vielen Menschen als Nahrung dienen, aber das ist Jesus ziemlich egal.

Er haucht diesem Gebot Leben ein, indem er es auf’s Äußerste verschärft:

Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig. (Mt. 5, 22)

Ja, da kann man eigentlich nur noch schlucken und sich beschämt in irgend einer Ecke verkriechen. Denn wer hat nicht schon irgendwann einmal einen anderen beschimpft, oder wer ist nicht schon einmal über jemanden zornig gewesen?

Wenn das so sein soll mit den Geboten, dann sehen wir alt aus. Und da kann ich nun nichts dran herum deuteln: es ist so.

Jeden Tag werden wir darum schuldig, weil wir es nicht schaffen, die Gebote in der Fülle, die sie tatsächlich darstellen, einzuhalten.

Das ist bedrückend, es ist beschämend, es ist beängstigend. Zumindest sollte es das sein. Wir neigen ja vielmehr dazu, zu sagen, dass das, was sich in unseren Gedanken abspielt, belanglos ist. Aber das ist es eben nicht. Denn es prägt unseren Geist, es beeinflusst, wie wir uns diesem Menschen in Zukunft nähern, wie wir ihm oder ihr gegenüber stehen. Und wenn wir böse Gedanken über einen Menschen gehegt haben, dann können wir diesem Menschen nicht mehr freundlich begegnen, zumindest nicht aufrichtig. Dann wäre jedes Lächeln Heuchelei.

Jesus war radikal. Er machte mit der Deutelei ein Ende. Er ließ nicht zu, dass man hier und dort die eine oder andere Ausnahme genehmigt.

Und das ist gut so. Denn was Jesus hier als Anspruch formuliert, das ist nur das, was wir tatsächlich sind: Geschöpfe Gottes, die dazu bestimmt sind, das Gute zu tun.

Dass uns gleichzeitig auch die Fähigkeit gegeben ist, Böses zu wollen und auch zu tun, macht uns erst zum Menschen, zur Krone der Schöpfung.

Aus dem Böses-Wollen kommen wir nur heraus durch Jesus Christus, der uns von der Macht des Bösen befreit, der uns gewissermaßen den Rettungsring zuwirft, damit wir dieser Schöpfungsbestimmung wieder entsprechen können.

Gewiss: es wird uns kaum gelingen, so gut zu sein, dass wir alles Böse gänzlich ausklammern könnten. Aber es ist einen Versuch wert – einen lebenslangen Versuch. Denn dazu sind wir bestimmt, als die Auserwählten Gottes, als seine Kinder.

Amen

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Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis
27. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Einer aus der Menge sprach zu Jesus: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?

Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

(Mk 9, 17-27)

Liebe Gemeinde!

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Jesus sagt diesen Satz als Antwort auf die Frage, ob ein Mensch, der, wie es scheint, an Epilepsie erkrankt ist, durch ihn geheilt werden könne.

Der Vater des Menschen schreit daraufhin: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Aber nicht er heilt den Sohn durch seinen Glauben, sondern Jesus tut es.

Bedeutet das, dass der Vater nicht genug geglaubt hat? Dass das „hilf meinem Unglauben“ im Grunde nur bedeutet: ich will glauben, kann es aber nicht?

Wie ist das mit dem Glauben? Wann ist Glaube stark genug, und wann reicht er nicht aus?

Als Konsequenz der Worte Jesu müsste man doch annehmen dürfen, dass wenigstens einige unter uns die Fähigkeit haben, Kranke zu heilen – und ich meine jetzt nicht die Ärzte, sondern Menschen, die wenig oder vielleicht sogar gar nichts von den medizinischen Hintergründen einer Krankheit verstehen.

Denn der Glaube muss ja reichen. Nichts anderes ist nötig, damit einem alles möglich wird. Und dass es Menschen gibt, die glauben, unterstelle ich jetzt einfach mal. Es gäbe ja keine Kirche, wenn es nicht so wäre.

Dass es solche Menschen gibt, die fähig sind, ohne Kenntnisse medizinischer Methoden zu heilen, das hört man auch immer wieder in den Medien. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die solchen Menschen Scharlatanerie unterstellen – oder es zumindest versuchen. Und es gibt auch Untersuchungen, die beweisen, dass da was dran ist an dem, was diese Menschen tun.

Da ist, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Frau in der Schweiz, Graziella Schmidt, die z.B. unfruchtbaren Frauen die Fruchtbarkeit wieder schenkt – und dies wird medizinisch bestätigt. Durch ihre Behandlung normalisiert sich offenbar der Hormonhaushalt dieser Frauen, und sie werden schwanger. Graziella Schmidt selbst sagt, dass sie den Menschen, die sie behandelt, den Kontakt zu Gott wieder ermöglicht.

„Spirituelle Hebamme“ nennt sie sich, spirituelle Heiler nennen sich viele andere. Meist reihen sie Jesus ein in die Reihe derer, die so wie sie die Fähigkeit haben, die Lebensenergie in einem Menschen frei zu setzen.

Es gibt aber auch andere, solche, die im Namen Jesu heilen. Auch hier ist die Grenze fließend – es gibt Scharlatane und solche, die es aufrichtig meinen. Es ist schwer, den Unterschied zu erkennen, und darum halten wir uns lieber von solchem Umfeld fern.

Aber den Wunsch nach Heilung gibt es immer. Häufig kommt dieses Anliegen auf den Fürbittzetteln in der Gebetsnische vor.

Und ich selbst wurde hin und wieder recht massiv damit konfrontiert, und zwar überwiegend in Indien. Ich will von einem Vorfall berichten, in dem ich selbst gewissermaßen zum spirituellen Heiler wurde:

Wir besuchten eine recht junge Kirche, die aus der Arbeit eines Inders und seines Teams von jungen Predigern, die er selbst ausgebildet hatte, entstanden war. Ich sollte dort eine Bibelwoche halten. Als wir uns gerade zu einer Bibelstunde versammelten, wurden zwei Mädchen zu mir gebracht, die beide wild umher tanzten und sich schüttelten, so als seien sie besessen.

Ich verstand, dass ich für sie beten sollte, aber ich wusste nicht recht, wie ich es tun sollte. Ich fürchtete, dass ich die Erwartungen der Menschen, die die Mädchen zu mir gebracht hatten, enttäuschen würde, denn sicher wollten sie, dass ich die Dämonen, von denen die Kinder augenscheinlich besessen waren, austreibe. Ich war kein spiritueller Heiler, das wusste ich – ich hatte so etwas noch nie gemacht.

Aber beten konnte ich, das kann jeder. Also legte ich meine Hände auf sie und begann zu beten. Was immer ich betete, ich weiß es nicht mehr so genau. Mein eigentliches Gebet war das jenes Vaters: „Ich glaube, Herr; hilf meinem Unglauben.“

Das war es, was mir durch den Kopf ging. Gleich, noch während ich betete, wurden die beiden Mädchen ruhig und entspannten sich, so als seien die Dämonen aus ihnen ausgefahren.

Bis heute geht mir dieses Ereignis nach. Ich weiß ehrlich gesagt nicht viel damit an zu fangen. Für mich ist nur eines klar geworden: Ich hatte nichts getan. Mein Gebet war ein Stammeln gewesen. Also gab es eigentlich nur zwei andere Möglichkeiten: Gott hatte gehandelt, oder die Mädchen hatten einen Schabernack mit mir getrieben. Ich weiß es bis heute nicht.

Jesus spricht vom Glauben, als sei es eine Kleinigkeit. Die Jünger hatten es wohl versucht, ihren Glauben einzusetzen, gerade nachdem sie Jesus in all seiner Herrlichkeit gesehen und die Stimme gehört hatten: „Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören“ (Mk 9, 7b). Glaube dürfte für sie doch eigentlich überhaupt kein Problem gewesen sein!

Doch im Gegenteil: Es war und blieb ein fundamentales Problem. Sie versuchten wegen ihres Misserfolges auch, sich heraus zu reden – diese Krankheit könne man nicht heilen, der Geist, der den Knaben besessen hat, sei zu mächtig, usw.

Was fehlte ihnen, dass sie ihn nicht austreiben konnten, dass sie das Kind nicht heilen konnten?

Und was fehlt uns, dass wir es nicht können, so wie Jesus es tut?

Die Antwort hat Jesus ja selbst schon gegeben: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Wir glauben also nicht, denn uns sind längst nicht alle Dinge möglich.

Aber wollen wir uns diesen Vorwurf gefallen lassen? Glauben wir wirklich nicht? Geht es hier vielleicht nur um verschiedene Abstufungen des Glaubens?

Immerhin heißt es doch sinngemäß an anderer Stelle: Wenn ihr Glauben habt so groß oder eher so klein wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Berge versetzen. Da wird offenbar zwischen großem und kleinem Glauben unterschieden. Kann es sein, dass unser Glaube noch wachsen muss, damit auch wir durch unseren Glauben heilen können?

In unserem Predigttext spielt das aber keine Rolle. Jesus spricht nur von Glauben. Denn es gibt in Wahrheit keine Abstufungen des Glaubens. Es gibt keinen kleinen oder großen Glauben, man kann Glauben sowiesonicht messen.

Glaube ist Glaube. Auch der Glaube so groß wie ein Senfkorn ist vollkommener Glaube. Deswegen reicht er ja aus, um Berge zu versetzen, und nur so sind diese Worte Jesu auch zu verstehen: Es kommt nicht auf die Größe des Glaubens an.

Jesus wirft ganz offensichtlich seinen Jüngern und damit letztlich auch uns Unglaube vor. Er hört sich regelrecht genervt an: „Wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?“ (Mk 9, 19b)

Wie müssen sich die Jünger gefühlt haben, als sie das hörten?

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ schreit der Vater voller Verzweiflung. Ja, er schreit, obwohl Jesus ihn sicher auch gehört hätte, wenn er ganz normal gesprochen hätte. Es ist Verzweiflung, Zweifel und Hoffnung, die sich im Innern des Vaters vermischen und auf diese Weise zum Ausbruch kommen.

Jesus reagiert darauf nicht, indem er ihm Glauben schenkt, sondern indem er das Heil bringt. Er heilt seinen Sohn.

Ich glaube: ja, sicher glaube ich. Das lasse ich mir nicht ausreden, und ich lasse mir auch nicht das Gegenteil sagen. Aber ich gebe zu, dass mich auch schnell Zweifel überkommen.

Ich glaube aber nicht, dass ich Kranke heilen kann. Denn darum geht es auch gar nicht. Nicht ich heile ja, sondern Gott. Ich muss nicht an meine Fähigkeiten glauben, auch wenn ein gesundes Selbstbewusstsein gut ist, sondern ich soll an die Fähigkeiten Gottes glauben.

Schaffe ich es, ihm das zu zu trauen, dass er heilt, wo unsere Fähigkeiten versagen? Will ich das überhaupt?

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“. Dieser verzweifelte Ruf gilt Jesus. Ich kann es nicht, Du aber kannst es!

Diese Wendung zu Gott hin zu nehmen fällt uns oft schwer. Wir sind so von unseren eigenen Fähigkeiten überzeugt, dass die Grenzen, die sich auftun und unsere Fähigkeiten beschränken, wirken, als seien sie unüberwindbar – auch für Gott selbst. Wie oft kommen wir gar nicht auf die Idee, Gott in Anspruch zu nehmen, wenn wir versagt haben – oder noch bevor wir versagen. Wir versuchen es ja oft noch nicht einmal.

„Ich glaube“ – diese Worte beziehen sich eigentlich nur auf uns. Ich glaube. Ich tue es. Ich kann es. Nein, ich kann es eben nicht. Darum: „… hilf meinem Unglauben.“

Es ist gut, wenn wir diese Wendung zu Gott hin zu einer Lebensgrundhaltung machen. Das Leben sieht anders aus, wenn wir mit seiner und nicht mit unserer Kraft rechnen. Dann wird auch durch uns Gott Wunder vollbringen können. Denn er kann es, und er wird es tun.

Amen

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Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis
20. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

(Darum) Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. »Denn nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« (Habakuk 2,3.4). Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten. (Hebr 10, 35-39)

Liebe Gemeinde!

Jeden Morgen saß er am Bahnsteig auf einer Bank. Er sah die Menschen, die den Zug bestiegen, um damit zur Arbeit zu fahren. Kaum jemand stieg aus, wenn man’s genau nimmt, niemand, wenigstens die meisten Tage nicht. Denn es gab wenig Arbeit im Ort, die Fabriken waren alle schon lange geschlossen, und viel Sehenswertes gab es auch nicht. Wer sollte schon hierher kommen? Wer schon im Zug saß, wollte nur zur Arbeit in die große Stadt, die von hier etwa 15 Minuten entfernt war.

So saß der alte Mann dort jeden Morgen, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Es spielte keine Rolle, wie das Wetter war. Der Bahnsteig war überdacht, und man musste sich ja nur richtig anziehen.

Einer jungen Frau fiel dieser alte Mann auf, wie wohl auch allen anderen, die morgens herkamen und ihn schon sitzen sahen, während sie auf den Zug warteten.

Aber kaum einer von ihnen bemerkte, wie der alte Mann den Bahnsteig suchend hinabblickte, wenn der Zug eingetroffen war. Man sah ihn nur durch’s Fenster noch auf der Bank sitzen, während der Zug losfuhr.

Und niemand sah ihn fortgehen, nachdem der Zug abgefahren war.

Auch wusste niemand, dass er mittags und nachmittags ebenfalls am Bahnsteig saß, immer dann, wenn ein Zug aus der gleichen Richtung am Bahnhof hielt. Es hielten ja nicht viele Züge in dem kleinen Ort.

Viele vermuteten, dass er ein Stadtstreicher sei, der nichts Besseres zu tun hätte und es sich am Bahnhof bequem gemacht hatte. Aber irgendwie passte seine Kleidung nicht dazu, und überhaupt machte der alte Mann einen gepflegten Eindruck, ganz anders, als Stadtstreicher es tun.

Und so entschloss sich eines Morgens die junge Frau, ihn anzusprechen.

„Was machen Sie hier?“, fragte sie neugierig. Der alte Mann schaute sie etwas verwundert an, so als wollte er sagen: „was willst du denn!“

Aber er konnte ihr wohl ansehen, dass sie es ehrlich meinte. Und so antwortete er:

„Ich warte.“

„Worauf?“, fragte neugierig die junge Frau.

„Auf meine Frau“, sagte der alte Mann.

Bevor die junge Frau weiter fragen konnte, rutschte er etwas zur Seite und lud sie ein, sich neben ihn zu setzen. Dann begann er zu erzählen:

„Vor sechs Jahren bin ich mit meiner Frau hierher gegangen, um sie zu verabschieden. Sie wollte ihre Mutter besuchen, hatte sie gesagt. Und: ‚Ich komme bald wieder.‘ Das hatte sie auch gesagt. Ich höre es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich komme bald wieder.

Sie stieg in den Zug, der dorthin fährt.“ Er deutete in die Richtung, aus der der Zug gleich kommen würde. Dann fuhr er fort:

„Ich habe seither nichts von ihr gehört. Sie ist nie bei ihrer Mutter, die im Übrigen inzwischen gestorben ist, angekommen, hat jedenfalls ihre Mutter gesagt. Ich habe eine Vermisstenanzeige aufgegeben, aber niemand hat sie gesehen, die Polizei konnte mir nicht helfen.

Ihre Schwester meinte, ich solle sie für tot erklären lassen. Aber das kann ich nicht tun. Ich weiß, dass sie lebt und wiederkommen wird. Denn wir haben uns geliebt.“

In dem Moment kam der Zug. Die junge Frau verabschiedete sich nachdenklich und stieg in den Zug.

Und der alte Mann sah, wie jedes Mal, wenn der Zug am Bahnsteig hielt, den Zug entlang, ob nicht doch seine Frau aussteigen würde. Und insgeheim freute er sich schon auf das Wiedersehen.

Können Sie sich in den alten Mann hinein versetzen? Würden Sie es so wie er machen und wochen-, monate- oder gar jahrelang auf die geliebte Person warten? Nicht nur bei sich zu Hause, sondern dort, wo Sie diese Person das letzte Mal gesehen haben?

Vermutlich würde jeder irgendwann, und sicher nicht erst nach sechs Jahren, aufgeben und sich wieder dem Alltag zuwenden. Und dem alten Mann würde man vermutlich auch schon erklärt haben, dass das, was er tut, unvernünftig ist. Aber er würde es wohl kaum akzeptieren.

(Darum) Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. »Denn nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« (Habakuk 2,3.4). Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten. (Hebr 10, 35-39)

So lautet unser Predigttext für den heutigen Sonntag.

Werft euer Vertrauen nicht weg …

Genau darum ging es auch in der Geschichte, die ich gerade erzählt habe. Der alte Mann vertraute dem Versprechen seiner Frau. Sie hatten sich so sehr geliebt, dass er nicht glauben konnte, dass sie ihn belügen würde. Und darum hörte er nicht auf, auf sie zu warten.

In unserem Predigttext geht es allerdings nicht um das Verhältnis zwischen Mann und Frau, sondern um unser Verhältnis zu Gott. Es geht darum, dass wir Gottes Zusagen Vertrauen schenken, auch dann, wenn alles dem zu widersprechen scheint.

Niemand kann uns sagen, ob und wann Gott kommen wird. Es bleibt immer eine Frage des Vertrauens. Und man kann schon ganz gut verstehen, wenn Menschen nach einer Weile – immerhin sind es ja schon nahezu 2000 Jahre – ins Grübeln kommen und sich denken, dass Gott sein Versprechen wohl doch nicht einhält.

Seit rd. 2000 Jahren wartet die christliche Gemeinde auf das Kommen des Herrn.

Wir warten darauf, dass er der Ungerechtigkeit, dem Neid, dem Hass, der Missgunst ein Ende setzt.

Wir warten darauf, dass sein Reich Alles in Allem ist, dass es alles fortnimmt, was unser Leben belastet: kein Leid mehr, keinen Kummer, ja, auch den Tod nicht mehr.

Wir warten darauf, dass Gott sich in all seiner Herrlichkeit offenbart.

Tun wir das wirklich?

Wenn wir das tun, dann sind wir jedenfalls so unvernünftig wie der alte Mann, der sich tagaus, tagein zum Bahnsteig begab und auf seine Frau wartete, von der er seit Jahren kein Lebenszeichen mehr empfangen hatte.

Was ihn dazu trieb war die Liebe, die er für sie empfand, auch nach so vielen Jahren der Trennung. Er gab nicht auf.

Und was treibt uns?

Ist es das Verlangen nach einer besseren Welt?

Ist es die Hoffnung auf ein Jenseits, in dem wir nichts entbehren müssen?

Ist es die Sehnsucht nach der Liebe, mit der Gott uns begegnet ist?

„Wir sind von denen, die glauben und die Seele erretten“ (Hebr 10, 39b), so sagt es der Verfasser des Hebräerbriefes. Mit diesem „Wir“ meint er uns.

„Wir sind von denen, die glauben.“ Ob unser Glaube nun klein oder groß ist, spielt dabei gar keine Rolle, zumal wir dafür ja auch keinen Maßstab haben. Es genügt zu glauben, dass Gott zu seinen Versprechen steht, dass er sie einhält.

Gott kommt, das ist gewiss, das hat er uns zugesagt. Was durch Jesus Christus zeichenhaft sichtbar wurde, wird zuletzt allen Menschen offenbar werden.

Und doch scheint es mir oft, dass wir eher zu denen gehören, die schon längst alle Hoffnung aufgegeben haben, die ihr Vertrauen wegwarfen schon vor langer Zeit.

Aber müssten wir dann nicht ganz aufgeben, wenn es nichts gäbe, auf das es sich zu hoffen lohnt? Müssten wir dann nicht aufhören, Gottesdienst zu feiern? Müssten wir nicht aufhören, uns für die Schwachen in unserer Gesellschaft und in der Welt einzusetzen?

Denn ganz offensichtlich ist der Mensch ja sowieso nicht in der Lage, alles zum Guten zu wenden. Zigtausende Flüchtlinge, vor denen man ängstlich die Grenzen, die jahrzehntelang offenstanden, wieder versperrt, anstatt ihnen hier Raum zu geben, sprechen eine Sprache, die deutlicher nicht sein kann.

Tausende von Menschen, die täglich verhungern oder an durchaus heilbaren Krankheiten sterben, nur weil die Pharmaindustrie nicht bereit ist, ihre Medikamente diesen Menschen zugänglich zu machen, zeigen, dass der Mensch es nicht kann.

Gottes Liebe zu uns ist unermesslich. Nur neigen wir dazu, an ihr zu zweifeln, weil wir meinen, Gott müsse unsere Arbeit tun. Wir erwarten von ihm, was wir zu tun schuldig sind, weil er uns doch zuerst geliebt hat.

Aber das wird nicht funktionieren. Es liegt an uns, die Liebe Gottes allen Menschen zu offenbaren, in unserem Handeln, mit unseren Worten. Und so hören wir nicht auf, wir werfen unser Vertrauen nicht weg.

Wir stellen uns denen in den Weg, die Angst schüren, und stehen denen zur Seite, die in Not sind.

Dazu treibt uns die Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Wir tragen sie in unseren Herzen.

Amen

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Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis
13. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

(Gen 2, 4b-9, 15)

Liebe Gemeinde!

Irgendwie gemütlich, diese Erzählung von den Anfängen unserer Welt und der Menschheit. Schön ist die Vorstellung, dass Gott den Menschen nahm und in den Garten Eden setzte – so wie ein Kind eine Puppe ins Puppenhaus zum Beispiel. Hier ist dein Reich, hier darfst du schalten und walten. Nur dass Puppen nicht von sich aus schalten und walten.

Aber nehmen wir es einmal an, dann müssen wir doch feststellen, dass der Garten Eden, der schnell zum „Paradies“ wurde, begrenzt ist. Wie genau, das entzieht sich unserer Kenntnis, und viele Versuche, diesen Garten wieder zu finden, scheiterten, obwohl es manche Forscher gab, die felsenfest überzeugt waren, ihn gefunden zu haben.

Dafür ist dieser Garten umso anschaulicher. Gott pflanzte den Garten. Das heißt nicht, dass er den Garten irgendwo hin pflanzte, sondern er tat, was ein Gartenbauer zu tun pflegt.

Er gestaltete das Gelände, pflanzte Blumen hier, Bäume dort, Getreide wieder an einen anderen Ort.

Dazu gibt es Flüsse, die das Ganze bewässern.

Denn das ist offensichtlich: Es geht schon um Land, das bebaut und gepflegt werden will. Ein wilder Garten hat zwar auch was für sich, denn er bietet unzähligen Tieren Heimat, aber es ist schwer, aus ihm Früchte zu gewinnen.

Etwas Pflege gehört dazu, damit die Bäume und Sträucher und die Gräser ihre Frucht bringen und der Mensch sich davon ernähren kann.

Und ganz klar wird vom ersten Augenblick an, wer diese Aufgabe der Pflege und Bebauung übernehmen soll: es ist der Mensch. Denn: alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute. (Gen 2, 5)

… kein Mensch war da, der das Land bebaute. Noch bevor der Mensch geschaffen wurde, ist seine Aufgabe schon klar dargelegt.

Gott stellt die Grundlage zum Leben zur Verfügung – das Übrige liegt in der Hand des Menschen. Das ist seine Bestimmung: Bebauen und Pflegen.

Und dann schafft Gott den Menschen, und zwar aus dem Elementarsten, was zur Verfügung steht: aus Erde vom Acker.

Während Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, verhält es sich hier beim Menschen anders. Der Mensch entsteht aus dem, was Gott geschaffen hat. Er ist also eigentlich der Schöpfung untergeordnet, ganz anders, als er über viele Jahrhunderte begriffen wurde: als Krone der Schöpfung.

Deutlicher kann wohl kaum gezeigt werden, wohin der Mensch gehört. Da kann er noch so viele Fähigkeiten entwickeln, noch so gottähnlich werden: er wird niemals Gott sein können. Denn aus der Erde vom Acker ist er gemacht, so wie wenig später die Tiere auch.

Der Mensch ist Geschöpf, nicht mehr und nicht weniger. Er ist als Geschöpf dem Auftrag verpflichtet, der ihm von Gott übertragen wurde.

Wir sind diesem Auftrag verpflichtet. Wir gehören auf die Seite der Schöpfung, und nicht auf die Seite des Schöpfers. Wir sind eingebunden in dieses großartige Gefüge, in dem unzählige Geschöpfe alle ihren Teil tun, damit es funktioniert.

Dummerweise hat der Mensch sich nicht an seine Rolle gehalten. Mal abgesehen davon, dass es schon richtig ist, wenn nicht alle zu Gärtnern und Bauern werden – das ist ja auch sicher nicht gemeint. Aber der Mensch versucht ja immer wieder, durch technische Entwicklungen den Arbeitsaufwand so weit zu minimieren, dass letztlich alle zu Ruheständlern werden – diesen Eindruck könnte man jedenfalls gewinnen.

Zwar gibt es noch Länder, in denen die menschliche Arbeit weitaus billiger ist als der Einsatz der Maschinen, und aus denen wir heute die meisten der Dinge bekommen, die von Menschenhand zusammengebaut und erwirtschaftet werden müssen. Aber auch das wird sich ändern.

Worauf es hier ankommt, ist etwas anderes: Der Mensch hat in seinem Rationalisierungswahn ja auch in die Schöpfung selbst eingegriffen.

Raubbau ist da das wohl bedeutendste Stichwort. Da werden gnadenlos riesige Landstriche zerstört, um an einen Rohstoff zu gelangen, der unser Leben etwas vereinfachen kann. Unzählige Tier- und Pflanzenarten sind auf diesem Wege schon ausgerottet worden, weil ihre Lebensräume zerstört wurden.

Das hat vielleicht mit bebauen zu tun, nicht aber mit bewahren.

Und das alles nur, damit einem Bruchteil der Weltbevölkerung das Leben etwas angenehmer gestaltet werden kann.

Gen-Manipulation, deren Folgen noch niemand absehen kann, gehört zu den aktuellsten Errungenschaften der Menschheit. Dieser winzige Baustein, der Aussehen, Widerstandsfähigkeit usw. von Pflanzen, Tieren und Menschen beeinflusst, kann von uns mittlerweile zumindest bei Pflanzen gezielt verändert werden, so dass am Ende Früchte entstehen, die viel besser aussehen und dazu noch widerstandsfähiger und leichter maschinell zu ernten sind als die natürlichen Pflanzen.

An Tieren werden seit etwa vierzig Jahren Versuche in diesem Bereich unternommen, teilweise mit verheerenden Folgen: sonst harmlose Tierkrankheiten, an denen der Mensch nicht erkrankte, konnten z.B. aufgrund der genetischen Manipulation plötzlich auf den Menschen übertragen werden und dort großen Schaden anrichten.

Die Kernspaltung ist eine weitere, ähnlich bedenkliche Fertigkeit, die sich der Mensch erworben hat und die einen massiven Eingriff in die Schöpfung darstellt.

Beide Forschungsgebiete haben durchaus ihre Vorteile, aber sie bergen auch enorme Gefahren, deren Ausmaß wir nicht abschätzen können. Und das ist das eigentlich Gefährliche.

Wir sind nicht der Schöpfer – wir sind Geschöpfe. Uns fehlt das Wissen, das nötig wäre, um diese Dinge zu kontrollieren. Dennoch machen wir weiter. Dabei treibt uns der Glaube, dass wir eines Tages alles Wissen erwerben können.

Darum wird weiter geforscht. Denn die Wissenschaft kennt die Geschöpflichkeit nicht. Sie geht davon aus, dass sich vielmehr alles entwickelt, und der Mensch mit seinen Möglichkeiten prädestiniert dafür ist, nicht nur neue Dinge zu entdecken, sondern sie auch zu kontrollieren.

Die Frage ist: müssen wir das überhaupt? Reicht es nicht, wenn wir unsere Umwelt so gut verstehen, dass wir wissen, wie wir sie erhalten können?

Das ist es jedenfalls, worauf uns die Worte Jesu aus dem Evangelium hinweisen wollen: Die Sorge um unser Leben ist nicht unsere Aufgabe. Gott sorgt für uns, und wir könnten darum eigentlich mit viel weniger genauso zufrieden oder sogar generell zufriedener sein, als wir es derzeit sind.

Ein unangenehmer Nebeneffekt unserer Entwicklung ist, dass es etwa drei- bis viermal so viele Menschen gibt, die diesen Lebensstandard, den wir genießen, noch lange nicht erreicht haben, wohl aber das berechtigte Verlangen spüren, auch dahin zu kommen: etwa einen Fernseher, ein Auto oder einen Kühlschrank zu besitzen und zu benutzen. Für die Wirtschaft ist das ein Glück, denn der Umsatz steigt und steigt; für die Umwelt ist es allerdings eine Katastrophe, denn der Raubbau würde sich potenziell vervielfachen, was ungeahnte Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen haben wird.

Die Umwelt ist allerdings schon jetzt so weit aus dem Gleichgewicht geraten, dass das globale Klima davon betroffen ist, und heute muss man sich die Frage stellen, ob ein Schritt zurück überhaupt noch möglich ist. Wir scheinen gezwungen, den nächsten Schritt zu gehen, damit wir noch etwas retten können.

Ich frage mich oft, wie wohl unsere Kindeskinder die Welt erleben, die wir ihnen hinterlassen. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Vielleicht ist das auch gut so. Denn jede Generation hat ihre Chance, mit dem, was ihr gegeben ist, in einer Weise umzugehen, dass das Leben für die Nachwelt in einem erträglichen Rahmen möglich ist.

Gott hat uns eine Welt gegeben, die uns alles Nötige zur Verfügung stellt, von der wir gut leben könnten, ohne allzu sehr in die Ordnung, die Gott einmal angelegt hat, eingreifen zu müssen.

Nachdem wir die Erde nun jahrhundertelang bebaut – man muss vielleicht sagen: abgebaut – haben, ist es jetzt höchste Zeit, auch den anderen Aspekt wieder deutlicher wahrzunehmen: dass wir sie bewahren.

Denn letztlich sind wir ein Teil von ihr.

In diesem Zusammenhang muss ich an die Rede des Häuptlings Seattle vor dem Präsidenten der USA denken. Die Weisheit der Ureinwohner Nordamerikas kann uns vielleicht noch etwas helfen, zu verstehen, worauf es ankommt, und vielleicht gelingt es uns, etwas davon wieder zu gewinnen. Dort heißt es:

„Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler – sind unsere Brüder …

Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. … Lehrt Eure Kinder, was wir unsere Kinder lehren: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir: die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde – das wissen wir.

Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an …

Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt – unser Gott ist derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, daß Ihr ihn besitzt – so wie Ihr unser Land zu besitzen trachtet – aber das könnt Ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen – gleichermaßen der Roten und der Weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll – und die Erde verletzen heißt ihren Schöpfer verachten.“

Soweit der Häuptling Seattle. Es lohnt sich, diese Rede aus dem Jahre 1855 einmal vollständig zu lesen. Sie ist die Antwort auf das Anliegen, das Land der Indianer zu kaufen.

„Du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (Gen 3, 19) – so heißt es wenige Verse nach unserem Predigttext in der Bibel, nachdem der Mensch die ihm gesetzte Grenze unwiderruflich überschritten hatte.

Wir sind Geschöpfe Gottes, um es mit anderen Worten zu sagen. Es ist gut, wenn wir uns daran immer wieder erinnern und versuchen, in der Verantwortung zu leben, in die Gott uns hinein gestellt hat: zu bebauen und zu bewahren.

Amen

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Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis
6. September in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Lk 17, 11-19

Liebe Gemeinde!

Wie vertraut ist uns diese Erzählung von der Heilung der zehn Aussätzigen, und doch so fremd.

Aussatz – darunter wurde damals wohl mehr als nur Lepra verstanden. Manche Hautkrankheit, die andauerte, führte, auch wenn es nicht Lepra war, zu dem Urteil: Aussatz!

Denn ein Urteil war es: es bedeutete die Entfremdung, das Ausgestoßensein. Das Urteil wurde vom Priester gefällt, weil man Aussatz als eine Strafe Gottes ansah.

Der Ausschluss aus der Gemeinde war notwendig, niemand zweifelte daran. Man sah die Krankheit wie aus dem Nichts auftauchen und musste vermuten, dass sie ansteckend ist. So sorgte man dafür, dass es keinen Kontakt zwischen den Kranken und den Gesunden gab.

In den Stadtarchiven von Assisi fand man ein Dokument, das beschreibt, wie zur Zeit des Franziskus mit den Aussätzigen umgegangen wurde. Auch zu jener Zeit, vor rd. 800 Jahren, schien die Absonderung der Erkrankten der einzige gangbare Weg. Dort wird beschrieben:

Der Priester kommt aus der Sakristei und begibt sich zu dem Ort, wo – abgesondert vom Volk – der aussätzig gewordene Mensch niederkniet. Er besprengt ihn mit Weihwasser und spricht:

„Teurer Armer Gottes, durch Kummer und Qual, durch Krankheit, Aussatz und anderem, kann der Mensch das himmlische Gottesreich verdienen, wo kein Schmerz und kein Verdruss mehr sein wird und alles rein ist, ohne Flecken und Falten, leuchtender als die Sonne. Dorthin wirst du gehen, wenn es Gott gefällt. Mein Bruder, die Trennung trifft nur deinen Körper. Wichtiger ist, dass wie ehedem dein Geist Teil hat an den Gebeten unserer Mutter, der heiligen Kirche, als wohntest du täglich dem gött1ichen Offizium bei. Mildtätige Menschen werden für deine täglichen Bedürfnisse sorgen und Gott wird dich nicht verlassen. Amen.“

Der Priester streut Erde vom nahe gelegenen Friedhof aufs Haupt des Kranken und spricht: „Stirb an der Welt, um aus Gott neu geboren zu werden. Oh Jesus, mein Erlöser, der du mich aus Erde formtest und mich mit einem Körper bekleidetest, lass mich am jüngsten Tag wieder auferstehen.“

Das Volk antwortet: „Meine Gebeine beben und meine Seele fließt aus meinem Inneren. Halleluja, sei uns gnädig Gott, erlöse uns von dem Bösen.“

Der Priester liest dann die Geschichte von den zehn Aussätzigen aus dem Evangelium vor. Dann folgen die Anweisungen:

„Mein Bruder, nimm diesen Mantel als ein Symbol der Demut; geh nie hinaus, ohne ihn zu tragen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

„Nimm diesen Becher, empfange hierin, was dir zu trinken gegeben wird. Unter Gehorsam verbiete ich dir, aus Bächen, Brunnen und Quellen zu Trinken.“

„Solltest du unterwegs jemandem begegnen, der mit dir sprechen möchte, dann verbiete ich dir, ihm zu antworten, ehe du mit deinem Gesicht gegen den Wind stehst.“

„Es ist dir verboten, mit einer Frau zu sprechen, außer mit deiner eigenen. Es ist dir verboten, Kirchen oder Kapellen zu besuchen oder zu einer Mühle oder dem Markt zu gehen. Nie darfst du auf schmalen Straßen wandeln, auf denen man dir nicht entweichen kann. Trage diese Rassel mit dir; hiermit kannst du die Menschen vor deinem Kommen warnen.“

Der Zug stellt sich dann auf, um den Aussätzigen zu seinem neuen Haus zu begleiten. An der Tür ist ein hölzernes Kreuz befestigt. Der Aussätzige sagt:

„Hier ist mein ewiger Ruheort, hier werde ich leben, das gelobe ich.“

Vor der Tür steht ein Opferblock, der Priester gibt als erster seine Gaben, dann folgen die GIäubigen. Danach gehen sie zur Kirche zurück, der Aussätzige bleibt in seiner neuen Behausung.

„Allmächtiger Gott“ , betet der Priester, „der du durch das Leiden deines Sohnes den Hochmut des alten Feindes überwindest, gib deinem Diener Kraft, um ergeben und geduldig das Böse, das ihn traf, zu tragen.“

„Amen“, antwortet das Volk.

(nach Nico ter Linden, es wird erzählt, Band 6, S. 64f)

Der scheinbar nötige Abstand wurde auf diese Weise gewahrt, zugleich aber war der Aussätzige kein Ausgestoßener mehr. Für ihn wurde weiterhin gebetet, und er konnte Teil haben an den Gebeten der Gemeinde, wenn auch nicht in den Kirchen. Es bestand eine geistliche Verbindung mit der Kirche. Er blieb Teil der Gemeinde, was auch darin deutlich wird, dass die Gemeinde die Pflicht für die Versorgung des von Ihr getrennten Gemeindeglieds sich selbst auferlegte.

Das funktionierte ganz gut. Heute, da wir wissen, wie Lepra übertragen wird, ist es längst nicht mehr so dramatisch, aber auch in Indien erlebten wir, dass die an Lepra erkrankten Menschen immer noch abgesondert wurden und man ihnen möglichst nicht zu nahe kam.

Und auch wir holen unsere Kranken grundsätzlich erst einmal aus der Gemeinde heraus – zu ihrem Besten, versteht sich. Sie werden, zumindest bei ernsteren Erkrankungen, in Krankenhäuser gebracht. Die Angst vor der Schweinegrippe hatte, vermutlich notwendigerweise, erstaunliche Blüten getrieben, bis dahin, dass Patienten, die evtl. damit infiziert waren, außerhalb der Praxis des Arztes behandelt wurden. Auch hier wird abgesondert, ausgegrenzt.

Der Spruch „Aus den Augen, aus dem Sinn“ erweist sich da oft als wahr: nur wer den Erkrankten wirklich gut kennt und mit ihm häufig Umgang hatte, erinnert sich auch an ihn und besucht ihn. Wir denken an unsere Kranken in unseren Gottesdiensten in der Fürbitte, meist allgemein, weil wir die Namen aller gar nicht kennen, aber das war’s dann auch schon.

Der Besuch kranker Gemeindeglieder wird durch das Datenschutzgesetz erschwert: wir bekommen keine Mitteilung, wenn ein Gemeindeglied ins Krankenhaus eingeliefert wurde, und meist denken auch Angehörige nicht daran, es uns mitzuteilen.

Unser Krankenkassensystem sorgt für die Kranken mehr oder weniger gut, immerhin werden da jährlich rund 240 Milliarden Euro bewegt, das sind etwa 2800 Euro für jeden Bundesbürger. Man ist versorgt, aber im Grunde wird man als Kranker abgesondert, ja ausgesondert.

In Indien haben wir es anders erlebt: Dort werden die Kranken von ihrer Familie versorgt. Da gibt es in den Krankenhäusern keine Küche, die für die Patienten kocht – dafür sorgen vielmehr die Angehörigen.

So bleibt Krankheit im Bewusstsein der Menschen. Sie fühlen sich mit verantwortlich, und sie sind es ja auch.

Zur Zeit Jesu sah das Ganze etwas anders aus. Es gab keine Krankenhäuser. Lepra konnte man sich nicht wirklich erklären. Schon zu Moses Zeiten waren Gesetze entstanden, die Aussätzige von der Gemeinde trennten, um Ansteckung zu vermeiden. Also untersuchte man die Krankheit auch nicht weiter. Sie galt als von Gott gesandt, als Strafe.

Man sah ohnehin grundsätzlich einen Zusammenhang zwischen Lebenswandel und Krankheit. Und diese Krankheit, der Aussatz, war gleich der Todesstrafe, weswegen man sie auch „der erstgeborene Sohn des Todes“ nannte.

Denn wer an Lepra erkrankte, lebte meist nicht besonders lange, was, wie wir heute wissen, ja nicht an der Krankheit selbst lag, sondern an den Folgeerkrankungen, die dadurch ausgelöst wurden. Aber damals bedeutete der baldige Tod nach dem Ausbruch der Krankheit nur, dass, wer aussätzig geworden war, große Sünde begangen haben musste.

Auf der anderen Seite wurde aber Heilung nicht ausgeschlossen. Auch sie konnte nur von Gott her kommen. Das ergab sich ja schon daraus, dass sich niemand mehr den Aussätzigen nahen durfte.

Die Heilung eines Aussätzigen kam einer Totenerweckung gleich. Denn wer einmal am Aussatz erkrankt war, kam ja normalerweise nicht mehr zurück.

Und nun sehen 10 Aussätzige Jesus. Sie halten den gebührenden Abstand, aber sie verkriechen sich nicht. Sie bitten nicht um Almosen, wie es sonst üblich wäre. Die Vorübergehenden würden Essen auf Steine abseits des Weges legen, und die Aussätzigen würden sich das Essen holen, wenn die Reisenden weit genug weiter gezogen waren.

Doch aus irgendeinem Grunde wussten sie, wer Jesus ist. Sie hatten von ihm gehört, und so erkannten sie ihn und erwarteten von ihm große Dinge.

„Erbarme dich unser“, rufen sie ihm zu. Denn sie wissen, dass sie gegen den Ratschluss Gottes nichts anderes ausrichten können als allein sich auf die Gnade Gottes und sein Erbarmen zu berufen. Darum: Herr, erbarme dich! Kyrie eleison!

Jesus zieht nun keine Show ab. Er legt noch nicht einmal seine Hände auf sie, er benetzt nichts mit Speichel, er macht auch keine große Geste. Er sagt nur ganz schlicht: „Zeigt euch den Priestern.“

Das war es nämlich, was geheilte Aussätzige zu tun hatten. Die Priester entschieden, wer Aussatz hat und wer nicht.

Und als sich nun diese 10 auf den Weg machten, wurden sie rein. So, als ob es das Selbstverständlichste und Einfachste der Welt wäre: sie wurden von den Toten auferweckt. Gleich zehn auf einmal!

Einer von ihnen kehrt zurück. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen: er ist Samariter. Also einer von denen, die mit den Juden nicht gerade grün sind, die sich über Glaubensfragen mit ihnen zerstritten hatten. Heiden – aus den Augen des jüdischen Volkes zumindest.

Man könnte vielleicht sagen, dass der Unterschied zwischen Samaritern und Juden ähnlich ist wie bei uns der Unterschied zwischen Zeugen Jehovas und Protestanten. Man kann zwar ganz gut miteinander, aber bei bestimmten Dingen eben doch nicht.

Interessant ist, dass angesichts des Todes diese Unterschiede verschwinden: der Samariter lebte mit den anderen Aussätzigen zusammen, da gab es keine Trennung. Nun, da er geheilt ist, entsteht diese Trennung wieder, aber genau entgegengesetzt zu dem, was man eigentlich erwarten sollte. Er findet den Weg zu Gott.

Der Samariter kehrt als einziger von denen, die so lange miteinander gelebt hatten, zurück, fällt nieder und dankt Jesus für die Heilung.

„Dein Glaube hat dir geholfen“, ist die Antwort Jesu nach der rhetorischen Frage, ob sich sonst niemand gefunden habe, Gott die Ehre zu geben.

Natürlich sind die neun anderen auf dem Weg zum Tempel, und natürlich werden sie dort ihr rituelles Sündopfer darbringen, wie es vorgeschrieben ist, nachdem der Priester sie für geheilt erklärt hat. Sie geben also Gott auch die Ehre. Aber was sie tun, das ist Pflicht.

Der Samariter bräuchte das gar nicht zu tun, denn sein Heiligtum ist nicht in Jerusalem. Was er tut, das ist Kür. Vielleicht findet er deshalb den Weg zurück zu Jesus, um ihm zu danken, weil Jerusalem nicht wirklich sein Ziel ist.

Vielleicht ist es aber auch tatsächlich nur dies: er erkennt, wem er seine Heilung zu verdanken hat, und will es auch zeigen. Es spielt keine Rolle, wohin er gehört, ob er Heide oder Gläubiger ist: er ist einfach nur dankbar. Und so spricht Jesus ihm auch den Glauben zu: Dein Glaube hat dir geholfen.

Hat er den anderen nicht geholfen?

Wir werden mit dieser Frage allein gelassen.

Die übrigen neun Geheilten interessieren nicht mehr. Sie leben ihr Leben weiter, so wie sie es vor der Erkrankung taten. Ihnen fehlt die Gottesbegegnung.

Der Samariter aber wird sein Leben nie mehr so leben, wie es vor der Erkrankung gewesen ist. Er hat durch die Heilung etwas gewonnen: er hat die Kraft und die Liebe Gottes, er hat Gottes Barmherzigkeit erfahren. Sie ist ihm in Jesus Christus begegnet. Das will er nun nicht mehr vergessen. Er will es nicht loslassen. Er will daran festhalten. Darum ist er zurückgekehrt, und mit dieser Rückkehr hat er sich abgekehrt von den alten Wegen und hat einen neuen Weg betreten.

Wenn er geht, so wie Jesus es ihm mit den Worten „steh auf, geh hin“ aufträgt, dann wird er davon erzählen, von den Wundern, die Gott an ihm getan hat. Und er wird wissen: er kann ganz auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes vertrauen. In seiner Liebe ist er geborgen.

Auf den Zetteln, die in der Gebetsnische zum Aufschreiben von Gebetsanliegen bereit liegen, ist manches Mal eine Bitte um Heilung zu finden, die ich dann auch in meine Fürbitte aufnehme. Ganz selten findet sich dann auch einmal ein Dank für die Heilung. Ob es für die anderen keine Heilung gab? Oder ob man es dann doch eher vergaß, zu danken?

In der Not denken wir gerne an Gott und erwarten von ihm alles; aber wenn es uns gut geht, dann vergessen wir ihn doch recht schnell.

Aber unser ganzes Leben liegt in Gottes Hand. Vom ersten bis zum letzten Atemzug sind wir sein. Daran will uns diese Geschichte von den 10 Aussätzigen erinnern.

Möge dies zur Gewissheit in uns werden.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 5. September 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: Leben im Geist

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Lesung: Hört Worte aus dem Brief des Paulus an die Galater im 5. Kapitel. Der Apostel schreibt:

Ich sage aber: Lebt im Geist, so werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, sodass ihr nicht tut, was ihr wollt. Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz. Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht.

24 Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden. 25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.

(Gal 5, 16-25)

Liebe Gemeinde!

In einem Urlaub waren wir unter anderem auch auf dem Berg Montserrat und besuchten natürlich das dortige Kloster. Wir erfuhren von den sogenannten Einsiedeleien, in die sich früher einzelne Mönche zurückzogen, um ihr Leben ganz dem Gebet zu widmen.

Sicher wurden die Mönche auch von dem Text, den wir gerade gehört haben, dazu inspiriert, die Einsamkeit der Berge aufzusuchen und dort zu verweilen, ja, ihr ganzes Leben zu verbringen.

Denn Paulus fordert seine Leser auf zur Überwindung des Fleisches, dessen Werke er dann auch benennt: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. (Gal 5, 19-21a)

Die meisten dieser Werke brauchen ein Gegenüber, einen Menschen. Dadurch, dass man sich in die Einsamkeit zurückzog, war es nahezu unmöglich, dass einen solche Gefühle noch befallen könnten. Man vermied also die Werke des Fleisches.

Darum ist die Praxis, sich in Einsiedeleien zurück zu ziehen, nahezu so alt wie das Christentum.

Aber man muss andererseits auch sehen, dass diese Einsiedler immer wieder von Menschen aufgesucht wurden, die ihren Rat und ihr Gebet suchten.

Man glaubte, dass diese Menschen, die ihr Leben ganz dem Gebet widmeten, Gott besonders nahe und darum auch ihre Gebete besonders wirkungsvoll seien.

Außerdem brachten Boten immer wieder Nahrungsmittel, die sie in den Einsiedeleien nicht mit ihrer Hände Arbeit herstellen konnten.

Aber das sind immer kurze Begegnungen gewesen – niemand außer der Mönch übernachtete dort in der Einsiedelei.

Es war also nicht so, dass diese Einsiedler völlig einsam ihr Leben fristeten, und es war auch nicht so, dass sie nur ständig ins Gebet versunken waren. Sie mussten für ihren Unterhalt arbeiten, Beeren und Pilze sammeln, und sie mussten dafür sorgen, dass ihre Unterkunft instand blieb.

Heute sind diese Orte unbewohnt, sie verfallen; nur Touristen suchen sie immer wieder auf.

Es mag sein, dass das damit zu tun hat, dass heute kaum ein Mensch mehr bereit ist, sein Leben derart einzuschränken und damit auch einem großen Risiko auszusetzen.

Was ist, wenn man krank wird oder sich verletzt? Der Bote kommt vielleicht nur einmal in der Woche oder sogar noch seltener – ohne Pflege, ohne Medikamente ist man bis dahin unter Umständen schon tot.

Und ist das Leben mit anderen Menschen nicht auch viel schöner?

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum diese Lebensart nicht mehr geübt wird, denn sie widerspricht dem Evangelium.

Es ist zwar richtig, dass die Früchte des Fleisches all diese ärgerlichen Dinge sind, die ich vorhin aus dem Galaterbrief aufgezählt habe, und die durch das Leben als Einsiedler kaum mehr auftreten können.

Aber es geht ja nicht nur darum, die Werke des Fleisches zu vermeiden, sondern auch und besonders darum, die Werke des Geistes zu tun.

Und auch diese Werke des Geistes zählt Paulus auf: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit. (Gal 5, 22-23a)

Diese Werke brauchen genauso das menschliche Gegenüber wie die Früchte des Fleisches.

Gewiss, die Einsiedler öffneten sich den Anliegen derer, die zu ihnen pilgerten, aber es wird doch erkennbar, dass es hier auch darum geht, sich aufzumachen zu den Menschen hin, und nicht darauf zu warten, dass sie zu einem kommen.

„Lebt im Geist“, ruft Paulus uns zu.

‚Das ist gar nicht so einfach!‘, möchte man zurückrufen. Denn

  • da sind ja doch die streitsüchtigen Nachbarn,
  • da sind die blöden Typen in der Schule, die einen immer wieder aufziehen,
  • da ist die kleine Rente, mit der man trotz lebenslanger Arbeit zurecht kommen muss,
  • da sind die Leute, die sich auf keine Argumente einlassen und mit denen man darum nichts zu tun haben will,
  • da ist das tolle neue Automodell (oder das schöne Kleid, oder das neue Smartphone usw.), das man unbedingt haben muss.

Überall stößt man auf reichlich Anlass, um den „Werken des Fleisches“ nachzugeben. Wie kann man sich da auf die Werke des Geistes einlassen?

Denn der Geist fordert doch von uns, dass wir uns den streitsüchtigen Nachbarn auf versöhnliche Weise nähern, dass wir den blöden Typen ein freundliches Wort gönnen, dass wir zufrieden sind mit dem, was wir haben, und nicht neidisch auf andere schauen, und dass wir nicht immer das Neueste und Beste haben müssen.

Paulus sagt: „Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden.“

Es ist also schon geschehen, und tatsächlich: die Taufe ist der Punkt oder besser: das Ereignis, an dem sich unser ganzes Leben gewandelt hat. Wir leben seither im Geist. Es ist also kein Anspruch, sondern eine Tatsache.

Das ist der Grund, warum Paulus dann auch noch sagen kann: „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ Denn das eine bedingt nicht zwangsläufig das andere.

Der Aufforderung: „Lebt im Geist“ wird im Grunde beantwortet mit der Feststellung: das tun wir längst. Es ist nichts, was wir uns erst mühsam erwerben müssen durch das, was wir tun.

Der Lebenswandel, das „im Geist wandeln“, ergibt sich aus dieser Erkenntnis, dass wir Kinder Gottes sind, dass wir bereits im Geist leben.

Der einzige Haken ist, dass wir das gerne vergessen. Darum ist es gut, wenn wir uns immer wieder darauf besinnen. Und dazu kann so etwas wie eine Einsiedelei durchaus hilfreich sein. Aber nicht so, dass man sein ganzes Leben dort verbringt. Es genügt, wenn man sich jeden Tag Zeit für ein Gebet nimmt, für die Betrachtung eines Bibeltextes, um sich dessen neu zu vergewissern, dass man ein Kind Gottes ist und in seinem Geist lebt.

Wenn das gelingt, dann kann es die Werke des Fleisches auch nicht mehr geben. Und wenn es sie doch noch gibt, weil wir eben doch nachlässig werden und vergessen, wes Geistes Kinder wir sind, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns vergibt durch das Kreuz seines Sohnes.

Amen

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Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis
Feier der Goldenen Konfirmation
30. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Amen. (1. Joh 4, 7-12)

Liebe Gemeinde!

Von Rainer Maria Rilke wird erzählt, dass er in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über einen Platz ging, an dem eine Bettlerin saß, die mit geneigtem Kopf ihre Hand hinhielt und so um Geld bettelte. Sie sagte nichts, sie flehte nicht um Almosen, sie dankte aber auch nicht, wenn ihr eine Münze in die Hand gelegt oder auch schlicht hingeworfen wurde, sondern saß nur gebeugt da.

Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf ihr jedoch häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin, warum er nichts gebe. Rilke antwortete: „Wir müssten ihrem Herzen etwas schenken, nicht ihrer Hand.“

Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte schon weitergehen. Doch da griff die Bettlerin nach seiner Hand, erhob sich mühsam von der Erde, sprach ein leises „Danke“ und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden; der Platz, an dem sie immer gebettelt hatte, blieb leer. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder wie früher an der gewohnten Stelle. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand.

Wovon hatte diese Frau die ganzen Tage gelebt? Hatte sie woanders gebettelt? War ihr etwa die Rose Nahrung genug?

So schien es für Rainer Maria Rilke. Er hatte dem Herzen etwas geschenkt: ein Zeichen der Liebe. Das mag ihr Kraft gegeben haben, die Woche mit weniger als sonst üblich durchzustehen. Vielleicht gab es auch andere, die ihr auf ähnliche Weise ein Zeichen der Liebe zukommen ließen.

Rilke durchbrach mit dem Geschenk der Rose das notwendige, aber doch nur rein materielle Geben und Nehmen. Er gab nichts Überflüssiges, wie es scheinen mag, sondern die Rose war ein Zeichen der Liebe, nach der wir uns doch alle sehnen.

Liebe Jubilare,

vor 50 oder 51 Jahren haben Sie den Segen Gottes empfangen. Heute ist Gelegenheit, sich einmal bewusst zu machen, wo Sie diesen Segen besonders gespürt haben. Haben Sie empfangen, wonach Sie sich sehnten? Hat es Zeichen der Liebe gegeben in Ihrem Leben, so wie jene Bettlerin ein Zeichen der Liebe empfing?

Meist erinnert man sich ja viel leichter an die Enttäuschungen, an die schmerzhaften Brüche, an das Leid. Aber das andere ist ja eigentlich viel wichtiger und vor allem: es tut wohl, sich an das Gute zu erinnern. Da sind so manche schöne Dinge: die Gemeinschaft mit lieben Menschen, der Erfolg im Beruf, Sicherheit und Wohlstand – lassen Sie uns für einen kurzen Moment innehalten und still werden, um uns zu vergegenwärtigen, wo der Segen Gottes für uns besonders spürbar wurde.

(Stille)

Liebe Gemeinde,

es ist ein Wesenszug christlicher Existenz, das Gute, das wir empfangen haben, weiter zu geben. Die Liebe Gottes, die in Jesus Christus offenbar wurde, ermutigt uns, unsere Mitmenschen zu lieben, auch wenn sie gar nicht unbedingt so liebenswert sind. Denn wir ahnen ja schon, dass auch ihnen diese Liebe gilt – wir können sie nicht nur für uns selbst beanspruchen.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Gott hat die Welt geliebt – und er liebt sie noch. Seine Liebe bleibt.

Davon ist in unserem Predigttext die Rede. Der ganze erste Johannesbrief ist voll von Worten über die Liebe Gottes. Manchmal könnte man auch seufzend fragen: Gibt es denn nichts anderes, wovon Johannes reden bzw. schreiben könnte? Wir haben's doch schon begriffen, dass die Liebe das Wichtigste ist.

Aber haben wir das wirklich?

Gott ist die Liebe! – das ist ein Satz, den sich auch Brautpaare immer wieder gerne als Trauspruch aussuchen. So als wollten sie damit sagen: schaut her, unsere Liebe ist von Gott, sie hält ewig, denn Gott ist ewig. Aber ist das die Liebe, die Johannes meint?

Am ehesten verstehen wir, welche Liebe gemeint ist, wenn wir uns Paulus zu Hilfe holen. Auch er schreibt im 1. Brief an die Korinther von der Liebe, und kommt zu dem Schluss, dass die Liebe die größte ist von den dreien: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Er schreibt über die Liebe: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf. (1. Kor 13, 4-8)

Hier erscheint die Liebe allerdings losgelöst von Gott – Paulus redet von der Liebe, die zwischen Menschen besteht oder bestehen kann.

Einzig in dem letzten Satz: „die Liebe hört niemals auf“, lässt sich eine Verbindung zu Gott herstellen, denn man könnte ergänzen: genauso wie Gott selbst. Er ist ewig, wir sind es nicht. So würde unsere Liebe wohl aufhören, wenn wir sterben. Die Liebe Gottes zu uns Menschen aber hört niemals auf.

Johannes sagt es in seinem 1. Brief wesentlich direkter. Die Liebe ist von Gott, und noch deutlicher: Gott ist die Liebe.

Warum nur gibt es dann auch das Gegenteil der Liebe, den Hass? Darauf hätte Gott doch verzichten können. Unzählige Kriege, endloses Blutvergießen hätten vermieden werden können. Es gäbe keine Ländergrenzen, keine Flüchtlinge, niemand würde Not leiden.

Niemand wäre auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern auf den Vorteil des anderen. Denn:

Die Liebe sucht nicht das Ihre. Sie sucht das des anderen.

Gott will den Hass nicht. Aber seine Liebe zu uns ist nun mal so groß, dass er uns nicht die Möglichkeit nehmen will, selbst die Liebe zu entdecken und dann auch fest zu halten.

Und das können wir nur, wenn es das andere, den Hass, auch gibt. Denn wie sonst sollen wir das Wunderbare der Liebe begreifen?

Schon als Kinder nehmen wir die Liebe unserer Eltern als etwas wahr, das wir von unserer Umwelt in der Regel nicht erfahren. Wir lernen, dass man seinen Mitmenschen, wenigstens sofern sie uns unbekannt sind, erst einmal misstrauen muss. Wir lernen, an der Liebe anderer zu zweifeln, und zwar gründlich zu zweifeln.

Und das wohl aus gutem Grund.

Die Nachricht von den über 70 Flüchtlingen, die in einem LKW in Österreich tot gefunden wurden, lässt uns schaudern. Das waren Menschen, die darauf vertraut hatten, eine neue Heimat zu finden, nachdem sie ihre bisherige Heimat durch den Hass anderer Menschen verloren hatten.

Sie vertrauten ihr Leben Menschen an, denen es einzig auf das Geld ankam, das der Transport einbringen würde.

Aus unserer Warte kann man natürlich sagen: warum haben sie das auch getan. Sie hätten ihr letztes Geld auch für den Neuanfang aufheben können. Jeder weiß doch, dass diese Schlepper skrupellose Geschäftemacher sind.

Aber für einen Flüchtling sieht die Welt ganz anders aus. Wenn man Angst um sein Leben hat, möchte man auf dem Weg in die erhoffte Freiheit und vor allem Sicherheit nicht auf halbem Weg stecken bleiben – da, wo man vielleicht beides nicht hat und unter Umständen noch Gefahr läuft, wieder zurückgeschickt zu werden.

Sie haben vertraut, und dieses Vertrauen wurde bitter enttäuscht.

Zwar nicht so drastisch erlebt es jeder Mensch immer wieder: Vertrauen wird missbraucht.

Und so sitzt das Misstrauen tief, denn die Liebe ist nun mal nicht automatisch ins Herz der Menschen geschrieben. Sie findet ihren Nährboden in der Liebe Gottes.

Wer sich auf diese Liebe einlässt, der erlebt, dass die Mitmenschen in einem anderen Licht erscheinen. Denn allen gilt die Liebe Gottes – niemand kann sie für sich allein in Anspruch nehmen und damit anderen Menschen verweigern.

Unser Bild vom Menschen ändert sich durch die Liebe Gottes. Wir legen unser Misstrauen ab.

Damit will ich nicht sagen, dass wir naiv und blauäugig werden. Sondern: die Liebe Gottes färbt ab. Und diese Liebe ist, wenn man so will, naiv und blauäugig. Denn sie geht vom Guten im Menschen aus. Sie sieht das Gute im Menschen, da, wo wir es nicht mehr erkennen können.

Wäre das nicht so, dann hätte Gott sicher nicht seinen Sohn in diese Welt gesandt, um uns von unserer Sünde zu befreien. Er hätte uns uns selbst überlassen, und wer weiß, wie es dann um die Menschheit bestellt wäre.

Das ist der Beweis der Liebe Gottes, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit wir seine Kinder sein können – obwohl eigentlich alles dagegen spricht.

Gott liebt uns, ohne Gegenliebe zu erwarten. Das macht auch Johannes ganz deutlich. Für ihn ist die Antwort auf die Liebe Gottes nicht die Liebe zu Gott, sondern die Liebe zu unserem Nächsten. „Wenn wir uns untereinander lieben, dann bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen“. (1. Joh 4, 12)

Damit meint er sicher in erster Linie die christliche Gemeinde, dass sich alle Gemeindeglieder untereinander in gleicher Weise lieben. Aber er meint damit eben auch die Liebe zu den Mitmenschen, die sich nicht zur Gemeinde Christi halten.

Wenn wir lieben, dann wird die Frage wach, woher wir die Kraft dafür nehmen. Denn das ist schon ein Erfahrungswert: immer nur zu lieben, braucht einen enormen Kraftaufwand und gelingt eigentlich nie vollkommen.

Die Kraft zur Liebe kommt nicht aus uns selbst, sondern von Gott. Und diese Kraft ist unerschöpflich. Darauf können wir hinweisen: Gottes Liebe gibt uns die Kraft, unsere Mitmenschen zu lieben.

Im Abendmahl schmecken wir gewissermaßen die Liebe Gottes. Jesus Christus hat sich für uns hingegeben – damit all unsere Schuld von uns genommen wird. Im Abendmahl wird die vergebende Liebe Gottes fühlbar.

Dann können wir auch Liebe weitergeben. Wir wirken mit am Bau des Reiches Gottes, wenn wir lieben – denn dann bleibt Gott in uns, seine Liebe ist in uns vollkommen.

Liebe Jubilare,

vermutlich haben Sie es damals am Tag Ihrer Konfirmation vor rd. 50 Jahren nicht so empfunden, aber durch den Segen wurde Ihnen diese Liebe Gottes zugesprochen. Ich bin sicher, dass Sie sie auch in den folgenden Jahren erfahren haben, auf die eine oder andere Weise.

Und so ist heute ist ein guter Anlass, dafür zu danken. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch in Zukunft die Zeichen der Liebe Gottes wahrnehmen und immer wieder Wege finden, Ihre Dankbarkeit für die liebevolle Zuwendung Gottes zum Ausdruck zu bringen.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 29. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: Gütergemeinschaft

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. (Apg 4, 32-35)

Liebe Gemeinde!

Etwa ein halbes Jahrhundert ist verstrichen, als Lukas die Geschichte der ersten Gemeinden aufschrieb. 50 Jahre – da kann man noch Menschen antreffen, die damals gelebt hatten, und natürlich hatte Lukas auch über viele Jahre, in denen er in den Gemeinden umhergereist war, sich erzählen lassen, wie es gewesen war, damals, als es alles seinen Anfang nahm.

Der ursprünglichen Erschütterung über den Tod Jesu war bald die Unruhe gefolgt, die der Geist Gottes mit sich bringt und ja eigentlich erst verursacht:

das Evangelium muss weiterlaufen, du kannst nicht ruhig an deinem Ort bleiben und hoffen, dass andere an deiner Stelle davon reden. Die Apostel und andere reisten umher, blieben nur wenige Wochen, manchmal auch Monate an einem Ort und predigten das Evangelium, das schnell Wurzeln fasste und so neue Gemeinden entstehen ließ. Immer ging es auch um den Geist Gottes, der in diesen Gemeinden wirkte. Auf ihn war Verlass – es bedurfte keiner weiteren Präsenz eines Apostels, wenn der Heilige Geist in einer Gemeinde gegenwärtig war.

Diese vom Heiligen Geist verursachte Unruhe machte aber an dieser Stelle nicht Halt, sondern sie bezog sich auch auf das baldige Kommen Jesu, das man in den ersten Jahren und Jahrzehnten noch erwartete. Jesus hatte ja verkündet, dass er wiederkommen würde – wie lange sollte es noch dauern, bis das Reich Gottes offenbar würde?

Alles, was Jesus ihnen gesagt hatte, war wichtig geworden und wurde zum Bestandteil ihres Lebens, zur Lebensaufgabe, um damit auch sein Kommen gewissermaßen zu forcieren.

Und so hielten sie fest an der Lehre der Apostel – derer, die mit Jesus gewandelt waren – und gingen in den Tempel oder in die Synagogen zum Gebet, denn sie waren nach wie vor fromme Juden. Zugleich kam das Neue hinzu: das gemeinsame Essen in den Häusern, was zwar auch dem jüdischen Volk bekannt war, aber nur zum hohen Fest des Passah. Hier bekam es eine neue Bedeutung: dieses Mahl war ein Fest der Gemeinschaft untereinander und mit dem auferstandenen Herrn.

Die christliche Gemeinde versammelte sich in den Häusern, denn Kirchgebäude oder andere Versammlungsräume hatten sie anfangs nicht zur Verfügung. Und es war ganz selbstverständlich, dass sie miteinander teilten, was sie hatten.

Fünfzig Jahre ist es her, dass alles so begann, und nun schreibt Lukas es auf, hält es fest für die Nachwelt. Manches ist schon Vergangenheit und wird in der gewesenen Form nicht wiederkehren: etwa die Erwartung, dass Jesus zu Lebzeiten der ersten Generation wiederkehren würde, aber auch, dass man einmütig in der Lehre der Apostel blieb, denn inzwischen hatte man sich mit den jüdischen Gelehrten zerstritten, es gab mehr heidnische als jüdische Christen, und auch unter den Christen war man sich nicht mehr so einig wie damals in den Anfängen.

Auch die Gütergemeinschaft, die sich ja in den klösterlichen Gemeinschaften bis in unsere Tage hindurch trägt, war für die übrige Gemeinde kaum mehr zu verwirklichen.

Und darum fügt Lukas eine Erzählung an von Hananias und Saphira, die zwar ihren Acker verkaufen, dann aber das Geld nur zur Hälfte der Gemeinde geben und dabei den Fehler machen, zu behaupten, das sei alles, was sie bekommen hatten. Beide sterben eines plötzlichen Todes, ohne dass jemand Hand an sie legte. Es ist ein grausames Gottesurteil, das Lukas da schildert, ein Urteil, das die Menschen, die seine Aufzeichnungen lesen, daran erinnern soll, dass Aufrichtigkeit eine wesentliche Notwendigkeit für das Miteinander der Christen ist.

Jesus Christus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben – niemand kommt zum Vater denn durch ihn, und das bedeutet eben auch: nur dann, wenn man wahrhaftig bleibt.

Lukas will die, die es sich bequem gemacht haben, spüren lassen, wie unbequem ihre Lage eigentlich ist, und so müssen auch wir uns herausfordern lassen von diesen Worten, die vom Anfang der Christen erzählen.

Warum ist es so eigentlich nicht mehr möglich? Sind es zu viele? Sind die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe der verschiedenen Christen zu unterschiedlich? Oder ist es schlicht der Starrsinn, der Egoismus oder die Gleichgültigkeit der Menschen, die es unmöglich machen, dieses Ideal christlicher Gemeinde weiter zu leben? Oder gibt es zu viele Menschen, die die Liebe Gottes gar nicht annehmen wollen und darum auch die Gemeinde Jesu Christi an der Verwirklichung des Ideals?

Für Lukas brachen diese Fragen zu seiner Zeit schon auf. Er sah, dass das, was Jesus gepredigt hatte und in ihm schon sichtbar geworden war, nicht durchgehalten werden konnte. Aber es war ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass es doch möglich ist.

Und darum ist da erst ein Barnabas, der seinen Acker verkaufte und das Geld – alles Geld – vor die Füße der Apostel legte.

Natürlich ist es möglich. Aber wir werden uns gleich die Frage stellen: wem vertraue ich meinen Besitz an? Wenn ich wenigstens die Gewähr habe, dass es nicht genutzt wird, damit sich einzelne daran bereichern, bin ich zufrieden – und wenn ich selbst nicht am Hungertuch nagen muss, sondern in Frieden und ohne Sorge leben kann, ist es um so besser.

So war es gedacht, so fing es an, das Christentum, mit der Freiheit von allem, was uns in dieser Welt bindet, heute vielleicht mehr als damals, aber das glaube ich eigentlich nicht. Denn auch damals ging es um die Existenz, nicht nur um das eigene Leben, sondern auch um das der Familie, und darüber hinaus natürlich auch um die gesellschaftliche Stellung, die man durch solches Handeln verlieren konnte.

Was bindet uns? Diese Frage stellt uns Lukas mit diesem kurzen Schlaglicht auf die ersten Christen: die Menge der Gläubigen waren ein Herz und eine Seele.

Heute ist die Christenheit von Spaltungen und Trennungen geprägt. Unterschiedliche Konfessionen sind nicht zur Versöhnung bereit, und wo Gespräche geführt werden, merkt man doch auch, dass es über eine bestimmte Grenze nicht hinausgehen kann. Und diese Grenze: sie ist fast immer da, wo es um Macht geht. Denn dann bedeutet ihr Überschreiten Machtverlust. Und dazu sind Menschen wohl am wenigsten bereit.

Damals war es klar: die Macht gehört alleine Gott. Und so ist es auch heute. Nur einem gebührt die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Und so war es auch gar nicht schwierig, das wirklich werden zu lassen, was Lukas da beschreibt:

Es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte.

Es liegt an uns, damit das wieder Wirklichkeit werden kann.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 22. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: David und Goliath

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Und es war ein Mann in Lystra, der hatte schwache Füße und konnte nur sitzen; er war gelähmt von Mutterleib an und hatte noch nie gehen können. Der hörte Paulus reden. Und als dieser ihn ansah und merkte, dass er glaubte, ihm könne geholfen werden, sprach er mit lauter Stimme: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher. Als aber das Volk sah, was Paulus getan hatte, erhoben sie ihre Stimme und riefen auf Lykaonisch: Die Götter sind den Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen. Und sie nannten Barnabas Zeus und Paulus Hermes, weil er das Wort führte. Und der Priester des Zeus aus dem Tempel vor ihrer Stadt brachte Stiere und Kränze vor das Tor und wollte opfern samt dem Volk.

Als das die Apostel Barnabas und Paulus hörten, zerrissen sie ihre Kleider und sprangen unter das Volk und schrien: Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr und predigen euch das Evangelium, dass ihr euch bekehren sollt von diesen falschen Göttern zu dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. Zwar hat er in den vergangenen Zeiten alle Heiden ihre eigenen Wege gehen lassen; und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt. – Und obwohl sie das sagten, konnten sie kaum das Volk davon abbringen, ihnen zu opfern.

Es kamen aber von Antiochia und Ikonion Juden dorthin und überredeten das Volk und steinigten Paulus und schleiften ihn zur Stadt hinaus und meinten, er wäre gestorben. Als ihn aber die Jünger umringten, stand er auf und ging in die Stadt. (Apg 14, 8-20)

Liebe Gemeinde!

Paulus konnte, nachdem ihm Jesus erschienen war, nicht ruhig bleiben. Er begab sich auf den Weg.

Weg – so nannte man anfangs das, wovon die Christen sprachen. Ihr Glaube war der Weg. Weg zum Leben – Weg zur Wahrheit – Weg zum Licht – Weg im Licht. Die Anhänger des Weges wurden die Christen am Anfang genannt.

Paulus ging den Weg, den Gott ihm gewiesen hatte, aber er war nicht allein. Immer hatte er Begleiter um sich, wenigstens einen. Fast wie Jesus zog er durch die Lande, mit einer Schar im Gefolge, die nur sehen wollte, wie er irgend etwas Wunderbares tat, und einer anderen Schar, die von der Botschaft ergriffen war, die aus seinem Mund kam.

Zugegeben, es waren nicht allzu viele, und sie verliefen sich wieder, je weiter sie von ihrer Heimat weg waren – denn Paulus lag daran, dass sie dort, wo sie zu Hause waren, das Evangelium verkündigten.

Aber dann hatte er noch Vertraute, die ihm zur Seite standen, die im Verkündigungsdienst halfen, und mit denen er seine Sorgen und Nöte, aber auch seine Hoffnungen teilte.

Nun war er mit Barnabas auf dem Weg, dem Mann, der ihn damals nach seiner Bekehrung bei den anderen Aposteln eingeführt hatte. Barnabas war Zypriot, ein Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, wie Lukas über ihn einige Kapitel vorher schreibt (Apg 11, 24)

Schon lange hatte er das Evangelium in Antiochien gepredigt, wo eine kleine Gemeinde entstanden war, als er Paulus um Hilfe bat. Dort, in Antiochien, wurden die, die dem Weg folgten, das erste Mal auch Christen genannt (Apg 11, 26)

Nach langer Zeit des Dienstes in der Gemeinde Antiochiens, wodurch die Gemeinde auch wuchs, kam der Heilige Geist über die Gemeinde: „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe.“ (Apg 13, 2)

Noch wird er Saulus genannt, „Der Erbetene“. Doch bald schon hören wir den Namen Paulus, „Der Kleine“. Wird er von anderen klein gemacht, oder macht er sich selbst klein?

Der Name ist Ausdruck der Demut vor dem allmächtigen Gott, der ihn zu einem Verkündiger der Botschaft von Jesus Christus berufen hat.

Sein Wirken ist bedeutungsvoller geworden als das aller anderen Apostel. Von ihm sind viele Briefe erhalten, was schon deutlich zeigt, wie groß seine Bedeutung auch damals schon war.

Ihre Reise führte sie erst nach Zypern, die Heimat des Barnabas. Die Insel durchquerten sie von einem Ende zum anderen und verkündigten überall das Evangelium. Sie wandten sich dabei stets an die jüdischen Gemeinden und predigten in den Synagogen, denn dort hatte der christliche Glaube seine Wurzeln.

Es sollte keine neue Religion entstehen. Jesus ist der Sohn des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs. Er ist der verheißene Messias. Das ist die Botschaft, auf die das jüdische Volk seit Jahrhunderten wartete. So konnten sie gar nicht anders als sich an das Volk Gottes wenden und ihm davon erzählen.

Nirgends blieben sie wirklich lang, aber doch einige Wochen wenigstens, um die Menschen, die vom Evangelium ergriffen wurden, darin zu unterweisen. Wenn sie das Gefühl hatten, dass die Gemeinde im Glauben gefestigt und mit der Kraft des Heiligen Geistes bestehen könne, zogen sie weiter.

Dass sie ungehindert auf der Insel den Weg verkünden durften, verdankten sie dem Prokonsul Sergius, der sich selbst dem christlichen Glauben zuwandte und ihnen so den Schutz der staatlichen Gewalt zusicherte.

Von Zypern ging es nach Lystra in Lykaonien. Nun werden die beiden „Apostel“, d.h. „Gesandte“, genannt. Ein Titel, der bis dahin nur denen zugestanden wurde, die den Herrn leibhaftig gesehen und ihn zur Zeit seines irdischen Wandels begleitet hatten.

In Lystra ereignet sich ein Wunder. Ein kraftloser Mann, der nicht auf seinen Füßen stehen kann, der gelähmt ist, wird von Paulus geheilt. Doch nein, es ist nicht Paulus, der diese Heilung vollbringt, sondern Gott selbst. Aber das wird nicht sogleich erkennbar. Denn es ist das Wort des Paulus, durch das sich das Wunder ereignet: 'Stelle dich auf deine Füße!'

Schon bald kehrt das Wort zurück, Paulus erkennt, wie gefährlich es ist, wenn man vergisst, von Anfang an auf den hinzuweisen, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden.

Die Menschen in Lystra glauben, Paulus und Barnabas seien menschgewordene Götter. Ein Schrecken ergreift Paulus, und mit großer Mühe versucht er, alles wieder ins rechte Lot zu rücken. Doch schon kommen die Priester, um ihnen zu opfern, und das Volk fällt vor ihnen auf die Knie, um sie anzubeten.

Freiheit wollten sie bringen, Freiheit von den Göttern, die sie versklavten, und anstelle dessen hatten sie die fesselnde Macht der heidnischen Götter auch noch gefestigt. Nur wenige Worte hatte es dazu gebraucht.

Wie viele Worte brauchte es nun, um das Gegenteil zu bewirken!

„Wir sind sterbliche Menschen, gleich wie ihr!“ ruft Paulus aus.

„Wir sind gekommen, um euch das Evangelium zu predigen, die gute Nachricht von der Liebe Gottes, des Allmächtigen, der in Wahrheit über den Himmeln thront, der euch alles Nötige zum Leben gibt und euer Leben erhält.“

Es nützt nichts. Noch viel muss gesagt werden, sie müssen sich klein machen, sehr klein, damit die Menschen erkennen, wer sie in Wahrheit sind. Und ihnen selbst gelingt es auch nicht.

Es kommen andere, die Angst haben vor der Macht des Evangeliums, und nutzen die Gelegenheit: Betrüger sind es, steinigt sie zu Tode – so schnell wird, wie damals, als Jesus in Jerusalem einzog, das Hosianna zum Kreuzige.

Irgendwie scheint es Barnabas gelungen zu sein, im Tumult zu entrinnen. Paulus aber wurde ergriffen und gesteinigt.

Wie ein Spiegel wird noch einmal in der Mitte der Apostelgeschichte gezeigt, was schon am Anfang stand: ein Mensch wird um des Glaubens willen gesteinigt. Damals war es der Diakon Stephanus, der „Kranzträger“, der, der den Sieg davonträgt. Saulus hatte dabei gesessen und zugeschaut, und er hatte sich an seinem Tode gefreut.

Nun erlitt er selbst den Tod auf eben diese Weise.

Man zerrte ihn hinaus vor die Stadt, denn einen Toten lässt man nicht in der Stadt liegen. Ein Begräbnis sollte ihm, der eben noch als Gott verehrt worden war, nicht zuteil werden.

Die Christen, die in Lystra lebten, traten an ihn heran, als die anderen fort waren, und umringten ihn. Wo kommen sie her? Hatte seine Predigt doch schon Erfolg gehabt? Oder hatten andere vor ihm dort das Evangelium gepredigt? Wir erfahren es nicht.

Ganz klein ist er geworden, Paulus, der Kleine. Leblos liegt er da, ohne Kraft. Doch die Gemeinde aus Lystra betet für Paulus, sie erbittet die Kraft Gottes für ihn. Ganz klein nur wird es geschildert, unscheinbar. Er stand auf und ging in die Stadt.

So als wäre nichts geschehen, begibt er sich wieder in die Hände derer, die ihn gerade hatten töten wollen, ja, die ihn gerade getötet hatten. Er steht auf und geht seinen Weg. Er geht den Weg.

Das ist die Geschichte des Evangeliums. Es steht auf, wie schwer ihm auch zugesetzt wird. Das Evangelium lebt. Es kann nicht sterben. Da können noch so viele aus der Kirche austreten, da können noch so viele sich gegen den christlichen Glauben stellen – es kann die Kraft des Evangeliums nicht schmälern.

Denn das Evangelium ist das Leben. In Paulus nimmt es Gestalt an, für einen Moment nur. Wir erfahren, welch ungeheure Kraft in der Botschaft von der Liebe Gottes steckt, wie großartig und wunderbar sich das Evangelium Bahn bricht. Keine Macht der Erde kann ihm widerstehen.

Paulus wird seinen Weg weiter gehen, er wird den Weg verkünden. Ganz so, wie der Herr seiner Kirche aufgetragen hat: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein … bis an das Ende der Erde.“

Amen

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Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis
16. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Lk 18, 9-14

Liebe Gemeinde!

Das Gleichnis, das wir gerade gehört haben, stellt zwei Menschen einander gegenüber, die beide eines gemeinsam haben: sie wenden sich Gott zu.

Gott ist Bestandteil ihres Lebens. Sie verstehen ihr Leben von Gott her. Und doch sind sie so unterschiedlich, wie kaum zwei Menschen sein können.

Der eine, der Pharisäer, pflegt ein Gottesbild, das er sich selbst zurechtgesetzt hat, während der andere, der Zöllner, sich so sieht, wie er ist: als Geschöpf des Allmächtigen, dessen Gnade man erbitten kann, ohne allerdings einen Anspruch darauf zu haben.

Der Pharisäer hat Gott gewissermaßen an seine Bedürfnisse angepasst. Er nutzt Gott als Bestätigung seiner eigenen Leistungen.

Er bemerkt noch nicht einmal, dass das nicht mehr der Gott ist, von dem in den heiligen Schriften geschrieben ist. Er hat sich das daraus Passende herausgesucht, so dass es seiner Vorstellung von Gott entspricht.

Solange es ihm gut geht, fühlt er sich auch in seinem Gottesbild bestätigt – und das kann ein ganzes Leben lang so sein. Dabei ist in Wahrheit sein Leben einzig dadurch definiert, wie andere Menschen ihn sehen. Er achtet darauf, vor den anderen so dazustehen, dass ihm Ansehen und Respekt sicher sind.

Dazu gehört auch sein Eintreten für Gott, denn das macht ihn zur Respektsperson. Aber auch in dieser Funktion dient er nicht Gott, sondern nur sich selbst.

„Gott sei Dank bin ich nicht so ein schlechter Mensch wie so viele andere, und vor allem nicht so ein Sünder wie der da!“, denkt er bei sich und dankt Gott dann auch tatsächlich dafür. So als hätte der Zöllner Schweinegrippe, hält der Pharisäer genügend Abstand, um sich ja nicht an der Sünde des anderen zu infizieren.

Denn das ist ja klar und allseits bekannt: Zöllner sind Sünder. Allein der Umstand, dass sie mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiten, macht sie dazu.

Schlimmer noch, dass die Zöllner ihre Glaubensgenossen und Landsleute ausbeuten, indem sie überhöhte Zölle nehmen und einen guten Teil für sich einstreichen, macht sie zu verächtlichen Wesen, die sich selbstverständlich auch vor Gott nicht mehr rechtfertigen können – so dachte man zumindest.

Ob es wirklich stimmte, was da so allgemein über die Zöllner gesagt wurde, wagte keiner zu prüfen, denn man hatte Angst vor dem Unmut der Römer, unter deren Schutz und in deren Auftrag die Zöllner ja schließlich arbeiteten.

Im Grunde ähnelt das sehr der Art und Weise, wie manche Menschen auf die Flüchtlinge unter uns blicken: weil man sie fast überall mit Smartphones hantieren sieht, denkt man sich: denen kann's ja nicht schlecht gehen, oder: das sind ja doch nur Schmarotzer. Und mit solchen will man nichts zu tun haben.

Aber mit der Distanzierung vom Sünder ist es nicht genug. Der Pharisäer zählt dazu noch geflissentlich auf, was für fromme Taten er tut. Er fastet zweimal in der Woche und gibt auch den Zehnten, wie es sich gehört, für den Dienst am Tempel und an den Armen in der Gemeinde.

Was für ein toller Kerl er doch ist! Es ist alles abgedeckt: die Verpflichtungen Gott und den Menschen gegenüber nimmt er ohne zu Murren wahr und hält sich an alle Regeln, die dem Gemeinwohl dienen.

Der Zöllner zählt solche Taten nicht auf. Er bittet nur um Vergebung.

Soll man daraus schließen, dass er weder fastet noch den Zehnten gibt? Oder soll es vielmehr bedeuten, dass er diese Dinge für so selbstverständlich erachtet, dass er sie keiner Erwähnung würdigt? Ihm liegt nur etwas Schweres auf der Seele, und das spricht er aus: Gott, sei mir Sünder gnädig. Dabei wagt er noch nicht einmal, seine Augen zum Himmel, zu Gott hin, zu erheben, denn er weiß, dass er dessen nicht würdig ist.

Ob er nun so ein Sünder ist, wie man sich das damals vorstellte? Ob er wirklich die Menschen übervorteilte, mehr Zoll nahm als vorgeschrieben und sich daran bereicherte? Oder ist es vielleicht auch nur, dass ihm die Sündhaftigkeit seiner Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht bewusst ist?

Oder denkt er an ganz andere Dinge: etwa, dass er eine andere als seine eigene Frau begehrlich angesehen hat? Oder dass er böse Gedanken gegen einen anderen hegte? Oder dass er auf die Schmähungen, die ihm tagtäglich bei seiner Arbeit an den Kopf geworfen werden, in ähnlicher Weise, mit provozierenden oder gar beleidigenden Worten, reagiert hat?

Gott weiß es – auch das wird in diesem Gleichnis deutlich. Alles andere ist Spekulation, zu der wir kein Recht haben. Denn sie führt immer zur voreiligen Verurteilung.

Gott weiß es – und damit soll es auch gut sein. Wir haben kein Recht, andere zu verurteilen und über sie den Stab zu brechen. Wir dürfen nicht andere aufgrund von Gerüchten und Vorurteilen ins Abseits drängen.

Das gilt auch für die Flüchtlinge unter uns. Zuallererst müssen wir sie kennenlernen, die Fragen und Zweifel, die wir haben, mit ihnen erörtern. Und wenn das geschehen ist, merken wir, dass die Dinge viel komplexer sind, als wir sie uns anfangs vorgestellt haben. Und wir begreifen, dass wir kein Recht haben, sie zu verurteilen.

Wer von den beiden, von denen uns Jesus im Gleichnis erzählt, ist nun der Bessere?

Diese Frage wird nicht gestellt. Sie ist zwar impliziert, denn Jesus gibt ja die Antwort auf diese Frage, aber das ist nun auch wichtig an der ganzen Geschichte: Jesus bittet nicht die Zuhörer um ihr Urteil, sondern er fällt es selber, denn nur er kann den Richterspruch fällen:

derjenige, der seine Frömmigkeit wie einen Bauchladen vor sich her trägt und sich von all den Sündern distanziert, ist derjenige, der nicht gerechtfertigt wird. Er ist also schlechter dran. Nicht, dass er ein böser Mensch wäre – ein solches Urteil wird nicht ausgesprochen.

Es ist nur so: all seine Frömmigkeit, all seine Treue zu Gott nützt ihm nicht ein bisschen, weil er sich selbst für perfekt hält, weil er dies alles tut. Er erwartet nichts von Gott, weil er selbst schon alles getan hat; also bekommt er auch nichts von Gott.

Der Zöllner hingegen erwartet alles von Gott, und also bekommt er es auch. Seine Sünden sind ihm vergeben.

Noch einmal mit anderen Worten: Der Pharisäer hat Gott verloren, denn er erwartet nichts mehr von ihm, obwohl er sich tagtäglich im Gebet ihm zuwendet.

Aber dieses Gebet ist nichts anderes als eine Selbstbestätigung. Ich bin gut – die anderen sind es nicht (zumindest die meisten anderen), so sagt er sich, wenn er vor Gott steht. Was soll Gott mit solch einem Menschen tun?

Der Zöllner hingegen hat Gott gefunden. Er sieht sich als Sünder, als einer, der Gott gegenüber nicht aus eigenen Stücken gerecht werden kann – und wird zum Gerechten.

Gerne nehmen wir uns den Zöllner zum Vorbild und schauen verächtlich auf den Pharisäer. Wir sind ja allesamt Sünder, wie Paulus es im Römerbrief (Röm 3, 23a) formulierte.

Und so transportieren wir diese Erkenntnis auch gerne wie einen Bauchladen vor uns her und meinen, dass damit schon alles gut sei.

Wie schnell geraten wir so aber in genau die Position, die der Pharisäer einnimmt. Wie schnell zimmern wir uns da unser eigenes Gottesbild, suchen nur Selbstbestätigung und nicht Gott. Und wie schnell grenzen wir uns auf diese Weise ab von jenen, die diese Erkenntnis nach unserer Meinung nicht haben.

Es ist allerdings schwierig, gewissermaßen auf Befehl Sünder zu sein, und nahezu unmöglich, wenn man es sein will, um dafür Lohn zu empfangen, um so gerechtfertigt zu werden. Natürlich ist man dann Sünder, aber die Rechtfertigung erlangt man auf diese Weise nicht. Wir wären nicht anders als der Pharisäer, der Gott seinem Gottesbild anpasst und so alles selbst erledigt.

Das Gleichnis war damals an Menschen gerichtet, die sich anmaßten, fromm zu sein, und die sich selbst für besser als andere hielten.

Das ist das Wesentliche an diesem Gleichnis: die Abwertung anderer, und die Aufwertung von sich selbst. Mit dieser Aussage endet unser Gleichnis ja auch:

Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Das Vertrackte ist nur: auch die Selbsterniedrigung kann einer Selbsterhöhung gleich kommen, dann nämlich, wenn wir von ihr erwarten, dass sie die Erhöhung zur Folge hat.

Es ist wirklich leicht, in die Rolle des Pharisäers zu fallen, und unendlich schwer, ein aufrichtiger Zöllner zu sein.

Denn die Worte Jesu sind ja längst auch im nicht-religiösen Bereich sprichwörtlich geworden. Man mache sich kleiner, als man in Wirklichkeit ist, und sorge zugleich dafür, dass die Vorgesetzten auf die eigenen Leistungen aufmerksam werden, damit man dann am Ende auch die Beförderung bekommt.

Natürlich wird man auch versuchen, den Konkurrenten aus dem Spiel zu werfen – aber das muss alles sehr vorsichtig geschehen, denn das Sprichwort vermittelt, wie es auch in unserer Gesellschaft zugeht: Der Selbsterhöhung folgt die Erniedrigung, evtl. eben auch nur dadurch, dass der Konkurrent den ersehnten Posten bekommt und man selbst ihm untergeordnet wird.

Der Zöllner leidet unter seiner Schuld. Er leidet so sehr, dass er noch nicht einmal seine Augen zu Gott erheben kann. Seine Schuld drückt ihn nieder. Er nimmt wahr, dass er ein Sünder ist, und verhält sich auch so.

Und, was vielleicht das Wichtigste ist: er rechnet nicht damit, von seiner Schuld freigesprochen zu werden. Er bittet nur darum. Denn seine einzige Zuflucht in der Sünde ist Gott. Von ihm, dem Allmächtigen, kann er noch Hilfe erbitten – Menschen könnten ihm nicht helfen.

Wir sind da durch Jesus Christus in einer etwas anderen Position, denn wir dürfen auch damit rechnen, dass Gott uns von unserer Schuld frei spricht. Das ist uns zugesagt durch die Taufe, und diese Zusage nimmt Gott nicht zurück.

Es kommt aber darauf an, dass wir in unserer Schulderkenntnis nicht gleich wieder zu Sündern werden, indem wir scheel auf andere blicken, uns mit ihnen vergleichen und insgeheim oder auch öffentlich uns über sie erheben und vielleicht doch denken, was für tolle Kerle wir doch sind.

Nein, wir sind Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten.

Sicher hilft es uns, wenn wir aufhören, uns mit anderen Menschen zu vergleichen, und anstelle dessen in unseren Gegenübern, seien es nun leichtsinnige Autofahrer, schrullige Nachbarn, Egoisten oder Freunde, Flüchtlinge usw. einfach nur Geschöpfe Gottes zu sehen, die genauso wie wir ein Recht darauf haben, Gottes Liebe und sein Erbarmen zu erfahren.

Wenn wir versuchen, barmherzig zu sein, so wie Gott barmherzig ist, dann geschieht es vielleicht auch, dass wir gerechtfertigt nach Hause gehen.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 15. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: David und Goliath

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Saul legte David seine Rüstung an und setzte ihm einen ehernen Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an. Und David gürtete Sauls Schwert über seine Rüstung und mühte sich vergeblich, damit zu gehen; denn er hatte es noch nie versucht. Da sprach David zu Saul: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin's nicht gewohnt; und er legte es ab und nahm seinen Stab in die Hand und wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche, die ihm als Köcher diente, und nahm die Schleuder in die Hand und ging dem Philister entgegen.

Der Philister aber kam immer näher an David heran und sein Schildträger ging vor ihm her. Als nun der Philister aufsah und David anschaute, verachtete er ihn; denn er war noch jung und er war bräunlich und schön. Und der Philister sprach zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit Stecken zu mir kommst? Und der Philister fluchte dem David bei seinem Gott und sprach zu David: Komm her zu mir, ich will dein Fleisch den Vögeln unter dem Himmel geben und den Tieren auf dem Felde. David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Spieß, ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, den du verhöhnt hast. Heute wird dich der HERR in meine Hand geben, dass ich dich erschlage und dir den Kopf abhaue und gebe deinen Leichnam und die Leichname des Heeres der Philister heute den Vögeln unter dem Himmel und dem Wild auf der Erde, damit alle Welt innewerde, dass Israel einen Gott hat, und damit diese ganze Gemeinde innewerde, dass der HERR nicht durch Schwert oder Spieß hilft; denn der Krieg ist des HERRN und er wird euch in unsere Hände geben.

Als sich nun der Philister aufmachte und daherging und sich David nahte, lief David eilends von der Schlachtreihe dem Philister entgegen. Und David tat seine Hand in die Hirtentasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf den Philister an die Stirn, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht. So überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und traf und tötete ihn. David aber hatte kein Schwert in seiner Hand. Da lief er hin und trat zu dem Philister und nahm dessen Schwert und zog es aus der Scheide und tötete ihn vollends und hieb ihm den Kopf damit ab. Als aber die Philister sahen, dass ihr Stärkster tot war, flohen sie. (1. Sam 17, 38-51)

Amen

Liebe Gemeinde!

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von David und Goliath. Das Gegenüber der beiden ist sprichwörtlich geworden für das ungleiche Verhältnis zweier unterschiedlicher Gegner zueinander.

David, der junge Schafhirte, völlig ungeübt im Kampf auf dem Schlachtfeld, und Goliath, der durchtrainierte, starke und hochgewachsene Krieger, der kaum etwas anderes kennt als das Schlachtfeld.

David wird von gerechtem Zorn getrieben: er hat zufällig gehört, wie Goliath das Volk Israel und seinen Gott verspottete, und war empört, dass niemand gegen diesen Gotteslästerer antreten wollte.

Es ist das Gottvertrauen, das ihn treibt, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen – und ich glaube, auch wenn er den Kampf nicht gewonnen hätte, wäre er doch siegreich gewesen, denn er hätte die Gotteslästerungen wenigstens nicht ohne Widerstand hingenommen. Und sehr wahrscheinlich hätten sich dann die anderen Soldaten aus Sauls Heer wieder ein Herz gefasst und wären nicht mehr kleinlaut im Lager geblieben.

Und das führt uns schon in unsere Zeit, wo es auch immer wieder zu ähnlichen Situationen kommt, sei es, indem die Kirche kritisiert wird dafür, dass sie Zuschüsse vom Staat bekomme, oder dass der Besuch im Gottesdienst als überflüssig betrachtet wird, oder dass gesagt wird, dass der Glaube ein psychologisches Phänomen sei, es Gott aber in Wahrheit gar nicht gäbe.

Das und Anderes wird dann noch evtl. mit irgendwann irgendwo aufgepickten angeblichen Beweisen untermauert, und dann stehen wir da und wissen nichts zu sagen. Wir fühlen zwar, dass eine Verteidigung angebracht wäre, wissen aber nicht, was wir sagen sollen. Und darum geraten wir in einen Zwiespalt:

Sollen wir uns dagegen stellen, oder sollen wir es lassen? Sollen wir versuchen, in eine Diskussion über die Wahrheit unseres Glaubens einzutreten, der sich ja im Grunde gar nicht beweisen lässt, oder sollen wir uns lieber abwenden und schweigen oder womöglich gar so tun, als würden wir zustimmen, nur um des Friedens willen?

Wer sich klar ist über das, was er oder sie glaubt, braucht jedenfalls keine Angst zu haben, nicht das Richtige zu sagen. Denn der Glaube genügt, man kann von seinen eigenen Erfahrungen erzählen, und wenn einem die Worte nicht einfallen, dann dürfen wir Gott um Hilfe bitten – sein Geist wird uns die nötigen Worte geben.

Und wenn es dann doch nicht klappt, so wie wir es uns gedacht haben, dann brauchen wir nicht zu denken, wir hätten versagt. Denn Gott kann immer noch handeln, auch durch unser Gestammel kann er Herzen bewegen. Es ist jedenfalls allemal besser, als wenn wir nur betreten schweigen würden.

Nun ist die Auseinandersetzung zwischen David und Goliath kein Gespräch mehr, sondern nur noch Zweikampf. Aber vielleicht ist dieser Zweikampf auch nur eine Art Gleichnis für das, was sich immer wieder unter Menschen abspielt: der Glaube wird zum Vehikel für politische Interessen, das Verlangen nach Macht wird durch religiöse Elemente unterstützt.

Auch das erleben wir heute, und zugleich erfahren wir, dass die beteiligten Religionen den Menschenhass, der da sichtbar wird, überhaupt nicht unterstützen geschweige denn rechtfertigen.

Bei David und Goliath sieht es aber noch ein bisschen anders aus: denn Goliath steht nicht für seinen Glauben, sondern er steht für die Gottlosigkeit. Er selbst ist sein Gott – seine Kraft, seine siegreiche Karriere, das macht ihn gottgleich, denn es scheint, als sei er unsterblich. Das hat er bei zahlreichen Schlachten beweisen können.

Mit diesem Anspruch tritt er gegen David an, selbstbewusst in dem Vertrauen auf seine eigene Kraft und Kampferfahrung.

Dagegen steht David, der auf Gott vertraut, der sein Leben von Gott her versteht und dementsprechend all sein Tun in diesem Licht sieht.

Deswegen hat er keine Angst vor dem Riesen, wie er ihm erscheinen mag und wie er gerne dargestellt wird, um das Ungleichgewicht noch deutlicher zu machen – denn er weiß Gott auf seiner Seite, der ja doch der Herr aller Herren ist und natürlich auch Goliaths Herr.

Und so ist ihm auch die Rüstung und das Schwert Sauls eher eine Last als eine Hilfe. Was soll all das menschengemachte Rüstzeug, das doch viel weniger vermag als die Rüstung, die Gott einem schenkt? Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil! (Jes 12, 2)

David vertraut auf Gott allein, und das lässt ihn am Ende dann auch siegreich aus diesem ungleichen Zweikampf hervorgehen.

Unter normalen Umständen würde man sagen: David ist leichtsinnig, er hat keine Ahnung, worauf er sich da einlässt – und man würde wohl versuchen, ihn mit aller Kraft zurück zu halten. Aber aus unerklärlichen Gründen tut es niemand.

Vielleicht lähmte sie die Hand Gottes, oder vielleicht war das abgrundtiefe Gottvertrauen so überwältigend, dass sie es nicht vermochten.

So ist das mit dem Glauben: er ist eine solche Kraft, dass er sogar Berge versetzen könnte. Aber wozu will man Berge versetzen?

Es gibt anderes, Wichtigers zu tun, z.B. wenn Menschen einander Feind werden, für Versöhnung einzutreten, oder wenn Not und Elend über einen Menschen kommt, ihm zu helfen.

Es geht letztlich nur um eins: dass wir Gott nicht klein machen mit dem, was wir tun oder besser: mit dem, was wir lassen, sondern dass er durch unser Handeln groß wird. Wenn wir unser Vertrauen ganz auf ihn setzen, dann werden wir, auch wenn wir uns selbst nur als kleine Zwerge gegenüber Riesen sehen, doch auch diese Riesen überwältigen können.

Amen

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Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis
9. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

(Röm 9, 1-5)

Liebe Gemeinde!

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist traditionell dem Gedächtnis der Zerstörung Jerusalems gewidmet.

Die christliche Kirche hat sich mit diesem Thema immer schwer getan. Bis zum Erscheinen der erneuerten Agende, des Evangelischen Gottesdienstbuches, vor rd. fünfzehn Jahren waren Perikopen vorgesehen, durch die man den Eindruck gewinnen konnte, dass die Zerstörung Jerusalems als Gottes Gericht über das abtrünnige Volk Israel zu verstehen ist, als Strafe dafür, dass es Jesus Christus nicht als den Messias angenommen hat.

Die Schlussfolgerung, die aus diesen Texten über viele Jahrhunderte gezogen wurde, war, dass das Volk Israel die Gnade Gottes verwirkt habe und auf ewig verdammt sei.

Aus diesem Bewusstsein heraus sind immer wieder Pogrome gegen jüdische Mitbürgerinnen und -bürger entstanden, bis hin zum grausamen Holocaust im Dritten Reich.

Dass dies nicht der Botschaft unseres Herrn Jesus Christus entspricht, drang erst in den letzten Jahrzehnten in das Bewusstsein der Christenheit. Karl Barth wies 1966 in seinem Ökumenischen Testament darauf hin, dass es letztendlich „nur eine tatsächlich große ökumenische Frage gibt: unsere Beziehung zum Judentum.“ (Karl Barth, Ökumenisches Testament, 1966)

Liebe Gemeinde,

die Christenheit hat Israel nicht abgelöst.

Es fällt uns vielleicht schwer, das anzunehmen, aber es ist wahr, dass wir die Heiden sind, von denen die Bibel spricht, und dass es allein durch die Gnade Gottes möglich ist, dass wir an seinem Heil durch den Glauben an Jesus Christus teilhaben können.

Wie gesagt, vor 15 Jahren geschah mit dem Erscheinen des Evangelischen Gottesdienstbuches eine kleine Revision der Predigttexte: manche der vorgeschlagenen Texte am 10. Sonntag nach Trinitatis wurden ersetzt oder es wurden ihnen Alternativen zur Seite gestellt, die einen anderen Aspekt beleuchten, nämlich die Erwählung des Gottesvolkes Israel oder auch die Annahme Jesu als Messias durch jüdische Zeitgenossen. Denn immerhin wirkte Jesus ja fast ausschließlich innerhalb des jüdischen Volkes, die 12 Apostel stammen alle aus dem jüdischen Volk, was auch für die errsten Christengemeinden gilt.

Die kleine Perikopenrevision aus dem Jahr 2000 ist wahrlich keine Sensation, aber immerhin ein Zeichen, dass langsam ein Wechsel in der Haltung gegenüber dem Judentum stattfindet.

Dabei hat man allerdings die Klage Jesu über Jerusalem, die wir vorhin gehört haben, als Evangeliumslesung belassen, und ihm nur einen Alternativtext, nämlich die Frage nach dem Höchsten Gebot, zur Seite gestellt.

Die neue Perikopenrevision, die in diesem Kirchenjahr erprobt wird, hat den Alternativtext allerdings wieder entfernt und nur die Klage über Jerusalem stehen lassen.

Der heutige Predigttext ist vor 15 Jahren eingesetzt und durch die neueste Perikopenrevision noch etwas beschnitten worden, was aber auch durchaus sinnvoll ist.

Ich lese den Text nun noch einmal – vielleicht hören wir ihn mit diesen grundlegenden Informationen schon etwas anders:

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Paulus windet sich vor Schmerz, so scheint es. Er wünscht sich, verflucht und von Christus getrennt zu sein, so sehr leidet er darunter, dass das Volk Israel nicht teilhat an dem Heil durch Jesus Christus.

Das wäre ihm wichtiger als alles andere, obwohl es im Grunde ja ein Widerspruch zu sein scheint. Aber das ist es nicht: Paulus drückt damit die Bereitschaft aus, sich selbst zu opfern für das Heil des Volkes Israel, wenn es denn auf diese Weise möglich wäre.

Und er begründet seine Bereitschaft damit, dass das Volk Israel immer Volk Gottes ist. Sie sind seine Brüder, sie sind Kinder Gottes, so sagt er. Der Bund Gottes mit seinem Volk wurde niemals aufgekündigt, er besteht fort.

Und darum gehört die Torah auch weiterhin diesem Volk, und mit ihm der Gottesdienst, die heilige Pflicht, Gott zu loben und zu ehren mit Gesang und Gebet.

Was aber noch wichtiger ist: die Verheißungen, die wir überwiegend auf Christus hindeuten, gelten immer noch diesem Volk, das Gott sich auserwählte, und mit ihnen die Väter, Abraham, Isaak und Jakob. Alles bleibt unverändert bestehen.

Auch Christus gliedert sich in diese Tradition ein, ist Teil von ihr, entstammt diesem Gottesvolk und löst sich auch nicht von ihm.

Es ist nur so, und das führt Paulus dann in dem folgenden Text aus, dass um der Heiden willen – also um unseretwillen – das erwählte Gottesvolk zurückgehalten wird. Es wird gewissermaßen gebremst, indem ihm die Möglichkeit, Christus als den Messias zu erkennen, verwehrt wird.

Das ist aber Gottes Werk und liegt nicht an den Menschen. Und so sieht Paulus dies auch nicht als Strafe oder Bestrafung, sondern als eine freie Entscheidung Gottes, zu der er in seiner Souveränität natürlich auch berechtigt ist.

Und er sieht den Grund für diese Entscheidung darin, dass Gott allen Menschen die Möglichkeit geben will, das Heil durch Jesus Christus zu erfahren.

Am Ende wird dann auch das Volk Gottes, Israel, zu diesem Heil gelangen, und es wird seinen alten Platz einnehmen.

Dahinter steht die Erwartung, dass eines Tages die ganze Menschheit Jesus Christus als den Retter und Bewahrer annehmen wird. Wann und wie es dazu kommen wird, bleibt allerdings offen – auch dies liegt in Gottes Hand, der die Herzen der Menschen für die Botschaft des Evangeliums öffnen kann.

Aber er will auch uns dazu gebrauchen, und so ist es wichtig, dass wir nicht aufhören, von dem zu reden, was uns selig macht, denn erst „dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich“ (Mt 13, 43).

Liebe Gemeinde,

das Volk Gottes, Israel, ist also nicht verworfen, im Gegenteil. Es wird um unseretwillen zurückgehalten.

Gott steht zu seinen Verheißungen, und wir können nur froh und dankbar sein, dass es so ist. Denn wenn es nicht so wäre, wenn Gott das auserwählte Volk Israel verworfen hätte, dann müsste auch die christliche Kirche schon längst verworfen sein angesichts ihrer langen Geschichte der Verfehlungen, die immer wieder vom Streben nach Macht und Reichtum geprägt ist und zur Missachtung der Menschenwürde und des Rechts auf Selbstbestimmung führte und auch heute noch führt.

Wir können da zum Beispiel an die Kreuzzüge denken, aber auch und vor allem sollten wir an diesem Tag an die Judenverfolgungen im Dritten Reich erinnern, die, wenn auch nicht immer durch die Kirchen angestoßen, so doch von ihnen vielmals gebilligt wurden. Und im Grunde kann man schon sagen, dass die Verkündigung der Kirche dazu auch den Grundstein gelegt hat, die christliche Kirche also eine schwere Mitschuld trägt an der Ermordung der jüdischen Mitbürger.

Wo wären wir, wenn Gott nicht zu seinen Verheißungen und Berufungen stünde?

Und darum will ich auch kein Urteil fällen über das, was sich zur Zeit und schon seit vielen Jahrzehnten in Palästina, im verheißenen Land, ereignet. Ich kann nicht urteilen über die Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis, über die Missachtung von Menschenrechten, über die irrationale Angst, die die Menschen dort zu ebenso irrationalen Handlungen führt.

Wir können und sollen füreinander beten, ohne dabei überheblich zu werden. Denn es gilt ja auch uns; auch wir vergessen immer wieder, dass es Gnade ist, durch die wir zum Volk Gottes hinzugezählt werden, Gnade und nichts anderes. Gnade, die auch den anderen gilt.

Darum ist es wohl gut, wenn wir uns immer wieder daran erinnern: es ist die Liebe, die Gott treibt. Darum kam Jesus Christus in die Welt. Und wir sollten darauf achten, dass wir diese Liebe nicht mit Füßen treten, indem wir andere verdammen.

Liebe Gemeinde,

Paulus zeigt sich solidarisch mit dem Volk Israel bis dahin, dass er bereit ist, sein eigenes Heil aufzugeben. Aber er tut es dann doch nicht, weil er darauf vertraut, dass Gott zu seinen Verheißungen steht, und darum auch das Volk Israel zu seiner Vollendung führen wird.

Solch ein Vertrauen brauchen wir, wenn wir teilhaben wollen an dem Bau des Reiches Gottes, das trotz allem Anschein existiert und unsere Welt schon durchdringt – wenn auch noch nicht deutlich erkennbar.

Und vielleicht ist es nicht unbedingt der erste, aber ein sehr wichtiger Schritt, wenn wir die Trauer des Volkes Israel darüber teilen, dass Jerusalem zerrissen, der Tempel in Jerusalem zerstört und der Friede von der Stadt des Friedens und der Vollkommenheit weggenommen ist.

Denn das ist in der Tat genug Grund, traurig zu sein. Aber in der Trauer sollten wir dann natürlich nicht verharren, sondern mit einstimmen in das Gebet um Frieden, der gerade für diese Stadt, auf der auch heute die Verheißung Gottes liegt, so wichtig ist.

Und vielleicht denken wir auch beim Gebet des Vaterunsers an diese Stadt: „wie im Himmel, so auf Erden“, das erinnert nämlich daran, dass es Jerusalem sowohl im Himmel als auch auf der Erde gibt: das Buch der Offenbarung beschreibt das himmlische Jerusalem als die Stadt, in der Gott wohnt mit allen seinen Auserwählten und in der er alle Tränen von den Angesichtern abwischen wird, in der es keinen Tod mehr gibt.

Die Stadt Jerusalem wird von der Rabbinerin Eveline Goodman-Thau beschrieben als die Stadt, in der „die Erde zum Himmel reicht“ und in der „der Himmel die Erde küsst.“

So bleibt die Verbindung zu Israel auch durch unsere Vision von der Vollendung der Heilsgeschichte Gottes mit der Menschheit bestehen.

Möge uns dies immer wieder bewusst werden, wenn wir an Israel, das Volk Gottes, denken.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 8. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: Das Volk Israel

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Versammle alle Stämme Jakobs und lass sie dein Erbe sein wie am Anfang. Herr, erbarme dich über dein Volk, das von dir den Namen hat, und über Israel, das du einen Erstgeborenen genannt hast. Erbarme dich über die Stadt Jerusalem, wo dein Heiligtum ist und wo du wohnst. Erfülle Zion mit deiner Majestät und dein Volk mit deiner Herrlichkeit.

Bekenne dich zu denen, die von Anfang an dein Eigentum gewesen sind, und erfülle die Verheißungen, die in deinem Namen verkündigt worden sind. Lohne es denen, die auf dich warten, damit das Wort deiner Propheten bestätigt wird. Nach dem Segen Aarons über dein Volk erhöre, Herr, das Gebet derer, die dich anrunfen, damit alle, die auf Erden wohnen, erkennen, dass du der Herr bist, der ewige Gott.

(Jes Sir 36, 13-19)

Liebe Gemeinde!

Es ist sicher ungewöhnlich, dass ein Text aus den sogenannten Apokryphen als Predigttext zu hören ist.

Apopkryphen, das sind Texte, die nicht zur eigentlichen Bibel gehören, wohl aber in die zeitliche Abfolge hineinpassen und sich mit einer ähnlichen Thematik befassen. Wichtig ist auch, dass diese Bücher sich erhalten haben über die Jahrhunderte.

Diese Apokryphen befassen sich vor allem mit der Geschichte Israels nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil bis kurz vor der Zeit Jesu.

Das Buch Jesus Sirach ist im Grunde eine Spruchsammlung, ähnlich wie die Sprüche Salomos. Es entstand wohl gegen Anfang des 2. Jahrhunderts vor Christus.

Unser Predigttext ist ein Gebet des Gottesvolkes. Der damaligen Zeit entsprechend erinnert es daran, dass das Volk Israel unter griechischer Herrschaft lebte und nicht über sich selbst bestimmen konnte.

Die Israeliten empfanden dies als Strafe. Das Gebet selbst bittet Gott darum, wieder den ursprünglichen Zustand herzustellen: Israel als das Volk Gottes, das zum Mittelpunkt der Welt wird. Dabei wird an die Verheißungen erinnert, die dem Volk gemacht wurden durch die Propheten, und an den Segen, mit dem das Volk oftmals gesegnet wurde.

Es kam dann zu einem Aufstand, dem sogenannten Aufstand der Makkabäer, der dem jüdischen Volk für kurze Zeit die Religionsfreiheit wiedergewann.

Doch wenig später übernahmen dann die Römer die Herrschaft, und mit der Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels im Jahre 70 nach Christus war es im Grunde aus. Es gab den Tempelkult nicht mehr, das Volk wurde in alle Lande zerstreut.,

Selbst das Land Israel wurde von der Landkarte gefegt, indem die Römer nur noch von Palästina sprachen in Anlehnung an die Philister, die früher dort gelebt hatten.

Es erschien so, als gäbe es sie nicht mehr. Doch das Gegenteil ist der Fall. Juden ließen sich überall da, wo sie aufgenommen wurden, nieder und wurden oft angesehene Bürger des Landes.

Doch oft wurden sie auch zum Sündenbock – nicht erst im dritten Reich, und nicht nur in Deutschland kam es immer wieder zu systematischen Verfolgungen.

Denn sie blieben Fremde. Sie hielten fest an ihrem Glauben, der für Andersgläubige verschlossen blieb. Man konnte als Nichtjude nicht einfach in eine Synagoge gehen.

In Deutschland entwickelte sich eine große jüdische Gemeinde. Viele Juden wurden berühmt für ihre Leistungen. Sie selbst sahen sich immer als Bürger Deutschlands – und das waren sie auch. Deutsch war ihre Muttersprache.

Es entstanden viele Synagogen, die dann aber im November 1938 im Rahmen der Reichspogromnacht weitgehend zerstört wurden. Wir kennen die weitere Geschichte. Es gibt nur noch wenige Juden in Deutschland.

Nach dem zweiten Weltkrieg entstand der Staat Israel, dessen Grenzen den Ansprüchen der Palästinenser, die dort schon viele Jahrhunderte gelebt hatten, gerecht werden sollten. Nichts Halbes und nichts Ganzes, so kann man es wohl nennen.

Immer wieder kam es darum zu kriegerischen Auseinandersetzungen, Misstrauen und Angst beherrschten und beherrschen das Verhältnis von Juden und Palästinensern.

Das Gebet, das wir als Predigttext hörten, ist darum immer noch brandaktuell. Denn die Situation hat sich kaum verändert. So richtig frei ist das Volk Israel nach wie vor nicht. Aber was bedeutet Freiheit? Das Entscheidende wird sein, dass Frieden herrscht, und der kann nicht erreicht werden, indem man Waffengewalt anwendet.

Was bedeutet das Gebet aus dem Buch Jesus Sirach angesichts solch einer Situation?

Das Gebet ruft jedenfalls nicht zum Krieg auf. Es ruft nicht zu den Waffen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Eher im Gegenteil:

Es bittet Gott darum, dass er an seinem Volk handelt, dass er ihm Freiheit und Segen zukommen lässt. Doch wie kann das geschehen in der jetzigen Situation, wo sich die Nachbarn genauso wie das Volk Israel stets bedroht fühlen?

Es ist schwer für uns als Christen, Stellung zu beziehen angesichts der Situation im sogenannten Nahen Osten. Auf der einen Seite Israel – das Volk dem gegenüber wir nicht nur massiv schuldig geworden sind, sondern dem wir auch durch die Heilsgeschichte unabdingbar verbunden sind. Auf der anderen Seite die Palästinenser, denen teilweise durch die israelische Regierung die Lebensgrundlage entzogen wird oder denen das Leben so schwer gemacht wird, dass es verständlich ist, wenn sich Wut und Verzweiflung breit machen. Dazu kommt, dass unter den Palästinensern viele Christen sind, die sich zwar darum bemühen, friedliche Wege zur Lösung der Konflikte zu gehen, dabei aber nahezu völlig allein sind.

Man kommt sich hilflos vor, oder, wenn man Stellung bezieht, ungerecht. Und doch können wir so manches tun, um mitzuhelfen, dass sich diese Situation endlich entspannt:

Zum einen können wir uns dieses Gebet aus dem Buch Jesus Sirach zu eigen machen.

Warum sollten nicht auch wir darum beten, dass die Verheißungen Gottes endlich wahr werden? Sie gelten ja auch uns!

Und wir können versuchen, mit den Juden, die unter uns leben, Kontakt aufzunehmen, mit ihnen zu sprechen, sie kennenzulernen.

Nicht nur von Nachbar zu Nachbar, sondern intensiver, indem wir einander nach dem Glauben fragen und nicht so tun, als dürfe man nicht darüber reden. Im Gegenteil: Wir dürfen und wir sollen fragen, so wie andere uns über unseren Glauben fragen dürfen.

Nur wenn wir bereit sind, auf den anderen zu hören, und wenn wir gelernt haben, ihn wirklich zu verstehen, können wir auch zu einem ernst zu nehmenden Gesprächspartner werden. Und nur dann kann letztlich auch Friede werden.

Amen

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Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis
2. August 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus sprach: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Men­schen, der außer Landes ging: er rief sei­ne Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem an­dern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtig­keit, und zog fort.

Sogleich ging der hin, der fünf Zentner emp­fangen hat­te, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf da­zu. Ebenso ge­wann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere da­zu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Er­de und verbarg das Geld seines Herrn.

Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forder­te Re­chenschaft von ih­nen. Da trat herzu, der fünf Zentner emp­fangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe da­mit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewe­sen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; sie­he da, ich habe damit zwei weitere ge­wonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel set­zen; geh hinein zu deines Herrn Freu­de!

Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausge­streut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dei­nen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber ant­wortete und sprach zu ihm:

Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausge­streut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sol­len, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wieder­bekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, ge­nommen werden. Und den unnüt­zen Knecht werft in die Finsternis hin­aus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Mt 25, 14-30

Liebe Gemeinde!

Es ist schon ein interessantes Gleichnis, das von den anvertrauten Zentnern.

Es fängt schon damit an, dass von diesem Gleichnis unser Wort „Talent“ herrührt. In anderen Übersetzungen wird hier nämlich meist von Talenten gesprochen, auch in älteren Luther-Übersetzungen finden wir es, und tatsächlich steht genau dieses Wort auch im griechischen Urtext.

Aber dort meint es eigentlich nur eine Maßeinheit, deren Umfang man nicht mehr genau feststellen kann. Man weiß nur: es ist sehr viel. Und so ist man später dann dazu übergegangen, anstatt von Talenten von Zentnern zu reden, wobei unklar bleibt, was hier eigentlich zentnerweise verteilt wird. Die Vermutung liegt aber nahe, dass es sich um Geld handelte.

Tatsächlich stammt das uns bekannte Wort „Talent“ genau von diesem Gleichnis her. Schon früh bezeichnete man in der deutschen Sprache eine von Gott gegebene Gabe als Talent, so wie wir es auch heute tun, wobei viele Menschen wohl nicht mehr an Gott denken, wenn sie einem anderen Menschen zugestehen, dass er Talent habe.

Unser Gleichnis aber stellt eine unmittelbare Verbindung zu Gott her. Denn Jesus will uns mit seinen Gleichnissen immer etwas über das Verhältnis von Gott und Mensch vermitteln, und auch hier steht ja am Anfang die Formulierung: „Das Himmelreich gleicht einem Menschen...“

Und dann wird die Geschichte erzählt als Sinnbild für das Himmelreich. Hier geht es also um uns und um Gott.

Die Knechte, das sind wir. Soweit kann man sich noch gut zurechtfinden. Offenbar sind die anvertrauten Talente derart, dass sie sich vermehren, wenn man sie einsetzt, wenn man sie benutzt – so wie eben Geld, das man zur Bank bringt, wobei das heute ja nicht mehr viel einbringt, oder mit dem man selber spekuliert, indem man was auch immer billig ein- und teuer verkauft.

Im Gleichnis, also im Bild, wenn man so will, geht es dann auch ganz gewinnorientiert weiter. Der Eigentümer – und das dürfte wohl Gott sein – erwartet von seinen Knechten, dass sie ordentlich Rendite erwirtschaften.

Da wir nicht wissen, wie viel Zeit ihnen gegeben ist – nach langer Zeit, heißt es, kam der Herr (Mt 25, 19) zurück – kann man daraus nur schwer ableiten, wie hoch die Rendite tatsächlich war und ob die Erwartungen des Herrn im Grunde überzogen waren. Aber einen Betrag zu verdoppeln, das schafft man nicht eben mal in einem Jahr, es sei denn, man geht ein sehr hohes Risiko ein, bei dem man auch alles verlieren könnte.

Warum geben sich die beiden ersten Knechte so viel Mühe?

Nun, es gibt so etwas wie eine Beförderung, die ihnen aber auch mehr Verantwortung überträgt und damit das Risiko, dass sie ihren Job verlieren könnten, wenn sie versagen, erhöht.

Man stelle sich nur mal vor, unsereiner bekommt eine Million Euro in die Hand gedrückt mit dem Auftrag, es gut zu verwalten, macht daraus zwei Millionen und kriegt am Ende nichts davon ab, außer vielleicht einer Beförderung, die mit mehr Arbeit und Verantwortung einhergeht. Mehr Geld gibt es übrigens nicht – Knechte bekamen Kost und Logis, das war alles in der damaligen Zeit, ganz unabhängig davon, wie viel sie tatsächlich leisteten. Denn sie waren das ihrem Herrn schuldig.

Nach damaliger Vorstellung war es Aufgabe des Knechtes, stets den Vorteil seines Herrn zu suchen und nichts für sich selbst zu erwarten. Und da das Gleichnis für Menschen in solch einer Zeit entstanden ist, mag das also auch in Ordnung sein.

Es weist auch hin auf unser Verhältnis zu Gott, das zunächst einem solchen Verhältnis von Knecht und Herr entspricht, so dass wir am Ende eigentlich immer nur sagen können: „Wir sind unnütze Knechte – wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ (Lk 17, 10)

Das Gleichnis ist damit aber noch nicht zu Ende. Da ist noch der dritte Knecht, der brav den Zentner vergrub aus Angst, bei Spekulationen Geld zu verlieren.

So richtig verstehen kann man den Knecht auch nicht. Er hätte ja tatsächlich, wie sein Herr ihm dann ja auch vorhält, das Geld zu den Wechslern geben können. Da wäre eine gewisse Rendite garantiert gewesen. Er hätte nichts falsch machen können!

Aber nein, er hat Angst, dass vielleicht auch die Geldwechsler pleite gehen oder sich vielleicht aus dem Staub machen, und vergräbt das Talent, das ihm gegeben war. Ganz Unrecht hat er damit nicht – auch heute können Banken pleite machen, und sogenannte Sicherungsfonds, die wenigstens den Betrag sichern, den man eingezahlt hat, gab es damals noch nicht und reichen auch heute manchmal nicht zur Deckung aus.

Die Konsequenz ist: er muss den Zentner, das Talent abgeben. So, als ob ihm der Zentner je gehört hätte. Dabei ist das gar nicht der Fall. Er hatte es ja nur verwalten dürfen.

Nnun wird jedenfalls das Talent dem gegeben, der schon 10 Talente hat.

Natürlich gehört diesem Knecht nun nicht etwa das Geld, sondern er darf weiterhin die 10 Talente verwalten und bekommt nur noch ein Elftes dazu. Eine große Menge Geldes, mit der er schalten und walten kann, wie er es für richtig hält, aber immer zum Wohl dessen, dem das Geld gehört: zum Wohl seines Herrn.

Ein Broker ist er, um mal dieses Wort aus unserer Zeit zu gebrauchen, dem es so lange gut geht, wie die Konjunktur stimmt und wie er selbst den richtigen Riecher hat für die Veränderungen auf dem Markt.

Doch wehe, wenn er einmal die falsche Entscheidung trifft. Da geht es dann nicht zu wie mit den Managern in unseren Banken, die trotz zahlreicher Fehlentscheidungen immer noch einen Bonus ausgezahlt bekommen.

Nein, hier wird Tacheles geredet. Wer versagt, fliegt raus! Und er darf natürlich auch nichts mitnehmen! Von einer Abfindung ganz zu schweigen. So ergeht es jedenfalls dem Knecht, der mit dem einen Zentner nichts unternommen hat.

Soweit können wir uns eigentlich noch ganz gut zurechtfinden in diesem Gleichnis, solange es nur um die Banker geht. Aber es geht in diesem Gleichnis um uns. Um jeden einzelnen von uns.

Und da ist die Quintessenz des Gleichnisses beängstigend: wer nicht Gewinn erwirtschaftet, fliegt raus, und das Draußen ist dabei nicht etwa ein halbwegs gesichertes Dasein mit Arbeitslosengeld oder wenigstens Hartz IV. Es ist vielmehr die Verdammnis, die Finsternis, der Ort, wo man nur noch heulen kann und an dem man auf keinen Fall sein möchte.

Und das darf erwarten, wer nichts vorzuweisen hat, wer das, was ihm anvertraut wurde, verbarg und es nicht zum Einsatz brachte, aus Angst, er könne bestraft werden.

Doch was sind nun diese Talente?

Es geht hier sicher nicht um Begabungen, auch wenn man das aus diesem Wort natürlich gerne ableiten wollte. Aber es ist ja umgekehrt: unser Wort leitet sich von diesem Gleichnis ab – es hatte diese Bedeutung noch nicht, als Jesus das Gleichnis erzählte.

Und wir wissen ja auch: Nicht jeder Mensch hat eine Begabung, aus der sich etwas machen lässt. Oder die Begabung wurde bereits in jungen Jahren derart unterdrückt, dass sie auch später nicht mehr zur Entfaltung kommen kann. Und dann kann man es diesem Menschen doch wirklich nicht vorwerfen, nichts aus der Begabung gemacht zu haben.

Nein, es muss schon etwas anderes sein, und da es hier um das Himmelreich geht und damit um Jesus und die Botschaft von der Liebe Gottes, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Talenten um gerade diese Botschaft handelt.

So wie im Gleichnis mutet Gott uns dabei nie zu viel zu. Er teilt aus, so wie es den Fähigkeiten entspricht. Der eine kriegt eine größere Verantwortung übertragen als der andere. Das ist alles, was die unterschiedliche Menge der Talente vermitteln will.

Der Lohn ist, was erst bei der Deutung des Gleichnisses wirklich wichtig wird, neben der verantwortungsvolleren Stellung auch die Gemeinschaft mit dem Herrn.

Denn beide werden eingeladen zu des Herrn Freude, was man wohl so verstehen darf, dass sie mit dem Herrn an einem großen Festmahl teilnehmen dürfen, dass sie ihm nahe sein werden. Und das deutet auf die himmlische Gemeinschaft mit Gott hin, nach der wir uns sehnen und auf die wir hoffen nach der Verheißung, die uns gegeben ist.

Der dritte Knecht darf solchen Lohn nicht erwarten. Die Angst vor der Strafe hat dazu geführt, dass er bestraft wird. Das scheint paradox, aber es ist in Wahrheit nur konsequent. Denn der Knecht hat dem Evangelium nichts zugetraut. Auch wenn er scheinbar alles getan hat, was nötig ist, um den Bestand zu sichern, so hat er dabei doch vergessen, dass es nicht um Geld geht, nicht um irgendeinen Wertgegenstand, sondern um das Evangelium, das uns da anvertraut ist und das in die Welt hinausgetragen werden will.

Und da ist solche Furcht nicht angebracht. Denn das Wissen von Gott, diese Botschaft von der Liebe Gottes, die wir durch das Evangelium erfahren haben, kann uns nicht schaden, wenn wir sie weitergeben. Im Gegenteil: wir erfahren die Gemeinschaft der Heiligen, in der wir wahrhaft gut aufgehoben sind.

Das Evangelium lebt davon, dass es unter die Leute kommt. Es kann dadurch nicht geschmälert werden, im Gegenteil: es wird immer mehr werden. Mehr Menschen werden es aufnehmen, mehr Herzen werden dadurch verwandelt – wenn wir es nur weitersagen.

Es spielt dabei auch gar keine Rolle, wie viel einem anvertraut ist. Auch ein einfältiger Glaube, vielleicht sogar gerade der, kann Wunder wirken. Auf jeden Fall wirkt er auf die Menschen, die ihn erleben und erfahren.

Man muss auch nicht Profi sein, um das Evangelium weiter zu sagen. Man muss dafür keine sieben oder acht Jahre Theologie studiert haben.

Denn vieles kann man auch ohne solche Studien tun. Es geht ganz einfach. Schon indem man nicht auf das Tischgebet verzichtet – nicht nur zu Hause, sondern z.B. auch im Restaurant – wird deutlich, dass wir uns von der Liebe Gottes getragen wissen.

Indem wir uns unseren Mitmenschen in Liebe zuwenden, ohne dabei zu unterscheiden zwischen diesen oder jenen, geben wir auch die Liebe Gottes weiter. Und wenn wir davon reden, wie Gott in unserem Leben wirkt, dann lassen wir erkennen, dass er der Lebendige ist. Um das zu tun, muss man nicht studiert haben.

Wir brauchen dabei keine Angst davor zu haben, was für Folgen unser Tun haben könnte. Wir können, wie gesagt, nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Denn das Evangelium, die gute Botschaft von der Liebe Gottes, wirkt selbst in den Menschen, die sie erfahren, und es wirkt in einer guten Weise.

Es unterscheidet sich ganz fundamental vom Geld, das in diesem Gleichnis ja auch nur als Vehikel benutzt wurde: das Evangelium kann niemals weniger werden, sondern nur mehr. Es kann niemals an Kraft verlieren, sondern nur stärker werden.

Letztlich belohnt Gott nicht die Vermehrung dessen, was uns anvertraut ist, sondern den Einsatz, den wir dabei leisten.

Also fassen wir Mut, geben wir weiter, was uns Trost und Kraft gibt, laden wir ein zur Erfahrung der Liebe Gottes, damit auch uns einst gesagt wird: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, (oder auch: du tüchtige und treue Magd), du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; Geh hinein zu deines Herrn Freude.

Amen

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Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis
19. Juli 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die nun die Worte des Petrus annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Apg 2, 41-47

Liebe Gemeinde!

Solche Texte aus der Apostelgeschichte, wie wir einen vorhin als Epistellesung gehört haben, kann man auf verschiedene Weise betrachten.

Manche werden sagen: das sind ja alles tolle Geschichten, aber sie sind sicher übertrieben. Man hat da Idealvorstellungen hinein gepackt. Man hat die Anfänge so beschrieben, wie man sie gerne hätte, aber nicht so, wie sie tatsächlich waren.

Andere werden mit Wehmut darauf schauen und sagen: Ach, wenn doch wir heute auch solche Gemeinde sein könnten, wie sie damals gewesen ist. Eine Gemeinde, in der die Menschen füreinander da sind und ihren Glauben frei und offen bekennen.

Wenn man diese beiden Positionen betrachtet, merkt man schon, dass es überhaupt schwierig ist, mit diesen Erzählungen aus den Anfängen der Christenheit umzugehen. Denn sie berichten aus einer Zeit, die fast 2000 Jahre zurück liegt. Reiht man Menschenleben aneinander und setzt voraus, dass jedes Menschenleben 70 Jahre dauert, dann wären es immerhin schon fast 29 Menschenleben – und keiner wüsste vom anderen. Zählt man Generationen, die einander auch berichten können und weitergeben, was ihnen gesagt wurde, dann käme man schon auf rd. 67. Das hört sich gar nicht so viel an, aber es ist schon eine lange Zeit, und es sind viele Köpfe, durch die das, was der 67. dann weiter gibt, zuvor gegangen ist.

Von Augenzeugenberichten kann man da also nicht mehr reden.

Nun wurde die Apostelgeschichte natürlich viel früher aufgeschrieben, aber auch da liegt in etwa eine Generation dazwischen, und sicher hatte Lukas beim Schreiben nicht alles ganz getreu wiedergeben können.

Von uns kann jedenfalls niemand genau sagen, was von dem, was Lukas aufgeschrieben hat, tatsächlich der Realität entspricht und ob er vielleicht sogar etwas dazu erfunden hat.

Man kann auch fragen, warum dieses aufgeschrieben wurde und jenes nicht – denn ich bin sicher, dass vieles von dem, was sich damals ereignete, keinen Widerhall gefunden hat in den Schriften der Bibel. Es wäre sicher spannend, auch davon zu erfahren.

Aber es ist müßig und wenig hilfreich, darüber nachzudenken.

Wenn wir die Bibel lesen, dann sollten wir uns ohnehin nicht von solchen Fragen beeinflussen oder gar leiten lassen. Denn die Bibel ist ein Zeugnis des Glaubens. Und darum eröffnen sich uns die Worte der Bibel erst, wenn wir Gott darum bitten, dass er uns durch seinen Geist leitet. Denn der Geist ist es, der Glauben schenkt. Er ist es, der uns hilft, den Glauben bzw. die Zeugnisse des Glaubens zu verstehen.

So war es auch damals: es war ja das Pfingstfest. Gerade erst hatten die Jünger den Geist Gottes empfangen, der ihnen gewissermaßen die Augen auftat und den Glauben schenkte, der die Welt veränderte.

Es begann alles recht einfach – ohne Landeskirchenamt, ohne Kirchensteuer, ohne Eintragung der Religionszugehörigkeit im Melderegister. Es gab auch nicht mehrere Konfessionen, sondern eigentlich verstanden sich die Christen nach wie vor als Juden, was wir auch daran erkennen, dass gesagt wird: „Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel.“ Gemeint ist natürlich der Tempel in Jerusalem.

Sie nahmen am Gottesdienst des jüdischen Volkes teil, und es gab nur eines, was sie von den übrigen Juden unterschied: sie glaubten, dass Jesus der Christus ist, der Messias. Genau dieser Glaube ist es, der durch den Heiligen Geist gewirkt wird und nicht durch den Verstand, weswegen es dann auch später durchaus zu Anfeindungen und Trennungen kam – denn nicht alle öffneten sich für das Wirken des Geistes Gottes.

Aber es wird deutlich gesagt: sie fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. (Apg 2, 47a) Sie waren beliebt, weil sie niemanden anfeindeten, weil sie sich nicht absonderten, sondern offen waren für die Anliegen eines jeden Menschen und sich allen in Liebe zuwendeten.

Es ist schon beeindruckend: Am ersten Tag wurden 3000 Menschen zur Gemeinde hinzugefügt. Was bedeutet das? Es ging kein Taufunterricht voraus, sondern es genügte das schlichte Bekenntnis: ich glaube an Jesus als den Messias. Ich will getauft werden.

Kann es wirklich so einfach sein? Ich glaube schon. Das Entscheidende ist: nicht Menschen kontrollieren, wer zur christlichen Gemeinde gehört, sondern Gott selbst. Er ist Richter, er allein, er prüft die Herzen. Darauf verließ man sich damals.

Ob der Glaube Bestand hatte, zeigte sich in der Art und Weise, wie man sich zur Gemeinde verhielt. Denn zum christlichen Glauben gehört auch die Gemeinde. Das wird deutlich in den Worten: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Dieser eine Satz fasst zusammen, wie sich Christsein äußerlich sichtbar zeigt.

Er bedeutet mit anderen Worten:

Sie hörten die Predigt, sie ließen sich von Jesus erzählen und von den Propheten, die auf das Wirken Jesu hindeuteten.

Sie achteten aufeinander, halfen einander, hörten aufeinander, suchten gemeinsam Wege für die Zukunft. Niemand handelte allein, nur für sich. Weil man sich als Gemeinschaft verstand, die füreinander da war, hatten auch alle Entscheidungen Konsequenzen für die Gemeinschaft und wurden darum auch gemeinsam gefällt.

Sie feierten gemeinsam das Heilige Abendmahl, regelmäßig, ja, sogar jeden Tag, immer in den Abendstunden, wobei sie da auch an die Armen dachten und für sie zusätzliches Essen mitbrachten.

Sie kamen regelmäßig zum Gebet zusammen. Die Gebetsgemeinschaft ist eine Form, die wir in den Gottesdiensten ansatzweise noch üben, aber damals war die ganze Gemeinde zum Gebet aufgerufen – nicht mit vorformulierten Gebeten, sondern frei, und wem ein Gebetsanliegen einfiel, der trug es als Gebet vor.

Man kann auch sagen: sie feierten Gottesdienst, Tag für Tag, denn all das sind Elemente des Gottesdienstes, die wir da wiederfinden.

Wir sind also gar nicht so weit entfernt von den Christen der ersten Stunde, und doch gibt es einen gravierenden Unterschied: Wir erleben die Gemeinschaft nicht auf die Weise, wie es die Christen damals erlebten.

Das hat sicher auch damit zu tun, dass es damals immer auch eine Diaspora-Situation war. D.h., die Christen waren in der Minderheit. Die Gemeinschaft untereinander gab einem ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, die in solch einer Situation durchaus nötig und hilfreich ist. Meine Frau und ich haben das ganz deutlich in Indien erfahren, wo wir als Christen plötzlich auch zur Minderheit gehörten.

Da war die christliche Gemeinde ein Halt, eine Stütze. Man wusste voneinander. Man sprach nicht von „Kerngemeinde“ und dann all den anderen, die höchstens an Heiligabend mal in die Kirche kommen und ansonsten nirgends im Gemeindeleben vorkommen.

Miteinander Gottesdienst zu feiern, dazu noch heute mit einer Taufe, lässt uns spüren, was es bedeutet, Gemeinde Jesu Christi zu sein.

Was wir hier erleben, prägt dann auch unseren Alltag. Die Liebe Gottes wird spürbar, wenn wir miteinander singen und füreinander beten.

Und das können wir durchaus auch in unseren Häusern, in den Familien, mit den Nachbarn und Freunden. Denn das ist es, was gemeint ist, wenn es heißt: „hier und dort in den Häusern“ (Apg 2, 46).

Es ist schon so: Christsein wird in der Gemeinschaft am besten erfahrbar. Denn die christliche Gemeinde ist geprägt von der Bereitschaft, einander zu vergeben, so wie Gott uns durch Jesus Christus vergeben hat. Und das geht nur in Gemeinschaft und nicht, wenn man sich zurückzieht und den Glauben zur Privatsache erklärt.

So ist es gut, wenn wir uns auch darum bemühen, ein offenes Herz für unsere Mitmenschen zu haben, unsere Nachbarn links und rechts und über und unter uns, die Menschen, denen wir auf unseren Wegen begegnen, auch denen, die uns fremd sind.

Ich denke da auch an die Flüchtlinge, die schon fast zum Stadtbild gehören. Lassen wir nicht zu, dass das Verhältnis zu ihnen durch Vorurteile getrübt wird, sondern gehen wir auf sie zu und zeigen ihnen, dass sie willkommen sind, dass sie hier ein Zuhause finden können.

Als Christen sind wir zur Gastfreundschaft gerufen. Es ist einer der wesentliche Grundzüge christlicher Existenz.

Denn wir sind Kinder Gottes, Mitbürger der Heiligen und seine Hausgenossen. (Eph 2, 19) Wir genießen die Gastfreundschaft Gottes. Und das gibt uns die Freiheit, allen Menschen in Liebe zu begegnen, so wie Gott uns durch Jesus Christus in Liebe entgegen gekommen ist.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 18. Juli 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Die Hochzeit des Lammes

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Ich hörte etwas wie eine Stimme einer großen Schar und wie eine Stimme großer Wasser und wie eine Stimme starker Donner, die sprachen: Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet.

Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.

Und er sprach zu mir: Schreibe: Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind. Und er sprach zu mir: Dies sind wahrhaftige Worte Gottes.

(Offb 19, 6-9)

Liebe Gemeinde!

Der Seher Johannes schaut in den Himmel, genauer: er schaut in das Reich Gottes.

Wir erinnern uns: wenn wir im Zusammenhang mit dem Reich Gottes von Himmel sprechen, meinen wir nicht den Himmel, der sich über uns wölbt und an dem die Wolken gehen; wir meinen die Welt Gottes, von der Jesus gesagt hat, dass sie nahe herbeigekommen, ja, dass sie mitten unter uns ist.

Erst dem Glauben erschließt sie sich, und solange wir hier in dieser Welt leben, wohl auch nur andeutungsweise. Wir schöpfen aus dem, was uns andere berichten, nachdem Gott ihnen gewissermaßen einen Einblick gewährt hat, so wie Johannes in seiner Offenbarung, Kraft für unser Leben.

Und zugleich fügen wir unsere eigenen Erfahrungen hinzu – denn immer wieder öffnet sich, so könnte man sagen, ein Spalt, durch den hindurch wir selbst die Möglichkeit haben, einen Blick in das Reich Gottes zu werfen.

Das mag eine zufällige Begegnung sein, die uns wundern lässt, warum das nun gerade jetzt geschah, wo wir es so gut gebrauchen konnten. Oder es ist eine Gebetserhörung, wo wir die Kraft Gottes gespürt haben und er uns hindurch half durch eine schwierige Situation. Oder es ist etwas geschehen, wo wir eigentlich nur sagen können, dass es ein Wunder war.

Alles Ereignisse, die, wenn wir sie von Gott her deuten, uns einen kleinen Blick in das Himmelreich gewähren.

Johannes hatte nun zuvor davon berichtet, wie die Hure Babylon sich gegen Gott aufgebäumt hatte und wie sie dann untergehen musste. Nach allem, was wir wissen, wies er mit Babylon auf Rom hin, von wo aus zur Zeit des Sehers die Verfolgung der Christen ausging.

Das 19. Kapitel beginnt mit dem Jubel über den Fall Babylons. Und dann folgt der Text, den wir eben gehört haben.

Johannes beschreibt erst ein Geräusch, das immer stärker wird:

wie eine Stimme einer großen Schar – wir mögen daran denken, wie es klingt, wenn man aus etwas Entfernung die Freudenrufe der Fans in der Fußballarena hört, nachdem ihre Mannschaft ein Tor geschossen hat;

wie eine Stimme großer Wasser – wir denken an das Brausen der Wellen am Meer, wenn sich ein Sturm erhebt, oder an einen großen Wasserfall. Es ist so laut, dass man kaum mehr sein eigenes Wort verstehen kann.

Wie eine Stimme starker Donner – wir erleben Donner bei einem Gewitter. Sicher meint der Seher den Donner, der erklingt, wenn der Blitz in nur kurzer Entfernung einschlägt. Beim Gewitter ist der Donner zwar nur von kurzer Dauer, aber Johannes will uns wohl vermitteln, dass es so laut ist, als donnere es fortwährend.

Mit diesen Bildern beschreibt er nur die Lautstärke, wie sie sich langsam aufbaut und immer mehr zunimmt. Der Klang, das Geräusch wird zu Worten, die gesprochen, vielleicht aber auch gesungen werden, denn eigentlich kann man das nur singen: „Halleluja!“ Gelobt sei Gott!

Wie wäre es wohl, wenn das Halleluja in unseren Gottesdiensten so klingen würde? Von der Ferne noch hörbar, aber wenn man mittendrin ist wie Donnerklang?

Die Glocken würden von selbst anfangen zu schwingen, die Fensterscheiben würden zittern, die Türen würden aufspringen, Menschen würden stehenbleiben und hinhören, sie würden herzukommen und mitsingen.

Aber so klingt unser Halleluja nicht, denn es kann ja nicht mehr sein als ein schwacher Abglanz des himmlischen Chores.

Aber andererseits: Genau das soll er auch sein. Ein fröhlicher, dankbarer Gesang, dass Gott sein Werk an uns vollendet! Das wenigstens kann spürbar werden, wenn wir unser Halleluja singen.

Das Reich ist eingenommen, so rufen die Stimmen, so ist es überallhin hörbar, und das bedeutet: Gott herrscht über alles, es gibt keinen Widersacher mehr.

Ist das etwas Neues? Eigentlich ist das doch Kern unseres Glaubens, dass Gott der Herr über alle Herren ist.

Aber da ist die Realität dieser Welt, die Herrscher, die sich Gott in den Weg stellen wollten und auch heute noch immer wieder wollen, und die Menschen, die sich selbst an die Stelle Gottes setzen möchten, die alles kontrollieren wollen und stets nach neuen Wegen suchen, dies auch zu tun.

Es ist noch nicht ganz so weit. Wie gesagt, wir erleben nur einen Abglanz dessen, was dort, im Reich Gottes, schon Wahrheit geworden ist: Denn Gott ist der Ewige, Zeit ist nicht sein Metier, sondern das Unsere. Nur für uns Menschen gibt es ein Gestern, Heute und Morgen – ein Erinnern, ein Sein und ein Hoffen. Für Gott ist es alles eins, nämlich die Ewigkeit.

Das können wir uns noch schwerer vorstellen als das Brausen dieser Worte, die uns zur Fröhlichkeit und Freude ermuntern, weil wir doch auch teilhaben an dieser Ewigkeit durch Jesus Christus. Was „Ewigkeit“ bedeutet, wird mit der Vernunft nicht zu erklären sein. Allein durch den Glauben sind wir in der Lage, etwas davon zu begreifen, denn durch ihn wird uns ja ein kleiner Einblick in das Reich Gottes gewährt.

„Die Hochzeit des Lammes ist gekommen“, so heißt es nun. Das Lamm ist oft das Symbol für den auferstandenen Herrn, und nun fragen wir uns: wen wird das Lamm heiraten? „Die Braut hat sich bereitet“, so heißt es weiter, aber wer ist die Braut?

Eine Erklärung erfahren wir aus dem folgenden Satz: „Es wurde der Braut gegeben, sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“

Die Braut ist nämlich die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, derer, die auf die Güte und Gnade Gottes vertrauen und darum ihr Leben in die Hand Gottes gelegt haben und legen. Die Braut: das sind wir!

Denn heilig wird man nicht erst durch eine Heiligsprechung, sondern schon in der Taufe empfangen wir gewissermaßen unseren Heiligenschein, denn wir sind neu geboren durch die Taufe, ein Heiligtum zur Ehre Gottes.

Wer das glaubt, der wird teilnehmen an dem Hochzeitsmahl des Lammes, schon hier durch die Feier des Heiligen Abendmahls, aber dann auch dort mit Gott in Ewigkeit. Unser Leben ist ein Fest, denn Gott hat die Mächte dieser Welt besiegt. Etwas davon erleben wir auch jetzt schon, wenn sich ein Spalt öffnet und uns Einblick gewährt in das Reich Gottes, das mitten unter uns ist.

Amen

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Predigt zum Gottesdienst am Gemeindefest
12. Juli 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus erzählte dies Gleichnis:

Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Liebe Gemeinde!

Zwei Impulse gab es, die sich beide mit dem Thema Gerechtigkeit auseinandersetzen.

Zum einen war da der Text aus dem Matthäus-Evangelium, wo es darum geht, wie hoch der Lohn für die geleistete Arbeit sein sollte. Martin Luther hat dieses Gleichnis schlicht mit dem Titel „Von den Arbeitern im Weinberg“ überschrieben.

Und zum andern waren da die beiden Damen, die sich mit der Frage auseinandersetzten, wo man am besten einkaufen sollte.

Das Thema unseres Gemeindefestes stellt die beiden Begriffe „Verhandeln“ und „Fair Handeln“ einander gegenüber. Dabei stand im Hintergrund der Gedanke, dass es bei Verhandlungen in der Regel darum geht, für einen selbst das bestmögliche Ergebnis zumindest im wirtschaftlichen Bereich zu erzielen, während es beim Fairen Handeln darum geht, auch die Nöte und Bedürfnisse des Gegenübers mit in den Blick zu nehmen. Es geht um eine gerechtere Verteilung des Reichtums.

Fangen wir mit dem Gleichnis an.

Es stellt sich zunächst ein bisschen quer.

Überlegen wir einmal, was an dem Handeln des Hausherrn, der die Arbeiter am Morgen, zur dritten, sechsten und neunten und schließlich auch noch zur elften Stunde anstellte, fair ist.

Um das besser zu verstehen, müssen wir wissen, dass da keine Arbeitsverträge geschlossen wurden. Es geht um sogenannte Tagelöhner, Menschen, die jeden Tag auf's Neue bereit stehen, zu arbeiten, und darauf warten, dass ihnen jemand Arbeit für diesen Tag gibt. Der Arbeitstag hat 12 Stunden, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Wer meint, dass es so etwas heute nicht mehr gäbe, irrt sich. In vielen Ländern der Welt gibt es noch Tagelöhner, die auf genau die gleiche Weise, wie in dem Gleichnis beschrieben, jeden Tag auf's Neue versuchen, Arbeit zu finden.

Der Lohn ist dann auch nicht gerade üppig. Damals reichte ein Silbergroschen, um sich und seine Familie mit Essen zu versorgen. Das war kein Festmahl, aber man musste auch nicht hungern.

Nur: was, wenn man einen Tag mal keine Arbeit bekam? Das Geld war nie genug, um noch etwas auf die hohe Kante zu legen. Und so ist es bis heute so, dass auch andere Familienmitglieder, häufig auch Kinder, versuchen, als Tagelöhner etwas Geld für die Familie mit zu verdienen.

Nun stellt also der Hausherr Arbeiter ein, die unterschiedlich lang arbeiten. Es ist eigentlich ganz selbstverständlich, dass sie auch unterschiedlich viel Geld bekommen, wenn die Arbeit getan ist.

Da ein Silbergroschen aber im Grunde so etwas wie ein Mindestlohn ist, gingen diejenigen, die den ganzen Tag lang geschuftet hatten, davon aus, mehr zu bekommen, nachdem sie gesehen hatten, dass die, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, den Mindestlohn bekamen. Manche hatten immerhin 12mal so lange gearbeitet wie die, die zuletzt zur Arbeit geholt worden waren.

Es ist schon gut zu verstehen, dass sie sich dann aufregten, als sie feststellten, dass sich an ihrem Lohn nichts geändert hatte und die anderen auch nicht weniger, sondern genau dasselbe bekamen wie sie.

Das ist doch nicht gerecht, und es ist auch in keiner Weise fair!

Jeder vernünftige Mensch würde doch sofort sagen, dass das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist!

Aber Jesus will mit diesem Gleichnis nicht die Frage beantworte, wie gerechter Lohn aussieht. Es geht ihm um die Antwort auf eine andere Frage: Was brauchen wir eigentlich? Wann ist das, was wir haben, genug?

Wenn wir uns umschauen, werden wir wohl nur wenige Menschen finden, die sagen würden: es ist genug, mehr brauche ich nicht. Da muss ein neues Auto her, vielleicht, weil das alte ja zu viel Sprit verbraucht, aber da sind dann auch so ein paar technische Neuheiten, die man eigentlich auch gerne genießen würde, und ein paar mehr PS unterm Hintern wären ja auch nicht schlecht, und es sollte eigentlich unbedingt Vierradantrieb haben, denn man weiß ja nie, wann es einen querfeldein treibt.

Oder ein neuer Fernseher, denn der alte gehört ja längst ins Museum, nachdem er fünf Jahre im Wohnzimmer gestanden hat. Inzwischen gibt es so viele neue Möglichkeiten, da kommt der alte doch gar nicht mehr mit – 3D, HD und was weiß ich nicht alles.

Oder ein neues Smartphone – das scheint sowieso der Deutschen liebstes Kind zu sein. 24 Millionen wurden davon im letzten Jahr in unserem Land verkauft, was bedeutet, dass sich jeder Bundesbürger, Kinder und Senioren eingeschlossen, nach etwas mehr als 3 Jahren ein neues Smartphone zulegt. Tatsächlich ist der Abstand geringer, denn nicht jeder hat ein Smartphone, es gibt immer noch Handys, mit denen man nur telefoniert und vielleicht mal eine SMS schreibt, sonst aber nichts Und dann gibt es auch Menschen, die ganz darauf verzichten.

Man kann die Liste endlos fortsetzen. Viele Dinge werden ersetzt, lange bevor sie wirklich nicht mehr benutzt werden können, und die Frage, ob man das Gerät denn auch tatsächlich braucht, wird oft gar nicht erst gestellt. Man hat sich an den Gebrauch gewöhnt, und darum will man nicht drauf verzichten – man muss sich aber dann auch immer wieder der Entwicklung anpassen.

Jesus stellt uns mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg die Frage: Was braucht ihr? Was ist genug? Wann ist es genug? Ist es möglich, dass wir auf einige Dinge verzichten?

Diese Frage wird dann brisant, wenn man überlegt, was passieren würde, wenn alle Menschen auf der Welt in der gleichen Weise leben würden wie wir, mit den gleichen Dingen, die wir haben – Auto, Smartphone, Waschmaschine, Kühlschrank, fast jeden Tag Fleisch auf dem Teller, usw..

Unsere Welt würde innerhalb weniger Jahre kollabieren. Die Rohstoffe würden in kürzester Zeit extrem knapp werden. Die Atmosphäre und die Gewässer würden derart vergiftet, dass sich das Klima dramatisch verändern und Leben nur noch in ganz wenigen Gebieten möglich sein würde. Reines Wasser würde ein kostbarer Rohstoff, zu dem längst nicht alle Zugang hätten.

Diese Veränderung wäre dann kein langsamer Prozess mehr, dem man vielleicht durch die Anpassung der Verhaltensweise und neue Entwicklungen entgegen wirken kann. Es würde so schnell geschehen, dass innerhalb einer Generation die Erde unbewohnbar würde. Und dann?

Diese Frage stellt sich nicht. Man möchte sagen: „Gott sei Dank“, aber diese drei Worte wollen nicht über meine Lippen. Denn es hat natürlich seinen Grund, warum es noch nicht so passiert: Rund 90% der Weltbevölkerung haben laut einer Untersuchung der Weltbank ein jährliches Einkommen von weniger als 5000 Euro. Viele dieser 90% müssen noch mit viel weniger auskommen. Tagelöhner schaffen es auf vielleicht ein Zehntel davon. Jährlich 500 Euro.

Sie können sich das, was für uns ganz selbstverständlich ist, gar nicht leisten.

Soll man angesichts dieser Tatsache erleichtert aufatmen?

Aber heißt das, dass wir so weitermachen können wie bisher?

Das Gleichnis, das uns Jesus erzählt, beantwortet diese Frage mit einem deutlichen „Nein“. Du brauchst nicht immer mehr und immer Neues. Es genügt, ein Dach über dem Kopf zu haben und Nahrung zum Essen. Auf Vieles von dem, was uns so selbstverständlich scheint, könnten wir verzichten.

Ich gestehe, dass ich ein etwas komisches Gefühl bekam, als ich diese Gedanken am PC formulierte. Denn ein PC ist aus Sicht vieler Menschen ein absolutes Luxusgut.

Ich bin allerdings sehr dankbar für dieses Werkzeug, das ich in den vergangenen Jahren zwar immer wieder mal durch neue Bauteile etwas aufgewertet habe, das aber noch immer in dem Gehäuse steckt, das ich vor etwa 10 Jahren gekauft habe.

Was auch immer wir gebrauchen: Jesus will uns für die Frage sensibel machen, ob wir es auch brauchen. Denn was wir nicht brauchen, müssen wir auch nicht unbedingt haben, auch wenn wir es gerne mal gebrauchen.

Zugleich weist er uns hin auf die anderen: diejenigen, die mehr haben, sollen in uns nicht das Begehren nach diesem Mehr wecken. Und diejenigen, die sich unseren Lebensstandard nicht leisten können, sind nur deswegen nicht in der Lage, weil ihnen für ihrer ihrer Hände Arbeit zu wenig gezahlt wird. Und das liegt wiederum daran, dass wir unsere Supermärkte und Kaufhäuser mit möglichst billigen Waren gefüllt haben wollen.

Wenn uns das bewusst wird, dann verstehen wir auch, worum es im Fairen Handel geht: dass wir unseren Lebensstil überdenken, dass wir die Rechte und berechtigten Ansprüche unserer Mitmenschen anerkennen und respektieren und dass wir uns um ein faires Miteinander bemühen, in dem alle zu ihrem Recht kommen, ohne dass man sich gegenseitig übervorteilt.

Wenn wir bereit sind, auf Dinge zu verzichten, die wir nicht wirklich nötig haben, dann fällt es auch leichter, Preise zu zahlen, die deutlich über denen liegen, die wir normalerweise im Supermarkt zahlen. Durch diese höheren Preise, die zwangsläufig unseren Konsum etwas beschränken, ist es möglich, dass die Personen, die an der Herstellung dieser Waren beteiligt waren, einen Lohn bekommen, von dem sie so leben können, dass sie sich über den morgigen Tag keine Sorgen machen müssen. Sie müssen auch nicht fürchten, krank zu werden, weil ihnen die Arztkosten und der Verdienstausfall bezahlt werden – Dinge, die über lange Zeit nicht denkbar waren.

Und schließlich merken wir, dass das Leben nicht durch die Dinge, die wir besitzen, definiert wird, sondern durch das Miteinander mit unseren Mitmenschen.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg will uns sensibel machen für die Bedürfnisse unserer Mitmenschen – nicht nur unserer Nachbarn, die unmittelbar neben uns wohnen, sondern auch der Menschen, mit denen wir durch die Globalisierung unseres Wirtschaftssystem unweigerlich verbunden sind: Menschen in China, in Pakistan, in Bangla Desh, in Indien, in Afrika und Lateinamerika und überall da, wo Waren für uns erzeugt oder die Grundstoffe der Waren, die wir gebrauchen, hergestellt werden.

Amen

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Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis
5. Juli 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer i. R. Ulrich Hesse

Ichthys

Predigt zu Matth. 5,38-48

Die Gnade und der Friede und die Liebe unseres Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes sei mit uns Allen. Amen.

Ihr habt gehört, daß gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, daß gesagt ist (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufge­hen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freund­lich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Liebe Gemeinde!

Wer sich auf Jesus, wer sich auf den Zimmermannssohn aus Nazareth einlässt, erlebt nicht selten eine Überraschung; so auch hier in diesem Text:

  • „Leistet dem Bösen keinen Widerstand!“
  • „Liebet eure Feinde!“
  • „Betet für die, die euch verfolgen!“
  • „Seid vollkommen: wie euer himmlischer Vater!“

Fast schon zu vertraut klingen diese Formeln, diese Rufe, diese – ja – Befehle:

  • so, als ob man solche eben hören muss am Sonntagmor­gen im Hause Gottes;
  • so, als ob da etwas fehlen würde, hörte man sie nicht.

Und weil diese Formeln eben demgemäß vertraut sind und weil am Sonntagmorgen das Bewusstsein und die Bereitschaft, zu hören anders ist – anders jedenfalls, als man im Hinblick auf das Tun im Alltag glauben möchte – überhört man eben vielleicht auch das, was Jesus hier sagt, was so überrascht:

  • „Liebt eure Feinde, betet für die Verfolger“: Jesus der Pazifist – das mag ja noch angehen.
  • „Seid vollkommen wie der Vater im Himmel“: Jesus der Utopist – wer vermag diese Vollkommenheit schon zu leben wenn nicht Gott – das mag ja auch noch hingehen.
  • Aber – „leistet dem Bösen keinen Widerstand“: also Jesus der Antichrist, der alle Ordnung untergräbt – da hört es doch nun auf!

Bedeutet das nicht eine Unterhöhlung der Ordnung im Zusammenleben der Menschen, im Staat und in der Gesellschaft, aber nicht auch Untergang, wenn man dem Bösen nicht mehr widersteht? Hatte der vorchristliche römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus nicht vielleicht doch recht, als er schrieb: „Homo homini lupus. Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf.“?

Halt, liebe Freunde, wer so denkt – und auch so weiterdenkt, wie eben angedeutet – wer eben auch so hört, ohne hinzuhören, nur so versteht, wie er als guter Bürger und Vertreter einer scheinbar ordentlichen Moral es verstehen möchte, der tut genau das, was er nicht tun sollte:

  • nimmt den Worten Jesu ihre Brisanz und ihre Spitze, die schmerzt,
  • verwandelt Glaube in eine Moral, die zwar einen anständi­gen Menschen hervorbringt, die Botschaft der Liebe Jesu jedoch nicht mehr kennt.

Wie hieß es doch oft auch in öffentlichen Diskussionen? „Mit der Botschaft der Bergpredigt – da kann man doch nichts gestalten, da kann man doch auch keine Politik machen, die ist doch höchstens nur für das Privatleben, nur für das ganz persönliche fromme Leben gut. In der Realität herrschen andere Gesetze!“

Mag sein; wer aber so redet, was tut der dann da?

  • Er nimmt die Botschaft Jesu nicht ernst!
  • Er verleugnet Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben!
  • Er verweigert sich der Realität der Liebe!
  • Er verwechselt Nächstenliebe mit Eigensucht!
  • Er predigt Hoffnungslosigkeit statt Menschenwürde!

Darum: hören wir genau hin!

Denn hier stehen auch wir auf dem Prüfstand, genauer: unsere Menschlichkeit, unsere Christlichkeit, unser Glaube!

Achten wir also darauf, dass wir den Inhalt unseres Glaubens, die Aufrufe Jesu, nicht mit unserer Moral verwechseln, dass wir also unter der Hand nicht unsere Moralität – oder was auch immer – zum Inhalt unseres Glaubens machen!

Jesus will das Wort Gottes sagen. Er predigt, er verkündigt. Seine Predigt und Verkündigung geht von dem aus, was allen einsichtig, allen bekannt und für alle vernünftig und für alle nachvollziehbar ist:

Ihr habt gehört, daß gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

Das ist ein altes Prinzip:

  • Wer sich an dem anderen vergeht, hat dafür einzuste­hen!
  • Gleiches ist mit Gleichem zu vergelten!
  • Wer die Ordnung und das Recht bricht, das das Zusammenleben der Menschen schützt, der hat zu sühnen und der Vergeltung sich zu stellen.

Doch Jesus sagt weiter:

Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn je­mand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.“

Was meint Jesus damit?

Er meint damit keineswegs, dass man dem Bösen, dem Chaos und dem Widergöttlichen das Feld überlasse. Er fragt vielmehr: Wie begegne ich ihm?

Seine Antwort?

  • Nicht mit den Mitteln, die scheinbar einsichtig, vernünftig und nachvollziehbar erscheinen.
  • Nicht also so, dass Gewalt mit Gegengewalt beantwortet wird.
  • Nicht also so, dass das Böse, das Widergöttliche eben mit dem Bösem und also Widergöttlichen ausgetrieben wird.

Mit dem Prinzip, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sagt Jesus, ist dem Bösem – und das ist das, das sich gegen Gottes gutes Gebot und gegen Gottes Menschenfreund­lichkeit und der Menschen Gottesfreundlichkeit richtet – nicht beizukommen. Denn was wird bewirkt, wenn man mit Gewalt z.B. der Gewalt beizukommen sucht? Ein ewiger Kreislauf, die Wiederkehr des ewig Gleichen! Schlägst du mich, so schlag ich dich; schlag ich dich, so schlägst du mich u.s.w. u.s.w. ... Diesen teuflischen Kreislauf zu durchbrechen, darum geht es.

Und das Mittel?

„Seid vollkommen: wie euer himmlischer Vater.“

Gott will eine bessere Gerechtigkeit, eine bessere Gerech­tigkeit als die der Menschen: er will Barmherzigkeit!

  • Nicht das unselige „Zahn für Zahn, Auge für Auge!“
  • Nicht das „Liebe deinen Freund, hasse deinen Feind!“

Sondern:

„Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen, so werdet ihr Kinder eures Vaters im Himmel.“

Wie meint er nun dies?

Ganz schlicht fordert Jesus, die folgenden Fragen zu bedenken:

  • Was ist schon besonderes daran, dass man die liebt, deren Liebe man empfängt?
  • Was ist schon besonderes daran, zu dem freundlich zu sein, der eben such freundlich ist?

Das ist überall so, eine einsichtige Moral, eine vernünftige Humanität! Wer gibt, der empfängt.

Doch den Feind lieben? Für den Verfolger beten? Den, der mir zuwider ist, achten? Auf mein angestammtes Recht verzichten? Gräben der Missgunst überschreiten? Grenzen der Selbstgefälligkeit überwinden? Den Teufelskreis des Hassens im privaten wie im öffentlichen Leben durchbrechen?

Aber eben dieses Letzte will Jesus: Gräben der Missgunst überschreiten! Grenzen der Selbstgefälligkeit überwinden! Den Teufelskreis des Hassens im privaten wie im öffentli­chen Leben durchbrechen! Und eben dies besagt der Satz „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater!“

„Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater!“ sagt Jesus. Und er begründet dies mit dem Satz.

„Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

Mit Gott kann man nicht rechten. Wie es eben Gut und Böse gibt, Gerechte und Ungerechte – es lag in Gottes schöpferischer Freiheit, dass das so ist – so gibt es nun auch dies: Gottes Vollkommenheit – und das ist Gottes Güte und seine Barmherzigkeit. Gottes Güte aber, Gottes Barmherzigkeit, das ist unsere Freiheit zum Ja! oder zum Nein! – Aber mit unserem Ja! oder auch unserem Nein! zur Botschaft der Liebe und zur Gabe des Lebens legen wir Rechenschaft ab vor Gott. Denn es ist keineswegs beliebig, ob wir als Geschöpfe Gottes unter allen seinen Geschöpfen nur den Freund lieben, den Feind aber hassen, nur unserer Eitelkeit folgen, das Recht des Anderen aber verachten. Und Christlichkeit ist dabei dann keineswegs nur der folgenlose Ruf nach dem freundlichen „Seid nett zueinander“, sondern die folgenreiche Praxis einer Liebe, die zuerst und allemal nach dem Anderen fragt und sich selbst in den Hintergrund stellt, die vor Gott und den Menschen Gerechtigkeit für den Anderen fordert und auf das eigene Recht, den eigenen Vorteil verzichtet. „ ... wenn einer Nein sagt, wo alle blind Ja brüllen – da wird an der Veränderung der Welt gearbeitet ... Der gewaltlose Aufstand der Liebe muß die Welt retten, sonst ist sie verloren“, so sagte einst der Göttinger Dichter R.O. Wiemer.

Genau das meint Jesu Ruf der Vollkommenheit, Jesu Aufruf zur Feindesliebe, Jesu Ruf zur Fürbitte für die Verfolger.

Zum Anfang der Rede Jesu heißt es:

„Wohl denen, die Frieden bringen. Gottes Kinder werden sie heißen.“

Eben: Frieden bringen, die Vollkommenheit des Vaters zu leben – das ist das Recht und die Pflicht eines Menschen, der sich Christ nennt. Dem Bösen, dem ewigen Nein gegen Gottes Ruf zur Liebe, gilt es zu begegnen. Doch nicht mit den Mitteln und Metho­den, mit denen uns das Böse gegenübertritt. Den Feind haben wir zu liebem – denn Hass ist widergöttlich und ver­zerrt das menschliche Antlitz zur Fratze der Unmenschlich­keit, trennt Schöpfer, Geschöpf und Mitgeschöpf.

Mit anderen Worten: Das Leben kann geliebt und die Liebe kann gelebt werden! Einer hat dies schon getan, der Christus Gottes nämlich, der Sohn unseres himmlischen Vaters.

Amen.

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Ansprache zur Domandacht
am 4. Juli 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Mariae Heimsuchung

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

Und Maria sprach:

Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

(Lk 1, 39-56)

Liebe Gemeinde,

auf manchen Gemälden wird diese Begegnung von Maria und Elisabeth dargestellt, und fast immer haben beide einen dicken Bauch. Das dürfte aber tatsächlich nur auf Elisabeth zugetroffen haben, denn vermutlich war sie fünf bis sechs Monate vor Maria schwanger geworden, und Maria selbst hatte gerade erst die Offenbarung des Engels erlebt und erfahren, dass sie vom Heiligen Geist schwanger werden würde.

Höchstens zwei Monate kann man aus der Erzählung herausholen, eher weniger, also kann man es Maria sicher nicht ansehen, dass sie schwanger ist, als sich die beiden begegnen.

Aber das spielt ja auch nicht so eine große Rolle.

Sicher stellen sich einige die Frage, warum wir als Protestanten einen solchen Tag überhaupt feiern sollen. Die Verehrung der Heiligen liegt uns nicht, und dazu gehört auch die Verehrung Marias. Das Beten des Rosenkranzes, dessen Worte aus dem gerade gelesenen Textabschnitt stammen, scheint uns ganz fremd. Dass es in fast jeder katholischen Kirche einen Marienaltar gibt, fällt uns schwer zu verstehen.

Dabei hat Martin Luther dieses Gedenken nie abgelehnt, im Gegenteil. Er sah in der Verehrung Marias nichts Schlimmes und feierte den Tag der Heimsuchung Mariae jedes Jahr mit einem Gottesdienst.

Was hilft es uns, wenn wir das auch machen?

Wir tauchen ein in eine eigentlich ganz intime Atmosphäre. Da sind zwei Frauen, die sich offenbar gut kennen – die eine älter als die andere, und dennoch sind sie sich sehr vertraut. Nur der Umstand, dass sie weiter voneinander entfernt wohnen, scheint sie daran zu hindern, dass sie sich täglich begegnen.

Elisabeth ist wie Maria auf wunderbare Weise schwanger geworden. Längst hatten sie und ihr Mann, der Priester Zacharias, die Hoffnung aufgegeben, ein eigenes Kind zu bekommen, und ich kann mir vorstellen, dass Maria in ihrer Kindheit den Platz eines Kindes für Zacharias und Elisabeth eingenommen hat.

Vielleicht rührt daher das innige Verhältnis, das dem zwischen der Mutter und der Tochter ähnelt.

Das Kind, das Elisabeth trägt, ist Johannes, der später den Beinamen „der Täufer“bekommt. Dieses Kind ist, so sagt man, der Vorläufer des Herrn.

Und an dieser Stelle könnten Kenner des Kirchenjahres noch einmal stutzig werden: Liegt die Geburt Johannes des Täufers nicht schon eine Woche zurück? Tatsächlich wurde das Fest der Geburt Johannes des Täufers am 24. Juni gefeiert, und deswegen hat auch die römisch-katholische Kirche vor ca. 50 Jahren entschieden, das Fest der heimsuchung Mariae auf den 31. Mai vorzuverlegen.

Leider hat die protestantische Kirche da nicht mitgezogen, so dass wir weiterhin den 2. Juli als Tag der Heimsuchung feiern.

Nun begegnen sich also die beiden werdenden Mütter – aber nicht nur sie. Es begegnen sich auch die beiden Kinder. Und sie nehmen einander wahr. Das können wir uns kaum vorstellen, aber mittlerweile wissen wir ja, dass die Kinder im Mutterleib durchaus auch teilhaben an dem, was die Mutter mit ihren Sinnen erlebt.

Johannes erkennt den Sohn Gottes, und darum hüpft er vor Freude im Leib seiner Mutter. Wie Elisabeth das wahrgenommen hat, wissen wir nicht, wohl aber, wie sie darauf reagiert. Sie weiß sofort, dass hier Gott seine Hand im Spiel hat, und preist Maria.

Sie tut das aber nicht aus sich selbst – Lukas berichtet ausdrücklich, dass ihr dies vom Heiligen Geist eingegeben wurde:

„Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.“ (Lk 1, 42-45)

Die Sprache mutet etwas altertümlich an, aber wir verstehen es schon, so denke ich. Elisabeth ist voller Freude und Dankbarkeit darüber, dass die Mutter Gottes zu ihr gekommen ist. Sie weiß es lange bevor andere es wissen.

Elisabeth hat, als sie älter wurde, immer wieder Maria in ihrem Haus gehabt, und sie wie eine eigene Tochter behandelt. Nun kommt Maria, unverheiratet, aber schwanger, zu ihr. Eigentlich ein Skandal. Was soll aus Maria werden? Sie würde ausgestoßen werden, wenn es nicht ein Werk Gottes wäre.

Darum kann Elisabeth nicht aus eigenen Stücken diese Freude empfinden. Sie wird ihr von Gott geschenkt.

Das Ganze ist eine Erzählung von der Offenbarung Gottes. Sein Wort wird Fleisch – das wird schon hier, lange vor der Geburt Jesu, deutlich. Die Herzen der Menschen werden verwandelt. Gesellschaftliche Konventionen bilden nicht mehr den Maßstab für unser Denken, Reden und Handeln, sondern einzig die Liebe Gottes, seine Hinwendung zu uns.

Maria nimmt die Freude Elisabeths auf und wandelt sie um in den Lobgesang, der uns unter dem Namen „Magnifikat“ bekannt ist.

Damit führt sie eine Reihe von Lobgesängen fort, die in der Geschichte des Volkes Israel begannen. Mirjam sang das Lob über Gottes Heilshandeln am Volk Israel, als er es aus der Knechtschaft in Ägypten herausführte. Hanna sang das Lob Gottes, als er ihr ein Kind schenkte nach einer langen Zeit der Unfruchtbarkeit. Und nun ist es an Maria, das Lob Gottes zu singen.

Es sind immer Protestlieder gegen das Säbelrasseln der Männer, gegen die Sucht nach Macht, und für das Leben.

Denn nur einem gebührt die Macht: Gott selbst.

Und so hören wir aus dem Mund Marias:

„Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.“
(Lk 1, 46-49)

Wir stellen fest, dass es Maria nicht an Selbstbewusstsein mangelt, aber dieses Selbstbewusstsein gewinnt sie nicht aus sich selbst heraus, sondern aus der Kraft Gottes, die sie, die Niedrige, aus dem Staub erhoben hat.

Diese eine Frau unter -zigtausenden, die Gott für würdig hält, seinen Sohn zu tragen – sie ist das fleischgewordene Symbol für die Größe des Gottes, der aus dem Nichts die ganze Welt geschaffen hat. Allein dessen rühmt sie sich, dass Gott an ihr gehandelt hat, dass sie ein Werkzeug in seinen Händen ist. Was für ein Geschenk ist es, wenn wir Werkzeug Gottes sein dürfen.

Weiter hören wir:

„[Und] seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.“
(Lk 1, 50-53)

Gottesfurcht macht die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar.

Tatsächlich ist es oft so, dass wir Gottes Handeln an uns gar nicht wahrnehmen, weil wir nicht daran denken, dass Gott an unserem Leben teilhaben will.

„Ich-bin-da“ - das ist sein Name. Aber er drängt sich uns nicht auf. Wir können ihn gewissermaßen aussperren, und das geschieht sehr schnell, wenn wir meinen, dass es einzig an uns liegt, was wird.

Damit zu rechnen, dass Gott da ist, hilft uns auch, seine Barmherzigkeit zu erkennen und wahrzunehmen – selbst dann, wenn es einmal ganz duster zu werden droht. Denn auch im finstern Tal können wir die Nähe Gottes wahrnehmen.

Mit den folgenden Worten bringt Maria einen Wunsch zum Ausdruck, der die Menschheit seit ihren Anfängen bewegt: dass die, die sich von Gott abwenden und sich selbst in den Mittelpunkt stellen, auf ihren Platz verwiesen werden; dass die, denen es schlecht geht und die in Not sind, aufgeholfen wird.

Die Positionen werden vertauscht: der Arme wird reich, der Reiche wird arm; die Hoffärtigen und Gewaltigen verlieren ihre Macht, während der bisher Niedrige, also Schwache, auf den Thron gehoben wird – so wie Maria erhoben wurde zur Himmelskönigin, wie sie manchmal genannt wird.

Und so geht das Lob weiter:

„Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.“
(Lk 1, 54-55)

Es ist ein Lob des Gottesvolkes, des Volkes Israel. Es ist ein Lob Gottes, der in diesem Volk an der ganzen Menschheit handelt – durch seinen Sohn, der von der Jungfrau Maria geboren wird. Es ist ein Lied der Freude. Das kann man hier ganz deutlich erkennen.

Der Evangelist Lukas hätte einen anderen Weg finden können, das Lob Gottes erklingen zu lassen. Für ihn aber gehörte das Lob Gottes in den Mund Marias, und so hören wir es auch aus ihrem Mund. Aber nicht nur das: Elisabeth preist Maria dafür, dass Gott sie erwählt hat. Denn Maria ist ein Teil der Heilsgeschichte Gottes geworden.

Und darum ist es gut und richtig, dass wir uns an sie erinnern – nicht nur beiläufig zu Weihnachten, wenn wir sie in den Krippen an der Seite des Jesus-Kindes sehen, sondern auch an den anderen Tagen des Jahres.

Amen

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Ansprache zur Domandacht zum Domfest
am 28. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Thema: Das Band der Liebe

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, 21 auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. 22 Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

(Eph 2, 19-22)

Liebe Gemeinde,

Paulus wird oft als der „Heidenapostel“ bezeichnet, wobei der Begriff „Heiden“ im biblischen Zusammenhang erst einmal richtig eingeordnet werden muss: Heiden sind alle die Menschen, die nicht zum jüdischen Volk gehören.

In den Anfängen der christlichen Kirche breitete sich das Evangelium vor allem innerhalb des jüdischen Volkes aus. Die Christen wurden von außen als eine jüdische Sekte angesehen, von denen es einige gab.

Zwar hatte schon Petrus die Erfahrung gemacht, dass das Evangelium nicht den Juden vorbehalten war, aber er hielt sich dennoch überwiegend zur jüdischen Gemeinde und unternahm keine Missionsreisen in die Gebiete, wo Juden nur als kleine Minderheit zu finden waren.

Anders Paulus: er machte sich nach seiner Bekehrung vor Damaskus auf und kam bei drei Missionsreisen vor allem nach Kleinasien und Griechenland, damals römische Provinzen, die sich aber ihre eigene Kultur erhalten hatten. Dort steuerte er zwar immer erst die jüdischen Synagogen an, fand aber auch unter vielen Heiden Zuspruch, die dann eine kleine Gemeinde unabhängig von der Synagoge bildeten.

Man kann sich vorstellen, dass es schon bald zu Spannungen kam zwischen den Heiden- und den Judenchristen, wie man sie nannte. Die kulturellen Hintergründe waren sehr unterschiedlich. Die Juden hatten ihre Gebräuche nicht in der Öffentlichkeit gepflegt, oft auch, weil ihnen das untersagt war. So war kaum bekannt, was den jüdischen Glauben auszeichnet.

Aber viele der Juden, die Christen geworden waren, waren der Meinung, dass man eben diese Gebräuche auch befolgen müsse, wenn man zur christlichen Gemeinde gehören wolle.

Denn für die Judenchristen war die Annahme des christlichen Glaubens nur eine Weiterentwicklung des bisherigen Glaubens, und das bedeutete, dass all das, was zuvor Bestand hatte, auch in Zukunft gelten würde, nur mit dem einen Unterschied, dass Jesus Christus als der Messias angebetet wurde.

Für die Heidenchristen war der christliche Glaube an sich etwas völlig Neues. Viele hatten vorher an mehrere Götter geglaubt. Wir denken an die römische und die griechische Götterwelt, aus der uns zahlreiche Mythen überliefert sind.

Nun sollten sie plötzlich nur noch an einen Gott glauben. Das war schon ein gewaltiger Schritt. Da kann man vielleicht verstehen, dass die Gebräuche und Gewohnheiten des jüdischen Volkes viele der Heidenchristen als Ballast empfanden, den sie sich nun nicht auch noch aufladen wollten.

Wie sollte es nun möglich sein, dass beide zusammen kommen? Oder sollte es tatsächlich zwei Kirchen geben, eine für die Heidenchristen und eine für die Judenchristen?

Es ist spannend zu beobachten, dass auch heute dieses Thema wieder relevant wird. Im Kirchentag gab es bis in diesem Jahr für die sich selbst als „Messianische Juden“ bezeichnenden Judenchristen überhaupt kein Forum. In diesem Jahr durfte das erste Mal ein messianischer Jude an einer Diskussionsrunde teilnehmen. Ansonsten spielen sie im Bewusstsein der christlichen Kirchen kaum eine Rolle, obwohl es sie selbstverständlich auch heute noch gibt.

Für Paulus galt es, zwischen beiden zu vermitteln, und er tut das immer wieder, wie wir aus seinen Briefen erkennen können.

Der Abschnitt, den wir vorhin gehört haben, ist solch ein Vermittlungsversuch. Er richtet sich an die „Heiden“, die Nichtjuden, die nicht mehr außen vor stehen, sondern Mitbürger der Heiligen – das sind die Judenchristen – und Gottes Hausgenossen sind.

Durch Christus, so schreibt er kurz vorher, ist der Zaun, der zwischen Juden- und Heiden bestand, niedergerissen. Ein neuer Mensch ist entstanden, der mit Gott versöhnt ist. Dieser neue Mensch beinhaltet beides, jüdische und heidnische Wurzeln. Es gibt nun keine Feindschaft mehr, sie sind beide miteinander vereint.

Das hat das Opfer Jesu Christi am Kreuz bewirkt.

Paulus wertet auf, was früher aus der Sicht des jüdischen Volkes immer abgewertet wurde. Die Heiden waren eben das nicht-erwählte Volk, das Volk, fern von Gott.

Zwar würde, so sagten es die Propheten, der Tag kommen, an dem die Heiden nach Jerusalem wallfahren und dort den einen, den wahren Gott anbeten würden. Aber auch dann wären sie noch immer dem jüdischen Volk, den von Gott erwählten, untergeordnet geblieben.

Doch so, meint Paulus, soll es nicht sein. Juden und Heiden sind durch Christus miteinander versöhnt, so sehr, dass sie beide einen neuen Menschen bilden.

Und so knüpft Paulus das Band der Liebe zwischen beiden und macht deutlich, dass beide gemeinsam den heiligen Tempel des Herrn bauen werden. Dabei denkt er nicht an einen Tempel aus Steinen, sondern an die Kirche, die ganz aus der Gemeinschaft der Getauften besteht.

Das Band der Liebe ist allerdings nicht wirklich ein Band, sondern – um in der Bildsprache des Paulus zu bleiben – ein Stein. Der Eckstein Christus, der den ganzen Bau zusammenhält, der der Grund ist, auf dem alles fest zusammengefügt werden kann.

Paulus verweist immer wieder darauf, wie wichtig es ist, nicht Äußerlichkeiten Bedeutung gewinnen zu lassen, sondern sich immer wieder zu besinnen auf diesen Grundstein, den Eckstein Jesus Christus, der allein die Kraft hat, zusammen zu halten, was zusammen gehört.

Wenn das nicht gelingt, dann ist der Eckstein auch nicht mehr da. Dann fehlt die Reflektion der Liebe, mit der uns Gott zuerst geliebt hat.

Aber Paulus droht nicht, dass es so oder so sein könnte, sondern er stellt fest: ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Ihr seid Geliebte des Herrn. Ihr seid selbst Heilige.

Lassen wir uns das nicht nehmen, sondern seien wir, wozu wir berufen sind: Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Amen

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Predigt zum Domfest (Peter und Paul)
28. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben:Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

Mt 16, 13-19

Liebe Gemeinde!

Das Peter-und-Pauls-Fest eignet sich eigentlich gut für einen ökumenischen Gottesdienst. Denn bei Petrus neigt man ja schon schnell dazu, an den Papst zu denken, denn Petrus stand zuletzt der Gemeinde in Rom vor, dem Zentrum der römisch-katholischen Kirche. Wer dieses Amt übernimmt, sitzt damit gewissermaßen auf dem Stuhl Petri.

Und bei Paulus kommt einem Martin Luther in den Sinn, der anhand des Paulusbriefes an die Römer das Evangelium gewissermaßen neu entdeckte.

In diesem Gottesdienst steht der Text, den wir als Evangelium gehört haben, im Mittelpunkt. Das heißt mit anderen Worten: Petrus. Mit Paulus werden wir uns dann in der Domandacht um 17 Uhr befassen.

Ich kann mir denken, dass eine Predigt über diesen Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium ganz anders klingen würde, wenn sie in einer katholischen Kirche gehalten würde. Aber mal sehen, was wir für die Ökumene aus diesem Text gewinnen können.

Jesu Frage an seine Jünger ist etwas merkwürdig. Es hat etwas von Eitelkeit an sich, eine solche Frage zu stellen. Weiß er nicht selbst, wer er ist? Kümmert ihn wirklich die Meinung der anderen?

Im Grunde hat er doch schon bewiesen, dass es ihm völlig egal ist, wie er bei den Menschen ankommt. Er ist, wer er ist. Er folgt dem Weg, den ihm sein himmlischer Vater vorgegeben hat. Er zeigt Unrecht auf und prangert Machtmissbrauch an. Er wendet sich den Armen und Außenseitern zu.

Vielleicht will er ja auf diese Weise ganz bewusst provozieren, aber ich glaube eher, dass er kein Unruhestifter ist, sondern dass ihm einzig und allein der Wille Gottes am Herzen liegt.

Also handelt er entsprechend und stört sich nicht an dem, was die Menschen über ihn denken, denn Gott ist über allem, ihm muss man mehr gehorchen als den Menschen.

Wozu also diese Frage?

Die Motivation Jesu wird uns wohl ein Rätsel bleiben. Vielleicht will er seine Jünger prüfen, vielleicht will er wissen, wie deutlich geworden ist, dass er der Sohn Gottes ist? Vielleicht liegt ihm auch nur daran, die Verhältnisse unter den Jüngern zu ordnen. Alles ist möglich, und es kann auch eine Mischung aus verschiedenen Motiven sein.

Vielleicht aber liegt Jesus nur daran, Klarheit für seine Jünger zu schaffen.

Dabei steht am Anfang eine ganz unverfängliche Frage, die zu beantworten nicht so schwer fallen dürfte, die aber nichts für die Gemeinschaft der Jünger austrägt:

„Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ (Mt 16, 13)

Offenbar kann Jesus voraussetzen, dass seine Jünger ihn als Menschensohn identifizieren und kennen. Nun wissen wir aber noch nicht einmal genau, was ein „Menschensohn“ ist. Da haben uns die Jünger damals schon einiges Voraus.

Der Begriff „Menschensohn“ wird im neuen Testament recht häufig gebraucht und ist ein Hoheitstitel, so wie man etwa „König“ oder „Herzog“ sagen würde.

Aber es ist eben nicht „König“ oder „Herzog“, denn sonst hätte Jesus das ja so gesagt. Es ist „Menschensohn“, und dieser Titel verbindet ihn in gewisser Weise mit Gott, denn auch im Alten Testament taucht er immer wieder mal in einem solchen Zusammenhang auf.

Aber die Antwort auf diese erste Frage, die Jesus gewissermaßen bei den Propheten einreiht, ist eigentlich gar nicht so wichtig. Jesus hält sich damit auch nicht lange auf, fängt nicht an, darüber zu diskutieren, welche Antwort denn nun der Wahrheit am nächsten kommt. Er scheint vielmehr etwas ungeduldig zu werden und fragt:

„Wer sagt denn ihr, dass ich sei?“ (Mt 16, 15)

Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Diese Frage ist nicht nur den Jüngern damals vor fast zweitausend Jahren, sondern auch uns heute gestellt. Wer sagt denn ihr, dass dieser Jesus sei?

Ob unsere Antwort so direkt wie die des Petrus wäre: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“? (Mt 16, 16)

Viele haben damit heute ihre Probleme. Auf der Webseite der EKD liest man in dem Glaubens-ABC unter dem Abschnitt Jesus (z.Z. nicht mehr vorhanden !):

„Die Eltern Jesu waren Maria und Josef.“ Das Bekenntnis des Petrus spielt da überhaupt keine Rolle, und dass das wahrhaft ökumenische Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel und das meist von uns gesprochene Apostolische Glaubensbekenntnis von Jesus Christus als dem eingeborenen Sohn Gottes spricht, scheint auch ohne Bedeutung zu sein.

Wie würden wir auf diese Frage Jesu antworten:

„Wer sagt denn ihr, dass ich sei?“ (Mt 16, 15)

Ich bin dankbar und froh, dass wir die Antwort auf diese Frage nicht von der Webseite der EKD ablesen müssen, sondern aus den durch jahrzehntelange Diskussion und Beratung entstandenen Bekenntnissen der alten Kirche entnehmen können. „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“? (Mt 16, 16)

Nicht umsonst reagiert Jesus auf die Antwort des Petrus mit einer so fundamentalen Aussage:

„Selig bist du, Simon, Jonas’ Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Mt 16, 17)

Es ist also keine Erkenntnis, die wir aus uns selbst heraus gewinnen könnten. Diese Erkenntnis erwächst aus dem Glauben, den Gott uns zu schenken bereit ist.

Mit diesem Bekenntnis fängt die Kirche an. Das ist, so kann man sagen, der Grundstein der Kirche. Wenn die Kirche nicht bekennen kann oder will, dass Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes, kann sie auch nicht Kirche sein.

Denn Kirche ist nicht nur ein Verein, der sich überwiegend im sozialen und ethischen Bereich auf vielfache Weise engagiert.

Kirche ist zuallererst die Gemeinschaft der Heiligen, die sich zu Christus als dem Sohn des lebendigen Gottes bekennen. Er ist das Haupt, sie sind die Glieder. Wir sind die Glieder, denn durch die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes sind wir zu einem Leben in Heiligkeit berufen.

„Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16, 16)

Die Tragweite dieser Aussage hatte vermutlich Petrus zu dieser Zeit noch gar nicht recht begriffen.

Es war auch zu der Zeit, als das Matthäus-Evangelium geschrieben wurde, noch nicht so, dass alle Christen dies auch glaubten. Vielmehr stritt man mitunter recht heftig über der Frage, wer denn Jesus wirklich sei.

Und so ist es eine Errungenschaft der ersten Jahrhunderte christlicher Kirche, dass dieses Bekenntnis den Grund legt für alles, was wir über Gott und sein Handeln in dieser Welt sagen können.

Dies zu glauben, eint uns als Christen, ob wir nun römisch-katholisch, lutherisch, baptistisch, reformiert oder einer anderen Denomination angehörig sind. Das ist der Grundstein, den niemand wegnehmen kann.

Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.

Dieser Glaube ist es, der uns Halt gibt in scheinbar ausweglosen Situationen, der uns neue Wege zeigt und neue Möglichkeiten, der uns Trost schenkt, wenn wir traurig sind, der uns Mut macht, wenn wir niedergeschlagen sind, der uns reich macht, auch wenn wir nur gerade genug verdienen, um ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu haben.

Denn weil Jesus Christus der Sohn Gottes ist, dürfen wir darauf vertrauen, dass er unsere Lebenssituation kennt. Denn Jesus Christus hat alles durchlitten. Er hat das Menschsein gewissermaßen durchgemacht, er ist an unserer Seite und weiß, wie uns zumute ist, ganz gleich, was uns widerfährt.

Dieser Glaube schenkt uns Gemeinschaft untereinander, auch über die verschiedenen Denominationen hinweg, er macht es möglich, dass wir miteinander, dass wir ökumenisch Gottesdienst feiern, heute, hier, und uns nicht voneinander abwenden.

Ich bin dankbar, dass wir uns so nahe gekommen sind, und hoffe und bete, dass so, wie es der Wille Gottes ist, wir wieder zur Einheit der Kirche finden werden.

Jesus hat noch mehr Worte für Petrus, die ganz deutlich auf die Aufgabe der Kirche hinweisen:

Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben:Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. (Mt 16, 19)

An einer anderen Stelle im Johannes-Evangelium wird diese Vollmacht, die hier dem Apostel Petrus allein zugesprochen wird, allen Jüngern übertragen:

„Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“. (Joh 20, 22b-23)

Ich erinnere mich daran, dass ich diese Formulierung als junger Mensch nie ganz verstanden hatte. Jesus überträgt damit seinen Jüngern die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Aber nicht nur das: es gehört auch die Vollmacht dazu, den Menschen an seine Sünden zu binden. Und das bedeutet mit anderen Worten, dass es für den Menschen keine Möglichkeit mehr gibt, von seinen Sünden los zu kommen. Allein die Kirche kann das tun, und Gott, so kann man auch daraus ablesen, respektiert die Entscheidung der Kirche.

Aber die Kirche, das sind nun nicht nur die Würdenträger, nicht nur die Pfarrer, Priester und Bischöfe, sondern das sind alle Menschen, die getauft sind und zu einer christlichen Kirche gehören. Und darum darf man wohl folgern, dass jeder Christ Sünden vergeben oder behalten kann.

Doch hat man das vor allem im Mittelalter und in den folgenden Jahrhunderten anders gehen. Auch heute noch ist die Vergebung der Sünde in der römisch-katholischen und in der orthodoxen Kirche ein Sakrament, das nur von einer entsprechend berufenen und geweihten Person gespendet werden darf.

Lange Zeit wurde die von Jesus Christus erteilte Vollmacht missbraucht, um Politik zu treiben oder manchmal auch nur um des Geldes willen. Das war dann auch der Anlass für Martin Luther, die Praxis der Kirche, nämlich Sündenvergebung gegen Geld zu erteilen, in Frage zu stellen.

Heute ist das anders. Es werden keine Ablassbriefe mehr verkauft, und die Menschen gehen mit ihrer Schuld anders um als noch vor 50 Jahren.

Viele tragen ihre Schuld lieber mit sich herum wie einen mit Steinen gefüllten Rucksack, anstatt um Vergebung zu bitten und sich dann auch zusprechen zu lassen.

Die wenigsten Protestanten wissen, dass Martin Luther die Beichte, die durch diese Worte unseres Herrn ja im Grunde eingesetzt wird, als gut und hilfreich angesehen hat. In den lutherischen Bekenntnisschriften wird die Beichte und die damit verbundene Sündenvergebung auch als ein Sakrament neben der Taufe und der Feier des Heiligen Abendmahls bezeichnet.

Aber nicht nur deswegen ist es für alle Christen gut und richtig, die Möglichkeit der Beichte zu nutzen. Denn durch die Beichte erfahren wir auf besondere Weise die vergebende Liebe Gottes, wir bekommen die Vergebung unserer Sünden ausdrücklich zugesprochen. Und dieser Zuspruch tut gut.

Liebe Gemeinde,

Petrus ist einer der beiden Namenspatrone dieser Kirche. Die Schlüssel, mit denen er häufig dargestellt wird, sind Symbole der Vollmacht, die ihm in unserem Predigttext übergeben wurde: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.“ (Mt 16, 19a)

So wollen wir uns das immer wieder bewusst machen: Schuld muss uns nicht unser Leben lang begleiten und niederdrücken. Wir dürfen sie ablegen. Der Zuspruch der Versöhnung befreit uns zu einem Leben in der Gegenwart Gottes. Mögen wir das heute in besonderer Weise spüren.

Amen

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Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis
21. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer i. R. Ulrich Hesse

Ichthys

Lukas 15,1-3.11-32

Liebe Gemeinde,

„Habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?“1 – So die Parole vieler Egotypen unserer Tage, so auch das Fanal unserer Ellbogengesellschaft, so auch der Sockel jener pervertierten Nächstenschaft, die sich in einer kauf- und kon­sumwütigen Welt herausgebildet hat unter dem Motto: „Ich tue, was ich will! Komme mir ja keiner, der sagt, ich soll tun, was er will!“. In der Tat, die Welt ist erbarmungslos – so belehrt uns die täg­liche Erfahrung.

Gegenstück ist für viele – so auch für uns – der christliche Glaube und die Verkündigung des heilsamen Evangeliums von Jesus Christus. Geschichten der Bibel, Geschichten aus dem Leben Jesu, Geschichten über die heilsame Gnade Gottes, die immer wieder wirksam ist, wollen hinführen zu einer eben nicht mehr grausamen Welt, eben nicht mehr die Wirklichkeit bestimmenden Brutalität, eben hin zu einer Welt, in der der Respekt vor der Würde das Anderen und in der die Praxis der Liebe die alles be­stimmende Wirklichkeit ist.

Doch gibt es Menschen, die sehen den christlichen Glauben und die Botschaft ihrer Urkunde, der Bibel, scheinbar anders. Einer von ihnen war Heinrich Böll, einer der großen deutschen Schrift­stelle der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Er schrieb ein­mal in einem kleinen Aufsatz unter dem Motto „Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen. Über Gott, Jesus und Christus.“:

Der klassische jesuanische [also: von Jesus stam­mende] Text ist ja die Bergpredigt. Dann gibt es aber auch sehr grausame Gleichnisse in den Evan­gelien, etwa das vom verlorenen Sohn. Dieses Gleichnis ist ja grausam. Da wird gesagt: Ihr, die ihr immer brav durch die Gegend lauft, macht euch nicht so viel Hoffnung – während uns gleichzeitig die Bravheit gepredigt wird.2

  • Hier – wie in vielen seiner anderen Schriften und Romanen – lehnt sich der Moralist Böll auf gegen die Bravheit – eben die Bravheit nun einmal des braven Bürgers, der durch die Bravheit der scheinbar so braven christlichen Verkündigung in seiner kleinbürgerlichen Moral – eben in seiner Bravheit – auch noch gestärkt wird.
  • Der Moralist Böll rebelliert gegen eine Verunstaltung der Botschaft der Bibel, die sie darum nur noch als ein Mittel zur Disziplinierung der Bürger in der öffentlichen Auseinander­setzung der durch Konkurrenz geprägten Gesellschaft zulässt.
  • Der Moralist Böll protestiert so gegen einen Missbrauch der Bibel, wie es in der öffentlichen Auseinandersetzung oft ge­nug geschieht.
  • Er, der rheinische Katholik und unbequeme Moralist weigert sich, derart die heilsame Botschaft Jesu gleichsam „verhun­zen“ zu lassen.

Böll fordert – so wie für sich und wie für alle Literaten –, dass man zuhört und genau hinhört, wie die eigenen Worte nun eben auch die Worte der Bibel ernst nimmt und also „beim Worte nimmt“, nun eben auch das Gleichnis vom sog. „verlorenen Sohn“. Wir hören und bedenken es in drei Abschnitten.

1. DER VERIRRTE SOHN

1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: ...11...: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusam­men und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an ei­nen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf sei­nen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufma­chen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sa­gen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu ei­nem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knech­ten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das ge­mästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn diesermein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war ver­loren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhich zu sein.

Da haben wir sie nun, die uns allen bekannte Geschichte vom „Verlorene Sohn“. Aber ist er nun wirklich ein „verlorener Sohn“?

Die beste Schule für einen Menschen ist die Wirklichkeit selbst. Und sie schult diesen Jungen wahrlich! Der Sohn fordert von seinem Vater noch zu dessen Lebzeiten sein Erbteil – das also, was ihm nach dem Tod des Vaters zusteht. Er will selbstständig sein, tun, was ihm gut dünkt. So nimmt er sein Teil und geht in die Welt, lebt nach seinen Vorstellungen: feiert, hurt und verprasst, was er bekam. Am Ende? Die Katastrophe, menschlich wie materiell. Die Konsequenz? Klammern an den letzten Strohhalm, der da noch bleibt – der Vater, das Zuhause. Und gepaart mit diesem Strohhalm, wahrlich der letzten Hoffnung vor dem drohenden Nichts, das Eingeständnis vor sich selbst: „Vater ich habe gesün­digt!“

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Va­ter. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!

Der Vater verzeiht, der Sohn ist daheim, Reue bewirkt Verzeihen.

Wirklich so grausam das Gleichnis, wie Böll meinte? Nicht doch eher wirklich menschlich? Eben so menschlich, wie Gott es ha­ben will? Durchstreichen der Vergangenheit? Neuanfang im Zei­chen der Versöhnung und der tätigen Reue?

2. DER MORALISIERENDE BRUDER

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das ge­mästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wie­der hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.

Der verirrte Sohn war nicht der einzige Sohn des Vaters. Da war eben noch der Andere, der ältere Bruder. Nach Sitte und Gesetz der Erbe, er ein treuer Helfer des Vaters in der Verwaltung des Besitzes. Ist der jüngere Bruder der Ausgeflippte, der Durchgeknallte, der Prasser und Hurenbock, so dieser der Ordentliche, der Anstän­dige, der Fleißige, nicht an sich Denkende, der der Pflicht Ver­haftete, der moralisch Einwandfreie. Er wird zornig bei der Rückkehr des Bruders. Ihm ist zuwider, was da geschieht: die Freude, das Fest, das Durchstreichen der Vergangenheit.

30 Nun aber, da dieser ... gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

Nach seiner Moral gibt es nur eins: keine Versöhnung, nur Strafe und Verstoß.

3. DER GÜTIGE VATER

Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er ant­wortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Zwischen beiden Brüdern und doch auch ihnen gegenüber steht der Vater. Beide sind sie ihm lieb. Der eine verloren, nun aber wieder lebendig; herausgefallen aus der Gemeinschaft des Lebens, nun aber in sie zurückgekehrt. Der andere aber immer bei ihm, immer in Gemeinschaft mit ihm, immer teilhaftig auch seiner Macht und Gewalt, ja gleichberechtigter Partner in der Gestaltung des Seins. Hat er Grund zu zürnen? Gibt es nicht noch anderes als Pflicht und Ordnung, Sittenstrenge und Moral?

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist alle­zeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder le­bendig geworden, er war verloren und ist wieder­gefunden.

Leben heißt eben nicht nur Pflicht und Ordnung, Sittenstrenge und Moral! Leben heißt mehr, heißt eben auch Lieben und Ver­zeihen, heißt eben auch Reue und Versöhnung. Die Güte des Va­ters bringt die Welt und die Beziehung der Menschen in Ord­nung. Das ist die Botschaft.

„Habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?“ In dieser Geschichte vom verirrten Sohn, dem moralisieren­den Bruder und der Güte des Vaters verwandelt sich dieser Grundsatz vom Anfang in das Lebensgesetz Gottes. Wahrlich, er tut, was recht ist in seinen Augen: lieben, verzeihen, versöhnen, die Welt in die richtige Ordnung bringen. Und dies ist keines­wegs eine „grausame Botschaft“, sondern die Botschaft des Heils.

Amen.


1) In Anlehnung an: Mt 20,15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

2) Heinrich Böll: Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen. Über Gott, Jesus und Christus
Aus: Karl-Josef Kuschel, 12 Schriftsteller über Religion und Literatur, 1985, S. 71

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Ansprache zur Domandacht
am 20. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Markus – der Löwe

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde,

das Symbol des Evangelisten Markus ist der Löwe.

Der Löwe ist ein dominierendes, mächtiges Tier. Viele Herrscher haben ihn in ihren Wappen, um ihre große Macht zu symbolisieren.

Schon für die Menschen, die zu Jesu Zeiten lebten, war der Löwe ein Symbol für Macht, Mut und Kraft. Wenn ein Mensch, wie von Simson (Richter 14, 5-6) und David (1. Sam 17, 34-37) berichtet, einen Löwen besiegt, dann wird damit auch die Stärke und Macht dieses Menschen deutlich.

Drei Eigenschaften des Löwen werden auf Christus bezogen:

  1. So wie der Löwe mit dem Schweif seine Spuren verwischt, bleibt die Menschwerdung Gottes in Christus ein Geheimnis
  2. So wie der Löwe mit offenen Augen schläft, ist Christus im Tod doch lebendig gewesen und wieder auferstanden
  3. So wie der Löwe sein totgeborenes Junges anbläst, damit es zum Leben gelangt, wurde Christus von den Toten auferweckt.

Christus wird auch als „der Löwe aus Juda“ bezeichnet.

Dem Löwen wurden aber auch negative Eigenschaften zugeschrieben. Er galt im frühen Mittelalter als böser Dämon, weil er sowohl Tier als auch Mensch angreift.

Im 1. Petrus-Brief wird der Teufel mit dem Löwen verglichen:

„Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben.“ (1. Petr 5, 8-9a)

Dass am Löwenportal die Säulen auf den Rücken der Löwen ruhen, weist darauf hin, dass dies auch zur Zeit des Baus dieser Kirche so gesehen wurde. Indem ihm die Last auferlegt wird, die Kirche mit zu tragen, kann er ihr nicht mehr schaden.

Dass dem Evangelisten Markus der Löwe zugeordnet wurde, hat aber einen anderen Grund:

Zum einen entspricht es dem Wesen des Evangeliums, das voller Missionseifer steckt, zugleich aber auch das Geheimnis der Gottheit Christi immer wieder betont. Es erschließt sich nur dem Glaubenden. Zum andern verbindet die alte Kirche den Löwen mit dem Markus-Evangelium, weil der Löwe das beherrschende Tier der Wüste ist und das Markus-Evangelium mit dem Täufer Johannes in der Wüste beginnt (Mk 1, 4).

Den Löwen als Symbol des Evangelisten sehen wir in der Apsis über uns links von den Füßen Jesu.

Chronologisch gesehen das erste Mal hören wir von Markus im 12. Kapitel der Apostelgeschichte. Lukas berichtet, wie Petrus durch einen Engel aus dem Gefängnis befreit wird und schließlich an das „Haus der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten“ (Apg 12, 12) , gelangte.

Johannes-Markus wird als der von der biblischen Ordnung her zweite Evangelist angesehen. So erfahren wir aus diesem Abschnitt der Apostelgeschichte, dass er schon früh Kontakt mit der ersten christlichen Gemeinde hatte, die sich offensichtlich in seinem Elternhaus versammelte.

Auch wenn es nicht klar nachzuweisen ist, könnte es sein, dass dieses Haus auch der Ort ist, an dem sich die Schar der Apostel seit der Kreuzigung Jesu aufhielt. Vielleicht ist es sogar das Haus, in dem der Herr das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern feierte.

Dann kann man auch annehmen, dass Johannes-Markus ihnen in den Garten Gehtsemane folgte. Denn es fällt auf, dass nur bei Markus eine Begebenheit im Umfeld der Gefangennahme Jesu beschrieben wird, die offenbar für den Evangelisten Markus eine besondere Bedeutung hatte, nicht aber für die anderen drei Evangelisten:

„Da verließen ihn alle und flohen. Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.“ (Mk 14, 50-52)

Hätte man nur ein Interesse daran, die Geschichte der Gefangennahme und Kreuzigung Jesu zu erzählen, so hätte diese kleine Anekdote keinen Platz darin. Sie gewinnt erst Bedeutung, wenn wir in dem jungen Mann, der nackt floh, den Evangelisten selbst wieder erkennen.

So kann man weiter folgern – auch wenn es nicht bewiesen werden kann – dass Markus zwar nicht zum Jüngerkreis gehörte, wohl aber Zeuge der Passion Jesu gewesen ist.

Im ersten Petrusbrief schreibt der Apostel am Ende von seinem „Sohn Markus“ (1. Petr 5, 13) , was die Vermutung nahe legt, dass der Evangelist von Petrus getauft und wie ein Sohn aufgenommen wurde.

Barnabas lud Markus nach Antiochien ein, wo sie zusammen das Evangelium verkündigten. Zusammen mit Paulus zogen sie dann nach Jerusalem. Markus ist auch ein Begleiter der ersten Missionsreise des Paulus. Allerdings kehrte er auf halber Strecke wieder in die Heimat zurück, wohl, weil ihm die Strapazen der Reise zu beschwerlich geworden waren.

Paulus wollte darum nicht, dass Markus auf die nächste Missionsreise mitginge, und das führte zum Bruch zwischen Paulus und Barnabas, die seither unterschiedliche Wege gingen.

Je älter Markus wurde, desto verlässlicher wurde er, was auch Paulus schließlich anerkennen musste.

Im Brief an die Kolosser schreibt er:

„Es grüßt euch Aristarch, mein Mitgefangener, und Markus, der Vetter des Barnabas – seinetwegen habt ihr schon Weisungen empfangen; wenn er zu euch kommt, nehmt ihn auf – , und Jesus mit dem Beinahmen Justus. Von den Juden sind diese allein meine Mitarbeiter am Reich Gottes, und sie sind mir ein Trost geworden.“ (Kol 4, 10-11)

Auch im 2. Brief an Timotheus wird Markus erwähnt. Paulus fordert Timotheus auf, Markus aufzunehmen und mitzubringen, wenn er kommt, um Paulus zu besuchen. Denn Markus, so schreibt Paulus, „ist mir nützlich zum Dienst.“ (1. Tim 4, 11)

Es ist wahrscheinlich, dass sich der Evangelist Anfang der 60er Jahre, als die Christenverfolgung unter Kaiser Nero ausbrach, in Rom aufhielt. Vermutlich hat er dort auch sein Evangelium geschrieben und dabei das Zeugnis des Petrus mit aufgenommen.

Darüber hinaus war ihm vieles erzählt worden, da sich die Jünger ja in seinem Elternhaus aufgehalten hatten.

Von Papias, einem der Kirchenväter, erfahren wir in einer Schrift um das Jahr 140:

„Markus, der Petrus als Dolmetscher diente, schrieb alles, was der Herr gesagt und getan hat und was ihm selbst in der Erinnerung geblieben war, getreulich nieder, allerdings nicht der Reihe nach. Er hatte ja den Herrn selbst nicht gehört und war nicht in seinem Gefolge gewesen, sondern nur später in dem des Petrus, der seine Lehrvorträge den Bedürfnissen entsprechend gestaltete und nicht wie einer, der es auf eine Zusammenstellung der Geschichte des Herrn absieht. Daher hat Markus kein Unrecht begangen, wenn er einiges so aufschrieb, wie er es im Gedächtnis hatte. Auf eines war er ja durchaus bedacht, nichts von dem, was er von Petrus gehört hatte, auszulassen oder falsch darzustellen.“ (nach Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen, Band 3 S. 63)

Man kann die Nähe zu Petrus auch in dem Evangelium selbst erkennen. Gerade die negativen Seiten des Petrus wie z.B. die Verleugnung Jesu bekommen hier mehr Gewicht als in den anderen Evangelien, was sich darauf zurück führen lässt, dass Markus ein enger Vertrauter des Petrus war.

Man erkennt auch, dass Markus, obwohl er jüdischer Abstammung war, vor allem für heidnische, also nicht-jüdische, Leser geschrieben hat. Er erklärt die jüdischen Sitten und macht auf ganz eigene Weise deutlich, dass das Leben Jesu mehr ist als die Geschichte eines gescheiterten Propheten. Immer wieder gibt es Hinweise darauf, dass Jesus der Christus ist, der Messias, aber noch mehr: er ist der Sohn Gottes. Doch diese Wahrheit offenbart sich nur dem Glaubenden.

Diese Erkenntnis vermittelt das Markus-Evangelium vor allem durch seine Erzählweise und weniger durch gelehrte Ausführungen.

Über Markus ist nicht viel mehr zu berichten. Man weiß nur, dass er sich im Jahr 63 in Rom aufhielt. Was danach mit ihm geschah, wissen wir nur aus Legenden, die nicht einheitlich überliefert sind. Er soll in Alexandria die Kirche gestiftet und ihr als Bischof vorgestanden haben. Dort soll er auch den Märtyrertod in der Zeit des Kaisers Nero erlitten haben, und zwar um Ostern herum. Man soll ihn am Hals gebunden durch die Stadt gezerrt und dabei ausgerufen haben: „Wir ziehen den Ochsen zum Schlachthaus!“

Im Gefängnis erschien ihm der Herr und sprach ihm Mut zu. Am Morgen nach dem Osterfest wurde er hingerichtet mit den Worten auf Lippen: „In deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Man erkennt in dem Evangelisten nicht unbedingt den Mut eines Löwen. Er zeichnet aber das Evangelium selbst als eine mächtige Kraft, die die Herzen der Menschen verwandeln kann.

Darum ist es durchaus treffend, dass an seiner Seite der Löwe zu finden ist.

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis
14. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Mt 22, 1-14

Liebe Gemeinde!

Das Gleichnis von der Einladung zum Festmahl ist uns wohl allen vertraut. Wir haben es gerade als Evangeliumslesung gehört.

Es gibt von diesem Gleichnis noch eine zweite Fassung, die uns vielleicht aus der Erinnerung heraus beim Zuhören mitgeklungen hat. Es ist die des Evangelisten Matthäus (Mt 22, 1-13), die heute auch unser Predigttext ist.

Ich habe das Gleichnis jetzt bewusst nicht gelesen, sondern möchte es erst einmal mit dem Gleichnis, wie es uns bei Lukas erzählt wird, vergleichen und dabei auf die Unterschiede aufmerksam machen. Auf diese Weise werden wir das Besondere dieses Gleichnisses besser verstehen können.

Matthäus redet anders als Lukas von einem König, der das Mahl zubereitet. Eine hochgestellte Persönlichkeit also, ja, man muss wohl sagen, die höchstgestellte Persönlichkeit, denn ein König ist ja über allen anderen. Er ist der Herrscher. Man könnte sagen, wer dem König etwas abschlägt, hat sich selbst unter Umständen schon das Grab geschaufelt, denn der König hat die größte Macht. Auf jeden Fall ist das Abschlagen einer Einladung eines Königs als Affront zu werten, der sicher Konsequenzen nach sich ziehen wird.

Der König nun lädt – ebenfalls anders als bei Lukas – zu einem Hochzeitsmahl für den eigenen Sohn ein. Das ist ein Fest, bei dem man eigentlich nicht fehlen darf, wenn man eingeladen wird. Auch deswegen nicht, weil es eine besondere Ehre ist, zu einem solchen Fest eingeladen zu sein.

Wer der Einladung nicht folgt, bringt damit seine Ablehnung dieser Hochzeit und die Verachtung des Königs und seiner Familie zum Ausdruck und macht sich so den König zum Feind.

Ein weiterer Unterschied ist: Der König lädt nur einmal ein, nämlich als das Fest bereits fertig vorbereitet ist. Bei Lukas gibt es zwei Einladungen: eine vorab und dann die Einladung durch den Knecht, als alles fertig ist.

Sicher kann man aber bei einer Hochzeitsfeier davon ausgehen, dass man schon vorher davon wusste, zumal es die Hochzeit des Königssohns ist.

Was für Gründe die Eingeladenen hatten, nicht zu kommen, spielt nicht so eine große Rolle wie bei Lukas, nur dass es um Geschäfte geht. Sie wollen schlicht und ergreifend nicht, sie machen sich noch nicht einmal die Mühe, eine Ausrede zu finden, sondern gehen ihren Geschäften nach. Schlimmer noch: manche der Boten verhöhnen oder erschlagen sie, so, als ob diese freundlich gemeinte Einladung ein Zeichen der Verachtung gewesen wäre.

Die Unterschiede werden noch krasser: der König vernichtet die Eingeladenen mit seinem Heer, und die Stadt der Eingeladenen wird zerstört. Ist das nicht die Stadt, in der auch der König lebt? Wenigstens dürfte es eine Stadt in seinem Reich sein, also sein Eigentum. Ist es klug so zu handeln? Aber das scheint nicht die Frage zu sein.

Wie Lukas schließt das Gleichnis damit ab, dass wildfremde menschen, die eigentlich unbedeutend sind, zum Fest eingeladen werden.. Es sind die Menschen von der Straße, keine bedeutenden Persönlichkeiten. Anders als bei Lukas gibt es hier keine genauere Beschreibung, was für Menschen das nun sind, es wird nicht angezeigt, dass jetzt die Außenseiter der Gesellschaft eingeladen werden. Auffällig ist aber der Hinweis, dass „Böse und Gute“ zum Fest kommen.

Was wir bei Lukas nicht finden, ist der Kontrollgang des Königs. Offensichtlich ist es nicht egal, wer eingeladen wird, obwohl es so erschien.

Da ist einer ohne hochzeitliches Gewand, der offenbar nicht eingeladen wurde, oder er wurde eingeladen, weigerte sich aber, dieses hochzeitliche Gewand anzuziehen, das ihm von den Bediensteten des Königs angeboten wurde. Dieser eine wird nun hinausgeworfen in die Finsternis, in der Heulen und Zähneklappern sein wird.

Auch der Nachsatz ist nur beim Evangelisten Matthäus zu finden: „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“

Wir sehen: es gibt eine Fülle von Unterschieden, die es mitunter einfacher machen, das Gleichnis zu interpretieren.

Geht man in die Zeit Jesu zurück und bedenkt die Umstände, in denen er lebte, hat man schon ganz gute Deutungsmöglichkeiten.

Der König ist Gott – das liegt auch bei Lukas für den Hausherrn nahe. Die zuerst Eingeladenen sind die Angehörigen des Volkes Israel. Sie wurden durch die Propheten eingeladen, Jesus Christus als den Messias anzunehmen und durch ihn die Nähe Gottes in dieser einmaligen Hochzeitsfeier zu erleben.

Das Volk aber sperrte sich, es wollte nicht kommen, es wollte lieber nach seinen eigenen Vorstellungen leben. Dabei ist die Tötung der Propheten nicht historisch belegt. Nur die Kreuzigung Jesu könnte jetzt angeführt werden, und vielleicht ist das auch tatsächlich gemeint. Allerdings könnte man nun auch vermuten, dass Boten des Evangeliums ebenso zu den Propheten zu zählen sind. Dann wird hier auch auf die erste Christenverfolgung, an der Saulus teilhatte, Bezug genommen.

Das Volk suchte Gott nicht, es hörte nicht auf seine Mahnungen und Einladungen, und vor allem: es ließ sich nicht von Jesus Christus einladen.

So zerstörte Gott ihre Stadt – Jerusalem. Im Jahre 70 nach Christus erfolgte tatsächlich die Zerstörung Jerusalems, worauf dieses Gleichnis wohl Bezug nimmt.

Danach wandte sich Gott den Heiden zu, den Nicht-Juden, denen, die nicht Teil des ersten Bundes waren, und lud auch sie ein.

So weit die historische Deutung. Was können wir nun daraus lernen? Wer sind wir in diesem Gleichnis? Wo erkennen wir uns wieder?

Sind wir die Knechte, die Gott aussendet, um die Gäste einzuladen? Das scheint mir eher abwegig. Es ist nur eine kleine Schar von Knechten, und das sind wiederum besonders beauftragte Menschen. Jesus spielt in seinem Gleichnis auf die Propheten an, von denen es nur relativ wenige gegeben hat, die jeder für sich eine spezifische und einzigartige Berufung erfuhr.

Also können wir doch eigentlich nur zu denen gehören, die eingeladen werden. Aber zu welcher Schar der Eingeladenen gehören wir?

Sind wir die ersten Eingeladenen, die dann nicht wollen? Auch das scheint auf den ersten Blick abwegig. Immerhin sind wir ja hier versammelt, wir stellen uns unter Gottes Wort, und um uns herum, draußen, sind die, denen das alles egal ist, eben die, die nicht wollen.

Aber: ist das hier, ist dieser Gottesdienst das Hochzeitsfest, zu dem Gott uns einlädt?

Hochzeiten ereignen sich nicht im wöchentlichen Rhythmus. Sie sind einmalig, zumindest für die Personen, die heiraten. Die Hochzeit, von der das Gleichnis redet, ist sicherlich ein einmaliges Ereignis.

Außerdem: Auch das Volk Israel feierte seine Gottesdienste, es erfüllte die Gebote in Bezug auf die Opfergaben regelmäßig, es versammelte sich in den Synagogen, um Gottes Wort zu hören. Dennoch wird von ihnen gesagt, dass sie nicht wollten. Könnte das auch für uns gelten?

Um das Gleichnis richtig zu verstehen, müssten wir wissen, was mit dieser Hochzeit eigentlich gemeint ist. Denn sicher handelt es sich nicht um die Feier der Hochzeit Jesu. Das wäre zu oberflächlich, und wir wissen ja auch, dass Jesus nicht geheiratet hat.

Das zentrale Ereignis ist, so glaube ich, nicht die Hochzeit, sondern das Fest, zu dem der König, also Gott, einlädt. Dadurch, dass dieses Fest als die Hochzeit des Königssohnes beschrieben wird, macht Jesus deutlich, wie wichtig dieses Fest ist. Es ist einmalig! Allein deswegen schon sollte man die Einladung eigentlich nicht abschlagen.

Es geht in der Feier selbst aber nicht um die Hochzeit, sondern vielmehr darum, teil zu haben an der Gemeinschaft mit Gott. Die Frage, die durch die Einladung gestellt wird, lautet also eigentlich: willst Du in der Gegenwart Gottes leben, oder nicht? Willst Du Dich auf Gott einlassen?

Wenn wir diese Frage mit „Ja“ beantworten können, dann beginnt für uns ein großartiges Fest, eben so wie die Hochzeitsfeier eines Königssohnes.

Es ist klar, dass der Rest des Lebens dann nicht aus Feiern besteht; es wird kein ständiges Lachen und Scherzen, kein Singen und Tanzen sein. Zumindest nicht ständig und ununterbrochen. Das Leben geht weiter, und es fordert unseren Einsatz, unsere Kraft. Es werden Dinge geschehen, die uns traurig machen werden, die uns Furcht einflößen, die uns ratlos machen. Es werden aber auch Dinge geschehen, die Grund zur Freude sein werden.

Das Fest ereignet sich darin, dass in allem, was wir tun, die Liebe und die Nähe Gottes erfahrbar ist. Selbst in den Enttäuschungen, selbst in unserem Versagen erkennen wir, dass Gott uns nicht allein lässt.

Wenn wir Angst haben, ist Gott da und macht uns neuen Mut. Wenn wir traurig sind, schenkt er uns Trost. Wenn wir ratlos sind, kommt er zu uns mit seiner Hilfe. Wenn unsere Kraft verbraucht ist, stärkt er uns. Kurz: wir spüren seine Nähe und Liebe.

So wird unser Leben zu einem Fest, zu dem Fest, das Gott für uns bereitet hat.

Das Heilige Abendmahl soll uns an dieses Fest erinnern, das sich ja eigentlich stetig ereignet. Denn das Abendmahl macht die Nähe Gottes zu den Menschen leibhaftig erfahrbar. Es ist aber nicht dieses Fest.

Es dient uns vielmehr als Wegzehrung, denn, wie schon gesagt, unser Leben geht ja weiter, es ist eben kein beständiges und unablässiges Feiern, sondern fordert unsere Kraft, bis zur Erschöpfung. Durch die Feier des Abendmahls können wir dann neue Kraft gewinnen. Das Abendmahl erfüllt uns mit der Gewissheit, dass unser Herr Jesus Christus uns nahe ist, denn wir haben Teil an seinem Leib und Blut.

So gestärkt, fällt es auch im Alltag leichter, die Nähe Gottes zu erkennen und seine Spuren in unserem Leben wahr zu nehmen.

Aber was ist mit dem einen, der kein hochzeitliches Gewand hat und hinausgeworfen wird? Vielleicht soll er uns nur daran erinnern, dass es auch ein Gericht gibt, dass es eben nicht egal ist, wie ich mich entscheide. Dass die Freiheit, die Gott uns schenkt, nicht dazu führt, dass wir von ihm so oder so angenommen sind, sondern dass die Entscheidung, die wir aus dieser Freiheit heraus fällen, Konsequenzen hat für das Verhältnis Gottes zu uns und für unsere Zukunft, über den Tod hinaus.

Vielleicht will uns dieser eine aber auch darauf aufmerksam machen, dass die Gemeinschaft mit Gott etwas Besonderes ist, ein Privileg, auf das wir zu Recht stolz sein können. Sicherlich nicht so, dass wir damit angeben, aber doch so, dass wir davon reden. Nicht im Rahmen eines großen Happenings, so wie etwa der Kirchentag, sondern in den alltäglichen Begegnungen mit Menschen, die uns auf die verschiedensten Arten zu verstehen geben: „ich brauche Gott nicht.“ Doch, auch sie brauchen Gott. Und so können auch wir zu Einladenden werden, wenn wir es unseren Mitmenschen erfahrbar machen, dass wir schon teilhaben an diesem großen Fest und dass es sich lohnt, ja zu sagen.

Gott lädt jeden Menschen ein. Dass wir seine Einladung annehmen, und dass wir es dann auch erkennen lassen, dass wir teilhaben an diesem Fest, dazu schenke er uns seine Gnade.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 13. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Der Evangelist Matthäus – Der Engel

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde,

das Symbol des Evangelisten Matthäus ist der Engel. Das hat damit zu tun, dass am Anfang des Evangeliums ein „Engel des Herrn“ (Mt 1, 20) dem Josef im Traum begegnet und ihn ermutigt, Maria zur Frau zu nehmen.

So sieht man Matthäus häufig mit dem Engel als der, der ihm die Worte des Evangeliums gewissermaßen einflüstert. Wenn einem die vier Symbole Adler, Stier, Löwe und Engel begegnen, dann weiß man, dass mit dem Engel der Evangelist Matthäus gemeint ist.

In der Apsis hier im hohen Chor sehen wir das Symbol des Evangelisten Matthäus oben links neben dem Alpha bzw. über dem Apostel Petrus.

Der Engel als Symbol für einen Evangelisten scheint eigentlich am plausibelsten, denn, wie schon angedeutet, wird dem Evangelisten durch den Engel der Inhalt des Evangeliums gewissermaßen diktiert.

Ähnlich finden wir es in anderen Religionen auch: Engel sind die Mittler zwischen Gott und Mensch, sie stellen die Brücke her, sie sind die Boten, die die Botschaft vermitteln. Die Evangelisten hingegen sind diejenigen, die die ihnen gegebenen Worte aufschreiben.

Andererseits ist natürlich klar, dass es dann nicht die Unterschiede in den Evangelien geben könnte, die teilweise auch zu widersprüchlichen Aussagen führen. Denn wenn die Engel das Evangelium an die Evangelisten weiter sagten, sollte es immer gleich geblieben sein, weil die Engel die Worte direkt von Gott empfangen haben dürften.

So können wir davon ausgehen, dass der Evangelist Matthäus aufgrund dessen, was ihm bereits schriftlich vorgelegen hat und was ihm erzählt wurde, das Evangelium niederschrieb.

In den Evangelien wird Matthäus in den Apostellisten immer mit aufgezählt, er gilt also in der altkirchlichen Tradition auch als Apostel. Aufgrund des Zusatzes „der Zöllner“ (Mt 10, 3) darf man davon ausgehen, dass es sich bei den Erzählungen von der Berufung des Zöllners Levi bzw. Matthäus in den ersten drei Evangelien um diesen Matthäus handelt, der auch das Evangelium geschrieben hat.

Als Zöllner trug Matthäus ein Stigma: er galt als Kollaborateur, dem man nicht trauen konnte und mit dem man keinen Kontakt pflegte. Dass sich Jesus ihm zuwandte und dann sogar zum Essen in sein Haus ging, muss für ihn eine besondere Freude gewesen sein.

Aus seinem Evangelium erfahren wir nicht viel mehr über ihn, nur dass er später dann zusammen mit Thomas ausgesandt wird, um das Evangelium unter den Juden zu verkünden.

Darüber hinaus wird nichts von ihm berichtet, auch die Apostelgeschichte zählt ihn nur zu Beginn unter die Zwölf, ohne ihn später noch einmal zu erwähnen.

Der Kirchenvater Papias schrieb um das Jahr 140: „Matthäus schrieb in hebräischer Sprache die Aussprüche Jesu auf; es übersetzte sie aber ein jeder, so gut er es vermochte.“ (nach Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen, Band 3 S. 39). Papias beruft sich dabei auf einen Zeugen, den er den „Alten“ nennt. Das ist eine Bezeichnung, die auf den Apostel Johannes zutreffen könnte und dann natürlich eine sehr verlässliche Quelle wäre. Aber das lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, auch wenn auf den Apostel Johannes manches Mal in dieser Weise Bezug genommen wurde, da er das höchste Alter unter den Aposteln erreichte.

Nun gibt es allerdings auch erhebliche Zweifel daran, dass Matthäus tatsächlich der Verfasser des ersten Evangeliums ist. Er wäre unter den ersten drei Evangelien der einzige Augenzeuge gewesen und müsste sich darum doch deutlicher von den anderen beiden, Markus und Lukas, abheben. Doch das ist nicht der Fall, im Gegenteil: das Matthäus-Evangelium weist deutliche Abhängigkeiten von den anderen beiden Evangelien auf, muss diese also auch als Quelle herangezogen haben.

Allerdings gibt es im Matthäus-Evangelium sogenanntes Sondergut, Stücke, die nur hier vorkommen, wozu zumBeispiel die Bergpredigt gehört,.die bei Lk nur bruchstückhaft aufgenommen ist.

Der „Alte“ sprach davon, dass die Schriften in Hebräisch verfasst wurden – auch das passt nicht zum Matthäus-Evangelium, das in griechischer Sprache verfasst wurde.

Das Sondergut aus dem Matthäus-Evangelium legt aber nahe, dass es noch eine andere Quelle gegeben hat, die vor allem Lukas benutzte und die die Reden Jesu enthielt. Diese Quelle ist verloren, könnte aber das Schriftstück sein, von dem der Alte und später dann Papias sprach. Dann wäre Matthäus der Verfasser einer der Quellen, die der Autor des ersten Evangeliums, aber auch Markus und Lukas, benutzt haben.

Dann kann man auch von Matthäus als Evangelist sprechen, denn er hat die Grundlage für die ersten drei Evangelien zur Verfügung gestellt, indem er gewissermaßen ein „Urevangelium“ geschaffen hat.

Wir wissen nicht, wie er gestorben ist. Die Legende sagt, dass er, nachdem er in Israel, Parthien und Persien das Evangelium verkündigt hatte, in Persien den Märtyrertod erlitt. Die Tochter des Königs Egipus soll er vom Tod erweckt haben.

Wenn Matthäus als Apostel und nicht als Evangelist dargestellt wird, findet man als Attribute auch das Schwert und häufiger noch die Hellebarde. Manchmal sieht die Hellebarde aus wie ein Beil mit einem langen Stiel.

So könnte es sein, dass die Figur, die auf der vierten nördlichen Säule von Westen her gezählt zu sehen ist, den Apostel Matthäus darstellen soll.

Später stellte man ihn dann auch oft als Zöllner dar, mit Beutel, Zollstab oder rundem Zahlbrett, und dann eben auch häufig am Tisch sitzend, schreibend, mit einem Engel oder Menschen an der Seite.

Sein Evangelium berichtet uns als einziges von der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten und vom Kindermord in Bethlehem durch den König Herodes. Der Stammbaum Jesu unterscheidet sich vom Stammbaum, den wir bei Lukas finden, in der Weise, dass er bei Abraham beginn und damit Jesus deutlich in die Geschichte des jüdischen Volkes hineinstellt, während Lukas den Stammbaum bei Gott selbst enden lässt und damit die Gottessohnschaft Jesu auch genealogisch nachzuweisen versucht. Im Evangelium nach Matthäus finden wir auch den sogenannten Heilandsruf:

„Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11, 28-30)

Auch wenn der Zöllner Matthäus nicht der Verfasser des ersten Evangeliums ist, ist es gut möglich, dass dieses Wort von ihm aufgeschrieben wurde und dann Eingang in dieses Evangelium fand. Auf jeden Fall ist es nur im ersten Evangelium zu finden und zeichnet ein Bild von unserem Herrn, das von fürsorgender Liebe und Demut geprägt ist.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis
7. Juni 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

(1. Joh 4, 16b-21)

Liebe Gemeinde!

Gott ist die Liebe – das klingt so schön. Es macht alles so unglaublich einfach, denn eigentlich kann dann ja nichts falsch sein. Die unendliche Liebe Gottes, die vollkommene Liebe, die Gott selbst ist, verzeiht alles. Er läuft uns hinterher, er breitet eine riesige Decke des Verzeihens über uns, keine Klage kommt aus seinem Mund, sondern nur liebevolle Worte.

Der „liebe Gott“ kann niemandem wehtun, im Gegenteil, er tut jedem Wohl. Es würde seinem Wesen, d.h. der Liebe, vollkommen widersprechen, würde er bestrafen anstatt vergeben.

Wir lesen es ja auch im berühmten 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (1. Kor 13, 4-7)

Wenn Gott die Liebe ist, dann muss es doch auch so sein: er rechnet das Böse nicht zu, er duldet vielmehr alles.

Da kann man sich also ganz entspannen und braucht sich keine Gedanken zu machen, wenn man mal seinem Mitmenschen in irgendeiner Form einen Schaden zugefügt hat. Gott sieht ja darüber hinweg.

Vielleicht ist das der Grund, warum heutzutage seitens der Leitungen vieler Kirchen und auch der EKD nahezu jeder Lebensentwurf, wie man das heute so schön nennt, möglich ist, obwohl in der Bibel nur das Zusammenleben von Mann und Frau in verbindlicher Gemeinschaft für gut befunden wird.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum in Predigten das Gericht kaum noch vorkommt, obwohl Jesus davon explizit und immer wieder gesprochen hat.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Kirche für viele Menschen keine Bedeutung mehr hat, obwohl wir eigentlich das Salz der Erde und das Licht der Welt sein sollten.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum es heutzutage vielen Menschen ausgesprochen leicht fällt, aus der Kirche auszutreten und dennoch die Dienste der Kirche in Anspruch nehmen zu wollen.

Aber was meint Johannes wirklich, wenn er schreibt, dass Gott die Liebe ist?

Es stimmt zwar, dass Liebe immer bereit ist zur Vergebung. Aber wer liebt, der weiß auch, dass es da Grenzen gibt. An einem bestimmten Punkt ist es nötig zu sagen: ich kann das nicht gutheißen, was Du da tust.

Wer ewig nur vergibt, erteilt dem anderen einen Freifahrtschein, alles zu tun, was er möchte. Und wir wissen, dass das nicht der richtige Weg sein kann.

Eltern lieben ihre Kinder. Das heißt aber nicht, dass sie ihren Kindern alles erlauben bzw. durchgehen lassen. Es gibt Grenzen, die es einzuhalten gilt, und das muss gelernt werden.

Es gehört mit in die Verantwortung der Eltern, diese Grenzen den Kindern aufzuzeigen. Eigentlich ist dies nur ein Ausdruck der Liebe, denn indem man den Kindern die Grenzen zeigt, schützt man sie ja auch vor den Gefahren, die sich dadurch ergeben, dass sie die Grenzen überschreiten.

Was heißt das also, wenn Johannes schreibt: Gott ist die Liebe?

Zunächst einmal können wir feststellen, dass Gott aus Liebe handelt. Er hat seinen Sohn in die Welt gesandt, damit er am Kreuz unsere Sünden auf sich nimmt und uns mit Gott versöhnt. Dieses Handeln ist Ausdruck äußerster Liebe. Gott wollte die abgrundtiefe und darum unüberwindbare Schlucht, die sich durch die Sünde zwischen Gott und Mensch aufgetan hatte, überbrücken.

Er will nicht, dass wir verloren gehen, im Gegenteil: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 16)

Aber damit diese Liebe wirksam werden kann, müssen auch wir etwas tun. Immer finden wir wenigstens eine Bedingung an die Liebe Gottes geknüpft.

Bei dem Vers aus dem Johannes-Evangelium, den ich gerade zitiert habe, ist es der Glaube. Er ist die Antwort auf das Handeln Gottes. Ohne den Glauben perlt die Liebe Gottes gewissermaßen von uns ab. Sie kann nicht in uns hinein, sie trifft auf unüberwindbaren Widerstand. Sie kann nicht wirksam werden.

Da hilft übrigens auch die Taufe nicht. DenUntitled 1n die Taufe, so kann man es ganz gut bildlich zum Ausdruck bringen, öffnet nur eine Tür – hindurchgehen aber müssen wir; das ist unser Teil.

Nur durch Beides – Gottes Liebe und unsere Antwort – können wir das Heil und die Liebe Gottes auch erfahren.

Das finden wir so auch in unserem Predigttext:

Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1. Joh 4, 16b)

Unsere Antwort ist nach Johannes das Bleiben in der Liebe, und das ist schon eine ganz schöne Herausforderung. Denn es fällt nicht leicht, immer nur zu lieben.

Da gibt es Zeitgenossen, die einem die Liebe ausgesprochen schwer machen. Man möchte mit ihnen am liebsten gar nichts zu tun haben, aber die Liebe wendet sich nun mal nicht ab, sondern sie wendet sich dem Menschen zu, egal, was für einer das ist. Und darin sind wir nicht gerade Weltmeister.

Heißt das nun, dass, wenn wir in der aktiven Liebe versagen, wir nicht mehr in Gott sind und Gott nicht mehr in uns ist?

Im Grunde müsste man es schon so konsequent sagen. Denn wenn wir die Liebe verlassen, sind wir nicht mehr in der Liebe. Das dürfte uns allen einleuchten.

Im Grunde ist es so: Wir bleiben Gott immer etwas schuldig. Wir können nicht so lieben, wie er uns liebt. Wenn wir das könnten, dann wären wir längst im Himmel, dann wäre das Alte vergangen und das Neue angebrochen, dann wäre es das Paradies.

Die Welt, die uns Gott anvertraut hat, wäre frei von jeder Form von Hass, frei von aller Angst, frei von allem Leid, denn es gäbe nur noch Liebe, so dass niemand sich fürchten müsste, und aus der Liebe heraus würde jeder Not abgeholfen, so dass niemanden mehr ein Leid treffen kann.

Nun haben wir aber immer noch täglich tausende Menschen, die Hungers sterben, wir haben Kriege, die unsägliches Leid über Millionen von Menschen bringen, wir sind misstrauisch, wir wollen mit bestimmten Menschen einfach nichts zu tun haben, usw.

Gerne sind es natürlich die anderen, die dies alles verursachen. Aber wir tragen auch unseren Teil dazu bei, indem wir wegschauen, wenn neue Feindbilder aufgestellt werden, oder indem wir selbst Ängste schüren oder indem wir Aussagen verbreiten, deren Wahrheitsgehalt wir nicht überprüft haben, die aber durchaus dazu geeignet sind, anderen Menschen schweren Schaden zuzufügen.

Wir sind nicht in der Liebe.

Und dennoch schreibt es Johannes, nicht als Wunsch, sondern er stellt es fest: „Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts.“ (1. Joh 4, 17a)

Die Liebe ist in uns vollkommen. Aber: Es geht auch um das Gericht. Die Furcht rechnet mit Strafe, so heißt es wenig später, und es gibt, so darf man folgern, nur dann Grund, sich zu fürchten, wenn man nicht in der Liebe vollkommen ist.

Jetzt wird es allerdings schwierig. Denn nach allem, was wir bisher festgestellt haben, müssten wir uns dann doch wohl fürchten. Wer kann schon vollkommen in der Liebe sein?

Eigentlich ist das nur dann möglich, wenn wir die Liebe Gottes in uns und durch uns wirken lassen. Das ist es ja auch, was Johannes letztendlich meint, wenn er sagt: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“.

Aber wie kommen wir dahin, wie kann uns das gelingen? Durch Jesus Christus ist uns ein guter Weg eröffnet worden, durch den wir uns immer wieder der Liebe Gottes vergewissern können: es ist die Feier des Heiligen Abendmahls. Hier gibt sich Gott uns hin, wir haben Gemeinschaft mit ihm, wir erfahren sein Heil.

Das Abendmahl ist das Geschenk seiner Liebe. Wir nehmen ihn auf, wir erfahren seine Liebe und werden so zu einem Leben in seiner Liebe befähigt.

Dass wir dabei unvollkommen bleiben, wird uns immer wieder bewusst. Und so ist es tröstlich und ermutigend, dass wir im Abendmahl stets neu die Zusage der Vergebung unserer Schuld erfahren. Und dann können wir auch mit Paulus sagen:

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. (Röm 8, 33-34)

Allein: wir müssen es glauben. Wer das nicht kann, der wird sich auch fürchten müssen vor dem Gericht, zu dem der Menschensohn kommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten.

Im Glauben wachsen, das ist unsere Aufgabe. Wenn wir uns darum bemühen, indem wir auf sein Wort hören, indem wir die Gemeinschaft untereinander suchen, indem wir lieben, dann werden wir auch keine Furcht mehr haben müssen. Denn dann sind wir in seiner Liebe.

Nur, dass wir nie zufrieden sein dürfen und können mit dem, was wir erreicht haben. Denn wir sind zwar Heilige, weil Gott uns heiligt, aber wir sind nicht vollkommen.

Noch warten wir eines neuen Himmels und einer neuen Erde,. doch das tun wir nicht, indem wir die Hände in den Schoß legen, sondern indem wir in der Liebe bleiben und damit das Kommen dieses neuen Himmels und dieser neuen Erde vorantreiben.

Amen

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Predigt zum Sonntag Trinitatis
31. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so dass das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

(Jes 6, 1-13 )

Liebe Gemeinde!

Trinitatis – Trinität – Dreieinigkeit – Dreifaltigkeit:

Bei diesen Worten geraten Christen in aller Regel in Erklärungsnot. Ich auch. Denn die Sache mit der Dreieinigkeit ist gar nicht so einfach und eigentlich logisch gar nicht so richtig zu erklären. Denn im Grunde ist es ja so:

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sind der eine Gott. Aber dann heißt es wiederum: Der Vater ist nicht der Sohn und auch nicht der Heilige Geist, usw. Wie können die drei dann eins sein?.

In der jahrhundertelang dauernden Diskussion darum, welche Stellung der Vater, der Sohn und der Heilige Geist zueinander haben, ging es letztlich um Begriffe wie „Wesenheit“ und „Personen“, wobei die Wesenheit Gott ist und die Personen eben der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Die drei Personen sind unterschiedlich, haben aber alle drei das eine Wesen: Gott. Sind das nur Spitzfindigkeiten? Die Diskussionen darum hätten wohl nicht mehrere Jahrhunderte gedauert, wenn es für die Christen damals von geringer Bedeutung gewesen wäre.

Wir haben vorhin im Nizäno-Konstantinopolitanum, das wir einfacher das Nizänische Glaubens­bekenntnis nennen und das im Jahr 451 festgeschrieben wurde, die Trinität deutlicher als im sonst üblichen apostolischen Glaubensbekenntnis ausgesprochen.

Hier werden, nachdem zunächst Gott, der Vater, als der Schöpfer aller Dinge, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, beschrieben wird, die beiden anderen Personen, Jesus und der Heilige Geist, in das rechte Verhältnis zum Vater gesetzt:

Jesus ist Gottes eingeborener Sohn, der aus dem Vater geboren wurde vor aller Zeit, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.

Und der Heilige Geist ist Herr und macht lebendig, er geht aus dem Vater und Sohn hervor, er wird mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht.

Ob wir das mit der Trinität jetzt besser verstehen? Vielleicht soll es ja doch ein unergründliches Geheimnis bleiben, wie die drei zueinander stehen. Aber dann wiederum: wir glauben ja, dass in allen dreien Gott wirksam wird und wirkt.

Vielleicht genügt uns das für’s erste.

Denn da kommt ja heute noch dieser Predigttext hinzu, die Berufungsgeschichte des Jesaja. Sie öffnet vor uns eine Bilderwelt, die überwältigend ist. Aber sie scheint rein gar nichts mit der Trinität zu tun zu haben. Der Herr sitzt auf seinem erhabenen Thron, da ist kein Sohn oder Heiliger Geist in Sicht.

Oder vielleicht doch? Die Überschrift „Jesajas Berufung zum Propheten“ gibt ja nur einen Teil dessen wieder, was da beschrieben wird.

Jesaja schildert eine Gottesbegegnung, die eigentlich nur zwei Reaktionen auslösen kann: kopfschüttelndes Abwenden oder ehrfurchtsvolles Staunen.

Ich für meinen Teil gehöre zu den Staunenden.

Ich staune darüber, dass ich tatsächlich versuche, Gott zu erklären, ihn für uns verständlich zu machen, obwohl ich doch weiß, dass das eigentlich gar nicht möglich ist.

Ich staune darüber, dass wir uns nicht damit abfinden können, Geschöpfe zu sein, sondern immer das Verlangen haben, selbst Schöpfer zu werden.

Ich staune darüber, dass wir immer noch, trotz all der Schuld, die die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende auf sich geladen hat, leben dürfen, dass wir immer noch sein dürfen.

Und ich staune darüber, dass Jesja seine Vision mit vielen Details beschreibt, aber den Herrn Zebaoth noch nicht einmal zu beschreiben versucht.

Wir lesen nur dies:

„Ich sah den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel.“ (Jes 6, 1)

und wenig später dann:

„Weh mir, ich vergehe! ...Denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ (Jes 6, 5)

Gott von Angesicht zu sehen, wird in der Bibel immer als unmöglich beschrieben, denn die Herrlichkeit Gottes muss uns derart überwältigen, dass wir vergehen müssen. Darum ist es bei den Gottesbegegnungen, die sonst beschrieben werden, meist so, dass Gott selbst den Menschen vor diesem Anblick schützt.

Für Jesaja aber ist es zu spät. Er kann nur noch die Konsequenz dessen, was er sieht, feststellen: „Weh mir, ich vergehe!“

Aber das geschieht dann doch nicht. Jesaja vergeht nicht. So wenig es möglich ist, Gott zu beschreiben, gibt es offenbar doch die Möglichkeit, ihn zu sehen.

Doch was für ein Sehen ist das? Und wem ist es vergönnt?

Jesaja ist von der Herrlichkeit Gottes geblendet, deswegen sieht er im Grunde nicht, sondern kann nur feststellen, dass er Gott gesehen hat.

Es ist wie der Blick in die Sonne am Mittag. Eigentlich ist er unmöglich. Nur mit Hilfe von entsprechenden Filtern können wir direkt hinein schauen, ansonsten riskieren wir unser Augenlicht. Die Intensität der Sonnenstrahlen ist so groß, dass sie unsere Netzhaut verbrennen kann. Darum können wir die Sonne nie in all ihrer Pracht sehen.

Nur am Morgen und Abend können wir direkt hineinschauen, weil das Sonnenlicht einen viel längeren Weg durch die Atmosphäre zurück legen muss und die Atmosphäre wie ein Filter wirkt. Dafür wirken Sonnenauf- und untergang um so schöner: das rötliche Licht, das sich oft am Horizont ausdehnt und an den Wolken auf wunderbare Weise widergespiegelt wird, fasziniert Maler und Fotografen immer wieder neu.

Was wir von Gott gewissermaßen sehen können, ist alles schon unendliche Male gefiltert, denn sonst könnten wir es nicht sehen, es würde unsere Möglichkeiten sprengen, ja, zerstören. Wir würden vergehen. Was wir da sehen, ist von unendlicher Schönheit, aber eben: alles gefiltert, nur ein Abglanz dessen, was in Wahrheit ist.

Aber immerhin ist uns Gott in Jesus Christus so begegnet, dass wir keinen Schaden nehmen mussten, im Gegenteil – er hat allen Schaden auf sich genommen. Aber auch das war unendliche Male gefiltert. Wir konnten Gott nur als Menschen sehen, aber wir konnten es! Die Beschreibungen in den Evangelien sind uns bis heute erhalten, und so sehen wir ihn auch heute.

Wenn Menschen diese Kirche betreten, dann sind sie oft erst einmal überwältigt. Der Kirchbau und seine Malereien sind beeindruckend. Viele kommen, um das Bauwerk, seine Architektur und eben die Malereien, die tätowierten Wände, zu sehen.

Aber manche fühlen sich, wenn sie diesen Kirchraum betreten, auch ergriffen: sie meinen, hier etwas von Gott zu spüren. Sie können es nicht beschreiben, sie können nur feststellen: Gott ist da.

Natürlich ist er auch andernorts, Gott ist allgegenwärtig. Aber an solchen Orten wie dieser Kirche ist seine Gegenwart manchmal greifbar, es ist, als würden wir den Thronsaal betreten, den Jesaja da beschreibt.

Was sehen wir? Heute, jetzt? Sind es nur die Gemälde? Ist es nur die Baukunst? Oder sehen wir den Schöpfer, der die Architekten und den Maler inspirierte, ein solches Gebäude zu schaffen?

Gott ist allgegenwärtig. Er geht mit uns, auch wenn wir diese Kirche wieder verlassen. Manchmal wird das gar nicht wahrgenommen. Aber ich möchte es schon behaupten oder, noch deutlicher, ich möchte es feststellen: Jeder, der diese Kirche betritt, verlässt sie nicht ohne Begleitung. Gott geht mit allen, die hierher kommen, denn das ist es, was Gott uns zugesagt hat durch Jesus Christus: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20b) Und vielleicht hat dieser Ort dazu geholfen, dass sie es dann doch wahrnehmen.

Nicht alle nehmen Gottes Gegenwart wahr. Manche wollen sie nicht wahrnehmen. Sie sperren sich, sie wollen mit Gott nichts zu tun haben, für sie ist das alles nur Phantasterei.

Andere würden es gerne wahrnehmen, können aber beim besten Willen nichts spüren. Sie suchen die Nähe Gottes und verzweifeln, weil die Visionen ausbleiben und die Wunder, die seine Gegenwart beweisen würden.

Aber wie muss man die Gegenwart Gottes denn eigentlich spüren? Mit welchem Organ wollen wir das tun? Mit den Augen? Mit den Händen? Mit der Haut? Mit den Ohren?

Wir können Gott doch überall wahrnehmen: hier in der Kirche, im Gottesdienst, oder auch, wenn Begegnungen anders ausgehen, als wir es erwartet haben, oder wenn es zu Begegnungen kommt, die wir überhaupt nicht vorhersehen konnten, die uns aber gut tun.

Es fällt nicht schwer, Gottes Nähe zu erfahren, wenn wir nur die Dinge, die sich in unserem Alltag ereignen, von Gott her zu deuten versuchen, wenn wir nicht mehr fragen: „was tue ich als Nächstes?“, sondern: „Gott, was willst du, das ich tun soll?“

Mit einer solchen Haltung ist damals Jesaja seinem Herrn begegnet. Am Anfang stand freilich das Entsetzen, die Überwältigung ob der Unbeschreiblichkeit des Allmächtigen, die ihm die Angst in die Glieder trieb: „Weh mir, ich vergehe!“ Dabei hatte er sich ja vermutlich auch selbst danach gesehnt, mal ein Zeichen der Gegenwart Gottes zu bekommen. Aber mit dieser Wucht hatte er es dann doch nicht erwartet.

Wer sich auf den Allmächtigen einlässt, wer seine Gegenwart zulässt, wer sich ihm öffnet, der sollte jedoch mit allem rechnen, und er muss dann auch die Konsequenzen tragen.

Für Jesaja ist es die Berufung zum Propheten. Doch sagt der Herr Zebaoth nicht: Jesaja, du musst jetzt dies und das tun.

Vielmehr fragt er in die Runde: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? (Jes 6, 8a)

Gott nimmt uns unseren freien Willen nicht, auch dann nicht, wenn er uns schon längst erwählt hat. Gott ist der Ewige, der die Zukunft und die Vergangenheit vereint, für den es keine Zeit gibt. Er kennt so auch unsere Zukunft. Aber er nimmt sie nicht vorweg. Er nimmt uns nicht unsere Freiheit, sondern wartet auf unsere Antwort.

Jesaja wartete nicht lange, sondern sprach: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jes 6, 8b)

Für Jesaja ist es die Konsequenz dieser Gotteserfahrung. Warum sonst sollte sich Gott ihm so offenbaren, wenn nicht um ihn zu senden?

Dabei ist der Thronsaal angefüllt mit Wesen, die alle hätten diese Aufgabe übernehmen können. Jesaja ist der einzige, der nicht dazugehört, der eigentlich nur Zuschauer hätte sein können. Doch nein: wer Gott schauen darf, der kann sich nicht anschließend wieder ab- und dem Alltag zuwenden, so als habe er ein Konzert oder eine Theateraufführung besucht. Wer Gott schauen darf, der muss auch in den Dienst Gottes treten. Dieses „muss“ ist aber nicht als Zwang zu verstehen. Es ist vielmehr die einzig mögliche Folgerung.

Und doch bleibt die Möglichkeit des „Nein“ durch die Frage Gottes bestehen. Wen soll ich senden?

Ja, wen soll Gott senden? Diese Frage richtet sich auch an uns heute. Sind nicht wir die Gesandten Gottes, seine Boten, seine Engel? Denn das Wort Engel bedeutet ja nichts anderes als „Gesandter“ oder „Bote“.

Wir versammeln uns zum Gottesdienst, um Kraft zu schöpfen für unseren Alltag. Wir verlassen diesen Gottesdienst unter dem Segen Gottes, als Gesandte des Herrn.

Und dazwischen haben wir Gott vielleicht auf einzigartige Weise erfahren dürfen, in unseren Liedern und Gebeten, im Hören auf das Wort Gottes, in der Stille.

„Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.“
(EG 165, 1),

so haben wir vorhin gesungen. Mehr können wir nicht tun, mehr brauchen wir nicht tun, um ihn schauen zu können. Räumen wir also alles Gerümpel beiseite, das sich in unserem Herzen breit gemacht hat, und schaffen ihm Raum, damit er unsere Mitte sein kann.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 30. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Der Evangelist Johannes – der Adler

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde,

das Symbol des Evangelisten Johannes ist der Adler. Es ist das einzige Symbol, das nicht direkt aus dem Evangelium selbst abgeleitet wurde. Wir sehen das Symbol oben rechts in der Apsis neben dem Omega oder über der Figur des Paulus, zu sehen.

Der Adler findet im neuen Testament nur in der Offenbarung Erwähnung. Im vierten Kapitel lesen wir:

„...um den Thron [waren] vier himmlische Gestalten, voller Augen vorne und hinten. Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler.“ (Offb 4, 6b-7)

Die alte Kirche hat diese vier Gestalten dann als Repräsentanten der Evangelisten gedeutet, wohl auch, weil diese Gestalten durch die vielen Augen darauf hindeuten, dass sie alles sehen bzw. gesehen haben und darum auch die Taten Gottes durch Jesus Christus so detailliert beschreiben konnten.

Man fand Bezüge für die ersten drei in den ersten drei Evangelien, der Adler war dann das einzige Tier, das dem verbleibenden Evangelisten zugeordnet werden konnte. Interessant ist vielleicht auch, dass die Reihenfolge der Tiere im Buch der Offenbarung nicht der Reihenfolge der Evangelien entspricht – bis auf das vierte Tier. Das kann damit zusammenhängen, dass der Kanon des Neuen Testaments zur Zeit der Entstehung der Offenbarung noch nicht abgeschlossen war. Es könnte aber auch bedeuten, dass diese vier Tiere noch eine andere Bedeutung haben, die die alte Kirche aber nicht kannte oder nicht nutzen wollte.

Warum nun der Adler für den Evangelisten Johannes?

Der Adler ist ein Tier, das sich in die Lüfte erhebt und dabei unvorstellbare Höhen erreicht. Er kommt Gott näher als die meisten anderen Geschöpfe, wobei ich hier wieder den Hinweis loswerden muss, dass der Himmel, der sich über uns wölbt, nicht der Himmel aus dem Wort „Himmelreich“ ist.

Vielmehr ist das Reich Gottes mitten unter uns, wie Jesus gesagt hat, es erfüllt das ganze Universum und noch mehr, denn es ist unendlich, was man von dem Himmel, an dem die Vögel fliegen, nicht wirklich sagen kann.

Dennoch sind wir in dieser Vorstellung schon ein Stück weit verhaftet, weil es ja auch bildhaft verdeutlicht, dass Gott uns alle sehen kann. Aber seine Größe ist unermesslich, und deswegen ist jede bildhafte Darstellung eine Verkürzung der Wahrheit Gottes.

Allein an Jesus Christus selbst können wir Gott ein Stück weit festmachen – Jesus, der Sohn Gottes, der uns die Liebe Gottes offenbarte, der selbst, wie der Evangelist Johannes sagt, der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. (Joh 14, 6)

Jesus Christus ist die Brücke, die uns den Zugang zu Gott eröffnet.

Wir werden immer in Bildern von Gott reden müssen und uns dabei immer auf's Neue bewusst machen, dass wir Gott nie wirklich erfassen können, bis er kommt in Herrlichkeit.

Der Adler wurde in der christlichen Kunst übrigens auch als Symbol für die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu verwendet. In den meisten Kirchen finden wir ihn aber in Verbindung mit den Evangelisten, was hier auch durch das Schriftband deutlich gemacht wird.

Allgemein gilt der Adler als Symbol für die geistige Kraft des Menschen, was zu dem Anfang des Johannes-Evangeliums passen würde: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1, 1)

Der Logos-Hymnus, wie dieser Anfang auch genannt wird, ist Zeugnis der geistigen Kraft des Evangelisten.

Das ganze Evangelium des Johannes kann aber auch als Werk zwischen Himmel und Erde angesehen werden, also ein Werk, das aus dem Lebensraum des Adlers stammt. Immer neu stellt der Evangelist die Verbindung her zwischen den Menschen und dem Reich Gottes, wobei die Person Jesu Christi stets im Mittelpunkt steht.

Die Kreuzigung Jesu gleicht bei Johannes fast einer Thronbesteigung, was ja auch an unserem Kreuz hier im Hochaltar deutlich zu sehen ist: Jesus ist König, er leidet nicht, sondern er hat durch das Kreuz seine Herrschaft angetreten als der Herr aller Herren.

Die alte Kirche erkennt in dem Evangelisten Johannes den jüngeren Sohn des Zebedäus, also den Bruder des Jakobus. Schon als Kind habe ihn seine Mutter in den Schriften der Propheten unterwiesen, was ihn dazu bewegte, sich Johannes dem Täufer anzuschließen. Er hoffte, auf diese Weise dem Messias begegnen zu können.

Als der Täufer die Worte sprach: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1, 29b), wandte sich Johannes von ihm ab und folgte Jesus zusammen mit Andreas, der ebenfalls ein Jünger des Täufers gewesen war. Beide wurden von Jesus in die Herberge eingeladen, wo sie die Nacht im Gespräch verbrachten und beschlossen, fortan Jesus nachzufolgen.

Johannes gehörte mit Petrus und Jakobus zu den Jüngern, die das besondere Vertrauen Jesu genossen. So war er mit auf dem Berg der Verklärung und auch in Gethsemane. Im Johannes-Evangelium wird aber deutlich, dass Jesus ihn besonders lieb hatte.

In der Kunst wird er innerhalb der Apostelschar immer als der Jüngste dargestellt, weil er wohl auch der jüngste war. Seine Gesichtszüge sind jugendlich, während seine Gefährten meist deutlich älter wirken.

Im Evangelium nach Johannes hören wir, dass der Evangelist selbst den Mut nicht verlor, als Jesus gefangen genommen worden war. Im Gegenteil: er sorgte dafür, dass auch Petrus in den Palast des Hohenpriesters kommen durfte.

Unter dem Kreuz vertraut ihm Jesus seine Mutter an, und umgekehrt vertraut er seiner Mutter Johannes als ihren Sohn an.

Bemerkenswert ist, dass der Evangelist sich nie selbst beim Namen nennt, sondern immer vom Jünger, den Jesus lieb hatte, oder vom „anderen“ Jünger.

Nach dem Pfingstfest war Johannes neben Petrus ein Führer der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Zusammen mussten sie viel leiden, bevor er dann Jerusalem verlassen musste und dann nach Ephesus reiste, von wo aus er die sechs Gemeinden in Kleinasien gründete, an die die Sendschreiben der Offenbarung gerichtet sind.

Manche kamen zu ihm, um bei ihm für das Amt der Gemeindeleitung zugerüstet zu werden.

Unter dem Kaiser Domitian wurde er auf die Insel Patmos verbannt, wo er die Offenbarung empfing und niederschrieb. Erst im Jahr 96 durfte er nach Ephesus zurückkehren. Dort war der Bischof Timotheus erschlagen worden, so dass die Gemeinde ohne Hirten war. Johannes trat unerschrocken an seine Stelle und trat für seine Herde ein. Jetzt erst schrieb er das Evangelium, das Martin Luther als „das zarte, rechte Hauptevangelium“ bezeichnet hat und das auf ganz eigene Weise den tiefen Sinn und das Wesen unseres Herrn Jesus Christus erschließt.

Das Evangelium will den Glauben an den auferstandenen Herrn stärken und tritt für die Einheit der Christen ein. In ihm wird wie in keinem anderen Evangelium die Rolle des Heiligen Geistes besonders in den Blick gerückt. Noch wichtiger aber ist die Liebe Gottes, wie es sich in den Briefen des Apostels und Evangelisten besonders deutlich zeigt.

Der Kirchenvater Hieronymus berichtet, dass Johannes von seinen Schülern auf den Armen zur Kirche getragen worden sei, wo er dann nur diesen einen Satz sagte und immer wiederholte: „Kindlein, liebet euch untereinander!“ Und als er gefragt wurde, warum er immer diesen einen Satz wiederhole, habe er gesagt: „Es ist das Gebot des Herrn; wer es erfüllt, tut genug.“ (Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen, Band 3, S. 68f)

Die Legende erzählt, dass Johannes von dem heidnischen Priester Aristodemus genötigt worden sei, einen Giftbecher zu trinken, was Johannes dann auch tat, ohne Schaden zu erleiden. Deswegen finden wir auf manchen Darstellungen des Evangelisten auch einen Kelch als Attribut.

Er starb im Alter von 100 Jahren um das Jahr 100 oder 101 und wurde in Ephesus begraben.

Amen

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Predigt zum Pfingstsonntag
24. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn «wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen» (Jesaja 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn. (1. Kor 2, 12-16)

Liebe Gemeinde!

Wenn ich diese Worte des Apostels Paulus höre, dann gehen mir viele Dinge durch den Kopf.

Ich denke z.B. an manche Konfirmanden, denen man ansehen kann, dass sie eigentlich überhaupt keine Lust haben, etwas über den christlichen Glauben zu erfahren.

Ich erinnere mich an die vielen Male, in denen ich das Gefühl hatte, dass die Botschaft von der Auferstehung und vom ewigen Leben bei den Gästen ener einer Beerdigung ungehört verhallte.

Ich denke an die Gespräche, in denen ich mich immer wieder bemühe, das Wesentliche der Taufe zu erklären, und am Ende doch nicht sicher sein kann, dass es verstanden wurde.

Ich denke auch daran, dass für manche Brautpaare bei der Trauung die Äußerlichkeiten das Wichtigste sind – alles muss perfekt sein, aber dieser Anspruch bezieht sich eben nur auf das Äußere: das Hochzeitskleid, die Musik, der Ort.

Mir wird bewusst, wie wenig wir von dem reden, was uns eigentlich selbstverständlich sein sollte, und wie viel wir von dem reden, was uns nichts oder wenigstens nicht so viel bedeuten dürfte.

Aber es kommen mir auch die anderen Dinge in den Sinn.

Die Konfirmanden, denen plötzlich klar wird, dass es im Unterricht um mehr geht als nur darum, die Zeit abzusitzen, und die darum engagiert und gerne mitmachen.

Die Trauernden, die durch das Evangelium echten Trost erfahren.

Die Brautpaare, die sich durchaus ihres Mangels bewusst sind und wissen, dass sie den Segen Gottes brauchen, damit das gemeinsame Leben gelingen kann.

Die überraschenden Begegnungen mit Menschen, denen nicht nur das Äußerliche am Herzen liegt, sondern die nach Nahrung für ihre Seele suchen.

Kurz gesagt: Es ist beides da, die enttäuschenden und die ermutigenden Erfahrungen. Der Predigttext scheint sich insoweit zu bestätigen, dass man den Eindruck hat, sogenannten „natürlichen“ und „geistlichen“ Menschen zu begegnen.

Doch der zweite Blick auf unseren Predigttext lässt dann gleich schon die Frage aufkommen: geht es überhaupt darum? Geht es hier um die Unterscheidung von geistlichen und natürlichen Menschen, oder geht es nicht doch noch um etwas anderes?

Paulus stellt jedenfalls diese zwei Arten von Menschen einander gegenüber. Es ist aber gar nicht mal klar, dass das zwei verschiedene Menschengruppen sind. Könnte es nicht vielmehr sein, dass in einem Menschen beides existiert – der natürliche und der geistliche Mensch?

Doch gehen wir erst mal zurück an den Anfang. Da spricht Paulus von dem, worum es an diesem Festtag ja überhaupt geht: dem Geist Gottes, der ausgegossen wurde über die Menschen. Dieser Geist aus Gott wird durch die Taufe vermittelt; das steht zwar nicht in unserem Predigttext, finden wir aber an vielen anderen Stellen in unserer Bibel wieder.

Es gibt aber zum Geist aus Gott gleich ein Gegenüber, den Gegenpol gewissermaßen, nämlich den Geist der Welt. Und hier ist es wohl so, dass beide miteinander unvereinbar sind. Geister im biblischen Sinn sind wesensbestimmend, sie könnten sich nicht miteinander vermischen, sie können höchstens gegeneinander kämpfen.

Der Geist Gottes nun hat eine ganz bestimmte Aufgabe, nämlich uns deutlich zu machen, „was uns von Gott geschenkt ist“. (1. Kor 12, 2b)

Und das ist nötig. Es ist doch in der Tat so, dass man so etwas nicht selbstverständlich weiß, auch nicht durch Lernen oder gar Logik erfassen kann. Welcher natürliche, also von der Vernunft bewegte und überzeugte Mensch, versteht es schon, wenn von Vergebung geredet wird oder von Liebe?

Vielleicht schafft er es ja bis zu einem gewissen Grad; aber die Bedingungslosigkeit, mit der Gott uns seine Gnade erweist und zuspricht, die kann niemand mit dem Verstand erfassen.

Der natürliche Mensch sträubt sich ja schon gegen nahezu alles, was im Glaubensbekenntnis bekannt wird, weil es ihm schlicht unvernünftig erscheint. Nichts von alledem, was da gesagt wird, lässt sich beweisen.

Damit die Menschheit also dieses Geschenk Gottes, seine Liebe, erkennen kann, ist der Geist Gottes nötig, der diese Erkenntnis vermittelt.

Nur dieser Geist lässt auch das Glaubensbekenntnis wahr werden, und er macht wahr, was beim Abendmahl gesprochen wird: „Christi Leib, für dich gegeben“, und: „Christi Blut, für dich vergossen“.

Die tiefere Bedeutung dieser Worte kann nur der nachvollziehen, der den Geist Gottes hat. Niemand sonst wird aus diesen Worten Kraft schöpfen können.

Doch müssen wir, um Paulus besser zu verstehen, noch einmal zurück gehen in die Zeit, als er diesen Brief schrieb. Denn es gibt ja wie immer bei den Briefen einen ganz konkreten Anlass, warum der Text geschrieben wurde.

Es ging in Korinth nicht gerade ruhig zu. Ständig gab es Auseinandersetzungen. Man war sich uneins, es hatten sich Parteien gebildet, abhängig von den jeweiligen Predigern, die die Gemeinde aufgesucht hatten.

Dieser Entwicklung stellt sich Paulus entgegen, indem er sagt: „Wir haben den Geist aus Gott empfangen.“ Nicht den Geist aus Paulus, oder den aus Apollos, oder den aus Kefas; nein, den Geist aus Gott!

Das ist wichtig! Denn wer den Geist aus Gott empfangen hat, kann sich doch nicht mehr streiten, weil einem die Predigt des einen besser gefallen hat als die des anderen. Der Geist Gottes kann doch nicht unterschiedlich wirken! Es ist doch immer ein und derselbe Geist!

Wenn man diesen Gedanken weiterführt, wird einem schnell klar: Unterschiede müssen von woanders her kommen. Und da kommt der natürliche Mensch ins Spiel, der, der den Geist Gottes nicht empfangen kann, wie Paulus sagt, also der, der den Geist der Welt hat.

Und dieser natürliche Mensch ist genauso in uns wie der geistliche Mensch, so dass es zu einem Wettstreit zwischen den Beiden kommt.

Schön, wenn man sich dann auf irgend einen anderen Menschen berufen kann, der es dem natürlichen Menschen bequem gemacht hat, so wie es die Korinther damals taten: die Predigt des Apollos war vielleicht angenehmer, sie forderte den natürlichen Menschen nicht so konsequent heraus wie die Predigt des Paulus. Also hörte man auf Apollo. Aber genau das ist der falsche Weg.

Paulus geht es darum, das Selbstbewusstsein der jungen Christen zu stärken. Christen sind eben nicht die Produkte der Überredungskünste einzelner Personen, sondern sie sind Kinder des lebendigen Gottes, der sie selbst berufen und mit seinem Geist erfüllt hat. Da darf man nicht hinter zurückfallen.

Kind Gottes zu sein, das ist nicht nur eine großartige Auszeichnung, sondern auch eine Verpflichtung, eben die, dem Geist aus Gott treu zu bleiben und nicht dem Geist aus der Welt.

Wer den Geist Gottes hat, stellt sich dem Kampf gegen den Geist der Welt. Er sucht das Reich Gottes und nicht das Vergängliche, nicht seine eigene Ehre und Herrlichkeit.

Darum kann Paulus dann auch sagen: Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Das geht nur deswegen, weil es letztlich der Geist Gottes selbst ist, der dieses Urteil fällt, und nicht der Mensch.

Aber in solch einer Aussage steckt auch eine enorme Gefahr. Wie schnell kann es dazu führen, dass man in selbstherrlicher Arroganz sein Gegenüber aburteilt, ohne die eigenen Unzulänglichkeiten zu erkennen oder zuzugeben, dass man selbst nicht viel oder auch gar nicht besser ist.

Die Unterscheidung zwischen dem natürlichen Menschen und dem geistlichen Menschen ist da schon hilfreich, auch wenn sich beide im gleichen Menschen vereinen: der geistliche Mensch mag noch so fehlerfrei sein, weil er vom Geist Gottes geleitet wird, aber da ist eben noch der natürliche Mensch, der ganz andere Interessen hat und immer wieder versucht, die Schritte in eine andere Richtung zu lenken.

Anders wäre es ja auch gar nicht zu erklären, dass in so vielen Menschen, denen durch die Taufe der Geist Gottes ja längst geschenkt ist, dieser Geist gar nicht sichtbar wird. Der natürliche Mensch hat sich über den geistlichen Menschen erhoben.

„Wir aber haben Christi Sinn!“ (1. Kor 12, 16b) – mit diesen Worten schließt unser Predigttext ab. Das „aber“ macht es schon deutlich: Dies ist eine trotzige Aussage. Es geht gegen den Strich.

Niemand anders als Christus ist es, dem wir folgen. Und Christus hat in aller Konsequenz das Leben aus dem Geist Gottes sichtbar gemacht. Er war gehorsam bis zum Tod – da hat sich kein natürlicher Mensch in den Weg gestellt.

Das ist unser Vorbild. Darum: in aller Vielfalt, die wir untereinander erleben, muss es letztlich doch Einheit geben durch den Geist, der aus Gott kommt. Die Gespaltenheit, die wir in der Christenheit erfahren, darf nicht bestimmend sein. Vielmehr müssen wir alles tun, damit wir eins sein können, und so freue ich mich auch, dass wir am Pfingstmontag schon seit vielen Jahren einen ökumenischen Gottesdienst feiern.

Wie schön wäre es, wenn es endlich auch möglich wäre, gemeinsam das Heilige Abendmahl zu empfangen. Denn gerade im Abendmahl wird die Einheit im Geist sichtbar. Wir trinken aus einem Kelch, wir essen das eine Brot – den Leib und das Blut Christi, das uns untereinander eint.

So lasse Gott seinen Geist groß werden in uns, damit dies sichtbar wird: wir sind die Gemeinde Christi!

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 23. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Das Symbol des Evangelisten Lukas

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde,

das Symbol des Evangelisten Lukas ist der Stier. Damit wird wie bei allen anderen Evangelisten eine Verbindung hergestellt zum Anfang des Evangeliums. Dort erzählt uns Lukas davon, wie Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, als Priester Dienst tut im Tempel. Er hatte also auch die Aufgabe, die täglichen Opfer darzubringen, wozu auch das Opfer von Stieren gehört.

Der Stier ist also zunächst ein Opfertier und stellt durch diese Funktion eine Verbindung zwischen Gott und Mensch her. Sein Tod diente zur Sühne für begangene Sünden.

Man könnte hier auch eine Analogie zum Opfertod Christi erkennen. Der Kreuzestod Christi wird im Evangelium des Lukas als ein Werk der Vergebung dargestellt. Jesus opfert sich, damit die Menschen wieder freien Zugang haben zur Liebe Gottes. So vergibt er dem Verbrecher, der mit ihm gekreuzigt wird, und bittet seinen himmlischen Vater um Vergebung für die, die ihn gekreuzigt haben.

Auf den Bildern, die den Evangelisten darstellen, hat der Stier allerdings andere Funktionen. Er dient mitunter als Inspiration, was z.B. dadurch dargestellt wird, dass er dem Evangelisten eine Schriftrolle reicht. Auch dies ist natürlich eine Verbindung zwischen Mensch und göttlicher Welt, die durch den Stier hergestellt wird. Nur könnte man jetzt an den Heiligen Geist denken, dessen Kraft Lukas so bildhaft in seiner Apostelgeschichte beschreibt.

Auf manchen Gemälden sitzt Lukas auf dem Stier, um das Evangelium zu schreiben. Das Tier hat da also ganz dienende Funktion. Das wird mitunter auch dadurch verdeutlicht, dass der Stier als Schreibpult dient oder die Schreibwerkzeuge bereit hält.

Ganz selten verwischt die Grenze zwischen Symbol und Mensch, beide scheinen eine Einheit zu bilden.

In der Apsis unserer Kirche sehen wir unten rechts nur den Stier, der mit Flügeln versehen ist. Die Flügel machen deutlich, dass das Tier von der diesseitigen Welt gewissermaßen enthoben ist, dass es mehr ist als nur ein Stier – eben Symbol für den Evangelisten Lukas, was auch durch das Schriftband, das sich um die Beine des Stiers rankt, verdeutlicht wird.

Lukas ist, im Gegensatz zu den anderen Evangelisten, kein Apostel, er hat den Herrn Jesus Christus also nicht persönlich kennengelernt. Er kam vielmehr aus dem Heidentum.

Er war wohlgebildet und weitgereist. Er besaß eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, was ihn vielleicht in besonderer Weise zum Reisegefährten des Paulus qualifizierte.

Wir erkennen in der Apostelgeschichte an dem Wechsel von der unpersönlichen dritten Person in die erste Person, dass Lukas die Ereignisse in Mazedonien aus eigener Anschauung berichtet. Er blieb dann in Mazedonien, während Paulus und Silas weiterziehen mussten. Lukas kümmerte sich unterdessen um die junge, durch die Verkündigung des Paulus entstandene Gemeinde. Nachdem Paulus wieder nach Mazedonien gekommen war, begleitete ihn Lukas nach Jerusalem.

So berichtet er in packender Weise von den Abschieden und Prophezeiungen. Paulus würde als Gefangener Jerusalem verlassen müssen.

Nachdem Paulus in Jerusalem gefangen genommen worden war, zog Lukas nach Caesarea, wo er Paulus später erneut begegnete, diesmal als Gefangener auf dem Weg nach Rom.

Lukas begleitete ihn und konnte so die stürmische Seefahrt beschreiben, die wunderbare Rettung aus Seenot und Schiffbruch, sowie das Wirken des Paulus in Rom.

Die Legende berichtet weiter, dass Lukas nach dem Tod des Paulus nach Theben reiste, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Ob er dann noch als Missionar umher reiste, ist nicht gewiss, aber möglich.

Wo seine beiden Bücher, das Evangelium und die Apostelgeschichte, entstanden, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, man vermutet aber, dass zumindest Teile davon unter dem Einfluss des Apostels Paulus geschrieben wurden.

Lukas verdanken wir das wunderbare Evangelium von der Geburt Jesu, manche Gesänge, die ihren Weg in die Liturgie der christlichen Gottesdienste gefunden haben, und das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das uns die barmherzige Liebe Gottes in besonders schöner Weise offenbart.

Die Erzählung vom Wirken des Heiligen Geistes in der Apostelgeschichte ist ein unentbehrliches und einzigartiges Zeugnis der ersten Christenheit. Bis an die Enden der Erde würde das Evangelium hinausgetragen werden – das ist die Botschaft der Apostelgeschichte.

Lukas starb aller Wahrscheinlichkeit nach keines gewaltsamen Todes, sondern friedlich im für damalige Verhältnisse sehr hohen Alter von 84 Jahren.

Der Stier als Symbol des Lukas stellt nicht nur einen Bezug zum Anfang des Evangeliums her. Er drückt auch etwas aus von der Kraft des Heiligen Geistes, denn der Stier galt und gilt als Tier von großer Kraft und Stärke, das in der Geschichte der Menschheit immer wieder besondere Bedeutung gewonnen hat.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 16. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Das himmlische Jerusalem

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde,

Die Worte des Deutschen Requiems sind alle der Bibel entnommen, so auch der Text des Stückes, das wir gerade gehört haben. Er stammt aus dem 84. Psalm und bezieht sich eigentlich auf den Tempel in Jerusalem und die Sehnsucht des gläubigen Menschen, dort sein zu dürfen.

Für uns Christen wird diese Sehnsucht transzendiert durch das Bild vom himmlischen Jerusalem, das der Seher Johannes in seinem Buch der Offenbarung überliefert:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (Offb 21, 1-4)

Das neue Jerusalem – das ist der Ort, auf den unsere Sehnsucht gerichtet ist: die Gemeinschaft mit Gott, der uns dort ganz nah sein wird, der alle Trauer von uns nehmen wird und alles, was uns in dieser Welt Leid und Schmerz verursacht.

Wenig später wird in der Offenbarung dieses neue Jerusalem beschrieben als eine Stadt, die wie ein Quadrat mit vier gleichen Seiten gebaut ist:

Und ihr Mauerwerk war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen. Der erste Grundstein war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst.

Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und der Marktplatz der Stadt war aus reinem Gold wie durchscheinendes Glas.

Als August Essenwein am Ende des 19. jahrhunderts über die Innengestaltung dieser Kirche nachdachte, hat er im Hohen Chor Reste aufwendiger Malereien gefunden. So bemühte er sich, in Analogie zu den ursprünglichen Malereien in anderen romanischen Kirchen, auch hier eine kunstvolle Gestaltung des Chorraumes zu verwirklichen. Dabei gingen die Überlegungen wohl auch dahin, dass früher die sogenannten Laien, d.h. die Nicht-Mönche, von den Mönchen durch einen Lettner streng getrennt waren. Die Mönche befinden sich durch ihr immerwährendes Gebet gewissermaßen schon im Himmel, während die Laien, die sich im Langschiff aufhielten, von den Elementen umgeben und dem Lauf der Zeit unterworfen waren. Dort findet sich nichts, was so deutlich an das Himmelreich erinnert, wie die Darstellungen hier im Chorraum, wo sich die Mönche zum Gebet aufhielten.

Das himmlische Jerusalem ist der Ort, wo Gott seine Gemeinde am Ende der Zeiten versammelt. Das ist der Ort der Mönche, die etwas von der Ewigkeit durch ihr Gebet in diese Zeit hinein zu holen versuchen. Und so ist es nur schlüssig, das neue, himmlische Jerusalem, die ewige Stadt, über ihren Häuptern darzustellen.

Wenn wir aufschauen, dann sehen wir die Stadt allerdings nicht als Quadrat, sondern eher als Kreis, was der Form des Gewölbes geschuldet ist. Würden wir die Malerei nach unten ziehen und auf gerade Wände projizieren, würde ein Quadrat entstehen, so wie es die Bibel beschreibt.

Auffällig ist, dass außer dieser Form und den 12 Toren wenig an die Beschreibung aus der Offenbarung erinnert. Anstelle dessen sehen wir in den Toren Gestalten stehen, die 12 Propheten des Ersten Bundes darstellen. Jeder hält ein Schriftband in der Hand, auf dem, von hier schwer zu erkennen, ein lateinischer Text aus dem Buch des Propheten stehtt, der in irgendeiner Form auf das himmlische Jerusalem hinweist:

Jesaja: Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen)

Jeremia: Siehe, ich will das Gefängnis der Hütten Jacobs wenden

Ezechiel: lch will das Verlorene wiedersuchen und das Verirrte wiederbringen

Daniel: Zu derselbigen Zeit wird dein Volk errettet werden.

Hosea: Denn er wird hervorbrechen, wie eine schöne Morgenröte

Joel: Er soll errettet werden, weil auf dem Berge Zion und in Jerusalem Erlösung sein wird

Amos: Zu derselben Zeit will ich die verfallenen Hütten Davids wieder aufrichten

Obadja: Aber auf dem Berge Zion sollen noch Etliche errettet werden

Micha: ln den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus stehet, gewiß höher sein, denn alle Berge und über die Hügel erhaben sein

Zefanja: Jauchze, du Tochter Zion, denn der Herr hat deine Strafe hinweggenommen und deine Feinde abgewendet

Sacharja: lch kehre mich wieder zu Zion und will zu Jerusalem wohnen

Maleachi: Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen, da sollen alle Verächter und Gottlosen Stroh sein.

Die vier Paradiesflüsse gehen von den Ecken der Stadt aus, wobei Menschen ein Gefäß in der Hand halten, aus dem das Wasser herausfließt. Wer diese Gestalten sind, lässt sich schwer sagen – bei der Zahl vier denkt man gerne an die Evangelisten, aber es fehlt jeder Hinweis darauf, dass sie es tatsächlich sein könnten. Das Wasser fließt gewissermaßen herab auf die betende Gemeinde, wobei auch hier wieder an die Mönche gedacht werden muss, die hier ihre Gebete verrichteten.

Wenn in solch einem Zusammenhang Wasser abgebildet wird, kann man an zweierlei denken:

Zum einen das Wasser der Taufe, durch das wir in die Kindschaft Gottes gerufen werden und so schon gewiss sein dürfen, dass auch wir einst dieses himmlische Jerusalem bewohnen dürfen.

Zum andern an die Worte Jesu: Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. (Joh 8, 38)

Ein Hinweis auf das ewige Leben, das uns durch Jesus Christus geschenkt ist, und darauf, dass wir selbst die Botschaft von der Liebe Gottes, die in ihm offenbart wurde, hinaustragen in die Welt.

Amen

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Predigt zum Tag der Himmelfahrt Christi
14. Mai 2015 auf dem Vorplatz der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.

Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir. (1. Kön 8, 22-24.26-28)

Amen

Liebe Gemeinde!

Christi Himmelfahrt gehört zu den „praktischen“ Feiertagen. Er sorgt für ein sehr langes Wochenende, für das es sich lohnt, etwas weiter weg zu fahren. Auch wurde er zum Vatertag erhoben. Und dem kann sogar die Kirche noch etwas abgewinnen: Jesus kehrt ja zu seinem Vater zurück. Aber diese Kurve finde ich dann doch schon ziemlich steil.

Denn das Fest der Himmelfahrt Christi ist weit mehr als eine pure Wiedervereinigung von Vater und Sohn. Es ist der erste, notwendige Schritt zum Beginn der christlichen Kirche. Jesus macht gewissermaßen den Weg frei für den Heiligen Geist.

Außerdem tritt er mit der Himmelfahrt seine Herrschaft an als der Herr aller Herren und König aller Könige.

Genau darum geht es auch in unserem Predigttext, obgleich er aus dem Buch des ersten Bundes, dem von uns so genannten Alten Testament, stammt: die Majestät Gottes.

Dass hier Jesus nicht explizit erwähnt wird, braucht uns nicht zu stören. Denn letztlich ist es, wenn wir von Gott reden, doch immer nur der Eine, der Allmächtige, der Erhabene.

Die Lehre von der Trinität, so schwer sie manchmal nachzuvollziehen ist, hilft uns über diese Hürde, die uns manchmal trennend zwischen den beiden großen Abschnitten der Bibel zu stehen scheint, hinweg. Gott, der sich uns auf verschiedene Weise offenbart, bleibt doch immer derselbe.

Durch unseren Predigttext sind wir Zeugen der Einweihung des Tempels in Jerusalem. Salomo tritt vor den Altar Gottes und beginnt zu beten. Und dieses Gebet hat es in sich.

Klar grenzt er den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ab von all den anderen Göttern, an die die Menschheit sich gerne verliert. Kein Gott ist ihm gleich, weder im Himmel noch auf Erden.

Diese Aussage impliziert allerdings, dass es auch andere Götter gibt – aber sie können sich eben mit diesem Gott nicht messen.

Doch was zeichnet den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs aus? Was macht ihn so besonders, dass kein anderer Gott ihm gleich sein kann?

Salomo sagt es mit diesen Worten: Du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten.

Gott hält den Bund. Er steht zu seinem Wort. Das hat das Volk Israel durch viele Jahrhunderte erfahren, aber auch mit der Einschränkung, die Salomo macht: Die vor Gott wandeln von ganzem Herzen. Immer wieder wandte sich das Volk ab, verlor den Blick für die Güte und Barmherzigkeit Gottes. Die Strafe folgte auf dem Fuß – Erziehungsmaßnahmen, so könnte man wohl sagen, obwohl diese Sichtweise nicht unproblematisch ist. Das Volk Israel hat sein Unglück allerdings immer als Strafe Gottes für Abfall und Ungehorsam interpretiert.

Durch Jesus dürfen wir auch über diese Einschränkung hinausgehen, die Salomo da macht. Gott hat uns durch Jesus Christus deutlich gemacht, was es bedeutet, wenn von Gottes Barmherzigkeit gesprochen wird. Sie geht weit über das hinaus, was wir uns unter Barmherzigkeit vorstellen könnten.

Natürlich ist es gut und richtig, sich mit ganzem Herzen Gott zu zu wenden, aber wir wissen alle, wie schwer es manchmal fällt. Jesus hat uns die Augen geöffnet und offenbart, dass Gott sich deswegen nicht von uns abwendet. Er bleibt unser Gott, er hält fest an seinem Bund, er ist barmherzig, nicht weil wir uns zu ihm halten, sondern weil er uns liebt und uns darum auch vergibt.

Und so kommt Gott uns ganz nah. Er ist bei uns, manchmal auch spürbar, ganz konkret.

Aber kann das wirklich sein? Der Allmächtige, der Erhabene, der Allwissende – kann er uns Menschen, seinen Geschöpfen, wirklich so nahe kommen, dass wir es spüren können?

Salomo kann es sich nicht vorstellen. „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ Wie kann Gott uns so nahe kommen? Wie kann er sich so klein machen, dass er in ein Haus passt?

Auf das Wie haben wir nicht wirklich eine Antwort. Aber wir wissen, dass er es getan hat. Er ist Mensch geworden. Er hat die scheinbar unüberwindbare Grenze zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen überwunden, damit wir erkennen, wie nah er uns ist.

„Gottes Reich ist nahe herbeigekommen“ (Mk 1, 15a), hat Jesus gesagt. Und das war nicht nur damals so, als Jesus unter den Menschen weilte, sondern gilt auch heute. Das Himmelreich ist mitten unter uns.

Und so können wir mit Salomo feststellen:

Gott ist groß! So groß, dass kein Gebäude und kein Gedanke ihn fassen könnte. Aber auch:

Gott ist klein! So klein, dass wir ihn wie einen Freund oder eine Freundin umarmen können. Aber immer gilt diese Feststellung, die Salomo in seinem Gebet macht:

Wir können ihm keine Grenzen setzen, weder im Großen noch im Kleinen. Er entzieht sich unserer Vorstellungskraft – und macht sich uns zugleich vorstellbar, indem er Mensch wird in Jesus Christus.

Was für ein Gott!

Unser Gott!

Das erkennen wir auch, wenn wir auf die weltweite Kirche schauen. Gott wirkt auf der ganzen Welt, überall, wo Menschen leben.

Durch die Himmelfahrt Jesu ist das möglich geworden. Nun kann Gott sich den Menschen in der ganzen Welt zuwenden und nicht nur einer relativ kleinen Gruppe von Menschen in einem Land. Er umspannt den Erdkreis.

Indem wir auf unsere Geschwister in der weltweiten Kirche schauen, erkennen wir, wie gut es uns geht, und zugleich auch, wie schlecht es uns geht.

Wenn wir den Christen dort begegnen, erleben wir meist eine große materielle Armut. Die Menschen leben häufig in ärmlichen Verhältnissen, müssen mit viel weniger auskommen, als das bei uns der Fall ist.

Doch werden wir sogleich an die Worte aus der Offenbarung erinnert, wo Johannes an den Engel der Gemeinde zu Smyrna schreiben soll: „Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich.“

In der Armut reich sein – das erleben wohl nur die, die sich immer im Licht Gottes sehen, und nicht im eigenen Licht. Denn das eigene Licht kann schwach werden, es kann sogar verlöschen. Das Licht Gottes aber bleibt.

Und das scheint den Christen dort sehr bewusst zu sein. Ihr Leben, auch ihr Alltag, ist gewissermaßen durchdrungen von der Liebe Gottes. Sie leben diese Worte des Salomo:

Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Ihr Leben ist ein Leben des Gebetes. Und in dieses Gebet werden wir, denen es doch viel besser geht als ihnen, mit eingeschlossen. Das ist uns meist gar nicht bewusst, aber auch heute werden Christen in anderen Ländern dieser Erde für uns beten.

Das wird auf schöne Weise in einem Lied zum Ausdruck gebracht, das wir auch in unserem Gesangbuch finden:

„Denn unermüdlich, wie der Schimmer
des Morgens um die Erde geht,
ist immer ein Gebet und immer
ein Loblied wach, das vor dir steht.“
(EG 266, 3)

Wir sind eingebunden in diese weltweite Kirche, und so beten auch wir für die Christen nah und fern und lassen uns beschenken von ihrem Gebet.

Ich freue mich darum auch auf den kommenden Sonntag, wenn wir Gäste aus Botswana in unserer Mitte begrüßen dürfen, die uns von ihrer Heimat erzählen werden und davon, wie sie ihr Christsein dort erleben.

Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – diese Worte sagen nicht, dass Gott fern von uns ist, sondern sie vermitteln uns, dass Gott die ganze Welt umfasst. Er ist überall, er ist mitten unter uns. Der große Philosoph Immanuel Kant hat diese Erkenntnis einmal so beschrieben:

„Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte, wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: ‚Du bist bei mir.‘“

Gott ist bei mir – das heißt aber auch: er ist bei dir. Denn diese Erfahrung ist für alle Menschen möglich. Er ist mitten unter uns – er ist mitten unter euch. Gott, in seiner unermesslichen Größe, bildet Gemeinschaft, die über unsere Grenzen hinaus geht, die die ganze Welt umspannt.

Gott lässt sich nicht unseren eigenen Vorstellungen anpassen. Er passt nicht in ein Haus, und sei es noch so groß und noch so prunkvoll und schön, etwa so wie unser Kaiserdom. Er lässt sich nicht von uns für unsere Zwecke vereinnahmen. Er bleibt immer souverän, unabhängig. Aber solche Bauten sind geeignet, unser Herz zu öffnen, dass wir seine Gegenwart spüren und seine Liebe erfahren.

Amen

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Predigt zum Sonntag Rogate
10. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Und Jesus sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Lk 11, 5-13)

Liebe Gemeinde!

Man möchte ein warmes Abendessen zubereiten, und während man schon mitten drin ist, stellt man fest, dass zwei Eier fehlen. Also schnell die Autoschlüssel gegrapscht, raus aus dem Haus, zum nicht allzu fernen Supermarkt gefahren, ein paar mehr als nur zwei Eier gekauft, und wieder zurück, um schnell das Essen fertig zu kochen.

Wenige kämen heute noch auf die Idee, mal eben beim Nachbarn anzuklopfen und um die zwei fehlenden Eier zu bitten.

Der Supermarkt hat ja heutzutage schon bis zum Schlafengehen auf, so dass es kein Problem ist, mal eben dort einzukaufen. Und man muss sich ja vor den Nachbarn nicht die Blöße geben, schlecht geplant zu haben.

Die Älteren unter uns kennen es sicher noch, dass man mal mit einer Tasse rüber zum Nachbarn ging, um etwas Mehl oder Zucker zu erbitten. Auch ich erinnere mich daran, dass ich als Kind mit solch einer Tasse losgeschickt wurde. Und dass hin und wieder auch mal jemand mit einer Tasse in der Hand vor unserer Tür stand. Es kam mir schon damals komisch vor, irgendwie nicht richtig.

Dabei war es früher doch üblich, dass man sich gegenseitig bei solchen Dingen half. Es konnte jedem schon mal passieren, dass etwas ausging. Vielleicht hatte man auch nicht mehr genug Geld, einen Vorrat zu kaufen. Oder es war schlicht eilig.

Selten wurde einem die Bitte abgeschlagen. Ich habe es nicht erlebt. Wenn das Erwünschte im nachbarlichen Haus oder in der nachbarlichen Wohnung vorhanden war, dann bekam man es auch.

Und das ist wohl auch wichtig: es wurde nicht erwartet, dass man es am nächsten Tag zurück brachte. Denn alle wussten: irgendwann komme ich vielleicht auch mal in die Lage, und dann weiß ich, dass ich hingehen und meine Nachbarn um Hilfe bitten kann.

Heute fällt uns das Bitten meist ungeheuer schwer. Alles möchte man selbst machen. Man möchte auf keinen Fall zeigen, dass man von der Hilfe anderer abhängig ist.

Wer zum Beispiel arbeitslos wird, findet sich nicht so leicht damit ab, nun den Staat um Hilfe zu bitten – obwohl es einem ja zusteht. Der erste Gang zum Arbeitsamt ist ungeheuer schwer, aber nötig: man muss ja Geld zum Leben haben.

Nach einem Jahr oder etwas länger bekommt diese Hilfe dann einen faden Beigeschmack, denn dann bekommt man nur noch Sozialhilfe, heutzutage mit „Hartz IV“ bezeichnet.

Man liegt dem Staat gewissermaßen auf der Tasche. Und vielleicht hat man selbst, solange man noch Arbeit hatte, immer über die Hartz-IV-Empfänger geschimpft oder gelästert. Aber jetzt erlebt man es selber: es findet sich keine Arbeit. Man bleibt von der Hilfe anderer abhängig und muss darum bitten, so ungerne man es tut.

Diese Probleme dehnen sich auch aus auf andere Lebensbereiche. Unsere Angst, andere um etwas zu bitten, geht sogar über den Tod hinaus. Die Zahl der Beerdigungen unter dem grünen Rasen steigt stetig. Damit nur ja niemand sich verpflichtet fühlen muss, die Grabpflege zu übernehmen. Manchmal ist das durchaus begründet, wenn es keine Kinder oder andere Verwandte mehr gibt, aber ist das richtig? Jahrelang haben gute Freunde unserer Familie das Grab meiner Mutter gepflegt, und es war für sie ganz selbstverständlich, dass sie diesen Dienst getan haben.

In der Zeit vor dem Tod wird unser Generationenproblem erkennbar: Alte Menschen finden ihr Zuhause meist in einer Seniorenresidenz oder in einem Pflegeheim, wo sie dann rund um die Uhr betreut werden können. Denn man kann doch unmöglich die Kinder darum bitten, sich um die Pflege der Eltern zu kümmern.

Natürlich gibt es auch viele gute Gründe dafür, dass Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbständig zu versorgen, in ein Pflegeheim kommen. Unsere Gesellschaft baut auf die Produktionskraft eines jeden arbeitsfähigen Menschen – die sozialen Verpflichtungen übernehmen entsprechende Einrichtungen, die allerdings auch nicht ganz billig sind.

Früher, vor dem zweiten Weltkrieg, gab es nahezu keine Pflegeheime – und da hat es mit der Pflege auch funktioniert. Man übernahm Verantwortung füreinander, meist waren es die Kinder, die die alt gewordenen Eltern aufnahmen oder wenigstens einen Elternteil, nachdem der andere bereits verstorben war.

Das Bitten fällt uns schwer – weil wir niemandem zur Last fallen wollen, aber manchmal auch, weil wir uns nicht mit Dingen belasten wollen, die uns einschränken und uns das Leben mitunter schwer machen.

Und nun geht es darum, Gott zu bitten. Da kommt zu diesem Grundgefühl, das sich in uns regt, dieser generellen Angst, wir könnten uns eine Blöße geben oder unseren Mitmenschen zur Last fallen, noch etwas anderes:

warum eigentlich sollen wir beten? Können wir wirklich eine Antwort erwarten? Wie viele Male haben wir Gott um Hilfe gebeten, und dieses Gebet wurde nicht erhört? Lohnt es sich überhaupt, Gott zu bitten?

Und: müssen wir das überhaupt? Können wir es nicht doch alleine schaffen?

Bittet, so wird euch gegeben..., das ist die Aufforderung Jesu.

Viele haben das längst aufgegeben. Denn es wird eben nicht gegeben. Zumindest scheint es so. Und ich möchte das auch gar nicht schönreden. Es ist so.

Wir bitten um ein Ende der Kriege in dieser Welt, und anstatt dass sie aufhören, brechen immer mehr Konflikte in der Welt aus.

Wir bitten darum, dass Menschen von Naturkatastrophen verschont bleiben, und doch geschieht ein Erdbeben mit katastrophalen Folgen, oder eine Serie von Orkanen verwüstet riesige Landstriche und auch Städte.

Wir bitten um Gerechtigkeit, und doch wird die Ungerechtigkeit immer größer, auch in unserem Land.

Wir bitten um Nahrung für die Hungernden und Verhungernden in unserer Welt, und doch verhungern jeden Tag tausende von Menschen, obwohl unsere Erde durchaus genug Nahrungsmittel produzieren könnte und wir in unserem Land einen Großteil der verfügbaren Lebensmittel wegwerfen, zu Tierfutter machen oder in Treibstoff umwandeln.

Bittet, so wird euch gegeben – kann man das wirklich sagen?

Wenn wir auf unseren Predigttext schauen, dann hören wir zunächst das Beispiel vom bittenden Freund und Jesu Deutung dazu. Hier könnten wir eine Antwort auf unser Fragen finden.

Denn Jesus sagt: „Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.“ (Lk 11, 8)

Hieraus könnten wir ableiten, dass wir nicht unverschämt genug drängend bitten. Wir neigen dazu, auch wenn wir es nicht unbedingt geradeheraus sagen, in unseren Gebeten immer die anderen Worte Jesu anzuhängen: „...nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22, 42) Auf diese Weise winden wir uns gewissermaßen aus dem Dilemma, ein unerhörtes Gebet rechtfertigen zu müssen. Es war eben nicht Gottes Wille.

Aber dürfen wir es uns so einfach machen? Auf das Beispiel vom bittenden Freund folgen ja diese herausfordernden Worte Jesu: „Bittet, so wird euch gegeben; Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Lk 11, 9) Also wir sollen schon damit rechnen, dass Gott uns geben wird, worum wir bitten. Das wird dann ja auch noch unterstrichen durch die folgenden Worte Jesu:

„Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn er ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?“ (Lk 11, 11)

Gott führt uns demnach nicht an der Nase herum. Er gibt uns, worum wir bitten. So sagt es Jesus. Sollten wir uns darauf nicht verlassen können? Sollten wir unser Gebet also gerade darum hartnäckig und immer wieder auf den Weg bringen, so als sei Gott schwerhörig?

Aber wenn wir daran denken, klingen uns sicher auch die anderen Worte Jesu im Ohr: „Wenn ihr betet, dann sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden“ (Mt 6, 7). Darauf folgt dann das Vater unser, mit dem eigentlich schon alles Erforderliche erbeten ist. Sollten wir darum also nun das Vater unser ständig wiederholen? Was ist mit der Erkenntnis, dass unser himmlischer Vater weiß, was wir bedürfen, bevor wir ihn bitten? (Mt 6, 8)

„Des Gerechten Gebet vermag viel“ (Jak 5, 16), heißt es im Jakobusbrief, und das ist auch der Tenor unseres Predigttextes: Bittet, so wird euch gegeben.

Und doch bekommt unser Predigttext noch eine Wendung, die dann doch alles zu relativieren scheint. Am Ende heißt es:

„... wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.“ (Lk 11, 13)

Also geht es nur um den Heiligen Geist? Oder darum, dass die Antwort auf unsere Gebete immer der Heilige Geist ist?

Bei den meisten Dingen, um die wir bitten, ist es doch so: bei genauem Hinsehen können wir erkennen, dass die Nöte der Menschen von Menschen gemacht sind. Und darum können sie auch von Menschen wieder beseitigt werden. Nur ist es nötig, dass wir das auch erkennen. Und das kann natürlich durch den Heiligen Geist geschehen.

Aber da gibt es wieder zwei Probleme.

Zum einen: viele Menschen bitten Gott erst gar nicht. Sie haben das Beten längst aufgegeben oder verlernt. Wie sollen sie da den Heiligen Geist empfangen, wenn sie Gott nicht darum bitten?

Und zum andern: es bleiben immer noch die Naturkatastrophen und Krankheiten, von denen man kaum sagen kann, dass sie von Menschen verursacht sind, obwohl das in manchen Fällen auch zutrifft. Wie hilft uns da der Heilige Geist?

Die Antwort auf die erste Frage ist die: wir können um den Heiligen Geist auch für unsere Mitmenschen beten. Die Fürbitte bekommt hier einen hohen Stellenwert.

Und auf die zweite Frage gibt es diese Antwort: Natürlich hilft der Heilige Geist auch dann, wenn Naturkatastrophen oder Krankheiten auftreten. Nur hilft er nicht gegen sie. Er hilft in ihnen. Er hilft, dass Menschen aufeinander Acht haben, einander helfen und unterstützen. Er hilft, dass Grenzen überwunden werden, die vorher da waren.

Also ist das Gebet nicht vergeblich, auch wenn es nicht ganz so ist, wie die Worte „Bittet, so wird euch gegeben“ suggerieren. Es wird uns gegeben, was wir brauchen, um dem Notstand abzuhelfen. Damit aber sollen wir nicht nur rechnen, damit müssen wir rechnen.

Denn sonst ist unser Gebet wert- und ziellos. Wenn wir nicht darauf vertrauen, dass Gott uns gibt, worum wir bitten, können wir das Beten auch gleich ganz sein lassen.

Aber wenn wir das tun, d.h. wenn wir nicht mehr beten, dann wird es ewig so weiter gehen wie bisher, es wird immer Kriege geben, es werden immer Menschen verhungern, es wird immer Ungerechtigkeit geben. Unsere Welt wird nicht erlöst werden von dem Bösen.

Darum mahnt uns Jesus auch, allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen (Lk 18, 1). Denn nur dann wird uns auch der Heilige Geist gegeben werden, und nur dann wird erfüllt werden, was er uns zugesagt hat: dass er kommen wird, um diese Welt zu erlösen von allem Leid, dass er die Tränen von den Angesichtern abwischen wird, dass Friede herrscht und Gott mitten unter uns ist.

Also betet!

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 9. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Das Kreuz im Hohen Chor der Stiftskirche

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Liebe Gemeinde,

das Kreuz hier am Hochaltar ist eine recht typische Nachbildung eines romanischen Kreuzes. Ich möchte nicht so sehr auf den geschichtlichen Hintergrund, als vielmehr auf die Symbolik eingehen, denn immer diente das Bild durch recht einfach nachvollziehbare Symbolik der Vermittlung grundlegender Glaubensinhalte.

Zunächst einmal erkennen wir an den Enden der Balken so etwas wie Blütenblätter. Drei Kreise, die sich überlappen, wobei aber die Kreise nicht vollständig ausgeführt sind, sondern nur soweit, bis sie auf den nächsten Kreis treffen.

Solche Formen weisen hin auf die Trinität, die Dreieinigkeit Gottes. Im Betrachten des Kreuzes werden wir daran erinnert, dass sich Gott auf dreifache Weise den Menschen offenbart: Als der Schöpfer, als der Erlöser und als der Mittler – Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Christus am Kreuz ist nur ein Aspekt.

Allerdings sind die Kreise so angeordnet, dass man sich durchaus anstelle des Kreuzes auch einen vierten Kreis denken könnte. Dann hätten wir die Zahl Vier vor uns, die die Vollkommenheit der Schöpfung Gottes symbolisiert.

Dass das Kreuz selbst vier Enden hat, die in gleicher Weise gestaltet sind, könnte nun darauf hinweisen, dass die durch Adams Sündenfall von Gott getrennte Schöpfung durch den Tod Christi wieder mit Gott vereint ist.

Wollen wir uns nun diese vier Enden des Kreuzes etwas näher anschauen.

Zunächst sehen wir am oberen Ende einen Engel, der ein Buch in der Hand hält. Fast perfekt füllt der Engel die drei angedeuteten Kreise aus, vielleicht ein Hinweis darauf, dass er das Göttliche repräsentiert oder wenigstens von dort her kommt.

Das Buch selbst ist unbeschrieben, wir können daraus also keine Hinweise ablesen. Allerdings fällt die Handhaltung des Engels auf. Es scheint fast, als wolle er etwas verbergen. Seine linke Hand bedeckt fast die Hälfte der linken Seite. Die rechte Hand hingegen liegt gewissermaßen obenauf, zwei Finger baumeln herunter, so hat es den Anschein. Allerdings ist das eine eher unnatürliche Handhaltung. Die nach unten zeigenden Finger der rechten Hand könnten daher durchaus eine wichtige Funktion haben. Vielleicht findet sich hier ein Hinweis auf die Geschichte von den zwei Emmaus-Jüngern, denen Jesus sagt: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“

Und dann hat er ihnen die ganze Schrift ausgelegt.

Die zwei Finger könnten die beiden Jünger darstellen, wobei sie zugleich auf Christus hinweisen. Dazwischen ist die Schrift als Ganzes, das aufgeschlagene Buch, und man möchte fast mit den zwei Jüngern sagen: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete und uns die Schrift öffnete?“ (Lk 24, 32)

Die linke Hand, die die Schrift zu verdecken scheint, könnte auch anders verstanden werden. So wie man seine Hand auf etwas legt, um es als Ganzes zu bezeichnen, so könnte diese Hand sagen wollen: die ganze Heilige Schrift erzählt uns von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

An den Enden des Querbalkens sehen wir zwei Frauengestalten, die nicht näher bezeichnet sind. Sie unterscheiden sich geringfügig, dafür aber an markanter Stelle. Der Strahlenkranz der Frau zur Rechten Jesu ist nämlich einer Krone ähnlich, während der Strahlenkranz der Frau, die zur Linken Jesu abgebildet ist, einen glatten Rand hat. Man darf wohl vermuten, dass die Frau mit dem kronenähnlichen Strahlenkranz Maria, seine Mutter, ist. Wer die Frau ihr gegenüber ist, bleibt offen. Die Evangelien berichten meist von drei Frauen, die unter dem Kreuz stehen, und nicht immer ist die Mutter Jesu unter ihnen.

Von daher könnte man auch vermuten, dass die Gestalt, die Maria gegenüber dargestellt ist, vielleicht der Lieblingsjünger Jesu sei, weil diesen beiden in der Darstellung der Kreuzigungsszene oft eine herausragende Stellung gewährt wird. Das halte ich aber für eher unwahrscheinlich, schon weil beide Gestalten so ähnlich sind, dass es schwer fällt, in der Gestalt zur Linken Jesu einen Mann zu erkennen.

Am unteren Ende des Kreuzes sehen wir einen Kelch. In vielen Darstellungen der Kreuzigungsszene sieht man Engel, die mit einem Kelch das Blut auffangen, das aus den Wunden Jesu strömt. Der Kelch ist Symbol für das Abendmahl, zu dem sich die betende Gemeinde versammelt und wodurch sie Gemeinschaft hat mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Das abendmahl nährt sich gewissermaßen vom Kreuz her, und darum ist es unter dem Kreuz angeordnet. Wer an der Gemeinschaft des Abendmahls teilnimmt, steht unter dem Kreuz.

Die Mitte des Kreuzes wird umgeben von einem Kreis, der Symbol der Unendlichkeit ist und zugleich auch Symbol des Weltkreises. Hier findet sich auch noch einmal die Vierzahl , weil der Kreis durch das Kreuz in vier gleich große Teile gegliedert wird.

Auf dem Kreis zählen wir insgesamt 12 Kreise bzw. Wülste, die für die 12 Stämme Israels stehen bzw. die Vollkommenheit des Gottesvolkes. Sicher geht es hier nicht um das Volk Israel, sondern um das Volk der Christenheit, dessen einziger Herr Christus selbst ist. Die christliche Kirche umfasst das Kreuz, aber sie wird zugleich auch vom Kreuz beherrscht. So werden die zwei wesentlichen Aspekte der christlichen Kirche sichtbar: zum einen lebt sie immer dem Kreuz Christi zugewandt und empfängt von ihm die Gnade Gottes, die das Leben in seiner Gegenwanrt ermöglicht, und zum andern ist sie ihm untertan, beugt sich gewissermaßen unter das Kreuz.

Schließlich sehen wir Jesus selbst.

Eine solche Jesusdarstellung am Kreuz sieht man selten. In der Regel wird er als der Leidende oder schon Gestorbene dargestellt. Aber hier gibt es keinen Blutstrophen, wir sehen keine Dornenkrone, keine Wundmale, es ist, als sei Jesus gar nicht gekreuzigt.

Diese Form der Darstellung ist ganz typisch für die romanische Zeit, die das Kreuzesgeschehen so deutet, wie der Evangelist Johannes es tat: das Kreuz ist nicht Ort der Qualen, sondern es ist der Thron des Gottessohnes.

Das Kreuz ist nicht Erniedrigung, sondern Erhöhung. Und so sehen wir Jesus mit einer Krone auf dem Haupt, einem majestätischen Blick, der die Worte „Es ist vollbracht!“ (Joh 10, 30) nicht aus tiefem Leid heraus, sondern in großer Souveränität, ja, triumphierend ausgesprochen hat.

Die Arme sind zum Segen ausgebreitet, drei Finger sind ausgestreckt als erneuter Hinweis auf die Trinität.

Wir sehen in diesem Kreuz also Jesus als den, der das Heilswerk Gottes vollendet hat und die Herrschaft in seiner Hand hält. Er ist die Mitte seiner Kirche und ihr Haupt. Mögen wir uns dessen immer auf's Neue bewusst werden.

Amen

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Predigt zum Sonntag Kantate
3. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der Geist des HERRN wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn. Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich. Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde. Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir. Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm.

Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist. Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David. So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger.

Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen. Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm. Amen (1. Sam 16, 14-23)

Liebe Gemeinde!

Der Geist des Herrn – der heilige Geist, würden wir dabei doch gleich denken, und es fällt uns wohl auch schwer, einen solchen Geist getrennt von Gott zu denken, zumal er ja als „Geist vom Herrn“ oder „Geist des Herrn“ bezeichnet wird. Das ließe sich auch anders nicht mit der Trinitätslehre in Einklang bringen: der Heilige Geist ist Gott.

Nun wird aber in der Geschichte, die wir gerade gehört haben, vom Geist des Herrn so geredet, als sei er ein Gesandter Gottes. Man könnte vielleicht von einem Engel reden, der sich unsichtbar ans Werk macht und auf irgendeine Weise den Menschen zu beeinflussen beginnt.

Dabei wirken die Geister, von denen hier die Rede ist, recht unterschiedlich. Der gute Geist, der nur als „Geist Gottes“ bezeichnet wird, vermittelt Segen, er lässt aus allem Handeln des Königs Gutes entstehen. Er wirkt also nicht auf die Person des Königs, sondern auf das, was er tut.

Der böse Geist hingegen macht sich direkt am Gemüt des Königs zu schaffen. Er macht ihn depressiv, er macht ihm Angst.

Dass dieser böse Geist als ein Geist des Herrn bezeichnet wird, finde ich beunruhigend. Kann das wirklich sein? Kann es einen bösen Geist Gottes geben?

Wir haben uns recht intensiv in der Karwoche mit der Frage des Bösen im Handeln Gottes beschäftigt. Dabei können wir aber kaum zu einer klaren, eindeutigen Antwort kommen, denn wie sich das Böse in den Heilsplan Gottes einfügt, warum es überhaupt dazu gehört, das kann uns nur Gott direkt beantworten. Und darauf werden wir wohl noch etwas warten müssen.

Tröstlich ist an diesem Gedanken eigentlich nur eines: Wenn das Böse auch aus Gottes Hand kommt, dann unterliegt es auch der Kontrolle Gottes. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott nichts ohne guten Grund tut.

Ebenfalls beunruhigend finde ich, warum der Geist Gottes durch den bösen Geist Gottes ersetzt wird. Saul war aufgetragen worden, gegen die Amalekiter zu ziehen und den Bann an ihnen zu vollstrecken – d.h. nichts anderes, als dass alles, was zum Volk gehört, vernichtet werden soll: Frauen, Kinder, Mägde, Knechte, Vieh, Ländereien, Wälder, Städte, Dörfer... ob sie nun irgend etwas mit dem Unrecht, das Agag, der König der Amalekiter, getan hatte, zu tun hatten oder nicht, es spielt keine Rolle. Der Bann muss vollstreckt werden an Amalek. (1. Sam 15)

Saul begeht nun den Fehler, dass er das nicht vollständig tut. Er ist barmherzig, so könnte man fast sagen. Aber er ist es dann doch nicht so, dass man erleichtert aufatmen könnte. Nein, das Volk muss schon dran glauben, auch das Vieh, die Städte und Dörfer, die Häuser und Felder. Nur lässt Saul den König am Leben und dazu die gesündesten und kräftigsten Tiere, die er, wie er später sagt, dem Herrn zum Opfer darbringen wollte.

Was er mit dem König Agag vorhatte, bleibt unklar, aber wir erfahren, dass, weil Saul den Bann nicht vollständig an den Amalekitern vollstreckt hatte, Gott ihm das Königtum entzog.

Solch ein Gott gefällt mir nicht. Ich kann zwar verstehen, dass man mitunter klare Grenzen ziehen muss. Aber das geht dann doch zu weit. Alles töten, was nur in irgendeiner Weise mal dem Volk Gottes im Weg gestanden hat? Das muss doch nicht sein. Und dann auch noch wegen dieser Kleinigkeit Sauls Karriere als König beenden, nur weil er den König der Amalekiter verschont und die besten Tiere als Opfertiere aussondert, das scheint eine völlig überzogene Reaktion zu sein.

Gut, Saul hatte nicht verstanden, worum es geht. Aber ehrlich gesagt: ich verstehe das auch nicht.

Man könnte nun lange darüber nachdenken, warum sich Gott geändert hat, warum er durch Jesus Christus die ganze Menschheit und nicht nur das Volk Israel erwählt hat, aber das verkneife ich mir heute, denn eigentlich geht es ja um das, was auf diese einleitenden Sätze folgt.

Der König Saul wurde also vom bösen Geist Gottes heimgesucht. Es war die Strafe dafür, dass er nicht alles vernichtet hatte, was den Amalekitern gehörte.

Eigentlich ist uns die Geschichte ja sehr vertraut. Sie wurde im Kindergottesdienst oder von den Eltern erzählt, und sie prägt sich einem ein, weil man sich schon mit den Figuren, die da im Vordergrund stehen, in der ein oder anderen Weise identifizieren kann. Da kommt z.B. David ins Spiel, und zuvor war Samuel, der Prophet, schon länger auf der Bühne des Geschehens zu erleben. Andere Figuren erscheinen am Rande, wie Isai, der Vater Davids, oder seine Brüder.

Saul ist nun eine Figur, von der man mehr und mehr das Gefühl hat, das sie eigentlich nur dazu dient, David den Weg zum Königtum zu bereiten. So als hätte Gott das von Anfang an im Sinn gehabt, nur dass David zu Beginn noch zu klein war, um König zu werden, und vielleicht noch das eine oder andere zu tun war, bevor David an die Macht kommen konnte.

Bemerkenswert ist, dass, obwohl Samuel dem Saul auf den Kopf zusagt, dass er das Königtum von ihm genommen habe, er dennoch König bleibt. Niemand zweifelt dies an, denn er ist der Gesalbte und damit von Gott selbst Eingesetzte. Kein Mensch, und das sagt David auch später, kann es wagen, seine Hand gegen den Gesalbten des Herrn zu erheben.

Er kann nur von Gott abgesetzt werden, und das dann auch nur durch seinen Tod. Und so ergibt sich im Laufe dieser Erzählung noch manche Merkwürdigkeit, wenn nämlich David eigentlich schon König ist, aber Saul weiterhin auf dem Thron bleibt.

Doch das ist noch nicht dran. Heute geht es einzig um die Musik und ihre Wirkung.

In allem hat Gott seine Hand im Spiel, so deutet es uns jedenfalls der Geschichtenerzähler. Gott nimmt seinen Geist von Saul weg und sendet ihm anstelle dessen den bösen Geist, der den König depressiv und mitunter auch agressiv macht.

Die Berater versuchen nun nicht, Saul in irgendeiner Weise aufzuheitern oder zu beschwichtigen, sondern sie suchen nach dem einzigen Mittel, das diesen bösen Geist vertreiben kann: die Musik, eine Gabe Gottes, genauso wie der böse Geist eine, wenn auch unwillkommene, Gabe Gottes ist.

Warum es nun ausgerechnet ein Harfenspieler sein muss, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass das damals das einzige Instrument war, mit dem man wirklich melodische Musik machen und Mehrklänge erzeugen konnte. Und diese Musik, so meinen die Ratgeber des Königs, wird dazu geeignet sein, den bösen Geist Gottes zu vertreiben.

Woher sie das wissen, bleibt ein Rätsel. Es scheint aber ganz selbstverständlich so zu sein, denn niemand zweifelt diese Aussage an.

Saul lässt sich auf den Vorschlag ein. In dem Moment ist er wohl nicht vom bösen Geist beherrscht, sonst hätte er wahrscheinlich die Ratgeber unwirsch abgewiesen. Und kaum schickt er die Leute los, um einen Harfenspieler zu suchen, kann schon einer der Ratgeber die passende Karte aus dem Ärmel schütteln:

David, der Sohn des Isai, kann ganz toll die Harfe spielen, dazu ist er kräftig, gut aussehend, und vor allem: Der Herr ist mit ihm. Dass Saul da keine Konkurrenz wittert, verwundert ein bisschen. Schließlich ist der Geist Gottes gerade von ihm gewichen, und nun soll einer kommen, mit dem eben dieser Geist ist. Da kann man doch leicht den Schluss ziehen, dass es hier um den Nachfolger im Königtum geht. Doch diesen Argwohn hegt Saul zu dieser Zeit offenbar noch nicht.

Wie gesagt, der Erzähler der Geschichte will uns verdeutlichen, dass in allem, was da geschieht, Gott am Werk ist. Er setzt seinen Plan mitunter auf merkwürdige Weise durch, oder sagen wir es so: er geht Wege, die wir nicht gehen würden. Aber am Ende führen diese Wege dann doch zu einem guten Ziel, und dass sie das tun, ist eben Gottes Werk und hat nichts mit dem Kalkül oder den Fähigkeiten und Handlungen der Menschen zu tun.

Und so kommt David an den Hof des Königs. Es ist, um es noch einmal zu sagen, Gottes Werk. David ist dort nicht nur Harfenspieler, sondern er macht sich sogleich nützlich, wird Sauls Waffenträger und scheint auch als Gesprächspartner und Ratgeber schnell unersetzlich zu werden.

Durch die Musik, die David auf der Harfe spielen kann, wird tatsächlich der böse Geist vertrieben, Saul wird wieder gutmütig, die Angst fällt von ihm ab.

Und das ist es, warum wir diesen Predigttext heute, am Sonntag Kantate, hören und über ihn nachdenken.

Gott hat uns mit der Musik ein Instrument geschenkt, das in der Lage ist, Gottes Handeln gewissermaßen zu lenken. Die Musik vertreibt das Böse, das offenbar auch aus Gottes Hand kommt, und erhebt den Geist. Ich finde das wunderbar, dass Gott uns einen Weg zeigt, wie wir das Böse bezwingen können. Und es scheint so einfach zu sein.

Das wird bestätigt durch die Erfahrung, die Saul damals machen durfte, und das ist auch die Erfahrung, die die Menschen seiner Zeit gemacht haben. Und natürlich erlebten Menschen dies seither immer wieder: Die Musik macht fröhlich.

Dabei kommt es natürlich darauf an, was für Musik da erzeugt wird. Sicher wird nicht für jeden Harfenmusik passend sein. Aber es gibt sicher für jeden die passende Musik, denn die Musikformen sind enorm vielfältig.

Wenn wir in unseren Gottesdiensten Musik machen und auch hören, dann dient das dazu, dass wir uns gegenseitig stärken, stützen und aufbauen.

Letztlich ist die Musik im Gottesdienst nichts anderes als solch eine Musiktherapie, wie sie damals der König Saul erfahren durfte. Durch unsere Lieder machen wir einander aufmerksam auf das heilsame Wirken Gottes in unserem Leben. Die Orgel in ihrer wunderbaren Vielfalt öffnet unser Herz für seine Wundertaten.

Die Musik ist ein einzigartiges Geschenk Gottes. Kein anderes Lebewesen kann sich so vielfältig durch die Musik ausdrücken wie wir Menschen. Zwar gibt es Vögel, die wunderbare Melodien hervorbringen können, aber die Stimmen sind immer gleich, die Tonfolgen ähneln und wiederholen sich.

Dem Menschen hingegen ist es möglich, unendlich viele verschiedene Melodien zu schaffen und auch wiederzugeben, sei es nun mit der eigenen Stimme oder mit Hilfe eines Instrumentes.

Die Musik ist wohl das größte Geschenk, das Gott uns Menschen machen konnte. Geschaffen zu seiner Ehre – das muss man wohl sagen. Denn wen anders könnten wir mit unserer Musik ehren als unseren Schöpfer?

Und so zieht sich das Gotteslob durch die menschliche Existenz hindurch und wird sich fortsetzen, wenn wir vor dem Thron Gottes stehen.

Die Musik ist nämlich das Band, das uns schon jetzt mit dem Reich Gottes verbindet, denn wir bilden gewissermaßen den Gesang und die Musik der himmlischen Scharen schon hier auf Erden in unseren Gottesdiensten ab.

Paul Gerhardt brachte dies in seinem Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ in schöner Weise zum Ausdruck:

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen,
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

9. Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden,
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden.

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muss es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdrossnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen. (EG 503)

Die Musik kann Großes tun. Mögen wir das auch in unserem Leben erfahren, auch dann, wenn wir selbst vielleicht nicht so in der Lage sind, Musik zu machen, wie wir es gerne möchten.

Doch dann lassen wir es uns gefallen, dass andere uns mit ihrem Gesang und ihrer Musik erfreuen. Denn dazu hat Gott uns die Musik gegeben – damit sie uns aufbaue, damit es uns leichter wird und besser und alles Böse von uns weiche.

Amen

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Ansprache zur Domandacht
am 2. Mai 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

Themenreihe: Bild und Bibel

Thema: Das Bilderverbot

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott,der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

(Ex 20, 4-6)

Liebe Gemeinde!

Wenn wir in den kleinen Katechismus Martin Luthers schauen, finden wir darin auch die 10 Gebote. Sie stellen gewissermaßen den Standard unseres Glaubens dar, sie sind die Grundlage unseres Verhaltens. An ihnen misst sich all unser Tun.

Freilich lassen die 10 Gebote reichlich Spielraum für Interpretation – auf jedes Gebot kann man die Frage folgen lassen, was genau gemeint ist – aber dem hat Martin Luther mit seinen knappen Erklärungen schon etwas vorgebeugt.

Doch darum geht es mir heute nicht so sehr, sondern darum, wo Martin Luther diese Gebote her hat.

Die Bibel erzählt davon, wie Mose auf den Berg Sinai stieg und die 10 Gebote dort von Gott empfangen hat. Gott selbst hatte sie auf zwei Steintafeln geschrieben. Doch als Mose mit diesen 10 Geboten wieder zum Volk Israel zurückkehrte, hatten die in aller Ungeduld schon ein goldenes Kalb gegossen, dass sie jubelnd und tanzend verehrten.

Nur 40 Tage hatten genügt, um selbst die Erfahrung der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten vergessen zu machen. Mose war zornig und musste nun ein zweites Mal auf den Berg steigen, um noch einmal die Gebote zu bekommen.

Wenn wir die 10 Gebote aus dem Katechismus Luthers mit denen in der Bibel vergleichen, fällt uns auf, dass eines fehlt: Das zweite Gebot, das wir in der Bibel finden, lautet:

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (Ex 20, 4-5a)

Martin Luther hatte dieses Gebot ausgeklammert, weil er durchaus den Wert der Bilder erkannte und sehr betrübt war darüber, dass an manchen Orten wertvolle Kunstwerke brutal zerstört worden waren. Luther schätzte die Kraft der Bilder, die dem Menschen die Möglichkeit gaben, sich betrachtend der biblischen Geschichte zu nähern. Die Bilder waren auch deswegen wichtig, weil nur die wenigsten lesen konnten. Die Menschen mussten die Möglichkeit haben, selbständig Gottes Taten kennen zu lernen. Sie durften nicht nur vom gesprochenen Wort abhängig sein, denn das konnte natürlich auch in die Irre leiten.

Nicht nur deswegen entschied er, das Bilderverbot aus den 10 Geboten auszuklammern. Vielmehr sah er das Bilderverbot auch im ersten Gebot schon enthalten: du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Nun steht aber in der Bibel dieses Gebot, und es ist natürlich die Frage, wie wir damit umgehen Schon um der schönen Bemalung unserer Kirche willen müssten wir sagen, dass der völlige Verzicht auf Bilder unter keinen Umständen in Frage kommt. Andererseits klingt es ja fast so, als ob man am besten seine Kamera wegwerfen und alle Fotos und Bilder vernichten solle. In Zeitungen dürfte nur noch Text stehen, usw.

Aber Archäologen haben inzwischen festgestellt, dass auch das Volk Israel Bilder kannte und benutzt hat.

Denn das Bilderverbot ist nicht so gemeint, dass man völlig auf Bilder verzichten müsse. Vielmehr geht es darum, die Bilder nicht anzubeten oder ihnen zu dienen. Sie dürfen nicht an die Stelle Gottes treten und ihn damit letztlich ersetzen.

Vielleicht ist hilfreich, dass mit dem Wort Bild im hebräischen Text der Bibel tatsächlich nur Skulpturen gemeint sind und nicht Gemälde. Es geht sicher nicht um Bilder, die mit Worten gemalt werden, also Gleichnisse oder Beschreibungen oder Metaphern. Davon ist unsere Bibel ja voll.

Das Bilderverbot bezieht sich vor allem auf die Praxis der umgebenden Völker. Überall gab es Kultfiguren, die ein Lebewesen abbildeten und damit den Gott, der von dem Besitzer angebetet wurde, repräsentierte.

Und dann könnte man fragen: darf man Bilder machen von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, um ihn anzubeten?

Denn der Gottesdienst am wahren Bild kann doch eigentlich nicht falsch sein?

Aber mit diesen Fragen werden wir an unsere eigenen Grenzen geführt. Wer weiß denn, wie Gott aussieht? Wir können unsere Vorstellung hinein projizieren in Darstellungen von Jesus, von dem wir wissen, dass er menschgewordener Gott ist. Aber darüber hinaus kommen wir nicht, und letztlich würden wir Gott durch solche Darstellungen ja immer auf das reduzieren, was wir uns vorstellen können.

Doch Gott ist größer, weiter, er ist mehr als alles, was alle Menschen zusammen sich je vorstellen könnten.

Dazu kommt, dass Gott sich im Wort offenbart hatte, und darum soll er auch im Wort angebetet werden. Er braucht kein Bild.

Darum können Bilder nur Hilfsmittel sein, einen Aspekt Gottes deutlicher zu erkennen. Sie können aber nie Gott darstellen. Und auf keinen Fall können sie an Gottes Stelle treten und von uns verehrt werden.

Nun mag man noch fragen, was es mit den Kreuzen in unseren Kirchen auf sich hat. Müssten wir nicht auf sie verzichten? Schließlich sind sie an zentraler Stelle in unserem Gottesdienst.

Die Kreuze erinnern uns an das Handeln Gottes. Er hat durch den Tod Jesu am Kreuz unser Heil erwirkt. Wenn Jesus an diesem Kreuz dargestellt ist, so wie wir es in unserer Kirche auch an mehreren Stellen haben, dann zeigen wir hier den Menschen Jesus, der um unserer Sünden willen den Tod erleidet.

All das sind Bilder, die uns das Heilshandeln Gottes deutlicher machen. Wir beten diese Bilder nicht an, machen uns aber durch sie bewusst, wie groß die Liebe Gottes zu uns Menschen ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Jubilate
26. April 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus spricht: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? 18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. 19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. 21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. 22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. 23 An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Amen (Joh 16, 16-23a)

Liebe Gemeinde!

Noch eine kleine Weile

„Ich komme gleich!“ – wie oft haben meine Frau und ich das aus dem Mund unserer Kinder gehört, wenn der Ruf zum Essen erklungen war. Und dann dehnte sich dieses „gleich“ immer weiter und weiter aus. Der zweite Ruf zum Essen wurde in fast gleicher Weise erwidert: „Ja, gleich!“ oder auch „In einer Sekunde!“

Nun, die eine Sekunde wäre auch rein physisch nicht möglich gewesen, denn der Weg zum Esszimmer brauchte schon ein bisschen länger.

Irgendwas hielt sie immer auf, das eine Kind länger, das andere kürzer, aber nur sehr selten war es so, dass wir das Gefühl hatten: ja, das war wirklich ein „gleich“ oder nur eine Sekunde.

Es ist schon merkwürdig mit der Zeit: wenn man sehnsüchtig auf etwas wartet, kriecht sie dahin, und wenn man eigentlich noch mehr Zeit gebrauchen könnte, zerrinnt sie einem zwischen den Fingern.

Dabei sind das alles nur ganz subjektive Eindrücke, denn wir wissen sehr wohl, dass die Zeit nie schneller oder langsamer vergeht. Sie wird genauestens gemessen, der Sekundentakt ist unerbittlich stabil. Und wenn wir uns zu einer bestimmten Zeit verabreden, dann geben wir uns auch alle Mühe, diese Zeit einzuhalten.

Aber nach rund zweitausend Jahren scheint uns das „noch eine kleine Weile“ aus dem Munde Jesu schon ziemlich ungenau zu sein.

Unter einer kleinen Weile würde ich vielleicht ein paar Tage verstehen, höchstens Wochen. Wenn man ganz großzügig sein will, könnte man auch ein paar Jahre daraus machen, aber das würde ich dann bestimmt nicht mehr als „kleine Weile“ bezeichnen.

Und außerdem ist die erste kleine Weile, nach der die angesprochenen Jünger Jesus nicht mehr sehen werden, ja auch nur einen Tag lang. Denn unmittelbar auf diese Worte folgt nur das sogenannte hohepriesterliche Gebet, bevor Jesus dann gefangen genommen und verurteilt wird.

Ein Tag gegen zweitausend Jahre – das passt nicht, das kann man doch nicht mit den gleichen Worten, mit einer „kleinen Weile“, umschreiben.

Und so könnte man schon fragen, was Jesus eigentlich mit einer kleinen Weile meint. Sind das Gottes Maßstäbe, die er da ansetzt? Dann könnte die kleine Weile auch noch einige tausend Jahre andauern, denn Gott ist ja zeitlos, er ist der Ewige, er braucht die Zeit nicht zu messen. Was für uns in tausend Jahren ist, ist ihm längst vor Augen, und tausend Jahre sind vor ihm sowieso nur wie ein Tag und wie eine Nachtwache (Ps 90, 4).

Aber dann dürfte Jesus ja eigentlich auch nicht von einer kleinen Weile reden, denn das ist nun mal gemessene Zeit und nicht Ewigkeit.

Es ist also etwas rätselhaft, diese Rede von der kleinen Weile, und es fällt schwer, zu erkennen, was uns Jesus damit vermitteln will.

Die Jünger sind aber aus anderen Gründen verwirrt. Denn sie ahnen noch nichts von der Gefangennahme ihres Herrn, von seiner Verurteilung und Kreuzigung. Aber auch sie wollen wissen, was das bedeutet: „Noch eine kleine Weile“. Aber sie haben Angst vor seinem Fortsein, vor diesen Worten: „dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.“ (Joh 16, 16a)

Doch brauchen sie Jesus gar nicht zu fragen, denn er weiß schon, was sie bewegt.

Seine Antwort ist allerdings wenig hilfreich, zumindest was die Frage nach der kleinen Weile angeht.

… dann werdet ihr mich nicht mehr sehen

Er geht gleich auf das „dann werdet ihr mich nicht mehr sehen“ ein. Diese Worte deuten hin auf all das, was sich seit Jesu Himmelfahrt in der Geschichte der Christenheit ereignet hat und noch ereignet.

Zunächst einmal ist offensichtlich: Wir sehen ihn nicht. Die Nähe Gottes muss geglaubt werden, sie ist nicht beweisbar. Und das hat dann ganz unterschiedliche Auswirkungen:

Menschen haben sich z.B. Gott zu eigen gemacht, um ihren Mitmenschen Angst zu machen und sie so leichter beeinflussen zu können. Sie berufen sich auf Gott, um ihre eigene Autorität zu stärken und sich so Vorteile zu schaffen.

Andere haben sich gänzlich von Gott abgewandt und führen gewissermaßen einen Glaubenskrieg gegen den Glauben. Erst kürzlich ist mir bewusst geworden, dass es einen „Bund der Konfessionslosen und Atheisten“ gibt, der sogar einen Preis an Menschen verleiht, die sich in herausragender Weise um Weltanschauungsfreiheit, Selbstbestimmung und Toleranz, die Förderung vernunftgeleiteten Denkens wie auch nichtreligiöse kulturelle Angebote verdient gemacht haben. Da wird mit anderen Worten ein Preis für das Nicht-Glauben verliehen, und wer nicht glaubt, gilt erst als freier Mensch.

Wieder andere versuchen, Gott gewissermaßen zu rationalisieren: sie wollen beweisen, dass es ihn gibt, und übersehen dabei oft, dass er sich unseren Maßstäben und unserer Vernunft entzieht.

Es hat schon seinen Grund, warum Paulus im Philipperbrief die Worte sagt, die wir in der Regel am Ende einer Predigt hören: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4, 7)

Die Vernunft kann Gott nicht fassen. Wie sollten wir ihn dann mit unseren Mitteln beschreiben oder gar beweisen können? Es geht nicht.

Wie gesagt, die Nähe Gottes muss geglaubt werden.

Das fällt allerdings besonders schwer angesichts der Ereignisse, die uns jüngst aufgerüttelt haben: Weit über tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken, weil ihr einziger Weg, aus dem Elend des Krieges herauszukommen, illegal ist und darum nur unter Lebensgefahr gegangen werden kann.

Denn es gibt keine andere Möglichkeit für sie. aus dem Elend in ihrem Land heraus zu kommen, weil die Botschaften in den entsprechenden Ländern keine Einreisegenehmigung erteilen, egal, wie kritisch die Lebenssituation dieser Menschen ist.

Es fällt auch schwer, die Nähe Gottes zu glauben, wenn wir hören, dass Menschen ermordet werden, nur weil sie an Jesus Christus glauben.

Was für eine Welt ist das, in der Menschen aufgrund ihres Glaubens getötet werden?

Uns erfüllen solche Nachrichten immer wieder mit Entsetzen, mit Unverständnis und tiefer 'Trauer – dabei war es in unserem Land nicht anders, vor nur etwas mehr als 70 Jahren, als Juden aufgrund ihres Glaubens systematisch verfolgt und getötet wurden.

Es fällt auch schwer, die Nähe Gottes zu glauben, wenn man nach einer gründlichen Untersuchung die Diagnose Krebs zu hören bekommt. Wenn die darauf folgende Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringt, sondern die Kräfte immer weiter nachlassen und man sich auf den nahen Tod einstellen muss.

Es fällt auch schwer, die Nähe Gottes zu glauben, wenn eine Ehe zerbricht, wenn die eigenen Kinder auf die schiefe Bahn geraten, wenn ein Unfall einen lieben Menschen aus dem Leben reißt, wenn man betrogen wird, wenn das, was man sich von Herzen wünscht, nicht wirklich werden kann.

Das ist die Welt, von der Jesus redet, wenn er sagt: Dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.

Es ist eine Welt, in der wir eigentlich nur weinen und klagen können, wie Jesus sagt. Eine Welt, in der andere ihre Triumphe feiern und sich freuen, weil es den Anschein hat, als kämen sie ungeschoren davon mit dem himmelschreienden Unrecht, das sie tun.

Es ist eine Welt, in der wir den Grenzen des Menschseins ausgeliefert sind und es schwer fällt, über diese Grenzen hinweg zu schauen, weil sie uns so unerbittlich, so unüberwindbar erscheinen.

… dann werdet ihr mich sehen

Jesus benutzt ein Bild, um den Lauf der Zeit zu erklären: Wenn eine Frau ein Kind gebiert, ist es für sie mit großen Schmerzen verbunden. Es ist gewissermaßen ein Kampf um das Leben, und der Ausgang ist ungewiss, bis das Kind geboren ist.

Damals kam es öfter vor, dass Frauen während oder kurz nach der Geburt starben. Auch die Kinder wurden nicht immer lebend geboren. Dass bei uns die Säuglingssterblichkeit so gering ist, liegt vor allem an den medizinischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts, die uns vollständig zur Verfügung stehen. Und so war die Geburt auch immer ein Bangen um das Leben, eben ein Kampf, für beide, Mutter und Kind.

Doch wenn das Kind dann geboren ist und die Mutter spürt, dass ihre Kräfte zurückkehren, dann ist die Freude groß, ja, sie ist überschwenglich. Es ist das Gefühl der Erlösung, der Befreiung, das sich da mit Macht Raum schafft und überwältigend sein kann.

So, sagt Jesus, wird es sein, wenn er wiederkommt, wenn wir ihn wiedersehen. Dann wird sich unser Herz freuen, es wird jubeln! Und dann wird es niemanden und nichts geben, was die Freude von uns nehmen kann, denn dann erkennen wir, dass Gott alles in allem ist (1. Kor 15, 28), und nicht nur wir, sondern die ganze Welt, alle Menschen werden das erkennen.

Dann werdet ihr mich nichts fragen, verheißt Jesus (Joh 16, 23a). Denn dann sind alle Fragen beantwortet, auch die nach dem Grund für all das Leid, das sich in der Welt ereignet.

Noch eine kleine Weile, sagt Jesus, und wir fragen: „Wie lange noch, Herr?“

Denn unsere Fragen sind noch nicht beantwortet, und darum wissen wir, dass diese kleine Weile noch nicht vorüber ist. Gottes Maßstab ist offensichtlich ein anderer, und auch das macht uns betrübt und traurig. Wie lange noch? Wie lange noch ist der Ehrgeiz der Menschen wichtiger als das Leben?

Das Wohltuende an unserem Predigttext ist, zu erfahren, dass Jesus von unseren Fragen und Zweifeln weiß.

Er kennt unsere Not, unsere unerfüllte Hoffnung. Und er sagt nicht: es ist alles gut, weine nicht, denn du hast doch keinen Grund. Er sagt vielmehr: „Ihr habt nun Traurigkeit.“ (Joh 16, 22a) Er kennt unsere Lebenssituation, unsere Fragen, unsere Ängste. Er ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er macht uns Mut, durchzuhalten: „noch eine kleine Weile“.

Das ist kein Vertrösten auf den St. Nimmerleinstag, auch wenn es den Anschein hat, sondern ein Hinweis auf den Plan Gottes, durch den diese Welt zu ihrer Vollendung geführt wird. Noch eine kleine Weile – und darum sind wir heute hier, feiern gemeinsam Gottesdienst, danken Gott für alle Bewahrung und bitten ihn, dass er die Trauer in Freude verwandelt, Freude, die ewig bleibt. In diesem gemeinsamen Feiern wird schon etwas sichtbar von dem, was uns verheißen ist. Wir begegnen dem Auferstandenen, wir dürfen die Freude erfahren, dass er da ist.

Ja, wir glauben, dass Gott nahe ist, dass er unsere Sorgen kennt, unsere Irrwege mitgeht, dass er unsere Freude und Wonne ist. Und wir wissen: er kommt. Er ist auf dem Weg zu uns, und wir sind auf dem Weg zu ihm.

Es ist in der Tat nur noch eine kleine Weile – ja, auch wenn wir diese kleine Weile nicht in den vergangenen zweitausend Jahren wiedererkennen können, so ist es für Gott doch tatsächlich nur eine kleine Weile. Und wenn Jesus uns mit solchen Worten tröstet, dann tut er das, um uns Mut zu machen, so zu leben, als wüssten wir:

Morgen ist es so weit, morgen sehen wir ihn in all seiner Herrlichkeit, morgen wischt er ab alle Tränen von unseren Angesichtern, morgen hat alle Ungerechtigkeit ein Ende!

Amen

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Predigt zum Konfirmationsgottesdienst am Sonntag Quasimodogeniti
12. April 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden! Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. (Mt 7, 13-16a)

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Noch darf ich Euch so ansprechen: Konfirmandin, Konfirmand. Dass das Wort soviel wie „der“ oder „die zu befestigende“ bedeutet, wisst Ihr vermutlich. Im Glauben befestigen, darum geht es, und das heißt ja im Grunde nichts anderes, als im Glauben unterrichtet zu werden. Zu lernen, was christlicher Glaube eigentlich bedeutet.

Das habt Ihr nun etwa zwei Jahre lang getan.

Was von dem, was ihr gelernt habt, ist hängen geblieben? Nun, diese Frage müsst Ihr heute nicht beantworten. Ich wünsche Euch aber, dass das, was Ihr gelernt habt, für Euch Wegzehrung sein kann. Es soll Euch Kraft geben, wenn Ihr Euch schwach fühlt. Es soll Euch Ratgeber sein, wenn ihr nicht weiter wisst. Es soll euch Mut machen, wo ihr verzweifeln wollt. Und es soll Euch auch immer wieder Mut machen, die Gemeinschaft der Christen zu suchen, mit ihnen Gott zu loben und auf sein Wort zu hören. Denn nur so kann das geschehen, was Ihr heute versprecht: im Glauben zu bleiben und zu wachsen.

Nun haben wir gerade einen Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium gehört, bei dem ich auf den ersten Blick dachte: Typisch Kirche. Den Zeigefinger mächtig in die Höhe gehoben und ordentlich Angst gemacht!

Aber ist das wirklich so? Manchmal muss man zweimal hinschauen, um einen biblischen Text richtig zu verstehen.

Als Christen sind wir besondere Menschen. Paulus hat es so formuliert: „Nun seid ihr Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Eph 2, 19) Und das bedeutet: wir gehören zu einem auserwählten Personenkreis. Wir dürfen die Gegenwart Gottes genießen. Wir gehören zur Gemeinschaft der Heiligen, auch wenn unser Handeln dies nicht immer zu bestätigen scheint.

Dass Paulus trotzdem so etwas sagen kann, liegt aber ja auch nicht an dem, was wir tun, denken und sagen, sondern an dem, was Gott tut, denkt und sagt – oder besser: was Gott getan, gedacht und gesagt hat.

Denn wir sind Gottes Hausgenossen, nicht weil wir es uns verdient hätten, sondern weil Gott es so wollte. Er hat uns herausgerufen durch die Taufe, er hat uns zu besonderen Menschen gemacht, zu solchen, die zu ihm gehören.

Die Konfirmation ist da also jetzt kein so großes Ding mehr, obwohl sie natürlich ordentlich gefeiert wird. Denn das Wesentliche ist schon vorher, für die meisten von Euch lange vorher, durch die Taufe geschehen. Gott hat an uns, er hat an Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, gehandelt, er hat Euch zu seinen Kindern gemacht, zu seinen Hausgenossen.

Nun kann man natürlich sagen, dass das gar nicht so toll ist, denn es gibt ja gut zwei Milliarden getaufte Christen auf der Welt. Das ist eine unüberschaubare, riesige Menge, da geht meine Wenigkeit sicher unter. So etwas Besonderes bin ich also doch nicht.

Aber wenn wir so denken, dann unterschätzen wir Gottes Möglichkeiten und Fähigkeiten doch ganz gewaltig. Vor Gott ist jeder Mensch, ist jede und jeder einzelne von Euch einzigartig:

Gott kennt Euch. Er blickt nicht auf die Masse von 2 Milliarden Menschen, sondern er blickt in das Herz eines jeden Einzelnen. Gott kann das, denn er ist kein Mensch, dessen Fähigkeiten dann doch ziemlich eingeschränkt sind. Er kann natürlich auch eine Menge von 2 Milliarden Menschen so wahrnehmen, dass er jeden Einzelnen vom andern unterscheiden kann, dass er alles weiß, was man über den einzelnen Menschen nur wissen kann.

Aber er tut das nicht, um uns zu kontrollieren, sondern weil er uns liebt, weil er alles daran setzt, damit wir nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben können. (Joh 3, 16)

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, (Jes 43, 1) sagt Gott durch den Propheten Jesaja und betont damit, dass wir in seiner Obhut sind, dass er uns begleitet auf unseren Wegen, dass er uns zur Seite steht. Es hat also nichts Bedrohliches, und er ergreift auch nicht Besitz von uns, um uns zu Marionetten seines Willens zu machen, sondern es ist ganz fürsorglich gemeint.

So wie gute Eltern für ihre Kinder sorgen und sie selbst dann nicht aus den Augen verlieren, wenn sie längst erwachsen geworden sind und eigene Kinder haben, so ist Gott für uns da.

Und so sind die Worte Jesu, die wir aus dem Matthäus-Evangelium gehört haben, nicht der erhobene Zeigefinger, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, sondern eine fürsorgliche Warnung vor Gefahren, die uns vielleicht nicht so bewusst sind. Es ist so, wie wenn die Mutter zu ihrem Kind sagt: schau erst nach links und rechts, bevor du über die Straße gehst. Sie will damit ihrem Kind die Mittel mit auf den Weg geben, mit deren Hilfe es möglichst unbeschadet die Straße überqueren kann.

So sind die Worte Jesu auch zu verstehen. Sie vermitteln uns das Wissen, mit dessen Hilfe wir unbeschadet hinüber kommen – in die Gegenwart Gottes.

„Geht hinein durch die enge Pforte“, sagt Jesus. Das heißt, der Weg ist nicht ganz einfach. Es kostet Mühe, diesen Weg zu gehen.

Wir müssen allerdings etwas aufpassen, wenn solche Bilder benutzt werden. Wir dürfen sie nicht zu wörtlich nehmen, wir dürfen aber auch nicht zu viel hinein lesen.

Ich würde die enge Pforte so verstehen: Wir müssen uns immer wieder entscheiden. In unserem Leben werden wir immer wieder vor die Wahl gestellt. Und da gibt es dann auf der einen Seite eine recht einfache Lösung, auf der anderen eine etwas – oder auch viel – Schwierigere.

Manchmal sind die Unterschiede nicht so offensichtlich. Manchmal scheint auch das eigentlich leichte die schwierigere Variante zu sein. Wir müssen also schon gründlich überlegen, was für Folgen unsere Entscheidung hat – nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mitmenschen. Das wird besonders spannend, wenn wir für andere Menschen mit Verantwortung tragen. Und dann kann es sein, dass der Weg, der es unseren Mitmenschen einfacher mit, für uns vielleicht der schwerere Weg ist.

Jesus rät uns, den schwierigeren Weg zu wählen. Nicht, weil er Freude daran hat, wenn wir uns abschuften, sondern weil die leichtere Variante meist dann doch einen Haken hat.

Das erleben wir besonders deutlich bei der Werbung: Da kann man z.B. ein Top-Smartphone für 0,- Euro bekommen. Klasse, denkt man sich, und stellt dann fest, dass der Vertrag, den man beim Erwerb dieses Smartphones eingegangen ist, am Ende drei Mal so viel kostet, wie das Smartphone alleine gekostet hätte. Man hätte es günstiger bekommen können, aber das zu recherchieren, kostet doch einige Mühe.

Nun redete Jesus natürlich nicht von Smartphones und den zugehörigen Verträgen, sondern von ganz wesentlichen, lebenswichtigen Dingen. Es geht darum, wie wir unser Leben ausrichten, ob wir bei unseren Entscheidungen nach Gottes Willen fragen, oder ob wir es uns einfach machen und tun, was alle tun, oder was uns alleine nützlich ist.

Die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, so mahnt uns Jesus. Mit solchen Worten haben wir heutzutage so unsere Schwierigkeiten, denn wer will schon gerne von Verdammung reden. Zumal es ja auch nicht an uns ist, zu entscheiden, ob ein Mensch verdammt wird oder nicht.

Aber wenn wir Christus nachfolgen wollen, kann es des Öfteren bedeuten, dass wir gegen den Strom schwimmen müssen. Ob dann alle anderen, die in die entgegengesetzte Richtung schwimmen, weil es so schön einfach ist, die Liebe Gottes nicht erfahren können, entscheiden nicht wir. Gott kann ihnen noch andere Möglichkeiten eröffnen.

Aber das darf uns dann wiederum nicht dazu verleiten, fröhlich mit dem Strom zu schwimmen, -weil Gott uns ja sicher noch eine Chance geben wird, irgendwann einmal. Denn jede Entscheidung, die wir bewusst fällen, hat Konsequenzen.

Wenn wir die Worte Jesu hören, dann gelten Sie uns ganz persönlich. Jeder Mensch muss für sein Leben Entscheidungen treffen, die dann auch nur für ihn Bedeutung haben. Und so urteilen wir nicht über unsere Mitmenschen, sondern mühen uns, den Weg zu gehen, der Gott gefällt.

Weiter mahnt uns Jesus, uns vorzusehen vor den falschen Propheten. Sie erwecken den Anschein, nur unser Bestes zu wollen. In Wahrheit sind sie Wölfe in Schafspelzen.

Wir können sie erkennen, so sagt Jesus, wenn wir auf ihre Früchte schauen. Und das bedeutet: wir sollen sehen, was bei dem rauskommt, was sie tun. Also nicht mitgehen, weil es doch so schöne Worte sind, die da geredet werden, sondern genauer hinschauen, darauf achten, was am Ende dabei rauskommt. Dabei können die Erfahrungen anderer durchaus hilfreich sein.

Und das ist das Gute am Christsein: da gibt es eine Gemeinschaft, die sich immer wieder damit auseinandersetzt, die versucht, den Willen Gottes zu erkennen und ihm zu folgen. Zu dieser Gemeinschaft gehört ihr, und diese Gemeinschaft könnt Ihr nutzen, wenn Ihr mal nicht weiter wisst.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, es ist heute ein großer Tag für Euch. Die Konfirmation ist der Anfang des Weges, den Ihr als verantwortliche Christen selbst gestalten sollt. Vertraut darauf, dass Gott Euch begleitet bei allem, was Ihr tut.

Und wenn Ihr doch einmal eine falsche Entscheidung getroffen habt, dann dürft Ihr Euch damit trösten, dass Gott immer noch etwas Gutes daraus machen kann. Das habe ich viele Male erlebt, und das werdet auch Ihr sicher noch oft in Eurem Leben erfahren.

So wünsche ich Euch, dass Ihr nicht aufhört, nach dem Willen Gottes für Euch zu fragen, damit Ihr Euren Weg getrost und fröhlich gehen könnt.

Amen

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Predigt zum Ostermontag
6. April 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.

Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach. (Lk 24, 13-35)

Liebe Gemeinde!

Wenn man auf dem Weg ist, ist es gut, einen Weggefährten zu haben. Man kann sich einander Dinge erzählen, und wenn man sich noch nicht so gut kennt, auch einfach besser kennenlernen. Der Weg wird kürzer in Gesellschaft, weil man die Bewegung kaum wahrnimmt. Die Unterhaltung lenkt einen ab, unter ihr zerrinnt gewissermaßen der Weg. Und dann ist man plötzlich schon am Ziel.

Andererseits ist natürlich auch der Weg, den man alleine geht, interessant und kurzweilig. Es kommt immer darauf an, welches Ziel man hat, und manchmal ist der Weg das Ziel. Wenn es so ist, dann macht man sich besser allein auf den Weg, weil man dann auch selbst bestimmen kann, wann man innehalten möchte, um einen bestimmten Augenblick, der wichtig geworden ist, festzuhalten.

Nun haben wir gerade die Erzählung von den sogenannten „Emmaus-Jüngern“ gehört, die uns nur vom Evangelisten Lukas überliefert wird. Es ist eine Geschichte des Weges. Und das kann man sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn verstehen.

Im wörtlichen Sinn ist es offensichtlich: sie sind auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Im übertragenen Sinn kann man vom Lebensweg sprechen, auf dem uns Gott begegnet und es nun darauf ankommt, ob wir ihn erkennen oder nicht.

Mich rührt diese Erzählung jedes mal an, wenn ich sie höre. Es regen sich Fragen, die ich bis heute nicht beantworten kann. Aber ich kann Deutungen versuchen, und das will ich auch tun.

Zunächst einmal fällt mir auf, dass nur einer der beiden Jünger einen Namen trägt. Das ist deswegen von Bedeutung, weil die Evangelisten sonst schon Wert auf die Nennung von Namen legen, wenn sich etwas Besonderes ereignet und bekannte Personen involviert sind.

Und das hier ist natürlich etwas ganz Besonderes! Die beiden gehören ja immerhin zu den ersten Zeugen der Auferstehung!

Dass nun nur einer von beiden mit Namen genannt wird, lässt vermuten, dass es auch nur einer von ihnen zu Ruhm gebracht hatte in der frühen Christengemeinde.

Was ist wohl aus dem zweiten geworden? Ist er vielleicht vom Glauben abgefallen? Oder hatte er sich einer Sekte angeschlossen? Oder war er ein Kollaborateur oder Spion? Oder war es vielleicht Lukas selbst, der sich nur nicht zu erkennen geben will? Das würde vielleicht erklären, warum wir die Geschichte nur im Evangelium des Lukas finden. Aber nach aller Kenntnis dürfte er es wohl nicht sein, denn Lukas beschreibt am Anfang des Evangeliums, dass er die über Jesus überlieferten Geschichten zusammengetragen hat. Es gibt da keinen Hinweis darauf, dass er jemals Jesus selbst begegnet wäre.

Über Kleopas erfahren wir sonst nichts. Johannes erwähnt einen Klopas, aber ob das derselbe ist, bleibt offen, denn es ist sonst nichts über ihn überliefert. Man weiß nur, dass Kleopas und Klopas zwei verschiedene Schreibweisen des gleichen Namens sein können.

Nun, das sind alles Spekulationen, aber vielleicht doch interessante Gedankenanstöße. Eigentlich steht aber nur eines fest: die beiden gehören nicht zu den elf Jüngern des engsten Kreises, denn am Ende wird davon erzählt, dass sie den Elf von ihrem Erlebnis berichten. Sie dürften aber zu dem Kreis der größeren Jüngerschar gehört haben. Lukas berichtet davon, dass Jesus 72 weitere Jünger einsetzte (Lk 10, 1); vielleicht gehörten die beiden zu dieser Schar.

Nun sind diese beiden auf dem Weg, und offenbar ist es der Nachhauseweg, denn am Ende erleben wir sie ja, wie sie in Emmaus Jesus ins Haus bitten. Das geht wohl nur, wenn es ihr Zuhause ist. Also sind es Geschwister? Diese Vermutung liegt nahe. Vielleicht sind sie aber auch nur etwas entfernter miteinander verwandt. Auch dann wäre es möglich, dass sie unter dem gleichen Dach ihr Zuhause haben.

Sie gehen also ihren Weg. Es ist ein Weg, der ihnen vertraut ist. Wer in Emmaus lebt, geht öfter nach Jerusalem, denn es ist zu Fuß nur etwa eine halbe Tagesreise. Das war für die Menschen damals kein großes Ding, man bewegte sich ja in der Regel zu Fuß fort. In Jerusalem war das Feiern der großen Feste etwas Besonderes, ganz anders, als wenn man zu Hause wäre. Alleine das wird sie oft diesen Weg geführt haben. Und dann sind sie irgendwann auf Jesus gestoßen. Vielleicht auf diesem Weg, vielleicht auch in Jerusalem, vielleicht erst wenige Tage vor seiner Kreuzigung, vielleicht aber auch schon damals, als er die 72 einsetzte. Denn das geschah, als Jesus auf dem Weg nach Jerusalem war.

Welches Ereignis dazu geführt hatte, dass sie zu den Jüngern gezählt werden, bleibt uns aber letztlich verschlossen. Sie dürften aber einen engen Kontakt zu den Aposteln gehabt haben, denn sie kehrten ja nach der Begegnung mit Jesus gleich zu den Aposteln zurück, um ihnen davon zu erzählen – also mussten sie wissen, wo sie sich aufhielten, und das geht ja nur, wenn sie vorher schon bei ihnen waren.

Damit der Weg nicht lang wird, tauschen sie sich über die letzten Ereignisse aus: Die letzten Reden Jesu vom Ende Jerusalems und der Zerstörung des Tempels, die Tempelreinigung, die plötzliche Gefangennahme (auch wenn sie vermutlich nicht dabei waren, so hatten sie doch sicher durch die Elf davon gehört) und schließlich die Kreuzigung. Ja, und dann das leere Grab – auch von diesem Ereignis hatten sie erfahren, wie sie ja wenig später selbst berichten...

Das ist reichlich Gesprächsstoff. Es ist aber vor allem Enttäuschung, die sie da bei ihrem Gespräch bewegt haben dürfte. Denn alle Hoffnungen waren zerstört: Jesus war nicht der Messias, weder der politische noch der geistliche. Er hatte keine Revolution ausgelöst, und er hatte auch die religiöse Praxis nicht reformieren können. Er war tot.

Die Nachricht vom leeren Grab, die sie noch gehört hatten, bevor sie sich auf den Heimweg machten, war eher verstörend gewesen als hoffnungsvoll. Wer wusste schon, was dahinter steckte. Es hatte ihnen allen Angst gemacht, denn höchstwahrscheinlich steckten ja jene dahinter, die mit aller Macht versuchen wollten, dem Ganzen ein Ende zu setzen und Jesus ein für allemal aus dem Gedächtnis der Menschen zu tilgen. Auch darum hatten sie sich auf den Weg nach Emmaus gemacht, denn so waren sie deren Zugriff entzogen.

Und da kommt ein Mann und gesellt sich zu ihnen. Es ist Jesus. Aber sie wissen es nicht. „Ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.“ (Lk 24, 16)

Es lag also nicht an ihnen, dass sie ihn nicht erkannten, sondern Gott verschloss gewissermaßen ihre Augen. Konnte das sein? Sie kannten doch seine Stimme, und sie wussten, wie er aussah. Sicher haben sie ihn doch angeschaut, und ihm zugehört haben sie auf jeden Fall, denn davon wird uns ja berichtet. Das Vertraute, das ihnen kurz zuvor noch Hoffnung gegeben hatte, war jetzt aber nicht mehr da.

Denn sie wussten es anders. Die mit der Vernunft fassbare Wahrheit stand ihnen gewissermaßen im Weg. Jesus konnte gar nicht da sein, denn er war ja am Kreuz gestorben. Selbst wenn der Fremde, der sich da zu ihnen gesellt hatte, eine frappierende Ähnlichkeit mit Jesus hatte, konnte er es doch nicht sein.

Kennen wir das nicht auch? Weil wir etwas für unmöglich halten, kann es auch nicht sein. Und wenn es dann doch da ist, nehmen wir es nicht wahr.

So mag es vielen Menschen mit Gott gehen. Sie halten seine Existenz für wenigstens unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich. Und darum können sie ihn auch nicht wahrnehmen, obwohl er präsent ist und auch in ihr Leben auf seine Weise hinein wirkt.

Jesus gibt sich aber auch nicht zu erkennen. Er sagt nicht: ‚Ich bin’s, erkennt ihr mich denn nicht?‘ Sondern er tut auch noch so, als ob er’s nicht wäre. ‚Was ist passiert?‘, fragt er, so als sei er ahnungslos und wüsste nichts von dem, was geschehen war.

Er will es aus ihrem Mund hören. Den ersten Schritt müssen sie machen, damit ihre Augen wieder aufgetan werden können. Aber dann steht als nächster Schritt nicht seine Offenbarung als der Auferstandene an, sondern die Erklärung, warum das alles geschehen musste.

Es ist ein Weg, auf dem sie sich befinden und auf dem man nun mal nicht gleich alles auf einmal sehen kann.

Die Erklärung, die sie für die vergangenen Ereignisse erhalten, hat nichts mit logischen Gründen zu tun, denn damit käme man sicher nicht sehr weit. Jesus zitiert die Schriften des Bundes, er zieht die Propheten heran, und er zeigt dabei eine ausgesprochene Schriftkenntnis, die sie an ihm zu seinen Lebzeiten sicher auch schon feststellen konnten. Vielleicht hätten sie ihn daran erkennen können. Aber ihre Augen bleiben geschlossen.

Dennoch haben seine Worte ihren Gemütszustand verwandelt. Sie sind nun nicht mehr enttäuscht, sondern es rührt sich wieder Hoffnung in ihnen, und die Angst ist von ihnen gewichen.

„Bleibe bei uns,
denn es will Abend werden
und der Tag hat sich geneigt.“ (Lk 24, 29)

Es klingt fast wie die Poesie eines Psalms, wo in zwei Zeilen das gleiche auf verschiedene Weise gesagt wird:

Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand,
und auf Tröster, aber ich finde keine. (Ps 69, 21b)

oder:

Gott sei uns gnädig und segne uns,
er lasse uns sein Antlitz leuchten. (Ps 67, 2)

Es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.

Es ist auch eine Frage der Gastfreundschaft. Der Fremde hatte ihnen neue Hoffnung gegeben, nun wäre es unhöflich gewesen, sich an der Haustür von ihm zu verabschieden und ihn ohne ein Essen weiter ziehen zu lassen. Sie wussten ja auch nicht, ob er in Emmaus wohnte oder vielleicht noch einen längeren Weg vor sich hatte, etwa nach Lydda oder Joppe.

Vielleicht hatte er es erwähnt, aber die Unterhaltung hatte sich ja doch auf das konzentriert, was sich mit Jesus ereignet hatte dort in Jerusalem.

Der Tag hat sich geneigt. Das Licht verlischt. Der Morgen der Auferstehung steht zu dieser Stunde des geneigten Tages in starkem Kontrast, denn es ist die Stunde der Grablegung. Ob das eine Bedeutung hat?

Wenn sie ihn hätten gehen lassen, wäre er für sie wohl tatsächlich gestorben gewesen, ein für allemal begraben.

Aber das ging nicht. Denn da war etwas, was sich nicht beschreiben ließ, ihnen aber dennoch das Gefühl gab, dass da noch etwas kommen könnte. Und so baten sie ihn herein. Die Hoffnung trieb sie. Wenigstens etwas zu essen wollten sie ihm geben.

Nach der Gewohnheit baten sie den Gast, das Brot zu teilen. Und das tat er – gerade so, wie er es damals beim Abendmahl getan hatte. Ob sie auch dabei waren? Das kann eigentlich nicht sein, denn die Schar, die sich mit Jesus zum Abendmahl zusammenfindet, besteht nur aus den Aposteln, so berichtet es uns Lukas wenigstens (Lk 22, 14).

Es kann also nicht ein plötzliches Erinnern sein, sondern es ist Gott selbst, der ihnen plötzlich die Augen öffnete (Lk 24, 31).

Und genau in diesem Moment verschwindet er vor ihren Augen. Ist das nicht grausam? Da, wo sie ihn erkennen, wo sie endlich wissen, dass der Herr bei ihnen ist, verabschiedet er sich. Aber genügt das nicht? Wer den Herrn erkennt, hat doch alles, was nötig ist. Zwar möchten wir uns gerne in seiner Gegenwart sonnen, aber im Grunde können wir das ja in jeder Sekunde unseres Lebens. Denn Gott ist da, daran besteht kein Zweifel.

„Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ (Lk 24, 32)

Brannte nicht unser Herz … Das Feuer der Liebe, der Hoffnung, der Sehnsucht – es brannte, es loderte in ihnen, und sie hatten ihn doch nicht erkannt.

Ja, so geht es uns wohl oft. Unser Herz brennt, und wir merken nicht, dass Gott am Werk ist.

Ich nehme aus der Geschichte drei Dinge mit:

1. Die Hoffnung nicht aufgeben

Die Emmaus-Jünger waren hoffnungslos und voller Angst. Aber dazu gab es keinen Grund. Denn alles, was da geschehen war, musste so geschehen. (Lk 24, 26)

Gottes Plan ist ein anderer als der unsere. Gott handelt auf seine Weise. Und darum gibt es keinen Grund, die Hoffnung aufzugeben, auch dann nicht, wenn alles hoffnungslos zu sein scheint. Gottes Plan ist vollkommen.

2. Im Kontakt bleiben

Es ist gut, immer wieder die Bibel aufzuschlagen und darin zu lesen. Denn Gott redet durch sein Wort zu uns.

Es ist gut, immer wieder den Gottesdienst zu besuchen und in der Gemeinschaft mit anderen Christen Gott zu loben, auf sein Wort zu hören und zu ihm zu beten.

Es ist gut, mit anderen Christen Gemeinschaft zu haben und sich über seine Erfahrungen mit Gott auszutauschen. Denn so geben wir Gott die Möglichkeit, uns gewissermaßen zu erklären, warum die Dinge nicht so geschehen, wie wir es uns vorgestellt haben.

3. Auf mein Herz hören

Unser Herz sieht manchmal besser, als unsere Augen es je könnten. Aber wir verlassen uns meist nur auf das, was wir mit unseren eigenen Augen sehen können. Wir sollten mehr auf unser Herz achten, denn damit sehen wir das, was unsere Augen nicht sehen können. Wir sehen Gott am Werk. Und das gibt uns Kraft und Hoffnung und Zuversicht.

Amen

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Predigt zum Ostersonntag
5. April 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war. Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus und sie kamen zum Grab.

Es liefen aber die zwei miteinander und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab, schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein. Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort. Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte. Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste. Da gingen die Jünger wieder heim. (Joh 20, 1-10)

Liebe Gemeinde!

Das Osterfest, es ist nun da,
es klang schon das Halleluja,
wir singen es mit großer Freud:
Der Herr ist auferstanden heut!

So lasst uns hören die Geschicht’,
die da gescheh’n im Morgenlicht,
Johannes will sie uns erzählen,
das will ich euch nun nicht verhehlen.

Vor zweimal tausend Jahren bald
– vielleicht war es da auch so kalt
wie es an diesem Morgen ist? –
der Hahn, er krähte auf dem Mist.

Denn es war frühe Morgenstund:
Die Sonne stieg aus dunklem Schlund
und hellte auf die Dunkelheit
und brachte etwas Fröhlichkeit.

So langsam regte sich die Welt,
am Sabbath war sie ruhig gestellt.
Jetzt fing das Tagwerk wieder an,
So manches Lied da auch erklang.

Doch war da eine noch ganz traurig,
was sie nun plante, war schon schaurig,
sie wollt’ den Leichnam pflegen gern
von ihrem so geliebten Herrn.

Den hatte man am Freitag erst
getötet. Das war so ein Schmerz,
und machte ihr so große Pein,
sie wollte nicht alleine sein.

Drum wandte sie sich jenen zu,
bei denen sie erhoffte Ruh
und Freiheit auch von dieser Last,
die ihr das Herz so schwer umfasst.

So ging sie hin an einen Ort;
Die Jünger waren alle dort
die einst mit Jesus zogen hin
und auch mal her – das macht ja Sinn.

Sie waren alle beieinand’,
sie reichten im Gebet die Hand,
sie schwiegen auch ganz feierlich,
und rührten ihre Hände nicht.

Es war ja Sabbat, und das heißt,
dass niemand je wohin verreist.
Man lässt die Arbeit Arbeit sein
und richtet sich zu Hause ein.

Am Sabbath soll man nämlich ruhn,
und möglichst keine Arbeit tun.
Man widmet sich allein dem Herrn,
und tut das sicherlich auch gern.

Doch diesmal war es allen bang,
sie schraken auf bei Waffenklang,
wenn eine Stimme sich erhob,
auch wenn es war zum Gotteslob.

Dazu kam noch die große Scham,
und dann auch noch nagender Gram.
Sie sahen sich nur auf der Flucht,
Und stießen auf ’ne große Schlucht.

Sie ließen ihren Herrn allein,
sie wollten gar nicht bei ihm sein,
in seiner schlimmsten, größten Not,
als vor ihm lag der bitt’re Tod.

Jesaja klang bei ihnen an,
wie er erzählt von einem Mann,
der duldet Marter und auch Pein;
‚Herr Jesus, das kannst du nur sein!

Wir waren nicht an deiner Seit’,
es ist der Menschen Eitelkeit,
wir bitten dich, vergib uns heut,
wir sind nur arme Fischerleut.‘

(Nicht jeder war ein Fischersmann,
doch darauf kommt’s jetzt auch nicht an,
Nur reimen sollte es sich gut,
ich meine, dass es das auch tut.)

So mag es wohl gewesen sein,
die Herzen waren schrecklich klein,
sie hatten Furcht, sie schämten sich,
und grämten sich ganz fürchterlich.

So dachte jeder wohl allein,
was sein Versäumnis könnte sein,
sie hatten nicht den kleinsten Mut,
dem Petrus tat das gar nicht gut.

Er hat geweint, er hat geklagt,
der Kummer ihn schon fast zernagt,
was konnte er denn jetzt noch tun?
denn jeden Morgen kräht das Huhn.

Ach nein, es ist ja wohl der Hahn,
der kündet von der Sonne Bahn,
er schenkt ihm die Erinnerung
und damit die Verzweifelung.

Die Trauer wiegt mitunter schwer,
sie macht uns von Gedanken leer,
sie schließt die Ohren, macht uns kalt:
so wird man einsam ganz schön bald.

Drum machte sich Maria auf,
den Weg zum Grab ging sie hinauf,
und als sie so von dannen schritt,
klang dumpf ihr Herz bei jedem Tritt.

Es war so eine heil’ge Stund’,
die selten macht bei uns die Rund’,
Im Herzen wird die Liebe groß,
man fühlt sich wie in Gottes Schoß.

Maria brauchte nur das eine,
dass sie mit ihm noch mal alleine
für eine Stunde könnte sein
im frühen Morgensonnenschein.

Der Weg, er wurde ihr nicht lang,
und ihr ward auch so gar nicht bang,
es war ein Sehnen in ihr drin,
sie wollte nur zum Herren hin.

Es fiel ihr nicht mal dieses ein:
Wer wälzt vom Grab mir weg den Stein?
Sie geht ganz still, ihr Kopf ist dumpf,
es ist, als ginge sie im Sumpf.

Der letzte Weg, er fällt nicht leicht,
die Wangen sind von Tränen feucht,
der Weg erscheint unendlich lang
man hört nicht mal den Vogelsang.

Doch welch ein Schreck! Was sieht sie da:
Der Stein! Der Stein ist nicht mehr da.
Das Grab, es steht ganz offen jetzt:
Man hatte ihren Herrn versetzt!

Doch wo? Es fiel ihr gar nicht ein,
zu groß war jetzt die Leidenspein.
Was ihr jetzt auf dem Herzen lag,
das ging doch nicht an diesem Tag.

Sie konnte ihn beweinen nicht
an diesem ersten Tageslicht!
Es war ein grauer, trüber Tag
gar niemand sich dran freuen mag.

Die Trauer blieb fest in ihr drin,
wo sollte sie nur damit hin?
Es gibt kein Grab und keinen Ort,
der, den sie liebt, der ist nun fort.

So eilt sie zu den andern gleich,
die hörten sie und wurden bleich.
Doch schnell schon wendet sich das Blatt
sie ist ’ne Frau – ihr Geist ist matt!

Und wenn’s kein Mann gesehen hat,
dann fand es eben auch nicht statt.
Zumal: Maria ist ja ganz allein,
doch sagt sie „wir“ so wie von zwei’n.

„Wir wissen nicht, wo er nun liegt“
ob sie jetzt doppelt so viel wiegt?
Zwei Jünger machen sich drum auf
und starten einen schnellen Lauf.

Der Petrus ist ganz klar dabei,
wer ist der Jünger Nummer zwei?
Das sagt Johannes leider nicht,
verschweigt es ganz in der Geschicht’.

Der Jünger also läuft und rennt,
der Petrus hat es wohl verpennt,
vielleicht ist er auch schlicht zu alt
und von nicht kräftiger Gestalt.

Der Jünger Nummer zwei kommt an
– er ist ein junger, starker Mann! –
Er kommt und schaut – und schaut nochmal
und sieht nur sowas wie ’nen Schal.

Da liegen nur die Tücher rum,
da scheint es ihm dann doch zu dumm,
er wartet, denn Autorität
die kommt wohl immer etwas spät.

Der Petrus schnauft und kommt gerannt
und stützt sich erstmal an der Wand,
er holt ein paar Mal ganz tief Luft
und schaut dann selber in die Gruft.

Der Jünger Nummer zwei fragt sich
ob das noch ganz geheuerlich,
doch Petrus, der geht gleich hinein
und lässt den andern mal allein.

Der steht noch immer vor dem Grab
das ihm ein schönes Rätsel gab,
doch dann macht er auch einen Schritt
und schwupps! er in das Grab eintritt.

Es ist noch nicht so richtig hell,
er sieht nicht viel von seiner Stell
Zumal er in dem Eingang steht
wo eigentlich das Licht reingeht.

So dauert es erst eine Weil,
er denkt sich ganz ruhig seinen Teil,
dann sieht er Petrus, wie er steht
und sich mal hier-, mal dorthin dreht.

Er sieht ein Tuch: beim ersten Mal
erschien es ihm fast wie ein Schal.
Das Tuch, es liegt so kreuz und quer,
in ihm gewickelt war der Herr.

Das pflegt man dort wohl so zu tun
dass Tote können ewig ruhn.
Der Petrus aber ist nicht dort,
er sagt noch immer nicht ein Wort.

Er schaut auf eine and’re Stell,
dort wird es langsam dann auch hell,
da liegt ein and’res Tuch herum,
der Petrus macht sich etwas krumm.

Er bückt sich und hebt’s schweigend auf;
das Rätsel, es nimmt seinen Lauf,
er guckt den andern fragend an,
der steht ganz ratlos, Mann oh Mann!

Das Tuch war um den Kopf gewandt,
als Schweißtuch wird es auch benannt.
gefaltet war es so wie neu,
das sahen beide voller Scheu.

Die Stelle, wo der Herr gelegt,
sie war ganz sauber und gefegt,
Der Leichnam – er ist nicht mehr da
Maria das wohl richtig sah.

Sie wundern sich so eine Weil,
es denkt sich jeder seinen Teil,
der Jünger mit der Nummer zwei,
er sagt es schließlich frisch und frei:

„Er ist nicht hier – das ist wohl klar,
es ist vielmehr ganz offenbar,
dass niemand etwas sagen kann
wo er nun ist; nicht Frau noch Mann.“

Sie ahnen nicht, was hier geschehn,
und bleiben noch ’ne Weile stehn,
dann wenden sie sich wieder fort
und geh’n an ihren Heimatort.

Als sie Maria wiederseh’n,
da bleiben sie erst einmal stehn,
und sagen kleinlaut und gedrückt:
„Du hattest Recht, bist nicht verrückt!

Doch können wir nun auch nicht sagen
was da geschah in diesen Tagen,
wir waren schließlich alle hier:
die eins und zwei und drei und vier.

Und dazu dann auch noch die acht
die er zu Jüngern hat gemacht.
Im Ganzen also zwölf – mit dir!
Maria, es war’n alle hier.

So hat es keiner je geseh’n,
was an dem Grabe ist gescheh’n,
wir wissen nicht, wo er jetzt ist,
der, unser Meister Jesus Christ!“

So endet leider unser Text,
das scheint schon fast so wie verhext,
im Dunkel bleibt, was dann geschah,
doch nicht für uns; für uns ist’s klar!

Wir wissen ja, wie’s weiter geht,
wie selbst der Thomas dann versteht
dass Jesus erst ganz tot sein muss
wie eine taube, hohle Nuss.

Erst dann kann er das Leben sein,
und alle zu sich laden ein.
Erst dann wird unser Leben neu
wenn wir dem Herren bleiben treu.

Er hat gesiegt. Der Tod ist tot!
Wir sind erlöst von aller Not!
Die Trauer wandelt sich in Freud’,
drum sind wir alle fröhlich heut’.

Denn Gott hat uns wohl in der Hand,
wir bleiben nicht im Totenland,
der Himmel steht uns endlich offen,
das dürfen wir von heut’ an hoffen!

Der Herr ist auferstanden nun,
drum sollen wir auch nicht mehr ruhn,
wir gehen ein und gehen aus
und sagen es von Haus zu Haus:

Das Leben, es behält den Sieg!
Es sollte nicht mehr geben Krieg,
nicht Streit, nicht Hass, nicht Neiderei,
Der Friede bei uns allen sei.

Der Friede Gottes, der ist da,
er ist auch unsern Herzen nah.
So woll’n wir alle fröhlich sein,
und singen Gott in unsern Reih’n!

Amen

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Predigt zur Osternacht
5. April 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. 2 Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. 3 Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. 4 Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit. (Kol 3, 1-4)

Liebe Gemeinde,

Auferstehung – können wir das glauben? Können wir es uns vorstellen, dass sich, so wie wir es vorhin aus dem Buch des Propheten Hesekiel (Hes 37) gehört haben, Knochen zusammenfügen, ja, sogar die, die wild durcheinander liegen? Können wir uns vorstellen, dass sie wieder ihren Platz finden, dass sich darauf Sehnen und Muskeln, zuletzt die Haut bilden, und schließlich wieder der Odem des Lebens in diese Körper eingehaucht wird?

Man mag an Gruselfilme mit Zombies und solchen Sachen denken, aber da weiß man, dass das alles nicht echt ist. Wir wissen doch, dass die Toten in Wahrheit tot sind.

Doch da sagt uns Paulus, trotzdem wir es anders wissen: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden“. Das macht stutzig.

Erstmal: Sind wir das denn? Mit Christus auferstanden? Ist Auferstehung nicht an den Tod gebunden? Ich meine, sind es nicht die Toten, die auferstehen? Aufgestanden bin ich, vielleicht auch noch nicht ganz so munter, wie ich es mir wünsche, aber auferstanden – so tot war ich nun nicht, ich habe nur fest geschlafen.

Wir müssen uns da mal etwas umschauen, um diese Worte des Paulus besser zu verstehen. Im Kapitel davor heißt es:

„Mit Christus wurdet ihr begraben durch die Taufe, mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben, den Gott wirkt, welcher ihn auferweckt hat von den Toten. Und Er (Gott) hat euch mit ihm (Christus) lebendig gemacht.“

Es geht also um den alten Menschen, den, der vor der Taufe existierte, und den neuen Menschen, der gewissermaßen aus der Taufe gehoben wurde. Der alte Mensch ist tot, ersäuft im Wasser der Taufe.

Es geht also um die Taufe. Die Taufe schafft das neue Leben.

Also sind wir tatsächlich nicht nur aufgestanden an diesem Morgen, sondern wir sind auch auferstanden, wie Paulus schreibt, und das schon etwas länger, nämlich seit unserer Taufe. Und so ermuntert uns Paulus, zu suchen, was droben ist und nicht das, was auf Erden ist.

Ich habe mit dem „droben“ meine Probleme, solange es als oben, über uns, verstanden wird. Denn es gibt keine wirkliche räumliche Trennung zwischen Gott und den Menschen, nicht seit Jesus Christus. Er hat diese Trennung überwunden durch seinen Tod, und so dürfen wir auf die Nähe Gottes vertrauen – nur dass sie nicht immer so deutlich spürbar ist, wie wir es uns vielleicht wünschen.

Aber Gott ist da – denn das Himmelreich, das Reich Gottes, ist mitten unter euch, hat Jesus gesagt (Lk 17, 21), und das ist es seither auch geblieben. Nur können wir es nicht so wahrnehmen, wie die Welt „unten“, das irdische, weil die Sinne für dieses Reich Gottes nur sehr schwach entwickelt sind.

Diese Unterscheidung, die da zwischen Himmel und Erde gemacht wird, zwischen oben und unten, ist also nur eine Hilfe, um zu verdeutlichen, dass wir, auch wenn das Himmelreich mitten unter uns ist, noch nicht mitten im Himmelreich sind.

Das eine bedingt nicht automatisch das andere. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass das Reich Gottes in unser Leben hinein reicht, dass es erfahrbar ist, wobei natürlich jeder dies auf seine ganz eigene Weise tut.

Man kann schon seine Sinne schärfen und so empfindlicher werden für das, was das Reich Gottes ist. Zum Beispiel, indem man regelmäßig in der Bibel liest und indem man betet, indem man sein eigenes Leben nicht mehr im Kontext des „unten“, sondern des „droben“ zu sehen und zu deuten versucht.

Und das bedeutet im Klartext: Immer neu nach dem Willen Gottes fragen, Entscheidungen nicht nach praktischen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten fällen, sondern nach dem Willen Gottes. Der wird offenbar in den 10 Geboten, und noch deutlicher in dem Doppelgebot der Liebe: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst. (z.B. Lk 10, 27)

Die Liebe zu Gott kommt dem Trachten nach dem Reich Gottes gleich. Dazu fordert uns Paulus auf. Bemüht Euch, da hineinzukommen, hinzu zu gehören. Tut alles, was dafür nötig ist, und lasst euch nicht von dem irdischen ablenken, oder noch schlimmer, versucht nicht, zur Erde zu gehören. Denn dazu gehört ihr sowieso schon: aus Erde bist du gemacht, und zu Erde sollst du werden.

Da werden einem dann vielleicht manche Entscheidungen unserer Kirchenleitungen, vor allem der EKD, bewusst, bei denen man sich fragen mag, ob das, was da von sich gegeben wird, noch etwas mit dem Willen Gottes zu tun hat oder nicht doch viel eher mit dem Willen der Menschen.

Sicher sollen und dürfen wir nicht nur einfach schwarz-weiß malen, aber sicher gibt es auch Grenzen für unser Handeln, an die wir uns um unserer Mitmenschen willen halten sollten.

Im Grunde geht es um die Befreiung von den Fesseln, die uns die Erde, diese Welt, anlegt. Paulus beschreibt diese Befreiung mit dem Tod. Das mag erst merkwürdig sein, denn der Tod scheint uns ja endgültig zu binden. Aber wenn wir auf den Tod aus der Perspektive Gottes blicken, dann macht uns der Tod frei von allen Zwängen, die uns gefangen halten.

Es ist aber nun nicht der physische Tod gemeint, den unser Körper irgendwann erleiden wird, sondern, noch einmal, der Tod, der sich durch die Taufe ereignet. Es ist also der Tod, auf den die Auferstehung folgt und warum Paulus dann auch sagen kann: Ihr seid mit Christus auferstanden.

Als Auferstandene leben wir anders. Wir leben auf das Gottesreich hin. Wir haben etwas an uns, was uns von anderen Menschen, von denen, die nicht getauft sind, unterscheidet.

Aber wie wird dieses Andere erkennbar? Wie wird deutlich, dass wir im Grunde schon zum Himmelreich, zum Reich Gottes, gehören?

Paulus schreibt zu dieser Frage, dass es offenbar werden wird, wenn Christus sich offenbart. Es kann also noch eine Weile dauern.

Aber andererseits ist es natürlich schon da, dieses „Vom-Himmelreich-Sein“. Nur erkennen wir es selber an uns vielleicht am wenigstens, denn es fällt uns schwer, den nötigen Abstand von uns zu gewinnen, um uns zu betrachten und diese Qualität, die uns durch die Taufe geschenkt ist, zu erkennen.

Dennoch gilt: wir sind wer, auch wenn das für uns selbst nicht so offensichtlich ist. Als Christen haben wir immer sozusagen einen Fuß in der Welt „droben“.

Das müssen wir uns nicht als ungeheuren Spagat zwischen dem physischen Himmel über uns und der Erde, auf der wir stehen, vorstellen. Gemeint ist das Bewusstsein, schon zu Gottes Reich dazu zu gehören, obwohl dieses Reich Gottes noch nicht gänzlich offenbar geworden ist, sondern eben nur zeichenhaft durch das Wirken und die Verkündigung unseres Herrn.

Wir dürfen uns vorstellen, was für eine Freude es sein wird, wenn wir endlich offenbar werden mit Christus in Herrlichkeit. Wir werden offenbar – d.h. unsere Taufe wird so sichtbar, dass alle es sehen können. Ich weiß nicht, wie das aussehen wird, aber es ist so, als würden wir z.B. alle weiße Gewänder tragen. Aber das alleine unterscheidet uns noch nicht ausreichend von denen, die nicht auferstanden sind durch Christus. Es ist die Herrlichkeit Gottes, die um uns leuchten wird – eine Herrlichkeit, die alles andere überstrahlt.

Das sind wir. Jetzt schon. Leuchtend, strahlend – nicht radioaktiv, sondern vor Freude. Wir haben den Glanz Gottes an uns. Lassen wir uns den nicht nehmen!

Aber hüten wir uns auch davor, ihn für uns selbst behalten zu wollen. Der Glanz Gottes will strahlen, in alle Himmelsrichtungen, zu allen Menschen. Da gehören darum auch wir hin: zu den Menschen, die die Liebe Gottes nicht erfahren, die verzweifelt sind, die leiden.

Wir sind auferstanden mit Christus. Uns sollte eigentlich nichts mehr runterziehen können, denn wir gehören schon nach droben. So schenke uns Gott die nötige Leichtigkeit, vor allem natürlich heute, an diesem fröhlichen Tag, aber dann auch an allen anderen Tagen.

Amen

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Predigt zum Karfreitag
3. April 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Sie nahmen Jesus und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied. (Joh 19, 16b-30)

Liebe Gemeinde!

Pilatus bekommt ein letztes Mal in der Passionsgeschichte eine besondere Rolle zugewiesen, noch einmal ist er es, der Zeugnis gibt über das wahre Wesen Jesu: „Jesus, der König der Juden“ – diese Worte lässt er auf das Kreuz setzen. Daraus entstand das „INRI“, das uns vertraut ist – es ist über fast jeder Kreuzesdarstellung zu finden und ist die Abkürzung für die lateinischen Worte: „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“. Da die lateinische Schrift kein „J“ kennt sondern anstelle dessen das I benutzt, kam es zu der bekannten Abkürzung.

Pilatus bringt damit zum Ausdruck, dass er mit dem politischen Anspruch, der darin anklingt, keine Probleme hat. Als er Jesus verhörte, hatte er erkannt, dass er unschuldig war. Er wusste: König der Juden war im geistlichen Sinn gemeint. Jesu Reich war nicht von dieser Welt. Und das bringt Pilatus nun, wenn auch nicht ganz eindeutig, zum Ausdruck.

Für Johannes war es wichtig, dass dieses Bekenntnis aus dem Mund eines Heiden kommt, der nicht zum jüdischen Volk gehörte, so wichtig, dass er den Heiden seine Erkenntnis auch verteidigen lässt.

So sehr sich Pilatus um politische Korrektheit in der ganzen Angelegenheit bemüht hatte, so ließ er sich jetzt doch nicht von den Oberen des jüdischen Volkes beeinflussen: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“

Für ihn ist Jesus der König der Juden, weil er der König des Reiches Gottes ist – des Gottes, den das jüdische Volk verehrt und anbetet. Und wenn Pilatus schon nicht verhindern konnte, dass er Jesus zum Tode verurteilen musste, so wollte er doch wenigstens seine Erkenntnis über diesen Menschen für alle sichtbar machen. Vielleicht gab es ja doch den einen oder anderen, der durch diese Worte in sich gehen und erkennen würde, dass hier Unrecht geschieht.

Aber Pilatus steht heute nicht mehr so deutlich im Mittelpunkt wie im vorangegangenen Abschnitt, auch wenn die Worte, die da über Jesus am Kreuz angebracht wurden, in dieser Erzählung des Johannesevangeliums deutlich mehr Platz in Anspruch nehmen als in den anderen Evangelien.

Es ist schon eigenartig, dass trotz so vieler Übereinstimmungen die Evangelien gerade bei der Erzählung von der Kreuzigung Jesu im Detail so viele Abweichungen aufweisen. Die Eigenheiten des Johannes-Evangeliums helfen uns, das Wesentliche, das uns der Evangelist vermitteln will, zu erkennen.

Zunächst einmal fällt mir das Fehlende auf. Da ist die Tatsache, dass Jesus von den Zuschauenden überhaupt nicht verspottet wird. Es scheint eher eine angespannte Stimmung zu herrschen, was man auch an der Reaktion der Hohenpriester auf die Überschrift erkennen kann. Sie fürchteten die Reaktionen der Menschen, die das sahen.

Noch einmal wird deutlich, dass sie nicht verstanden – oder es nicht verstehen wollten – wer Jesus in Wahrheit ist .

Ich stelle mir vor, so wie Johannes es auch beschreibt, dass viele es sahen. Und aus irgendeinem Grunde sahen sie vielleicht auch das, was Pilatus schon erkannt hatte: dass es hier, in der Person Jesus, um den König der Wahrheit geht. Die Wahrheit lässt Menschen stumm werden, weil sie in ihr sich selbst erkennen auf eine Weise, in der man sich selbst eigentlich nicht sehen will. Da kann es keinen Spott und Hohn und auch keine Verachtung mehr geben. Da gibt es vielmehr Scham und Betroffenheit, denn es wird offensichtlich, dass man selbst zum Verräter geworden ist, indem man das Geschehen zulässt oder gar bejubeln wollte.

Weiter fällt auf, dass es im Johannesevangelium keine Verfinsterung des Himmels zur sechsten Stunde gibt, wie sie in den anderen Evangelien berichtet wird – das würde auch schlecht gehen, denn im vorhergehenden Abschnitt hatten wir gelesen, dass das Urteil erst zur sechsten Stunde gefällt wurde (Joh 19, 14). Warum Johannes hier von den anderen Evangelisten abweicht, ist unklar – wir wissen nur soviel, dass die sechste Stunde den Mittag bezeichnet, also 12 Uhr.

Schließlich fehlt bei Johannes der Hinweis auf den Vorhang im Tempel, von dem die anderen Evangelisten übereinstimmend berichten, dass er zerriss. Für Johannes hat dieses Ereignis offensichtlich keine so große Bedeutung, obgleich es ja symbolisch sichtbar machen soll, dass nun der Zugang zu Gott für alle Menschen frei ist.

Johannes braucht diese Symbolik jedoch nicht. Denn Jesus selbst ist der Zugang zu Gott. Wir erinnern uns an die Worte Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“. (Joh 14, 6)

Neben dem, was fehlt, gibt es auch Dinge, die wir bei den anderen Evangelisten nicht finden. Da sind die Worte am Kreuz, deren es insgesamt sieben in den Evangelien gibt. Hier fällt auf, dass nur zwei Evangelisten übereinstimmen, beide aber von den anderen beiden sehr unterschiedliche Darstellungen liefern. Sowohl Lukas als auch Johannes berichten von jeweils drei unterschiedlichen Worten Jesu am Kreuz, während sich Markus und Matthäus auf das eine Wort Jesu beschränken, das wir bei den anderen beiden Evangelisten nicht finden: Eli, eli, lama asabtani – mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.

Die Worte, die Jesus nach dem Evangelium des Johannes am Kreuz sagt, unterscheiden sich wesentlich von den Worten, die wir bei Lukas finden.

Es beginnt hierbei damit, dass Jesu Mutter und der Jünger, den Jesus lieb hatte, unter dem Kreuz standen. Das ist hier einzigartig. Neben den beiden werden noch drei andere Frauen genannt – offenbar gab es keinen Anlass für sie, sich vor den Römern zu fürchten, was sonst ja doch wichtig ist: aus diesem Grund verleugnete Petrus seinen Herrn, wovon uns auch Johannes berichtet.

Jesus wendet sich nun diesen beiden Personen, seiner Mutter Maria und seinem Lieblingsjünger, zu. Es ist ein Zeichen der Fürsorge und Liebe, wenn er sie einander zuweist, indem er sagt: „Siehe, das ist dein Sohn!“ und „Siehe, das ist deine Mutter!“ (Joh 19, 26-27). Diese Szene ist aber dann doch noch tiefgründiger. Es kann doch nicht nur darum gehen, der Mutter einen Sohn und dem Mann eine Mutter zu geben. Beide sind erwachsen, sie brauchen einander nicht, zumindest nicht in dem Verhältnis von Kind und Mutter.

Worum könnte es also gehen? Maria, die Mutter Jesu, wird an dieser Stelle gerne als Symbol für die Kirche gesehen. Dann wären diese Worte Jesu der Auftrag an die Kirche, sich um die Gläubigen zu kümmern, so wie sich eine Mutter um ihre Kinder kümmert. Und den Gläubigen wären die Worte der Hinweis, sich an die Kirche zu halten, so wie sie sich auch an ihre Mütter halten.

Auf jeden Fall dürften wir uns dann in der Gestalt dieses Lieblingsjüngers repräsentiert sehen, und es ist sicher nicht verkehrt, sich hin und wieder in diese Rolle hineinzuversetzen.

Auffällig an dieser Stelle ist aber noch etwas anderes: Johannes benennt insgesamt vier Frauen, die sich unter dem Kreuz befinden. Ihre namentliche Nennung ist für die frühe Christenheit von Bedeutung. Diese Frauen spielten in der ersten Gemeinde sicher eine besondere Rolle. Vor allem aber: sie blieben bei Jesus in der Stunde seines Todes, während die Jünger sich bis auf den Lieblingsjünger längst aus dem Staub gemacht hatten und versteckten.

Das Klischee von den starken Männern und den schwachen Frauen hatte schon hier, vor zweitausend Jahren, keinen Halt mehr. Das macht Jesus möglich!

Ein weiteres Wort Jesu, von dem uns Johannes berichtet, bringt ein ganz menschliches Bedürfnis zum Ausdruck: „Mich dürstet“ (Joh 19, 28c). Aber Johannes weist ausdrücklich darauf hin, dass Jesus auf diese Weise die Schrift erfüllen will. Es ist also doch kein menschliches Bedürfnis. Jesus behält über das Geschehen die volle Kontrolle und tut, was dem Willen Gottes entspricht. Es fehlt ja auch das „Eli, eli, lama asabtani“, dieser verzweifelte Ruf als Ausdruck der Gottverlassenheit.

Jesus weiß sich in diesen Stunden ganz in den Händen Gottes geborgen. Er ist, wenn man so will, der Meister seines Sterbens, weil er weiß, dass er den Willen seines himmlischen Vaters erfüllt.

Und doch könnte dieses Wort „Mich dürstet“ ein Hinweis darauf sein, dass ihn trotz aller Souveränität nach einem Zeichen der Liebe Gottes verlangt. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ (Ps 42, 3), so heißt es im 42. Psalm – könnte Jesus nicht an diese Worte gedacht haben?

Es wird ihm auf einem Ysoprohr mit einem Schwamm Essig gereicht, den er dann auch trinkt – damit wird klar, um welches Schriftwort es sich handelt, das hier zur Erfüllung kommt: „Sie gaben mir … Essig zu trinken für meinen Durst“, so heißt es im 69. Psalm (Ps 69, 22)

Es wird schon sehr deutlich: Es geht alles nach einem göttlichen Plan. Jesus selbst behält die Kontrolle über das Geschehen, er hat als Sohn Gottes diesen Plan vor sich und folgt ihm Schritt für Schritt. Und so ist auch das letzte Wort Jesu am Kreuz nicht verwunderlich: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19, 30b), spricht er mit seinem letzten Atemzug – der Plan Gottes ist vollendet.

Jesus neigte sein Haupt und verschied. Der Tod ist nun in den Händen Gottes. Er wird in dieser Stunde gepackt und in seine Schranken gewiesen. Er hat keine Gewalt mehr, er muss uns freigeben.

Und so wird uns das Kreuz Jesu zum Zeichen des Trostes und der Hoffnung. Denn wir wissen: hier ist der König der Wahrheit, der gesagt hat, dass, wer an ihn glaubt, nicht sterben, sondern ewiges Leben haben wird. (Joh 11, 25f)

Das wird in unserer Kirche besonders an dem Kreuz am Hochaltar deutlich: wir sehen dort am Kreuz nicht den leidenden, sterbenden oder gestorbenen Menschen, sondern den Sohn Gottes, der dem Tod die Macht genommen hat. Wir sehen den König, der die Herrschaft hat über alle Herren dieser Welt. Wir sehen den, der die ganze Welt in seiner Hand hält, der kommen wird , um zu richten die Lebenden und die Toten. Das ist der Jesus des Johannes-Evangeliums, unser Herr und Gott.

Amen

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Predigt zum Palmsonntag
29. März 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

(Jes 50, 4-9)

Liebe Gemeinde!

Der Prophet Jesaja begleitet uns regelrecht durch das Kirchenjahr. In der Advents- und Weihnachtszeit hören wir die messianischen Weissagungen, z.B.: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht!“ (Jes 9, 1) oder „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jes 11, 1)

Und in der Fastenzeit begleiten uns die sogenannten Gottesknechtslieder. Die Worte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ (Jes 53, 4) sind den meisten von uns sehr vertraut.

Die Verbindung vom Propheten Jesaja zu Jesus hatten die Christen schon sehr bald erkannt. Auch die Evangelien und Briefe des sogenannten Neuen Testaments stellen immer wieder Verbindungen her und bezeugen damit, dass die heiligen Schriften des Volkes Israel unbedingt zum christlichen Glauben dazu gehören.

Unser Predigttext wird zu den sogenannten Gottesknechtsliedern gezählt, obwohl darin nicht von einem Knecht, sondern von einem Jünger, also einem Schüler oder Lehrling, die Rede ist.

In Gottesknechtsliedern wird beschrieben, wie der Knecht Gottes um des Wortes Gottes willen verschmäht, bespiehen und geschlagen wird. Der, dem dies widerfährt, wehrt sich nicht dagegen, sondern lässt es willig geschehen. So wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, bleibt er stumm.

Solche Züge finden sich auch in unserem Predigttext, weswegen er zu den Gottesknechtsliedern hinzugezählt wird.

Man kann in den Gottesknechtsliedern durchaus Jesus selbst erkennen. Darum wurden sie auch schon so früh auf Jesus bezogen, weil sein Verhalten ganz dem des Gottesknechts, den Jesaja beschreibt, entsprach.

Aber ist mit dieser Person wirklich Jesus gemeint? Heute ist man sich da nicht mehr so sicher wie damals. Denn es gibt auch Aussagen, die nicht so einfach auf Jesus übertragen werden können. Und das jüdische Volk hat natürlich eigene Interpretationen dieser Texte bereit, die auch ihre Berechtigung haben.

Manche meinen, der Prophet rede von sich selber, andere, er rede vom Volk Israel, und wieder andere, er rede von einer unbekannten Person, die noch kommen wird – vielleicht von Jesus, aber das sei nicht sicher zu sagen. Auf den Messias möchte man diese Worte aber nicht beziehen, denn der Messias kommt ja als ein Retter und Friedensstifter, indem er die Feinde des Volkes Israel zerschlägt. Der Messias ist eine mächtige Person. Dass Jesu Macht in seiner Ohnmacht offenbar wurde, lässt sich für manche Menschen nur schwer nachvollziehen.

Jesaja benennt zwei wichtige Eigenschaften des Jüngers oder Gottesknechts: das Reden und das Hören.

Der Jünger soll mit den Müden reden. Dazu hat er eine Zunge bekommen. Er soll das nicht nur irgendwann, wann es ihm beliebt, sondern „zur rechten Zeit“ tun. Zu der Gabe der Zunge, mit der er reden, und der Ohren, mit denen er hören kann, gehört also auch die Gabe der Sensibilität. Er muss in der Lage sein, den rechten Zeitpunkt zu erfassen und dann erst zu reden.

Das ist nicht immer einfach, denn wir können nicht so ohne Weiteres in das Innere unseres Gegenübers schauen. Vielleicht beschäftigen ihn gerade ganz andere Dinge, zu denen das, was wir sagen wollen, gar nicht passt und dann eher eine Ablehnung erfolgt.

Der Jünger soll mit den Müden reden. Er soll sie ansprechen in ihrer Müdigkeit, er soll sie gewissermaßen wieder aufwecken. Aber warum bezeichnet Jesaja seine Zuhörer so? Was macht sie müde? Die Antwort auf diese Frage erfahren wir aus dem Umfeld unseres Predigttextes.

Dem Gottesknechtslied geht eine Klage Gottes voraus. Gott klagt darüber, dass sein Volk abtrünnig geworden ist, dass sie sich von ihm abgewendet haben. „Warum kam ich und niemand war da? Warum rief ich und niemand antwortete?“ (Jes 50, 2), so fragt Gott. Und dann will er wissen, ob es einen Zweifel geben kann an seiner Fähigkeit, zu erlösen und zu erretten. Und schließlich heißt es unmittelbar vor unserem Textabschnitt:

„Ich kleide den Himmel mit Dunkel und hülle ihn in Trauer.“ (Jes 50, 3) Gott trauert also um sein Volk, das ihn verlassen hat.

Es scheint, dass die Menschen müde geworden sind, von Gott etwas zu erwarten. Sie haben die Hoffnung aufgegeben. Die Worte des Propheten, die Zusagen Gottes, berühren sie nicht.

Das mag auch einen Grund haben. Immerhin geschieht dies alles in der Zeit des Babylonischen Exils. Die Herrlichkeit Israels ist dahin, das Land liegt wüst da, Jerusalem ist zerstört, die meisten Israeliten, vor allem die Gebildeten, sind ins Ausland verschleppt.

Das politische Ziel der Eroberer war, die Eroberten so zu entwurzeln, dass sie sich letztlich ganz in die Kultur der Eroberer integrieren würden. Und das schien auch bei den Israeliten zu gelingen. Denn das, wofür es sich noch gelohnt hätte, aufzubegehren, war ja zerstört. Die Stadt Jerusalem und der Tempel lagen in Trümmern. Gott, der Allmächtige, der die Welt erschaffen hatte, hatte sein Heiligtum aufgegeben.

Da kann man sich genauso gut auch mit den Mächtigen arrangieren.

Denn Gott kann gegen eine solche Macht ja doch nichts ausrichten, sonst hätte er die Eroberung Jerusalems verhindert. Und nun: Sein Arm reicht nicht bis nach Babylon, so sagt man.

Das ist aber eine Vorstellung, die eher auf die babylonischen Götter passt, als auf den allmächtigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sogar die Naturgewalten auf den Kopf stellen kann. Wieso sollte sein Arm zu kurz geworden sein, um zu erlösen? (Jes 50, 2b)

Aber die Menschen erwarteten nichts mehr von Gott, sie waren des Wartens müde geworden. Auch wenn sie ihr Schicksal hier und dort noch beklagten und vielleicht auch erkannten, dass es eigentlich ja ihr eigenes Versagen war, das sie ins Exil gebracht hatte, so wurden es doch immer weniger, in denen die Sehnsucht nach Rückkehr wach blieb und die sich die Rettung durch Gott erhofften.

Inzwischen waren Kinder geboren, die keine andere Umgebung kannten, denen das Exil, denen Babylon zur Heimat zu werden begann oder schon geworden war. Der Gott Abrahams wurde ihnen immer fremder, die Götter der Babylonier wurden ihnen immer vertrauter.

Gott sah es, und trauerte um sein Volk, das ihn so schnell vergessen konnte.

Wir finden uns in dem Volk Israel wieder mit unseren eigenen Zweifeln und Fragen. Wir erwarten, dass Gott handelt, dass er positiv Einfluss nimmt auf unser Leben. Wir wünschen uns, dass er Unglück ab- oder wenigstens zum Guten wendet.

Aber wenn dieser Wunsch nicht bald erfüllt wird, hören wir auf zu warten. Wir rechnen nicht mehr mit dem Handeln Gottes. Wir beginnen, ihn zu vergessen. Indem wir das tun, missachten wir die Souveränität Gottes. Wir haben keine Geduld. Und wir können nicht verstehen, warum Gott nicht so handelt, wie wir es erwarten.

Darum wenden wir uns ab, werden müde. Kinder wachsen auf in einer Umgebung, in der sie nichts mehr von Gott erfahren, weil niemand mehr von Gott redet. Denn wir erwarten nichts mehr von Gott, weil er unsere Erwartungen enttäuscht hat, weil er unseren Wünschen nicht entspricht.

Aber das kann es ja eigentlich nicht sein. Im Grunde können wir nur staunend vor Gott stehen, denn er handelt nicht so, wie wir es verdient hätten. Er erbarmt sich über uns, er wendet sich nicht von uns ab. Er kann in Segen verwandeln, wo wir nur Schaden angerichtet haben. Er tritt für uns ein, wo wir versagen. Er bleibt in seinem Handeln unberechenbar – aber nicht im negativen Sinn, nur dass wir nicht bestimmen können, wie Gott handelt. Er weiß, wie es um uns steht, und er wird tun, was nötig ist, damit wir ihm danken können für sein Tun.

Der Prophet Jesaja ist ein Werkzeug Gottes. Er redet mit den Müden, macht ihnen Mut. Aber er kann das auch nicht aus sich heraus, er muss dazu gestärkt und zugerüstet werden.

„Alle Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“

Es ist der Morgen, an dem der Geist frisch und ausgeruht ist, um das Wort Gottes zu empfangen. Am Morgen spricht Gott zu dem Propheten. Am Morgen lässt er ihn wissen, was nötig ist.

Der Morgen ist auch für uns eine gute Zeit. Nach dem Aufstehen zuerst in der Bibel lesen und beten. Stille Zeit haben. Auf Gott hören.

Jochen Klepper hat dies in einem Lied aufgenommen:

„Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs neue so, wie ein Jünger hört.“ (EG 452, 1-2)

Mit dem Hören geht das Reden Hand in Hand. Es geschieht nicht beides gleichzeitig, das funktioniert ja nicht. Wenn ich rede, kann ich nicht hören, es sei denn ich höre mich selbst. Aber hier ist ja das Hören auf die Stimme des anderen gemeint.

Das, was wir reden sollen, erwächst aus dem, was wir von Gott hören. Und dann ist das, was wir reden, auch immer etwas, das die Müden herausholt aus ihrer Hoffnungslosigkeit und wieder hoffen lässt. Denn es ist lebendiges Wort Gottes!

Aber nicht immer wird das Wort Gottes gehört.

Im Gegenteil: wenn wir von Gott reden, wenn wir Gottes Wort weitersagen, kann es passieren, dass uns Ablehnung und sogar Hass entgegen schlagen.

Das konnte man z.B. erkennen, als die Nachrichten vom Missbrauch von Kindern durch kirchliche Mitarbeiter, oft auch durch Priester, verbreitet wurden.

Besonders in den sogenannten „sozialen Netzwerken“ konnte man da bedrückende Meinungsäußerungen lesen. Dort hieß es z.B.:

  • „Und für so einen Verein zahlt man auch noch Steuern! Die Kirche hatte noch nie Idealvorstellungen, zumindest wurden die noch nie gelebt.“ oder:
  • „...Wer schon im Mittelalter Menschen verbrannt hat weil sie Kräuter sammelten, macht meiner Meinung nach vor nichts Halt.“ und schließlich:
  • „Kirche ist der größte Verbrecher!“

Solche Aussagen tun weh, weil sie grundlos pauschalisieren. Es scheint, dass sich hier jahrelang aufgestauter Hass gegen die Kirche freimacht, der durch immer neu gebildete Vorurteile geschürt wurde.

Wir alle hier sind „die Kirche“, auch wenn nicht nur wir die Kirche sind. Wollen wir uns so etwas sagen lassen?

Der Prophet Jesaja scheint auf diese Frage mit „Ja“ zu antworten: Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes 50, 5b-6)

Kann man wirklich solche pauschalen, ungerechten Vorwürfe so einfach stehen lassen und hinnehmen? Das fällt dann doch ausgesprochen schwer.

Denn die Vorwürfe, die wir vorhin gehört haben, sind ja völlig ungerechtfertigt, weil sie pauschal „die Kirche“ für etwas verantwortlich machen, was einzelne Menschen in ihrer Gier nach Macht und vielleicht auch in ihrer Angst getan haben. Es geschah zwar innerhalb der Kirche – aber es war nicht „die Kirche“, die es getan hat. Sollten wir also nicht doch anfangen und dagegen vorgehen?

Ich glaube, dass es dem Propheten Jesaja damals ähnlich ging wie uns heute. Es gab zwar keine Kirche als Institution so wie heute, aber es gab natürlich Menschen, die für den Glauben an den Gott Abrahams einstanden. Und diese Menschen – und damit auch der Prophet selbst – gerieten zunehmend in die Kritik: wo ist denn dein Gott? Er ist nirgendwo zu sehen. Mach uns keine leeren Versprechungen! Lass uns mit deiner Scheinheiligkeit in Ruhe!

Gegen diese Vorwürfe hat der Prophet nur eine Antwort: „Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.“ (Jes 50, 8-9)

Er beruft sich auf Gott. Gott ist auf seiner Seite. Aber die ihn das sagen hörten, werden wieder gelacht haben. Sie werden ihn verspottet und geschlagen haben. Sie werden ihm zugerufen haben:

„Wo ist denn dein Gott? Warum hilft er dir nicht? Von wegen, er ist auf deiner Seite! Und – siehst du uns etwa zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen?“

Nun, sie alle sind nicht mehr; sie sind zerfallen wie Kleider, die die Motten fressen. Der Glaube aber, der den Propheten getragen hat, der ist geblieben, bis heute.

Als Christen leben wir in der Tradition dieses Glaubens, der weiß, dass er nicht zuschanden wird – nicht vor Gottes Angesicht.

Und darum hören wir auch nicht auf, von ihm zu reden, ganz gleich, wie groß der Hass ist, der uns entgegenschlägt, damit die Müden es hören.

Und wir hören auch nicht auf, danach zu handeln, damit alle es sehen, was Gott dieser Welt zu sagen hat: dass sie nicht verloren ist in ihrer Angst, in ihrer Habgier und Selbstsucht. Denn Gott ist da, sein Arm ist lang genug, um zu erlösen, er ist stark genug, um zu erretten – auch und gerade alle die, die meinen, dass Gott unbedeutend geworden ist.

Amen

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Predigt zum Sonntag Laetare
15. März 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Jesus Christus spricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt. (Joh 6, 47-51)

Liebe Gemeinde!

1. Glaube

„Wer glaubt, der hat das ewige Leben!“

Ist das nicht wunderbar? Ich glaube, also habe ich das ewige Leben!

Doch schon während ich diese Worte ausspreche, regt sich in mir die Frage: Kann das denn sein? Und wenn es so ist – ist mein Glaube stark genug, oder glaube ich das Richtige, oder glaube ich richtig?

Und schon ist es weg, dieses wunderbare Gefühl, das einem durch das Wissen, das ewige Leben zu haben, vermittelt wird.

„Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“

Es scheint so einfach, womöglich zu einfach.

Vermutlich darum fangen wir an zu deuteln, zu hinterfragen, zu zweifeln. Denn das kann doch nicht stimmen, es kann nicht so einfach sein!

Und was ist ewiges Leben? Wir sehen doch ständig den Tod vor Augen. Liebe Menschen sterben, es geschehen Unfälle, Kriege führen uns immer wieder deutlich vor Augen, dass nichts unendlich ist, und Naturkatastrophen beweisen, wie hilflos wir manchmal sind. Wo ist da das ewige Leben?

Nicht umsonst stellt Jesus dagegen eine Bedingung, die der Erfahrung des ewigen Lebens vorausgeht: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“

Glaube ist also die Bedingung – der Glaube an Jesus Christus.

Glaube, so heißt es im Hebräerbrief, ist „eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr 11, 1)

Glaube rechnet mit dem, was eigentlich nicht möglich zu sein scheint oder sogar nach unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht möglich ist.

Wer glaubt, muss in unserer aufgeklärten Welt damit rechnen, wenigstens etwas misstrauisch beäugt oder wenigstens mitleidsvoll belächelt zu werden, denn Glaube spielt in unserer Gesellschaft eine immer geringere Rolle.

Es gehört also schon etwas Mut zum Glauben.

Man muss sich einlassen auf das Unbekannte, auf das, was unsere Vorstellungskraft sprengt und weit über alles Vernünftige hinaus geht.

Glaube ist neben der Zuversicht auf das, was man hofft, und dem Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht, auch ein Fürmöglichhalten dessen, was eigentlich unmöglich erscheint.

Denn der Glaube rechnet mit Gott; er rechnet mit seiner Fähigkeit, völlig Neues zu schaffen und damit auch die Naturgesetze, die uns so unumstößlich scheinen, auszuhebeln.

Gott kann das. Wer diesen Satz aus seinem Herzen heraus sprechen kann, der glaubt. Aber er begibt sich mit einer solchen Aussage in den Augen seiner Mitmenschen mitunter auf recht dünnes Eis, das nur dann tragfähig bleibt, wenn der Glaube tragfähig ist.

2. Brot des Lebens

Das 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, aus dem unser Predigttext stammt, dreht sich überwiegend um das eine Stichwort: Brot. Man könnte es überschreiben mit:

„Jesus – das Brot des Lebens“.

Nachdem er mit 5 Gerstenbroten und zwei Fischen eine Menge von 5000 Männern (Frauen und Kinder wurden also nicht mitgezählt) gesättigt hatte, sollte er zum König ernannt werden. Weil er das nicht wollte, entzog er sich der Menge und überquerte später den See Tiberias, um dann nach Kapernaum zu gehen. Dort wurde er wieder von den Menschen gefunden, die am Tag zuvor das sogenannte Brotwunder erlebt hatten.

Jesus stellt die Motivation dieser Menschen in Frage. Warum sucht ihr mich? Doch nur, weil ich 5000 Menschen mit so wenigen Broten gespeist habe. Ihr wollt, dass ich das immer wieder tue. Aber das könnt ihr doch auch selber machen. Verschafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. (Joh 6, 27)

Und dann beginnt er, von sich als dem Menschensohn zu reden, der diese unvergängliche Speise geben kann.

Obwohl die Menschen das Brotwunder gesehen hatten, begannen sie nun zu zweifeln; sie wollten noch mehr Wunder sehen. Doch dann begehren sie von ihm diese ewige Speise: „Herr, gib uns allzeit solches Brot.“ (Joh 6, 34)

Und Jesus erwidert darauf dies:

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ (Joh 6, 35)

Wieder folgt der Zweifel: wie kann das möglich sein? Er ist Jesus, der Sohn Josefs, aus Nazareth. Wie kann er sagen, er sei vom Himmel gekommen? Denn genau das hatte er über das Brot des Lebens gesagt.

Auf diesen Zweifel folgt die Antwort aus unserem Predigttext: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Wer das Unmögliche für möglich hält, dem öffnet sich der Himmel.

Und noch einmal erklingen die Worte: „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh 6, 48)

Es ist ziemlich offensichtlich, dass der Evangelist Johannes mit diesem Kapitel auf die Praxis und das Verständnis des Abendmahls anspielt, die sich zu der Zeit, als er das Evangelium schrieb, schon gefestigt hatte.

Brot des Lebens – lebendiges Brot – Jesu Fleisch, hingegeben für das Leben der Welt – das sind die Kernworte aus unserem Predigttext.

Vielen Menschen fällt es schwer, nachzuvollziehen, was es bedeutet, wenn wir sagen: „Christi Leib, für dich gegeben“, und damit das Brot meinen, das beim Abendmahl ausgeteilt wird.

Wie kann das, diese dünne, platte, geschmacklose Hostie, Christi Leib sein?

Die Theologen haben sich über viele Jahrhunderte noch ausführlich mit dieser Frage befasst, und auch zur Zeit der Reformation bewegte diese Frage die Gemüter. Man hat sich dabei einer Lehre des griechischen Philosophen Aristoteles bedient, der erklärte, dass jedes Ding eine Substanz habe, die im Grunde den Kern der Sache ausmache, aber sinnlich nicht wahrnehmbar sei. Es geht also nicht um die Farbe oder die Form, sondern um das ganz Wesentliche, das, was die Sache im Kern bestimmt.

Für uns Lutheraner gilt, dass sich die Substanz des Leibes Jesu während des Abendmahls mit der Substanz des Brotes verbindet, und wir so den Leib Christi in der Gestalt des Brotes zu uns nehmen.

Der Leib Christi nimmt die Form des Brotes an, er verbirgt sich gewissermaßen im Brot – und damit wir nicht durch den Geschmack des Brotes abgelenkt oder irritiert werden, ist das Brot, das zum Abendmahl gereicht wird, weitgehend ohne Geschmack.

Aber man könnte noch immer fragen, wie denn der Leib Christi in das Brot kommt. Doch diese Frage lässt sich leicht beantworten, wenn wir glauben, dass Jesus als der Sohn Gottes überall gegenwärtig ist, so wie er zugesagt hat, und sein Leib nach der Auferstehung und Himmelfahrt in der gleichen Weise allgegenwärtig sein kann.

Letztlich wird Jesus gegenwärtig in den Gaben des Abendmahls durch die Zusage Jesu, die in den Einsetzungsworten gesprochen wird. Dies ist mein Leib – dies ist mein Blut, für euch gegeben.

Aber das sind alles theoretische Überlegungen, mit denen man versucht hat, das Wesentliche des Abendmahls dem Verstand zugänglich zu machen.

Für Jesus scheint es viel einfacher zu sein: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“. Wer glaubt, dass er im Abendmahl das Brot des Lebens, den Leib Christi, zu sich nimmt, der hat auch Teil an der Ewigkeit. Denn Jesus ist das Brot des Lebens, und wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. (Joh 6, 51b)

Das muss man nicht verstehen, man muss es glauben.

Manchen ist es genug, im Abendmahl eine Feier der Gemeinschaft und der Erinnerung an das damalige Abendmahl zu sehen. Das würde es auch viel einfacher machen. Man müsste nichts zu erklären versuchen.

Dies ist vielleicht auch darum die Position Johannes Calvins und Ulrich Zwinglis gewesen, aus deren Verkündigung dann die Reformierte Kirche erwachsen ist.

Zwingli war so weit gegangen, zu sagen, dass es sich nur um die Gemeinschaft der Christen untereinander handele, um eine Erinnerungsfeier gewissermaßen, ganz im Sinne der Aufforderung: solches tut zu meinem Gedächtnis.

Calvin meinte dann aber ergänzend, dass die Gemeinde natürlich auch die Gemeinschaft mit Jesus genieße, indem die Seelen während des Abendmahls durch den Heiligen Geist in den Himmel gehoben würden und dort die Gemeinschaft mit Christus erlebten.

Aber mehr konnten beide nicht im Abendmahl erkennen.

Es ist natürlich wahr, dass das Abendmahl auch eine Feier der Gemeinschaft und der Erinnerung ist. Aber so wie hier bei Johannes hatte Jesus während des Abendmahls mit seinen Jüngern gesagt: „Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“, und damit auf Brot und Wein hingewiesen. An diesen Worten hat Martin Luther festgehalten.

Vielleicht hilft tatsächlich die philosophische Sichtweise des Aristoteles. Aber Jesus hat sicher nicht an den Philosophen gedacht, als er so das Abendmahl einsetzte. Für ihn ist nur eins wichtig: der Glaube.

Und so mögen wir wohl mit dem Vater, der sein besessenes Kind zu Jesus brachte, rufen: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24) Denn immer werden wir unbeantwortete Fragen haben, und immer wird sich der Zweifel regen. Die Antwort auf unsere Fragen und unseren Zweifel kann nur von Gott selbst her kommen. Und darum würde ich Glaube selbstverständlich auch in dem Menschen erkennen, der bei Gott Antworten auf seine Fragen sucht.

„Ich glaube, Herr; hilf meinem Unglauben!

Ich glaube – vielleicht nur ein kleines bisschen, aber wer kann Glauben schon messen? Und außerdem genügt ja auch schon ein kleines bisschen Glaube, um Berge zu versetzen, wie Jesus gesagt hat.

3. Ewiges Leben

„Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“

Jesus Christus verbindet mit dem Heiligen Abendmahl das Geschenk des ewigen Lebens: „Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6, 51b)

Ja, wie ist das mit dem ewigen Leben? Die Lebenserwartung ist in unseren Breiten zwar in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen, aber von ewigem Leben kann man da beim besten Willen nicht sprechen. Denn das wissen wir sicher: jeder Mensch wird sterben.

Und darüber hinaus ist es mit dem ewigen Leben ja ohnehin nicht so einfach. Man kann es sich gar nicht so richtig vorstellen.

Wie sollen die Milliarden von Christen, die seit damals, als Jesus Christus die Botschaft vom Reich Gottes verkündigte, gestorben sind, noch Platz finden? Und wie will Gott den Überblick behalten?

Und wäre es nicht schrecklich langweilig, ewig zu leben? Viele Menschen in hohem Alter wünschen sich den Tod, weil sie müde geworden sind. Der Tod wird da zu einer Erlösung. Und nun soll das in die Ewigkeit hinein verlängert werden?

Und was wäre das für ein Leben, das man mit Milliarden von Menschen irgendwo in der himmlischen Sphäre, im Reich Gottes, verbringt?

Solche Fragen wurden mir schon öfter gestellt, und nicht nur von Kindern oder Konfirmandinnen oder Konfirmanden, sondern auch und besonders von Erwachsenen.

Es sind Fragen, die durch den Verstand ausgelöst werden, der wiederum nur das gelten lässt, was man mit seinen Sinnen wahrnehmen oder wenigstens berechnen, auf jeden Fall aber beweisen kann.

Und da hört es mit der Ewigkeit auf. Wir können sie uns beim besten Willen nicht vorstellen, weil alles, was wir kennen, zeitlich ist. Es gibt Zeiten, von denen wissen wir nichts mehr. Ewigkeit würde aber bedeuten, dass alles präsent ist, alles ist gegenwärtig. Es gibt kein gestern und kein Morgen, weil es keine Zeit gibt.

Und dann ist die Ewigkeit natürlich auch nicht langweilig, weil sie nicht ewig dauert, so wie eine zu lange Predigt. Denn das wäre mit der Zeit gemessen. Ewigkeit ist alles in allem, Ewigkeit ist die Vollkommenheit.

Ewiges Leben bedeutet, in Gottes Gegenwart zu leben, oder vielleicht besser: in Gottes Gegenwart zu sein. Und so können wir etwas von der Ewigkeit auch in diesem Leben schon erfahren, dann nämlich, wenn wir die Nähe Gottes erleben, so wie z.B. in der Feier des heiligen Abendmahls, oder in der stillen Meditation, oder im Gebet.

Es gibt Dinge, die müssen geglaubt werden, damit sie wahr werden können. Da hilft kein Deuteln, keine noch so schöne, vernünftige Konstruktion, die sogar ein Atheist nachvollziehen könnte, wenn er sich dem Philosophen Aristoteles nicht verschließt.

Denn da ist mehr als die Vernunft. Und dieses Mehr erschließt uns der Heilige Geist, um den wir nicht aufhören sollten zu bitten.

Und darum gilt für uns: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“

Amen

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Predigt zum Sonntag Okuli
8. März 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

HERR, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien; «Frevel und Gewalt!» muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen. Denn ich höre, wie viele heimlich reden: «Schrecken ist um und um!» «Verklagt ihn!» «Wir wollen ihn verklagen!» Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: «Vielleicht läßt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.» Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.

Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen. Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet! (Jer 20, 7-13)

Amen

Liebe Gemeinde!

„Gut, du hast gewonnen, ich komme mit!“ – so oder so ähnlich mag es klingen, wenn man sich zu etwas hat überreden lassen, das man eigentlich nicht wollte.

Es war kein richtiger Wettkampf, bei dem man von einem Gewinner und einem Verlierer reden kann. Es war höchstens ein Wechsel von Argumenten, und manchmal noch nicht einmal das.

Geschickte Überredungskünstler wissen, wie sie einen Menschen dazu bewegen, mitzumachen. Da wird das „Ego“ des Menschen gekitzelt: „Du kannst das doch so toll!“ oder etwas schlichter: „Wir brauchen dich, ohne dich geht’s nicht.“

Und so lässt man sich überzeugen, nur um am Ende festzustellen, dass es doch besser gewesen wäre, wenn man nicht mitgekommen wäre: ‚Hätte ich mal auf meine innere Stimme gehört‘, oder: ‚Wäre ich doch nur meinen Prinzipien treu geblieben‘.

Man war gefolgt, weil das Gefühl entstanden war, dass man gebraucht würde. Nur stellt man am Ende fest, dass das eigentlich gar nicht der Fall war.

Ob es sich bei der Berufung des Propheten Jeremia auch so zugetragen hat? Ich denke mal nicht, denn Jeremia wird sicher gewusst haben, dass Gott nicht auf uns Menschen angewiesen ist. Gott will uns gebrauchen, aber letztlich müssen wir schon auch dazu bereit sein. Wenn wir es nicht sind, wird Gott einen anderen Weg finden, um seinen Plan zu verwirklichen.

Aber wir haben die großartige Chance verpasst, Bote Gottes zu sein.

Ob dieses Argument Jeremia bewegt hat? Wenn wir die Schilderung von seiner Berufung lesen, könnte es durchaus so sein. Gott eröffnete ihm, welcher Art sein Auftrag sein würde:

„Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“ (Jer 1, 9b-10)

Das ist schon verlockend, so viel Macht. Und es ist ja nicht nur Zerstörung, sondern auch bauen und pflanzen. Neben dem Negativen ist auch das Positive vorhanden. Zwar gibt es keine Gewichtung der beiden Aspekte des Auftrags, aber das Gewissen wird auf diese Weise beruhigt, denn man soll nicht nur Bote des Unheils sein, sondern auch des Heils.

Wer solch einen Auftrag angekündigt bekommt, kann wohl kaum nein sagen, zumal wenn er weiß, dass der, der ihn damit beauftragen will, diese Gewalt in seiner Hand hat und das tun kann, wovon man als Prophet nur reden soll.

Jeremia wurde Prophet, aber nicht mit frohem Herzen. Er fühlte sich zu jung, und er wusste ja schon damals, dass die wahren Propheten des HERRN immer wieder angefeindet wurden. Denn das, was es da zu verkünden gab, war immer unbequem und lästig und manchmal auch schlicht zu ehrlich. Wer so redet, wird immer wieder angefeindet werden und das auch deutlich spüren.

Zur Zeit unseres Predigttextes hatte Jeremia schon einige Predigten hinter sich, vernichtende Predigten. Er hatte gesehen, dass es in dieser Welt alles andere als gerecht zugeht. Nirgends hörte man auf seine Worte. Er wurde als Feind angesehen, als Verräter.

Und dann gab es ja auch noch jene, die sich überhaupt nicht von den Androhungen des Gerichts beeindrucken ließen, weil sie meinten, dass ihr Reichtum sie vor allem schützen würde – auch vor der Strafe, die sie aufgrund ihres Handelns eigentlich verdient hätten.

Und so wird der Prophet verspottet und verachtet. „Große Worte, aber nichts dahinter!“ „Lass sehen, was dein Gott kann! Wo ist er denn?“

„Dein“ Gott – dabei ist es doch auch ihr Gott, der eine Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der das Volk Israel aus Ägypten heraus geführt hatte, der das Wasser des Jordans still stehen ließ, der die Mauern von Jericho niederriss usw.

Hatten sie das alles schon vergessen?

Jeremia ist sauer. So hatte er sich das Prophetsein nicht vorgestellt, und vor allem: er hätte das alles nicht erleben müssen. Wenn Gott ihn nur nicht überredet hätte. Ja, und eigentlich steht da sogar: Gott hat ihn verführt. Er hat ihm etwas vorgespielt, was tatsächlich nicht da war.

Denn zwar hatte er das Gericht verkünden dürfen, die Zerstörung und das Niederreißen. Aber wo blieb nun das Pflanzen und Bauen?

Jeremia wollte schweigen, er wollte nicht mehr Prophet sein. Ja, das alleine reichte noch nicht, sondern: „Ich will nicht mehr an ihn denken“ (Jer 20, 9a), so sagte er sich. Nicht mehr an Gott denken. Sein Leben führen wie jene, denen Gott egal ist, für die Gott nicht existiert. Wenn er das wirklich ernst meinte, dann muss seine Situation schon schlimm gewesen sein.

Aber er konnte nicht aufhören, an Gott zu denken. Wie brennendes Feuer ist das Wort Gottes in seinem Herzen, in seinen Gebeinen, in seinem ganzen Körper. Es ist unerträglich: das Wort Gottes wütet in ihm, es fügt ihm Schmerzen zu, weil es nicht hinaus kann, es lässt ihn körperlich und seelisch leiden.

Aber war es nicht so: immer wenn er den Mund aufmachte, rief er „Frevel und Gewalt!“, weil kein Recht mehr geübt wurde, sondern jeder sich selbst der Nächste und bereit war, das Recht seiner Mitmenschen zu missachten! Wozu sollte es also gut sein? Und warum durfte er es nicht lassen?

Die Antwort dürfte auch uns einleuchten: Gott will nicht, dass die Menschen so leben. Er will nicht, dass sich die Menschen nur auf sich selbst verlassen (Jer 17, 5), dass Geld zum Götzen wird, dem man alles andere zu opfern bereit ist.

Jeremia ist eine tragische Figur. Er verkündigt das Strafgericht, und dafür wird er bestraft. Gott hilft ihm nicht, er ist allein, von allen Seiten greifen sie nach ihm und wollen ihn in die Tiefe ziehen, in das Verderben.

Doch plötzlich wendet sich das Blatt. Trotz dieser abgrundtiefen Enttäuschungen kann Jeremia plötzlich sagen: „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held.“ (Jer 20, 11a)

Jeremia rappelt sich wieder auf, denn der, der ihn in das Prophetenamt berufen hat, steht ja hinter ihm. Er wird nicht dulden, was ihm widerfährt und schon widerfahren ist. Die Feinde Jeremias sind Gottes Feinde. Er, Gott, wird sie zu Fall bringen. Sie werden zuschanden werden, sie werden vor Scham vergehen, weil sie den Allmächtigen verspotteten.

Ja, so sollte es sein. Jeremia weiß um die Macht Gottes, denn er spürt sie in seinem Innern. Aber er sieht sie dennoch nicht. Er sieht nicht, wie Gott dreinschlägt und endlich wahr macht, was er als Prophet so oft schon angekündigt hat. Und das macht ihn mürbe, das lässt ihn verzweifeln.

Sollte Gott etwa gnädig sein?

Wir mögen da an die Erfahrung des Jona denken, der diese Lektion erst lernen musste. Aber da hatte das Volk ja auch Buße getan.

Hier aber ist nichts dergleichen zu erkennen. Frevel und Gewalt sind überall, und so scheint es ewig weiter zu gehen. Das kann keine Gnade sein, dass Gott nicht wahr macht, was er angekündigt hat. Und darum ruft der Prophet aus:

„Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen!“ (Jer 20, 12b) Lass nicht zu, dass weiter Unrecht geschieht. Lass nicht zu, dass dein Wort weiter missachtet wird. Komm und zeige deine Macht!

Und dann scheint es ganz unvermittelt aus ihm heraus zu brechen:

„Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“ (Jer 20, 13).

Wirklich?

Wenn man noch etwas weiter liest, sieht es dann doch wieder ganz anders aus. Jeremia verflucht den Tag, an dem er geboren wurde – warum muss er Jammer und Herzeleid sehen und seine Tage in Schmach zubringen? (Jer 20, 18)

In der Tat: Jeremia ist eine tragische Gestalt. Immer wieder versinkt er in Resignation, das Gotteslob, mit dem unser Predigttext endet, ist eben doch nicht das Ende.

Ich empfinde durchaus Sympathie für den Propheten, ist unsere Lebenssituation doch ganz ähnlich wie die Seine.

Wer sucht denn heute noch die Nähe Gottes? Wer hört auf sein Wort? Wer fragt nach Gottes Willen, bevor er eine Entscheidung fällt, die vielleicht sein ganzes Leben beeinflussen könnte?

Es wird ganz rational entschieden, häufig ist der Geldbeutel der Ratgeber, und ansonsten sind es meist praktische Erwägungen.

Die meisten Menschen stellen ihr eigenes Wohlergehen in den Mittelpunkt. Die florierende Wellness-Branche ist dafür ein deutliches Zeichen.

Die Armut in dieser Welt stört uns nicht wirklich, solange es mir nur gut geht.

Über die Tatsache, dass es immer mehr Rentner gibt, die ohne Unterstützung ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben, zucken die meisten nur die Schultern.

Flüchtlinge, die bei uns Heimat suchen, werden als Schmarotzer beschimpft.

Muslimische Mitbürger werden misstrauisch beobachtet, und der Argwohn, dass sich in jedem Muslim ein Terrorist verbirgt, macht sich unterschwellig breit.

Der Tod wird aus unserem Leben verbannt, die Beerdigung „unter dem grünen Rasen“ stellt mittlerweile eine weit verbreitete und vielfach genutzte Möglichkeit dar, die Beschäftigung mit dem Tod auf ein Minimum zu reduzieren.

Viele Menschen handeln, als lebten sie ewig, und investieren in einen Wohlstand, den sie doch nur wenige Jahre genießen können.

Das politische Handeln wird überwiegend von wirtschaftlichen Faktoren bestimmt und darum auch von der Wirtschaft beeinflusst. Es scheint kein Ende zu geben auf der Wachstumsskala. Dass das Wachstum unserer Wirtschaft erst durch die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte in den sogenannten Entwicklungsländern möglich ist, rückt kaum ins Bewusstsein.

Aber während ich das noch sage, merke ich schon, dass das nur eine Seite der Realität ist.

Ich sehe da nämlich die Menschen, die in den Gottesdienst kommen und die Gemeinschaft im Gebet, im Gotteslob und im Hören auf das Wort Gottes suchen.

Ich sehe die vielen, die Tag für Tag in unsere Kirche kommen und Gott um Wegweisung bitten, um Kraft und seinen Segen. Sie sehnen sich nach der Nähe Gottes, sie wollen seine Liebe spüren.

Ich sehe die, die sich auf unterschiedliche und vielfältige Weise für eine gerechtere Welt einsetzen.

Ich sehe die, denen die Armut in der Welt überhaupt nicht gleichgültig ist, sondern die sich im Gegenteil für die Armen einsetzen und sie unterstützen und ihnen zu essen geben.

Ich sehe die, die für ihre Angehörigen auch in schwerer Krankheit da sind und sie bis zum Tod begleiten. Ich sehe, wie bewusst der Tod als Teil des Lebens wahrgenommen wird und wie die Botschaft von der liebenden Fürsorge Gottes, die über den Tod hinaus reicht, in die Herzen solcher Menschen dringt.

Ich sehe die, die den Flüchtlingen ihre Türen öffnen und sie willkommen heißen.

Ich sehe die, die den Muslimen die Hand reichen und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Es ist also nicht alles so düster, wie Jeremia es erlebt und es auch für uns manchmal den Anschein hat.

Und so hat die Aufforderung am Ende unseres Predigttextes eben doch auch ihre Berechtigung:

„Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“ (Jer 20, 13)

Gott ruft uns. Sein Ruf ist laut und klar, denn wir kennen seinen Willen: dass wir sein „Wort halten und Liebe üben und demütig sind vor unserem Gott.“ (Micha 6, 8b)

Es muss nicht jeder gleich zu einem Propheten werden. Denn die Aufgaben sind vielfältig.

Da ist die Sorge um die Menschen, die als Flüchtlinge in unser Land gekommen sind. Ihnen das Gefühl zu geben, hier willkommen zu sein, kann eine solche Aufgabe sein.

Oder die Sorge um die Menschen, die in Armut leben, z.B. im Diakonieausschuss.

Oder der Dienst an den Einsamen in unserer Gemeinde, z.B. im Besuchsdienst.

Oder der Einsatz für mehr Gerechtigkeit, z.B. durch das Eintreten für den Verkauf und Gebrauch von Waren aus dem Fairen Handel.

Oder die Aufgabe, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Nicht die Menschen unterstützen, die ständig Angst schüren, sondern auf die Menschen zugehen, die immer deutlicher aufgrund solcher Angst an den Rand gedrängt werden.

Oder denen ein Begleiter sein, die auf den Tod zugehen, z.B. in der Hospizarbeit.

Gott ruft uns. Welche Aufgabe er für uns vorgesehen hat, werden wir erfahren, wenn wir uns in der Stille ihm zuwenden. Und vielleicht haben wir es ja schon längst gespürt und nur nicht den Mut gefasst, es auch anzupacken.

So wie Jeremia es formuliert hat, dürfen wir aber darauf vertrauen, dass Gott an unserer Seite ist, auch dann, wenn es nicht den Anschein hat. Gott steht zu seinem Wort. Darauf dürfen wir vertrauen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Reminiszere
1. März 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. (Joh 3, 14-21)

Amen

Liebe Gemeinde!

Johannes saß an seinem Schreibtisch. Gut, von einem Schreibtisch konnte man eigentlich nicht reden. Es war eine einfache Holzplatte, die auf zwei hölzerne Ständer gelegt war. Oft wurde diese Platte benutzt, um dort Dinge abzustellen. Aber regelmäßig räumte sich Johannes eine Fläche frei, legte das Pergament darauf und begann zu schreiben. Aber seine Feder flog nicht über das Papier, im Gegenteil. Meist ruhte seine Hand, der Kopf war auf die andere Hand gestützt, und sein Blick schien die Wand vor ihm zu durchdringen und in eine unbekannte Ferne zu schauen.

Es fiel ihm schwer, die Geschichte von Jesus aufzuschreiben. Zumal es ja schon einige solcher Historien gab. Er hatte sich bewusst dafür entschieden, einen eigenen Versuch zu machen, denn keines der Evangelien, die bisher im Umlauf waren, schienen ihm deutlich genug zu sagen, wer Jesus wirklich war.

Darum hatte er auch nicht so anfangen können wie die anderen: mit einem Ereignis aus dem Leben Jesu oder gar mit seiner Geburt oder wie bei Lukas gar noch mit der Geburt Johannes des Täufers.

Nein, Johannes hatte einen philosophischen Zugang gewählt. Denn von Anfang an sollte deutlich sein: Jesus Christus ist der Sohn Gottes, nichts und niemand ist ihm gleich als Gott allein. Am Anfang war das Wort – der Logos, das schöpferische, das göttliche Wort.

Doch es konnte nicht immer nur philosophisch zugehen. Er musste auch Elemente aus dem Leben Jesu mit einflechten, denn schließlich hatte der Gottessohn ja unter den Menschen gelebt, und darum war es auch eine Historie und nicht nur eine philosophische Abhandlung.

Johannes hatte Jesus nicht persönlich kennen gelernt. Er war Petrus begegnet und auch Paulus, und lange hatten sie miteinander diskutiert. Damals war er noch jung gewesen.

Wichtig war auch die Zeit, die Maria, die Mutter Jesu, bei ihm gelebt hatte. Sie war kurz nachdem er sich hatte taufen lassen zu ihm gekommen und bis zu ihrem Tod bei ihm gelebt. Die erste Begegnung zwischen den beiden war wie eine Offenbarung gewesen. So, als hätten sie schon immer gewusst, dass sie an die Stelle seiner eigenen Mutter, die schon früh gestorben war, treten würde.

Oft hatten sie über Jesus gesprochen, obwohl Maria nur von seiner Kindheit erzählen konnte. Das meiste andere, bis auf die Kreuzigung, hatte sie aus der Ferne erlebt.

Zu ihr kamen auch andere Jünger, sie erzählten sich von dem, was sie mit Jesus erlebt hatten. Und wahrscheinlich lag es an ihr, dass er dann auch Bischof einer Gemeinde wurde, nachdem sie gestorben war.

Die Entwicklungen in dieser Gemeinde hatten ihm den Anstoß gegeben, all das über Jesus zu schreiben, was sonst bis dahin nur mündlich überliefert worden war und nicht in den schon bekannten Historien von Markus, Matthäus und Lukas.

Die Frau, die er kurz zuvor noch geheiratet hatte und die er von Herzen liebte, hieß ebenso Maria – so, als wolle ihm Gott mit diesem Namen etwas sagen: Ein Gottesgeschenk war sie ihm, Gott wirkte in sein Leben hinein.

„Maria“, wandte er sich nun an seine Frau, die in der Kochnische das Essen zubereitet, „ich komme hier nicht so recht weiter. Ich habe Dir doch von Nikodemus erzählt, dem Pharisäer, der ein Sympathisant Jesu war. Ich will beschreiben, wie Jesus und er sich begegneten. Ich habe diese Begegnung an den Anfang gestellt, nachdem Jesus im Tempel reinen Tisch gemacht hat. Ich habe schon angefangen, die Begegnung zu beschreiben, aber jetzt weiß ich nicht so recht, wie ich weitermachen soll.“

„Womit hast Du denn angefangen?“, fragte Maria zurück.

„Nun, ich habe erst einmal den Grundstein gelegt: Jesus erklärt, wie man Christ wird. Das steht am Anfang eines Christenleben, und so soll mein Bericht auch am Anfang deutlich darauf hinweisen.

Es ist für uns ja klar: man wird Christ durch die Taufe. Auf diese Weise wird ein Mensch wiedergeboren zum Leben in der Gnade Gottes.

Ich habe aber natürlich nicht „Taufe“ geschrieben, das wäre zu platt. Ich habe geschrieben: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Joh 3, 5b)

Nikodemus fragt darauf, wie das geschehen kann, denn er begreift nicht, was es bedeutet, aus dem Wasser und dem Heiligen Geist neu geborgen zu werden.

Du weißt ja, dass ich auf die Pharisäer nicht so gut zu sprechen bin. Erst neulich hat mich wieder einer beschimpft, ich sei ein Abtrünniger und Verächter Gottes. Und das, obwohl wir regelmäßig den Gottesdienst in der Synagoge besuchen.

Nikodemus ist etwas schwer von Begriff, wie die meisten Pharisäer, die ich kenne. Jesus reagiert darum etwas spöttisch auf seine Frage: Die Pharisäer verstanden ja noch nicht einmal, wenn Jesus von den ganz irdischen Dingen sprach – wie sollen sie dann die Dinge des Himmelreichs verstehen?

Na, und jetzt weiß ich nicht, wie ich weiter machen soll.“

Maria schaute versonnen in das Feuer, auf dem ein Fladenbrot langsam braun wurde.

Dann sagte sie: „Du musst erklären, warum wir durch die Taufe wiedergeboren werden. Das Wasser allein kann’s ja nicht sein, und der Heilige Geist reicht auch nicht als Erklärung. Die Wiedergeburt setzt den Tod voraus – den Tod unseres Herrn. Davon musst Du schreiben.“

Johannes überlegte kurz. „Du hast Recht“, sagte er dann. „Nur wer stirbt, kann zu neuem Leben erwachen. Der alte Mensch muss sterben. Buße und Reue führen in den Tod, bevor die Taufe das neue Leben möglich macht.“

Eine Weile war es still. Dann sagte Maria: „Erinnerst Du Dich an das, was kürzlich in der Synagoge gelesen wurde? Die Geschichte von der ehernen Schlange? Das ist doch ganz ähnlich: tot und wieder lebendig werden. Die Schlange wurde zum Symbol des Lebens, obwohl sie vorher den Israeliten den Tod gebracht hatte. Genau das gleiche gilt doch auch für das Kreuz: es bringt den Tod, aber uns bringt es das Leben. Durch das Kreuz werden wir neu geboren.“

„Ja!“ rief Johannes aus, tauchte die Feder in das Tintenfass und schrieb:

„Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 14-15)

Vom Tod Jesu mochte er nicht schreiben, denn der Tod hatte ja nicht das letzte Wort. Das Kreuz, das ist die Erhöhung: da vollendet Gott sein Liebeswerk an der Menschheit. Die Majestät Jesu wird offenbart. Das Kreuz ist der Thron des Menschensohnes!

Nur kurz überlegte er, bevor er den nächsten Satz anschloss:

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 16)

‚Das ist gut!‘, dachte er bei sich. ‚Jeder Pharisäer muss das verstehen. Der Sohn Gottes ist das vollkommene Osterlamm – nie wieder muss ein Opfer dargebracht werden, denn Jesus Christus hat das letztgültige Opfer selbst vollbracht. Gott opferte sich in seinem Sohn, damit wir frei werden von aller Sünde.‘

Wieder erhob sich sein Blick und begann, durch die Wand hindurch zu wandern und in eine Ferne zu blicken, die sonst niemand erkennen konnte.

„Was ist mit dem Gericht?“, fragte Maria ohne zu ahnen, dass sie die Gedanken ihres Mannes gelesen zu haben schien.

„Ja, darüber habe ich auch gerade nachgedacht.“, erwiderte Johannes. „Es muss doch deutlich werden, dass die Taufe nichts nützt, wenn man nicht auch an den Sohn Gottes glaubt. Die Gnade ist nicht billig. Sie kommt allein durch den Glauben. Das habe ich zwar schon angedeutet, aber ich muss es wohl noch etwas deutlicher ausführen.“

Wieder wandte er sich dem Pergament zu und schrieb die nächsten Sätze. Dann wandte er sich um, nahm das Pergament in die Hand und sagte zu Maria: „Höre mal zu und sage mir, was du davon hältst:

„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“ (Joh 3, 17-18)

Maria schwieg.

„Nun, was sagst Du?“, drängte Johannes.

„Ich weiß nicht.“ entgegnete Maria. „Da fehlt noch was. Was ist denn das Gericht? Wenn Jesus nicht gekommen ist, um zu richten, womit Du ja Recht hast – er ist in die Welt gekommen, um den Menschen die Liebe Gottes zu offenbaren und die Zeit der Gnade zu verkünden – wie sieht dann das Gericht aus, das Du da ankündigst? Was kommt auf die Menschen zu, die nicht glauben wollen, die nicht wiedergeboren werden – auch wenn sie getauft wurden?“

Johannes überlegte kurz und sagte dann: „Das ist doch eigentlich jetzt schon klar. Sieh dir die Welt an. Da wird gestohlen, gemordet, gehurt, der eine gönnt dem andern nichts. Politiker sind bestechlich und gewähren den Reichen alle möglichen Vorteile, während die Armen leer ausgehen. Ist das nicht Gericht genug?“

„Für wen?“, fragte Maria. „Wenn das das Gericht ist, dann trifft es doch nur die, die es eigentlich nicht verdient haben: die Armen, die kein Geld haben um die Beamten zu bestechen, und die Sklaven und die Kranken und die Witwen und die Waisen usw. Sie leiden am meisten in unserer Gesellschaft.“

„Ja, da hast du Recht“, sagte Johannes und schwieg. Dann hob er wieder an: „aber es ist doch so: wenn diese Armen und Sklaven und Kranken und Witwen und Waisen sich Jesus zuwenden und an ihn glauben und sich taufen lassen, dann haben sie Gott auf ihrer Seite. Sie werden erleben, wie Gott sie trägt und hält und stärkt. Sie werden von ihm mit offenen Armen aufgenommen, während all die anderen fallen gelassen werden. Jene können nicht in das Reich Gottes hinein kommen – sie aber sind schon mitten drin.“

Beide schwiegen eine Weile. Die letzte Konsequenz dieser Worte schien Johannes dann doch etwas zu hart. Aber ist es nicht so? Ist nicht der Mensch, der die Liebe Gottes nicht annehmen will, bereits in den tiefsten Abgründen der Finsternis zu Hause und für immer dort gefangen? Kann ein solcher Mensch noch glücklich werden? Gewiss nicht!

Erneut begann er zu schreiben:

„Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.“ (Joh 3, 19-20)

Wieder las er diesen neuen Abschnitt seiner Frau vor. Sie nickte anerkennend. „Gut, dass Du das Licht wieder aufgenommen hast. Ich fand das schon am Anfang schön, wie Du geschrieben hattest: ‚Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.‘ Jetzt wird deutlich, was das bedeutet: Es gibt keine Brücke zwischen der Finsternis und dem Licht. Wer die Finsternis liebt, muss das Licht hassen. Aber umgekehrt ist es doch auch richtig, oder? Es gibt kein Zwielicht zwischen Gott und den Menschen.“

„Ja“, erwiderte Johannes, „da kann ich noch einen Satz zu schreiben. Lass mich noch ein bisschen darüber nachdenken, wie ich das formuliere.“

Wieder wanderte sein Blick durch die Wand hindurch in eine Ferne, die niemand sonst sehen konnte. Wieder und wieder murmelte er die Worte vor sich hin: „Wer Böses tut...“. Und immer wieder versuchte er nun das Gegenteil zu formulieren: „Wer aber Gutes tut...“. Aber irgendetwas in ihm ließ ihn zögern. ‚Gutes tun‘, so dachte er, ‚das können doch auch die Bösen, die Freunde der Finsternis. Sie geben sich damit den Anschein, gut zu sein, obwohl sie nur ihren eigenen Vorteil suchen. Ich kenne ihn gut, den Richter, der immer die Hälfte von den Bestechungsgeldern in den Opferstock legt – natürlich so, dass alle es sehen können. Natürlich sagt keiner, dass es Bestechungsgelder sind, aber alle wissen es. Da kommt eine Menge zusammen, und es ist ja für einen guten Zweck – nachdem sich die Leiter der Synagoge ihren Teil abgezogen haben. Sie alle tun Gutes – aber sie meinen es nicht. Sie sind unaufrichtig. Was ist also das Gegenteil von „Wer Böses tut...“?

Sie sind unaufrichtig, sie lügen... ja, das ist es!‘

Und wieder nahm Johannes die Feder in die Hand und schrieb:

„Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“ (Joh 3, 21)

‚Im Licht Gottes wird alles offenbar. Darum scheuen die Bösen ja auch das Licht, oder noch anders gesagt: darum können die Bösen ja nicht zum Licht Gottes kommen. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, denn er hat nichts zu befürchten.‘

„Höre, Weib!“, sagte er, und las den letzten Satz seiner Frau vor.

Die neigte den Kopf etwas, wendete den letzten Brotfladen und fragte dann: „Wie kann man die Wahrheit tun? Man redet die Wahrheit, man tut sie doch nicht?“

‚Frauen!‘, dachte Johannes bei sich und hätte am liebsten gesagt: ‚Das verstehst Du nicht.‘ Aber seine Frau hatte ihm immer geholfen, und nur durch sie war das, was er bisher geschrieben hatte, auch verständlich geblieben. Er musste aufpassen, dass er seine verlässlichste Beraterin nicht beleidigte und vor den Kopf stieß. Also sagte er etwas diplomatischer:

„Maria, vielleicht ist es etwas umständlich formuliert, aber es muss ein Gegenüber zum Tun des Bösen geben, das Gegenteil davon. Das Gute Tun kann es nicht sein, denn das tun auch die bösen Menschen, nur eben mit bösen Hintergedanken und nur zu ihrem eigenen Vorteil. Das Gegenteil vom Tun des Bösen ist das Tun der Wahrheit. Denn alles, was in der Wahrheit getan wird, ist gut. Es entspringt aus der Wahrheit. Es ist aufrichtig, ehrlich. Bei solchen Taten, die aus der Wahrheit entspringen, gibt es keine bösen Hintergedanken, keinen Eigennutz als Begleiterscheinung der guten Tat. Verstehst Du jetzt, was ich meine?“

„Ja, jetzt schon“, erwiderte Maria. „Aber ich hoffe, dass es auch deine Leser verstehen werden ohne diese Erklärung.

Nun, das Essen ist fertig. Komm und setz dich zu mir.“

Johannes ließ sich das nicht zweimal sagen. Sein Magen hatte ihn schon spüren lassen, dass es Zeit war, zu essen. Und außerdem duftete das gebackene Fladenbrot so herrlich.

Er setzte sich neben seine Frau auf den Boden, dankte und brach das Brot und gab ihr mit einem dankbaren Lächeln die größere Hälfte. Dann begannen sie, mit dem Brot den Linseneintopf zu essen, den Maria gekocht hatte.

Und in beiden klang der Satz nach: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 16)

Amen

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Predigt zum Sonntag Invocavit
22. Februar 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. 16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.
(Hebr 4, 14-16)

Liebe Gemeinde,

wenn man an Gott denkt, dann denkt man an ein mächtiges Wesen, ja, ein allmächtiges Wesen. Sonst wäre es nicht Gott. Von Gott erwarten wir, dass er über den Dingen steht und unantastbar ist. Gott thront über den Dingen, nichts kann ihm etwas anhaben.

Denn wenn es nicht so wäre, wenn also Gott verwundbar wäre, dann wäre es doch nur eine Frage der Zeit, bis eine größere Macht sich über ihn erheben würde.

Bei Gott hört demnach alles auf. Nichts ist jenseits von ihm. Nur wenn es so ist, können wir ihm auch ganz vertrauen. Nur dann wissen wir, dass seine Zusagen definitiv eingehalten werden, weil nichts ihn daran hindern kann, sie umzusetzen.

Wenn hingegen Menschen etwas versprechen, kann es sein, dass sie es nicht einhalten – nicht zwangsläufig aus bösem Willen, sondern weil etwas Unvorhergesehenes sie daran hinderte. Das kann bei Gott aber nicht geschehen, denn es gibt für ihn nichts Unvorhergesehenes, und es gibt auch nichts sonst, was ihn daran hindern könnte, zu seinem Wort zu stehen. Keine Mächte noch Gewalten können Einfluss auf ihn ausüben.

So stellen wir uns Gott vor: heilig, unantastbar, unverwundbar, allmächtig, allwissend – um nur einige wenige Attribute zu nennen.

Ein Hohepriester ist nun eine Person, die gewissermaßen den direkten Draht zum Allmächtigen hat. Er vermittelt zwischen Mensch und Gott – diese Vorstellung durchzieht die Schriften des ersten Bundes, die wir das Alte Testament nennen. Niemand durfte sich Gott nahen, das Allerheiligste war dem Hohepriester vorbehalten. Auch er durfte nur einmal im Jahr dort hinein, am Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. Dann erwirkte er die Vergebung der Sünden für das ganze Volk Israel.

Der Hohepriester ist also eine Person, der man sich nicht ohne Weiteres näherte. Er konnte seinen direkten Draht zu Gott ja auch zum Nachteil eines Menschen nutzen.

Das war den Menschen damals durchaus bewusst. Wenn vom Hohepriester die Rede war, dann war Ehrfurcht und Respekt angesagt, selbst dann, wenn die Person, die das Amt innehatte, es für ihre eigenen Zwecke missbrauchte.

Denn man betrachtete das Amt losgelöst vom Menschen. Es wurde von Gott verliehen, und so handelte der Amtsträger immer im Namen Gottes, wenn er den ihm aufgetragenen Dienst versah.

Und nun benutzt der Verfasser des Hebräerbriefes ein solches Amt, um Jesu Wirken näher zu beschreiben.

Einerseits ist es verständlich, denn Jesus ist ja der Sohn Gottes – wem, wenn nicht ihm, gebührt die höchste Ehre. Und er ist es ja, der die direkte Verbindung zwischen Gott und Menschen hergestellt hat – so wie es der Hohepriester auch tut.

Aber andererseits ist Jesus der menschgewordene Gott. Und die Bedeutung seiner Menschwerdung kommt bei dem Bild vom Hohepriester nicht so deutlich zum Tragen, denn auch wenn der Hohepriester Mensch ist, so ist er doch gewissermaßen abgehoben von den Menschen durch seine Funktion im Tempeldienst.

Darum stellt uns der Verfasser des Hebräerbriefes einen Hohepriester vor, der anders ist. Er ist nicht Würdenträger, sondern er ist mit den Menschen in die tiefsten Abgründe eingetaucht. Er hat unsere Schwachheit, unseren Kleinmut und unsere Ängste hautnah miterlebt. Er wurde versucht vom Teufel, wie wir vorhin in der Evangeliumslesung gehört haben.

Nur in einem unterscheidet er sich von uns:

Er ist ohne Sünde. Er hat den Versuchungen nicht nachgegeben. Er hat nie aufgehört, auf die Güte Gottes zu vertrauen.

Alles andere aber hat er auch erfahren oder wenigstens mit erlitten, bis hin zum Tod. Er hat den Hass der Menschen erfahren, die Hoffnungslosigkeit, aber auch die Hoffnung, die Machtgier, die Mutlosigkeit, Den Neid, das Leiden – Jesus war mittendrin, er hat das Elend der Menschheit nicht nur wahrgenommen, er hat es mit der Menschheit erlitten.

Der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu aus Südafrika hat Jesus als einen „der mitfühlendsten Menschen ..., den die Welt je kannte“, beschrieben. Ich würde noch weiter gehen und sagen: Jesus war der mitfühlendste Mensch, den die Welt je kannte.

Denken wir zum Beispiel an die Ehebrecherin, die Jesus mit den Worten „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ (Joh 8, 7b) vor dem Tod bewahrt. Er selbst hätte das Urteil vollstrecken können – anstelle dessen vergibt er ihr.

Oder denken wir an die Segnung der Kinder. Sie waren ihm wichtiger als die Erwachsenen, die sich von ihnen gestört fühlten.

Oder an die Seligpreisungen, in denen er uns gewissermaßen einen Fahrplan für unser Leben gibt – einen, der zwar utopisch erscheint, aber der nur das Wohl der Mitmenschen im Blick hat.

Er hat für die um Vergebung gebeten, die es wahrlich nicht verdient hätten. Und er hat denen vergeben, die an ihm schuldig wurden, ohne Vorbehalte.

Nun sind wir eingeladen, uns Gott zu nahen. Diese Einladung haben wir Jesus zu verdanken. Wir sind eingeladen, weil es der Thron der Gnade ist – durch Christi Blut zum Thron der Gnade geworden. Jedes noch so schwere Verbrechen kann durch diese Gnade gesühnt werden.

Der Weg dahin mag nicht so leicht sein. Denn unsere eigene Schuld, unser Versagen, unser Kleinglaube stehen uns im Weg. Ist es wirklich so einfach? Können wir die Gnade Gottes wirklich so ohne Weiteres, ohne jede Vorleistung in Anspruch nehmen?

Ja, wir können es, wir dürfen es. Darum starb Jesus am Kreuz, damit wir diesen freien Zugang haben. Der Vorhang im Tempel zerriss – der Vorhang, der den Blick auf das Allerheiligste und damit den Zugang zu Gott unmöglich machte. Wir dürfen nun vor Gott treten und von ihm persönlich die Vergebung unserer Sünden empfangen.

Es mag andererseits Menschen geben, die es sich zu leicht machen: sie meinen, dass Gottes Gnade frei verfügbar sei, und lassen darum die Zeit verstreichen. Sie behalten ihren Lebenswandel bei und meinen, irgendwann einmal die Gnade Gottes in Anspruch nehmen zu können. Aber so einfach ist es nicht.

Wenn uns der Verfasser des Hebräerbriefes einlädt, vor den Thron der Gnade zu treten, dann ruft er uns auf einen Weg. Wir stehen ja nicht so ohne weiteres vor dem Thron der Gnade, wir müssen erst hinzutreten.

Das kann mit einem Schritt geschehen, es kann aber auch ein langer Weg sein.

Ich würde in diesem „hinzutreten“ unseren Lebensweg sehen wollen. Und nun kommt es darauf an, wie wir diesen Weg gehen.

Haben wir Scheuklappen vor den Augen, die uns hindern, die Menschen, die links und rechts von uns am Wegrand sind, wahrzunehmen? Eilen wir an denen vorbei, die unsere Hilfe brauchen, so wie es der Levit und der Priester taten, als sie den halb tot Geschlagenen am Wegrand liegen sahen? (Lk 10, 25-37)

Oder schauen wir doch nach links und rechts? Sehen wir die Menschen, die da unseren Weg säumen?

Vielleicht kommen wir ja nicht so schnell zum Ziel, wenn wir uns um die Menschen kümmern, die wir da erblicken. Aber in Wahrheit sind wir dann so nah an Christus, wie wir es anders kaum sein könnten. Denn als Jesus das Weltgericht beschrieb, da sagte er: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 40b)

Und Jesus hat da keine Einschränkungen gemacht, wer nun seine geringsten Brüder wären. Er sprach von Hungernden, von Durstenden, von Nackten, von Kranken, von Gefangenen und von Fremden. Sie alle sind seine geringsten Brüder. In ihnen allen begegnet uns Christus.

(Dass da von Brüdern die Rede ist, mag manchen vielleicht etwas stören – natürlich sind aber auch die Schwestern gemeint, oder, um es mit einem Wort zu sagen: es geht um die Geschwister. Nur war es damals so, dass man von Brüdern sprach und damit die Schwestern genauso meinte.)

Jesus führt uns die vor Augen, die eine gesellschaftliche Randgruppe darstellen oder die eigentlich gar nicht in unserem Blickfeld sind.

Denn Hungernde und Durstende werden uns wohl kaum begegnen. Es gibt sie aber. Noch immer leiden über 800 Millionen Menschen, also fast zehn mal so viel Menschen wie in der Bundesrepublik, Hunger. Anders gesagt: Jeder 9. Mensch in der Welt hat nicht genug zu essen.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFD) sagt dazu: „Hunger ist das größte lösbare Problem weltweit“. Wenn jeder Mensch in Deutschland monatlich 60 Euro für die Bekämpfung des Hungers spenden würde, wäre der Hunger bereits besiegt. So wenig reicht schon aus.

Wer Hunger leidet, braucht auch Kleidung, denn bevor er sich Kleidung besorgt, wird er immer Essen beschaffen. Aber das ist, wie gesagt, doch recht weit weg.

Näher als die Hungernden sind uns wohl die Fremdlinge, obwohl wir sie gar nicht so deutlich wahrnehmen. Menschen, die als Flüchtlinge hierher kommen, aber auch solche, die schon seit Jahren unter uns leben.

Haben wir sie besucht? Haben wir ihnen das Gefühl gegeben, dass sie hier willkommen sind? Haben wir sie uns zu Freunden gemacht?

Eine Menge Vorurteile und Halbwahrheiten oder Gerüchte, deren Wahrheitsgehalt nicht festgestellt werden kann, schwirren in den Köpfen herum, beißen sich dort fest und hindern uns, auf die Menschen zuzugehen, die uns fremd sind. Terroristen, die sich auf den Islam berufen, tun ihr Übriges, um die Angst vor muslimischen Mitbürgern zu schüren.

Dabei sehnen sich die meisten der „Fremden“ nach einem freundlichen Wort, nach einem Zeichen, dass sie willkommen sind, dass sie hier nicht auf sich alleine gestellt oder gar nicht willkommen sind, sondern damit rechnen können, dass sie Hilfe empfangen, wenn sie sie brauchen.

Jesus war der mitfühlendste Mensch, den die Welt je kannte. Er ist der Hohepriester, der mit uns leidet – oder vielleicht nicht mit uns, weil es uns ja doch recht gut geht, sondern mit unseren Mitmenschen.

Wenn wir ihm nachfolgen wollen, dann heißt das, ebenso mitfühlend zu sein, die Not der anderen Menschen zu erkennen und für sie da zu sein. Es heißt, unsere Ängste abzulegen, Vorurteilen keinen Raum zu geben und offen und ohne Vorbehalte auf unsere Mitmenschen zu zu gehen.

Denn in der Tat brauchen wir keine Angst zu haben. Wir wissen ja, dass wir in Gott geborgen sind.

So gehen wir unseren Weg zum Thron der Gnade, indem wir auch unseren Mitmenschen gegenüber die Gnade Gottes spürbar machen.

Amen

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Predigt zum Sonntag Estomihi (Quinquagesimae)
15. Februar 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im 2. Brief des Paulus an die Korinther im 12. Kapitel:

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

(Lk 10, 38-42)

Liebe Gemeinde,

„Maria hat das gute Teil erwählt.“ Wenn ich diese Worte höre und mir vorstelle, wie sie auf Marta gewirkt haben, weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich dazu sagen soll.

Ist das nicht abgrundtief respektlos ihr gegenüber? Ja, man möchte sogar fragen: sind diese Worte nicht Zeichen der Verachtung? Zumal Jesus ja noch vorausschickt: „Eins ist not“ – das andere also nicht. Was hat er sich nur dabei gedacht, die arme Marta so vor den Kopf zu stoßen?

Auf der anderen Seite ist da Maria. Wir sehen sie eine Position einnehmen, die ihr in der damaligen Zeit nicht zufällt. Sie soll nicht den religiösen Lehrern zuhören, sondern ihnen dienen. Müsste Jesus nicht sie tadeln dafür, dass sie Marta alleine schuften lässt?

Aber es ist Marias Entscheidung: sie will hören. Sie weiß, dass die Worte Jesu Worte des Lebens sind. Und sie will dieses Leben auch für sich in Anspruch nehmen.

Da wird etwas erkennbar, was wir später als „Emanzipation“ bezeichnet haben: die Frau befreit sich aus der ihr zugedachten Rolle, sie definiert sich nicht mehr über oder durch die Welt der Männer, sondern sie wird eine ganz eigene Persönlichkeit.

Jesus achtet das und er unterstützt es. Mit keinem Wort kritisiert er Marias Haltung, im Gegenteil: sie hat das gute Teil gewählt. Sie hat gewählt. Sie ließ sich nicht von Konventionen und Rollenzuteilungen leiten, sie ließ sich nicht fremd bestimmen, sondern einzig von ihrem eigenen Wollen.

Andererseits, und das muss man auch zugestehen, ist Martha nicht bloß ihrer Rolle als Hausfrau treu geblieben. Sie tut diesen Dienst mit Hingabe. Sie weiß, dass diese Dinge getan werden müssen. Vielleicht wünscht sie sich insgeheim ebenfalls, zu Jesu Füßen sitzen zu dürfen, aber sie bittet nicht darum. Vielmehr bittet sie darum, dass Maria ihr helfe. Vielleicht können sie dann ja beide am Ende noch – etwas im Hintergrund – Worte Jesu hören, freilich dezent und nicht so provokativ zu seinen Füßen, wie es Maria gerade tut.

Es muss ja schließlich jemand da sein, der für das Wohl aller sorgt! Und dazu gehört nicht nur das Zubereiten des Essens. Dazu gehört auch das Saubermachen, das Decken des Tisches, das Säubern des Fußbodens, das Waschen der Wäsche, das Holen des Wassers usw.

Man könnte vielleicht überleben, auch wenn sich niemand um diese Dinge kümmern würde. Sicher würde jeder einzelne für sich selbst sorgen können, soweit es nach seinem Gefühl nötig wäre. Aber es ist doch zu erwarten, dass es dann zu einer gewissen Verwahrlosung kommt. Nicht immer ist ein Fluss in der Nähe, in dem man sich waschen kann.

Und wenn man sich nicht für die fruchtlosen Zeiten des Jahres Vorräte schafft, kann es gut sein, dass man am Ende sogar verhungert. Nicht immer hängen Beeren am Strauch. Fleisch muss konserviert werden, man muss Tiere schlachten und kann das nur, wenn man sie zuvor gepflegt und geschützt hat oder wenn man regelmäßig auf die Jagd geht.

Im Grunde ist man also doch immer auf die Hilfe anderer angewiesen oder muss sich eben selbst um diese Dinge zum Lebensunterhalt kömmen – doch nun sagt Jesus in dieser Erzählung, dass das nicht nötig ist.

Gewiss mag man an die Worte denken, die er an anderer Stelle gesagt hat: „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen“ (Mt 6, 34).

Und im Lukas-Evangelium lesen wir wenig später nach der Erzählung von Maria und Martha ganz ähnliche Worte: „Darum auch ihr, fragt nicht danach, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, und macht euch keine Unruhe. ... Euer Vater weiß, dass ihr dessen bedürft. Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch das alles zufallen.“ (Lk 12, 30f) Aber kann das wirklich funktionieren? Ist das Trachten nach dem Reich Gottes genug? Kann man, um es zugespitzt zu fragen, davon leben

Maria könnte jedenfalls nicht zu Füßen Jesu sitzen und ihm zuhören, wenn nicht Marta für sie sorgen würde. Und dennoch sagt Jesus solche zutiefst verletzenden Worte, anstatt Worte der Anerkennung und des Dankes zu finden. Wie kommt es dazu?

Es mag hilfreich sein, einmal auf den Text davor zu schauen. Er ist uns, so wie die Erzählung von Maria und Martha, bestens vertraut. Es geht da nämlich um den barmherzigen Samariter.

Irgendwie spüren wir zwischen den beiden Erzählungen eine Spannung. Der barmherzige Samariter ist der, der entgegen allen Konventionen den Dienst am Nächsten wahrnimmt.

Er erfüllt das Gebot der Nächstenliebe, obwohl vermutlich alle Verständnis hätten, wenn er es nicht täte. Denn Samariter und Juden hatten zu der Zeit keinen Kontakt zueinander. Dennoch dient er und sorgt dafür, dass der halbtot geschlagene Jude wieder zu Kräften kommt – etwas, was dessen Glaubensgenossen, der Levit und der Priester, nicht fertig bringen, weil sie sich vor der rituellen Verunreinigung durch das Blut fürchten.

Jesus forderte den Schriftgelehrten, dem er das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählte, auf, dass er genau so handeln solle.

Marta tut zwar nicht das Gleiche, aber es hat doch einen ähnlichen Charakter. Sie dient, und interessanterweise wird an dieser Stelle im griechischen Urtext ein Wort verwendet, das uns vertraut ist: Diakonie. Wir übersetzen es gerne mit „Dienst am Nächsten“, denn das trifft die Bedeutung dieses Wortes am ehesten.

Martha folgt also dem Auftrag Jesu, sie tut den Dienst der Nächstenliebe, von dem gerade zuvor die Rede ist, und muss feststellen, dass es genau das Falsche ist.

Es ist auffällig, dass wir beide Geschichten, die vom Barmherzigen Samariter und die von Maria und Martha, nur im Lukas-Evangelium finden.

Der Evangelist hat sich, das schreibt er am Anfang seines Evangeliums, viel Mühe gegeben, um die Geschichte Jesu zu recherchieren und dann aufzuschreiben. Es ist zu erwarten, dass er sich etwas dabei gedacht hat, diese beiden Erzählungen hintereinander zu stellen.

Denn als er das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter aufgeschrieben hatte, wird ihm bewusst geworden sein: das alleine ist noch nicht genug. Dienst am Nächsten – schön und gut und richtig, aber ohne das Wort Gottes, ohne das Wort Jesu ist der Dienst der Nächstenliebe nicht vollkommen. Und so finden wir zwei Extreme nebeneinander, die sich zwar einander auszuschließen scheinen, aber in Wahrheit einander ergänzen.

Man hat die Geschichte von Maria und Martha verschieden gedeutet. Man hat in ihr die Vorstellung und Beurteilung zweier Lebensentwürfe gesehen: die vita activa und die vita contemplativa, oder zu deutsch: das aktive Leben und das geistliche Leben.

Man hat da auch eine Gegenüberstellung von evangelisch und römisch-katholisch gesehen – Werkgrechtigkeit gegen die Gerechtigkeit allein aus Glauben.

Man hat die Geschichte als Mahnung angesehen, die Zeit richtig zu nutzen: Maria hatte die Gelegenheit ergriffen, die ihr von Gott geboten wurde, Marta nicht.

Und in jüngerer Zeit wurde die Geschichte zum Vehikel für die Emanzipationsbewegung: Maria befreit sich von allen Klischees und gesellschaftlichen Konventionen, während Marta in diesen Konventionen gefangen bleibt.

Alle diese Deutungen sind zur Sprache gekommen, sie treffen aber nicht den Kern der Erzählung.

Was aber dann?

Ich denke mal, dass wir alle uns gerne so wie Maria zu Jesu Füßen setzen und auf seine Worte hören würden. Wir wissen ja auch: von ihm kommt das Leben. Was er sagt, gibt Kraft. Seine Worte sind Wegweisung.

Aber noch während ich das sage, merken wir: wir brauchen seine Worte, damit wir unsere Arbeit tun können. Unser Dienst an unseren Mitmenschen, unsere Aktivitäten gelingen, weil wir innehalten und uns Nahrung für unsere Seele beschaffen.

Andererseits würde das bloße Zuhören zum letztlich doch nutzlosen Selbstzweck werden, wollten wir nicht wieder aufstehen und unserer Arbeit, unserem Beruf nachgehen.

Beides gehört also zusammen. Es gibt kein Entweder – Oder, sondern wir leben aus beidem.

Vermutlich haben Sie auch schon bemerkt, dass der sonntägliche Gang zum Gottesdienst dem, was uns hier nahe gelegt wird, am ehesten entspricht: Hier können wir zur Ruhe kommen. Wir hören das Wort Gottes und nehmen es in uns auf. Es stärkt uns für unseren Alltag.

Zugegeben, das ist nicht immer der Fall. Es geschieht schon hin und wieder, dass wir aus einem Gottesdienst herausgehen und das Gefühl haben, dass da etwas nicht stimmt. Wir haben Worte gehört, die uns nicht angesprochen, sondern irritiert haben. Und wir fragen uns: war das wirklich Wort Gottes?

Eins steht jedenfalls fest: Im Gottesdienst sind zunächst einmal Menschen am Werk. Und da kann es schon durchaus sein, dass das, was gesagt wurde, nicht dem Wort Gottes entspricht.

Aber dann müssen wir auch wissen: Gott spricht nicht zu uns allein durch die Menschen, die im Gottesdienst etwas vortragen. Es muss nicht die Predigt sein, durch die wir die Wegzehrung empfangen, auch wenn man sich das meist ja doch wünscht. Aber im Gottesdienst sind wir von Anfang bis Ende Gott gegenübergestellt, sind wir ihm in besonderer Weise nahe.

Gott spricht zu uns auf vielfältige Weise. Er redet durch seinen Geist, der mitunter ganz andere Mittel als das gesprochene Wort verwendet, um uns anzurühren.

Da kann z.B. ein Lichtstrahl mehr in uns bewirken als die scheinbar schönste Predigt. Da kann einem der Fehler, der dem da vorne passiert, plötzlich bewusst machen, dass das eigene Versagen gar nicht so schlimm ist. Da kann die Orgelmusik ins Herz dringen, oder eine Liedstrophe ist die Antwort auf die Frage, die wir uns schon so lange gestellt haben.

Oder wir spüren plötzlich, dass das Kind, das da immer wieder einmal Laute von sich gibt, in Wahrheit nichts anderes tut als den Chor der Engel zum Klingen zu bringen, die in beständigem Lobpreis vor dem Thron Gottes stehen.

Oder wir fangen einen Satz auf, der in uns eine Lawine ins Rollen bringt: plötzlich kommt das, was schon tagelang an unserer Seele genagt hat, in Bewegung, und die Last fällt schließlich von uns ab.

Wir brauchen diese Zeit der Ruhe und des Hörens, damit wir in unserem Alltag bestehen können, damit unsere Arbeit gelingt, damit wir auch weiterhin unserem Nächsten dienen können. Und darum ist es auch gut, dass es Orte wie der Kaiserdom und diesen Raum hier gibt, an denen wir uns ganz vom Alltag lösen können. Denn da fällt es durchaus leichter, sich von Gott anreden zu lassen.

Andererseits war es bei der Geschichte von Maria und Marta ja doch etwas anders: da brauchte es keinen besonderen Ort. Es war das Zuhause von Maria und Marta, es war also mitten im Alltag.

Aber der Ort verwandelte sich durch die Gegenwart Jesu. Das war durch Jesus nicht mehr der Ort des Alltags, sondern es wurde ein Ort der Kontemplation. Das kann die Gegenwart Jesu bewirken. Und darum kann er dann auch zu Marta sagen, dass Maria das gute Teil gewählt hat. Es soll nicht verletzen oder geringschätzen, was Marta tut, sondern es soll ihr nur deutlich machen: hier ist jetzt etwas anderes dran.

So etwas kann natürlich auch passieren. Und da heißt es: aufmerksam sein, denn Gott kann uns durchaus auch in unserem Alltag ansprechen.

So mögen wir sensibel sein für die Gegenwart Gottes und nicht aufhören, damit zu rechnen, dass er zu uns spricht durch seinen Geist, hier im Gottesdienst oder auch in unserem Alltag.

Amen

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae
8. Februar 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im 2. Brief des Paulus an die Korinther im 12. Kapitel:

Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

(2. Kor 12, 1-10)

Liebe Gemeinde,

niemand hört gerne einem Angeber zu. Und wie ist es mit dem anderen Extrem? Auch Tiefstapler hat man ja eigentlich nicht gerne um sich.

Stellen wir es uns einmal kurz vor.

Da sind fünf Menschen beieinander beim Kaffeetrinken, und der eine sagt: „Ich habe kürzlich dem Bürgermeister die Hand geschüttelt“. Sagt der nächste: „Das ist noch gar nichts. Ich habe vor zwei Tagen mit Siegmar Gabriel gesprochen.“ Und der dritte: „Als ich vor einem Monat in Berlin war, ist mir doch glatt Angela Merkel über den Weg gelaufen. Sie hielt an, streckte mir die Hand entgegen und sagte: Schön, dass ich Sie mal wiedersehe, Herr Meier!“

Irgendwann wird es tatsächlich etwas unglaubwürdig. Aber es gibt Menschen, die stört das nicht weiter, sondern lügen das Blaue vom Himmel herunter, nur damit sie im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Mit solchen Menschen hatten es die Menschen in Korinth damals zu tun bekommen. Ob sie gelogen haben, wissen wir nicht, aber es fiel schon auf, dass sie sich immer wieder ihrer Leistungen rühmten und damit ordentlich angaben.

„Ich habe gestern einen bösen Geist ausgetrieben“, hieß es da wohl, und ein anderer sagte vielleicht: „Ich habe einen Kranken geheilt!“ Wieder ein anderer mag gesagt haben: „Gott ist mir erschienen und hat mir den Auftrag gegeben, Euch zur Buße zu rufen!“

Sie alle hinterließen mit solchen Aussagen natürlich einen ordentlichen Eindruck. Wer möchte nicht mit einem Wunderheiler befreundet sein, und wer möchte nicht gerne jemanden hören, der mit Gott redet.

Gut, heute würde man solche Aussagen wohl gleich in die Lügenschublade packen und sich müde lächelnd abwenden. Denn für uns aufgeklärte Menschen ist es doch eher unwahrscheinlich, dass Wunder geschehen. Und wer will schon überprüfen, ob da wirklich Gott geredet hat? Das muss doch erst einmal bewiesen werden!

Aber damals war das anders. Man traute es den Menschen zu, Wunder zu vollbringen, auch wenn es nicht immer Wunder waren. Und auch dass Gott mit den Menschen redete, lag immer im Bereich des Möglichen. Warum sollte es denn nicht Propheten geben? Gott hatte schon immer in den vergangenen Jahrhunderten Propheten berufen, warum also auch nicht heute?

Die Korinther nahmen also solche Aussagen ernst, denn sie trauten Gott zu, dass er auf diese Weise unter den Menschen wirkt.

Und so erhielten die, die damit prahlten, viel Aufmerksamkeit.

Paulus sah das und war traurig, dass die Korinther sogleich auf solche Prahlerei reagierten. Denn er wusste, dass Manches davon sicher an den Haaren herbeigezogen war.

Vor allem aber störte ihn das „Ich“ in diesen Aussagen. Wenn durch uns Wunder geschehen, dann ist das immer Gottes Werk. Wenn man also davon erzählt, dann bitte schön immer so: „Gott hat gestern einen Kranken geheilt!“ oder „Gott hat einen bösen Geist ausgetrieben.“

Nun wollte Paulus den Korinthern deutlich machen, was da nicht stimmt. Aber wie sollte er das machen?

Er tut das Gleiche wie seine Nebenbuhler, die dort in Korinth vor Ort sind, während er umher reist und neue Gemeinden gründet oder die besucht, die er schon gegründet hat.

Paulus rühmt sich also. Er prahlt, er gibt an.

Aber dann ist es doch nichts an ihm selber, das er rühmt, sondern er redet von einem anderen Menschen.

Dieser Mensch wurde von Gott entrückt und konnte wunderbare Dinge sehen, so schreibt er.

Die Entrückung in den dritten Himmel mag uns etwas merkwürdig klingen. In der antiken Welt gab es die Vorstellung, dass es sieben Himmel gäbe, und wir kennen ja auch die Redewendung: „Ich fühle mich wie im siebten Himmel.“ Jeder Himmel bringt einen Gott etwas näher.

Paulus lässt durchblicken, dass es sich bei dem Menschen, von dem er da erzählt, eigentlich um ihn selber handelt.

Aber das sagt er nicht ausdrücklich, sondern betont: „Für mich selbst will ich mich nicht rühmen“.

Denn an ihm selbst ist nichts Rühmenswertes. Er ist ein Schwächling, so würde er sich am liebsten selber beschreiben.

Aber wie ist das mit den Schwächlingen? Mit denen wollen wir uns doch auch nicht gerne abgeben. Falsche Demut, Unterwürfigkeit, oder einfach nur die Betonung körperlicher Einschränkungen, um nur ja nicht mit anpacken zu müssen; das stößt uns doch auch ab.

Wir mögen weder Hoch- noch Tiefstapler.

Aber in genau dieses Terrain begibt sich Paulus und zeigt damit die Absurdität von beidem auf. Es nützt nichts, weder das eine noch das andere. Und darum hat er auch vierzehn Jahre lang nicht davon erzählt.

Denn es verändert höchstens die Sichtweise der Menschen. Sie schauen anders auf ihn, vielleicht staunend, vielleicht bemitleidend, vielleicht bewundernd. Deswegen hätte er vermutlich besser gar nichts davon geschrieben. Aber er will den Kontrast setzen zu den Angebern, die sich da in Korinth aufhalten. Er will sagen: das hätte ich auch längst getan haben können, aber ich brauche es nicht, denn das Wesentliche ist doch etwas ganz anderes.

Und um das zu verdeutlichen, beschreibt oder besser umschreibt er sein Handicap, das ihn schon lange beschäftigt und ihm Schmerzen bereitet. Der Engel Satans schlägt ihn mit Fäusten, sagt er. und bringt damit zum Ausdruck, dass sein Körper durch irgendeine mysteriöse Krankheit, die ihm dazu noch Schmerzen verursacht, eingeschränkt ist.

Viele haben gerätselt, welche Krankheit er wohl damit gemeint haben könnte. Wir können aber aus seinen Worten nur ableiten, dass er krank war. Er flehte zu Gott, dreimal, dass er die Schmerzen und die Krankheit von ihm nehme, denn Paulus sah in ihr ein Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums.

Wie oft wünschen sich Menschen das wohl? Wie oft bitten sie Gott: lass mich wieder gesund werden? Und wie oft wurden sie enttäuscht?

Paulus aber ist nicht enttäuscht worden. Aber er ist auch nicht geheilt worden. Im Gegenteil: der Engel Satans schlägt ihn nach wie vor mit Fäusten.

Aber er hat eine Antwort von Gott bekommen auf seine Gebete:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich lerne aus diesem Verhalten des Paulus zunächst einmal, wie man richtig betet:

Es macht wenig Sinn, Gott mit seinen Anliegen auf die Nerven zu gehen. Man muss die gleiche Sache nicht hundertmal vor Gott bringen. Einmal genügt schon. Paulus betont darum dieses „dreimal“, weil er selbst das schon viel findet. Er rechnet normalerweise schon nach dem ersten Mal mit einer Reaktion Gottes, denn er weiß, dass Gott nicht vergesslich ist.

Außerdem lerne ich, dass die Antwort, die Gott auf unsere Gebete gibt, nicht zwingend unserem Anliegen entspricht. Gott hat manchmal Wege für uns, die wir uns vielleicht gar nicht vorstellen können oder wollen.

Und Paulus ist klar geworden: diese Krankheit zeigt mir, dass ich nicht überheblich werden darf. Es ist nicht mein Verdienst, es ist nicht meine Kraft, durch die so wunderbare Dinge geschehen, wenn ich im Namen Jesu rede und handele. Es ist allein Gottes Verdienst.

Und so nimmt er die Krankheit hin. Denn er weiß, dass Gott ihm nahe ist, auch in dieser Krankheit. Er nimmt sie aus Gottes Hand.

Das ist ja eine Frage, die uns immer wieder bewegt, wenn uns ein schweres Leid überfällt: entweder vermuten wir, dass es eine Strafe ist, oder wir halten es für eine Versuchung, aber wir sehen es immer als etwas Falsches an, etwas, das eigentlich nicht sein dürfte.

Dabei gebraucht Gott auch das Leid, um uns auf den richtigen Weg zu führen. Manchmal dauert es, bis wir das erkennen. Aber wenn wir uns Gott anvertrauen, auch mit unserem Leid, dann wird er uns auch eine Antwort geben, so wie Paulus eine Antwort bekommen hat:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Kor 12, 9a)

„Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Kor 12, 9a)

Gottes Gnade ist genug. Wie hätte Paulus je daran zweifeln können? Wie könnten wir daran zweifeln? Und seine Gnade erweist sich eben nicht darin, dass wir ein perfektes Leben führen können, dass unsere Kräfte immer vollständig verfügbar sind und dass wir uns immer und stets bester Gesundheit erfreuen.

Gottes Gnade erweist sich vielmehr darin, dass er uns unsere Schuld vergibt, dass er all das von uns nimmt, was uns von ihm trennt.

Lass dir an meiner Gnade genügen – mehr brauchst du nicht. Auch wenn Du Schmerzen leidest, wenn dein Körper schwach geworden ist, wenn Du dem Tod in die Augen siehst: die Gnade Gottes ist alles, was du brauchst. Und die ist dir durch die Taufe zugesagt.

Und nun wird die Schwachheit gewissermaßen zum Vehikel der Kraft Gottes. Wer seine eigene Schwachheit annimmt, spürt, wie Gottes Kraft durch ihn hindurch wirksam wird.

Ich denke da an meine Mutter, die, schon bevor sie krank wurde, viele Menschen mit ihrem tiefen Glauben beeindruckte. Als sie krank wurde, hat sie diese Krankheit aus der Hand Gottes angenommen. Sie hat Briefe geschrieben, und manche Zimmergenossen haben später dankbar von den tröstenden Gesprächen erzählt, die sie mit ihnen geführt hatte. Dabei war ihre Krankheit so selten, dass die Ärzte nicht wussten, wie sie sie behandeln sollten. Nach einem halben Jahr in verschiedenen Krankenhäusern starb sie, nicht ohne tiefe Spuren in den Herzen vieler Menschen zu hinterlassen.

Gottes Kraft war in ihr mächtig. Und so gibt es viele Menschen, die ihr Leid aus Gottes Hand annehmen und darum trotz allem sein Lob verkünden können. Denn sie resignieren nicht, sondern wissen sich eingebunden in den Heilsplan Gottes. Sie haben trotz aller Schwachheit ihren Platz im Reich Gottes und können darum auch in der Trübsal fröhlich sein.

Die Krankheit oder das Leid steht nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens solcher Menschen, sondern die Gnade Gottes, die dann auch wirksam wird durch sie.

So können auch wir leben, auch in Krankheit, auch im Elend, auch in Not. Denn das Ziel unseres Lebens ist nicht Gesundheit oder Wohlstand oder Erfolg, sondern die Gemeinschaft mit Gott. Und die können wir immer erfahren, ganz gleich, wie es uns körperlich gehen mag.

Und wenn wir in Gott sind, dann wird auch seine Kraft durch uns wirksam werden. Nicht zu unserem Lob, sondern zu seinem Lob.

So schenke uns Gott die Einsicht, seine Gnade anzunehmen und sie uns genug sein zu lassen.

Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen

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Predigt zum Sonntag Septuagesimae
1. Februar 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Evangelium nach Matthäus im 9. Kapitel (Mt 9, 9-13):

Als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): «Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.» Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Amen

Liebe Gemeinde!

Ich finde das schon bemerkenswert: da ist einer, der offensichtlich finanziell gar nicht schlecht da steht. Er hat ein gutes, gesichertes Einkommen, und er hat die Mächtigen hinter sich, die römische Besatzungsmacht. So ist er geschützt. Er kann mit seinem Leben machen, was er will – seine Mitmenschen können ihm völlig egal sein.

Ein dickes Fell braucht er allerdings, denn niemand mag ihn. Er wird beschimpft, weil er seine Stellung schamlos ausnutzt, indem er seine Mitmenschen ausbeutet. Zu laut werden diese Stimmen aber nicht, denn man fürchtet den starken Arm der Besatzungsmacht, für die er ja handelt und unter deren Schutz er steht.

Dieser Eine wird nun dort, wo er gerade seine Arbeit tut und also seinen hohen Lebensstandard sichert, angesprochen: „Folge mir!“ Ich glaube, wenn ich in seiner Position wäre, ich würde nur müde lächeln und mich gleich wieder meinem Tagesgeschäft zuwenden. Denn warum sollte ich diesem Menschen folgen?

Aber dieser Mensch, der es überhaupt nicht nötig hatte, „stand auf und folgte ihm“.

Woran liegt es, dass diese zwei Worte eine solche Wirkung auf ihn ausüben? Ist es die Persönlichkeit Jesu, die ihn überwältigt? Ist es der Klang der Stimme? Ist es der Tonfall? Der Blick?

Matthäus steht auf und folgt dem, der ihn so auffordert. Er lässt alles stehen und liegen – sogar die Schatulle mit dem Geld, in die er die Steuern hineintat, die er von den Händlern eintrieb.

Kann so etwas wirklich passieren? Es scheint jedenfalls ausgesprochen unrealistisch, unwirklich, kaum vorstellbar. Man mag an das Wort Jesu denken, dass es für ein Kamel leichter ist, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, in das Himmelreich zu kommen.

Nichts ist da, was diesen Ruf in irgendeiner Weise attraktiv machen würde. Da ist nichts außergewöhnlich Anziehendes, kein riesiges Werbeplakat, das auf Jesus aufmerksam macht, kein witziger Werbespot, keine Prämie, kein Rabatt, keine Aussicht auf ein Leben in Saus und Braus, nichts. Eher im Gegenteil: Jesus wandert umher mit nichts als einem Überwurf bekleidet, Essen gibt es zwar genug, aber nicht gerade sehr abwechslungsreich, und Auswahl gibt es schon gar nicht. Es gibt keine weichen Matratzen, sondern steiniger Boden, auf dem man sich nachts bettet unter freiem Himmel.

Der Zöllner wurde völlig überraschend aufgefordert, mit Jesus mit zu gehen, er hatte es weder erhofft noch in irgend einer Form damit gerechnet. Nirgends wird davon berichtet, dass er sich auf den Ruf hätte wenigstens innerlich vorbereiten können. Er steckt im vollen Leben.

Und dann ergehen nur diese zwei Worte an ihn, die seinen gesamten Lebensvollzug ins Wanken bringen. So etwas kann doch eigentlich gar nicht geschehen!

Und es geschieht doch.

Diese Erzählung von der Berufung des Matthäus will uns auf etwas hinweisen, das uns oft gar nicht so gegenwärtig ist, womit wir aber rechnen sollen und auch dürfen:

Das Wort Gottes, das uns anspricht und das uns in seine Nachfolge ruft. Das Wort Gottes, das in sich mächtig ist. Dieses Wort hat eine verwandelnde, verändernde Kraft. Es löst etwas aus, indem es in uns hinein dringt. Es gelangt nicht nur an unsere Ohren und von dort in unser Gehirn, wo wir die Worte dann verstehen, sondern auch in unser Herz, wo wir das dringende dieser Worte spüren, wo wir das spüren, was aus den Worten nicht mit den Ohren herausgehört werden kann: dass es um unser Leben geht, dass diese Worte Lebensspender sind. Das Wort Gottes ist lebendig. Es weist uns den Weg Gottes. Doch das spüren wir nur mit dem Herzen.

„Folge mir!“

Das ist eben kein verlockender Werbespruch und damit auch kein leeres Versprechen, wie es oft in Werbungen gemacht wird. Es trägt in sich eine Kraft, der wir kaum etwas entgegen setzen können. Es ist wahrhaftig.

Wenn Gott uns anspricht, dann wird alles umgekrempelt. Alle Werte, die uns bisher wichtig waren, erscheinen in einem anderen Licht, sie werden neu sortiert und bekommen eine andere Priorität. Plötzlich ist das eine, was bisher das Wichtigste war, unbedeutend, und anderes, was wir bisher für völlig wertlos und unwichtig hielten, wird bedeutend.

Der Zöllner scheint sein Leben dann aber doch nicht gänzlich hinter sich zu lassen. Vielmehr gibt es ein Festessen in seinem Haus. Jedoch bleibt selbst dies merkwürdig undeutlich: ist es wirklich das Haus des Zöllners? Wir kennen das so von den Erzählungen in den anderen Evangelien.

Matthäus aber berichtet nichts von einer Einladung, es scheint vielmehr, als ob das Essen mit den „Zöllnern und Sündern“ ganz unabhängig von der Berufung des Matthäus erfolgt.

Wir wissen, dass Matthäus, der in den anderen Evangelien Levi genannt wird, dann zum Kreis der Zwölf hinzu gezählt wird. Er geht also mit Jesus mit, als dieser wieder aufbricht und die Stadt verlässt. Ein Abschiedsessen liegt nahe, aber dieses Essen scheint damit nichts zu tun zu haben. Vielleicht hatte Jesus eingeladen, vielleicht wurde er eingeladen, vielleicht ist es einfach ein gemeinschaftliches Mahl, so wie es sie an vielen Orten gab. Es scheint ein ganz normales Essen zu sein. Man ist fröhlich beisammen, man unterhält sich und isst und trinkt.

Aber da sind dann noch die Pharisäer, die Hüter des Gesetzes. Sie haben Jesus ja schon eine Weile beobachtet, sind argwöhnisch ob seiner Lehren, und können ihm doch nichts entgegen setzen. Sollte er etwa doch der versprochene Messias sein?

Es ist bis jetzt noch eher Neugier als böse Absicht, wenn sie ihm gewissermaßen hinterher schleichen. Sie wollen Beweise sehen dafür, dass er der Erwählte Gottes ist, der Messias. Oder Beweise dafür, dass er es nicht ist.

Und nun sehen sie Jesus mit den Zöllnern und Sündern essen. Offenbar war es ein Leichtes, Zöllner und Sünder in einem Atemzug zu nennen. Zöllner, so wie Matthäus, sind nun mal böse Menschen, weil sie mit den Unterdrückern zusammenarbeiten und dabei noch ihre eigenen Volksgenossen ausbeuten.

Vielleicht kennen wir das auch, dass wir Menschen mit einem Wort in eine Schublade stecken, aus der sie sich kaum mehr befreien können. Vielleicht wollen wir nicht wahr haben, dass das Wort Gottes solch eine verwandelnde Kraft haben kann in den Menschen, mit denen wir so wenig wie möglich zu tun haben wollen.

Und nun sieht man, dass Jesus mit solchen Menschen das Brot teilt. Versuchen wir es uns einmal so vorzustellen: Jesus sitzt mit denen zusammen, denen wir am liebsten den Rücken kehren würden. Das darf doch nicht sein! Und darum sind die Pharisäer entsetzt.

Nun fragen sie aber nicht Jesus selbst, was ja eigentlich nahe liegen würde, sondern wenden sich an seine Jünger: warum tut er das? Warum isst er mit den Zöllnern und Sündern? Sie wollen wissen, ob seine Jünger dies plausibel begründen können, denn nur dann können sie auch annehmen, dass er ein guter Lehrer ist. Sie prüfen also im Grunde auf diesem Wege die Verkündigung und die Lehre Jesu. Aber die Jünger kommen gar nicht dazu, zu antworten.

Jesus hört die Frage – ob sie ihm von den Jüngern zugetragen wird, oder ob er nur gute Ohren hat, bleibt offen – und antwortet, indem er die Not der Pharisäer auf den Punkt bringt. Denn letztlich geht es gar nicht darum, ob es richtig ist, das Brot mit Zöllnern und Sündern zu teilen, sondern es geht darum, wie man mit Sünde schlechthin umgeht.

Und da gibt es für die Pharisäer nur einen Weg: sich von ihr fernhalten. Jesus tut etwas anderes: er nimmt die Sünde von den Menschen. Er befreit sie. Und so ist seine Antwort dann auch: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“

Diese Antwort impliziert zweierlei: Erstens: Es gibt solche, die keine Hilfe brauchen, die es tatsächlich schaffen, frei von Sünde zu sein, oder die wenigstens meinen, aus eigener Kraft von der Sünde los zu kommen bzw. sich von ihr fern zu halten.

Und zweitens: Sünde ist nichts, was man sich aussucht, sondern etwas, das einen befällt, so wie eine Krankheit.

So sagt er es den Pharisäern, so werden sie es verstanden haben. Aber wenn sie klug waren, dann muss ihnen auch im gleichen Augenblick ein Licht aufgegangen sein:

Jesus provoziert sie. Seine Antwort ist bewusst so formuliert, dass sie Fragen aufwirft, die zu beantworten nun Aufgabe der Pharisäer selbst ist: Bin ich wirklich so stark? Kann ich mich aus eigener Kraft von der Sünde befreien, wo sie doch über mich kommt wie eine Krankheit?

Und das Fragen geht weiter: Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich jetzt fern von ihm, während er dort bei den Zöllnern und Sündern sitzt und ihnen das Heil bringt? Brauche ich nicht auch das Heil?

Für uns kann diese Erzählung zu einer Herausforderung werden. Wo gehören wir da eigentlich hin? Sind wir die Pharisäer, oder sind wir mit Jesus am Tisch, inmitten der Zöllner und Sünder? Was ist unser Platz in dieser Geschichte?

Oftmals hat man in dieser Geschichte ein Paradigma für das Verhältnis zwischen Juden und Christen gesehen. Die Christen seien die, mit denen Jesus sich abgibt, da sie ihn ja angenommen haben als ihren Herrn und Meister, während die Juden, die hier durch die Pharisäer scheinbar repräsentiert werden, ihn ablehnten. Aber das halte ich dann doch für eine starke Vereinfachung, zumal die Zöllner und Sünder, von denen Matthäus spricht, ja auch Juden waren.

Nein, es geht in dieser Geschichte darum, wie Menschen mit Sünde umgehen, und ich kann mir vorstellen, dass da so mancher sich eher auf der Seite der Pharisäer wiederfindet als auf der Seite der Zöllner und Sünder, die mit Jesus Gemeinschaft haben.

Denn es fällt uns doch oft leichter, über andere den Stab zu brechen, als unsere eigenen Fehler und Schwächen zu erkennen und anzunehmen.

Diese Erzählung will uns deutlich machen, wie leicht das geschehen kann. „Die Starken bedürfen des Arztes nicht“ – ja, sicher, aber gibt es in dieser Welt überhaupt auch nur einen einzigen, der so stark ist, dass er nicht ein einziges Mal krank wird? Sind wir nicht alle Sünder?

Diese Frage beantwortet uns Paulus klar und deutlich: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten (Röm 3, 23). Allein die Zuwendung Gottes in Jesus Christus ist es, die uns wieder gesund machen, die uns heil machen kann. Und diese Zuwendung erfahren wir ganz unverdient, ohne dass wir etwas dazu könnten, z.B. in der Feier des Heiligen Abendmahls, aber auch in der Begegnung mit unseren Mitmenschen, wenn wir Vergebung erfahren, wenn wir nicht mehr über andere, sondern mit ihnen reden.

So werden wir Gottes Hausgenossen. Nur: es ist und bleibt unverdient. Nichts könnten wir tun, um das aus eigenen Stücken und mit eigener Kraft zu erreichen. Niemand ist so stark, dass er den Tod überwinden kann, als alleine Gott. Und vielleicht ist es auch darum, dass Jesus dem Kranken nicht den Gesunden, sondern den Starken gegenüber stellt, der meint, alles alleine bewältigen zu können.

Jeder Mensch erreicht Grenzen, die unüberwindlich sind, früher oder später. An diesen Grenzen erklingt Jesu Ruf: „Folge mir!“. Dieser Ruf hat die befreiende, ja, erlösende Kraft, die nur von Gott selbst ausgehen kann.

Diesen Ruf kann aber auch nur der vernehmen, der sein Herz für das Wort Gottes öffnet und der sich seiner eigenen Grenzen bewusst ist. Denn: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“

Amen

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Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias
25. Januar 2015 im Refektorium der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. (Mt 17, 1-9)

Liebe Gemeinde!

1. Aufstieg

Petrus, Jakobus und Johannes. Man mag sich fragen, warum Jesus nun gerade diese drei herauspickt aus den Zwölfen. Petrus, gut, dafür hat man Verständnis, er ist ja schließlich der Fels, auf dem Jesus seine Kirche bauen will (Mt 16, 18). Und er hat dann ja auch etwas zu sagen in dieser Geschichte.

Aber die anderen beiden spielen doch eigentlich nur Statistenrollen, die könnte man ja eigentlich genauso gut weglassen. Wer sind sie?

Matthäus weist uns darauf hin, dass Jakobus und Johannes Brüder sind. Und wir erinnern uns, dass es in unserer Bibel nicht nur Briefe von Paulus, sondern auch von Petrus, Jakobus und Johannes gibt, eben diesen Dreien.

Dabei ist der Apostel Jakobus, den man auch mit der Bezeichnung „der Ältere“ versieht, sehr wahrscheinlich nicht der Verfasser des Jakobusbriefes.

Aber er wird von unserem Herrn Jesus Christus nicht nur dieses eine Mal zusammen mit Petrus und Johannes ausgewählt, sondern auch in der schweren Stunde in Gethsemane, als Jesus sich zurückzieht, um zu seinem himmlischen Vater zu beten. Da nahm er Petrus, Johannes und Jakobus mit sich. Die drei waren aber allesamt nicht in der Lage, der Aufforderung, mit Jesus zu wachen und zu beten, zu folgen.

Jakobus ist bekannt als der erste Märtyrer, der erste Blutzeuge unter den Aposteln. Herodes Agrippa ließ ihn bereits im Jahre 44 hinrichten, wie wir aus der Apostelgeschichte erfahren (Apg 12, 1).

Ob der Apostel Johannes, also der Bruder Jakobus des Älteren, das Evangelium und die Briefe geschrieben hat, können wir nicht sicher sagen, aber wenn er das Evangelium schrieb, dann dürfen wir auch davon ausgehen, dass er der Lieblingsjünger Jesu war. Und dann versteht man vielleicht, warum er zu den Auserwählten dazugehört.

Alle drei Apostel, Petrus, Jakobus und Johannes, spielten in der frühen Christenheit der ersten Jahrzehnte eine bedeutende Rolle. Petrus gründete die Gemeinde in Rom, Jakobus verbreitete das Evangelium in Spanien und Johannes gründete viele Gemeinden in Kleinasien.

Und nun nahm Jesus diese drei mit sich auf einen hohen Berg. Es war sicher kein leichter Weg, es kostet immer Mühe, einen Berg zu ersteigen. Aber jeder, der es tut, weiß, dass ihn am Ende eine tolle Aussicht erwartet.

Zwar kann es auch passieren, dass man mitten in den Wolken landet, aber manchmal steigt man auch durch sie hindurch und sieht dann auf sie hinab. Und das ist schon ein fantastisches Bild.

Während des Aufstiegs mochten ihre Gedanken gewandert sein, vielleicht fragten sie sich, wie der Ausblick wohl sein würde, oder sie wurden von anderen Fragen bewegt. Vielleicht hatte Jesus ja mit ihnen gesprochen, vielleicht hatten sie sich zwanglos unterhalten, vielleicht wurden ihre tiefsten Abgründe offenbar.

Wer schon einmal einen Berg bestiegen hat, weiß, dass man irgendwann verstummt und nur noch das Ziel erreichen möchte: den Gipfel. Manchmal wendet man sich um, um zu sehen, wie weit man es schon geschafft hat, und auch, um die Aussicht zu genießen und etwas zu verschnaufen. Und ich bin sicher, dass das auch diese vier taten.

Aber die ganze Zeit ging da mit Petrus, Jakobus und Johannes das Fragezeichen mit: was wird er uns zeigen? Warum führt er uns auf diesen Berg?

Vielleicht dachten sie, er würde ihnen jetzt sein künftiges Reich zeigen – so wie damals der Satan Jesus die Welt zeigte und ihm versprach, ihm das alles zu geben, wenn er nur vor ihm niederfalle und ihn anbete.

Aber wir kennen ihre Gedanken nicht. Wir wissen nur, dass es ein langer Weg war, den sie vermutlich schweigend und in Gedanken bewältigten.

2. Gipfel

Und dann erreichten sie den Gipfel. Ganz unspektakulär erzählt Matthäus: Jesus „wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ (Mt 17, 2)

Trotz dieser trockenen Schilderung kann man ahnen, was für eine Szene das gewesen sein muss!

Stellen wir uns vor, wir haben frühmorgens um 4 Uhr den Aufstieg auf den Brocken begonnen und kommen rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel an. Und dann geht die Sonne auf in all ihrer Pracht. Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen.

Ganz ähnlich muss es wohl den Dreien ergangen sein. Man kann sich vorstellen, wie sie mit weit offenen Mündern dastanden und sich anschauten, wie da die Sonne vor ihnen aufging – in der Gestalt Jesu.

Die Herrlichkeit Gottes umfing ihn – das ist es, was sich dort ereignete.

Aber damit ist es noch nicht zu Ende, im Gegenteil: zwei Gestalten gesellen sich zu Jesus, und nun sind es drei und drei, die sich da auf dem Gipfel einander gegenüberstehen. Ob das etwas zu bedeuten hat? Darüber will ich lieber nicht spekulieren.

Ich habe mich aber oft gefragt, wie man wohl die beiden Gestalten, Mose und Elia, so ohne Probleme erkennen konnte. Woher wussten Petrus, Johannes und Jakobus, dass sich diese beiden an Jesu Seite befinden? Hätten es nicht auch David und Nathan sein können? Oder Abraham und Jesaja?

Diese Frage werden wir wohl nicht beantworten können. Wir stellen nur fest: sie sind da, Mose und Elia, und ihr Erscheinen hat etwas zu bedeuten.

Denn Mose und Elia spielen in der jüdischen Tradition eine besondere Rolle. Sie verkörpern zum einen das heilige, von Gott offenbarte Gesetz, die zehn Gebote, und Elia ist der Prophet, der von Gott vor dem Tod bewahrt wurde, indem er in einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen in den Himmel fuhr. Elia ist gewissermaßen der Erzprophet, von dem man die Wiederkunft erwartete – von Gott her – zu dem Zweck, den Willen Gottes endgültig zu offenbaren und durchzusetzen.

Also in gewisser Weise sind die beiden Anfang und Vollendung der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Und nun wird Jesus in ihre Mitte gestellt. Er ist gewissermaßen die Spitze eines Dreiecks, das durch ihn erst möglich wird. Die Geschichte Gottes mit den Menschen nimmt ihren Lauf. Jesus ist der Vollender all dessen, was mit Mose seinen Anfang nahm. Jesus ist der, auf den die Propheten hingewiesen haben, was durch das Erscheinen Elias bekräftigt wird.

Sein Kommen weist darauf hin, dass nun die Geschichte Gottes mit den Menschen zu ihrer Vollendung kommt. Jesus ist dort hineingebunden, in die Geschichte des Volkes Israel, und darum wird durch Jesus das Volk Israel nicht verworfen, wie manche meinen, sondern im Gegenteil; die Verheißungen Gottes durch die Propheten für das Volk Israel werden vielmehr in Jesus erfüllt.

Die Herrlichkeit, die die drei Jünger hier wahrnehmen, ist so überwältigend, dass sie am liebsten dort bleiben wollen. „Hier ist gut sein!“, sagt Petrus und will gleich drei Hütten bauen. Aber er fügt hinzu: „Willst du“ (Mt 17, 4), und bringt damit zum Ausdruck: es ist nicht seine Sache, darüber zu entscheiden. Und Recht hat er. Denn was er sieht, ist nur ein Zeichen, eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes und seines Heilsplans in Jesus Christus, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dieses Zeichen kann man nicht festhalten.

Jesus würdigt das Angebot auch keiner Antwort, denn die Erscheinung ist noch nicht zu Ende. Nun kommt eine lichte Wolke, und man fragt sich, wie man sich das vorstellen kann. Aber es gibt sie ja, die Wolken, die vom Licht der Sonne, die man nicht sehen kann, weil sie sich selbst hinter Wolken verbirgt, angestrahlt werden. Diese Wolken scheinen selbst zu strahlen.

Und dann die Stimme aus dieser Wolke heraus: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Mt 17, 5c)

Eigentlich bedarf es dazu keiner gesonderten Aufforderung, denn es sind ja Petrus, Jakobus und Johannes, die drei, die immer ihre Ohren dicht an Jesu Mund hielten, um nur kein Wort zu verpassen.

Das ist zwar etwas übertrieben formuliert, aber so darf man es sich wohl dennoch vorstellen. Sie sind die engsten Vertrauten des Herrn, daran gibt es keinen Zweifel, und darum entgeht ihnen auch nichts von dem, was Jesus sagt. Sie hören auf ihn.

Aber was ist mit uns? Wie oft hören wir etwas, ohne es wirklich zu hören? Wir vernehmen die Laute, die Worte aber nehmen wir gar nicht auf, vielleicht weil sie nicht für uns bestimmt sind, aber vielleicht auch, weil sie uns nicht interessieren, oder weil sich in uns schon lange Widerspruch regt und darum alles Gesagte an uns abprallt.

Also doch eine durchaus begründete Aufforderung.

Aber eigentlich geht es hier um etwas anderes: Gott selbst legitimiert Jesus, indem er diese Worte spricht. Jesus ist der Sohn Gottes, er ist es, auf den nicht nur wir, sondern die ganze Welt wartete und nun auch hören soll.

Diese Stimme aus der Wolke erst löst einen Schrecken bei den Jüngern aus, der sie veranlasst, niederzufallen und ihr Angesicht zur Erde zu neigen.

Sie sehen nicht, was dann geschieht. Erst als Jesus sie anrührt, wagen sie, wieder aufzusehen. Es ist schön, dass Jesus nicht nur ein paar Worte sagt, sondern sie auch anrührt. Die Berührung hat vielleicht mehr bewirkt als die Worte: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“ (Mt 17, 7)

Und schon ist alles so wie beim Aufstieg: sie sind mit Jesus allein.

3. Abstieg

Es ist also nichts mit dem Bauen von Hütten und mit dem Bleiben. So schön es gewesen wäre, sich in der Herrlichkeit Gottes zu sonnen: so ist das Leben nicht.

Und darum beginnt nun der Abstieg.

Wenn wir in Urlaub fahren, fällt es danach immer etwas schwer, sich wieder einzufinden in den alltäglichen Trott. Am liebsten wären wir dort geblieben, hätten weiter die Schönheit der Urlaubsumgebung genossen, hätten unsere Zeit verträumt.

Aber so ist das Leben nicht. Wir haben eine Aufgabe, der wir uns immer neu stellen müssen. Da ist der Beruf, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen, und da ist der Ruf Gottes, der uns in den Dienst an unseren Mitmenschen stellt. Und so kehren wir zurück in den Alltag, der mitunter noch manche leidvolle Erfahrung für uns bereit hält.

Da stirbt ein Arbeitskollege, und man darf plötzlich dessen Arbeit mitmachen, für eine Zeit wenigstens. Das bedeutet doppelte Belastung. Oder der Ehepartner wird krank, oder es kriselt in der Ehe, oder es gibt Ärger mit den Nachbarn, oder die Kinder wollen partout nicht mehr auf einen hören, oder die Eltern sind so komisch drauf, usw.

Am liebsten würde man immer auf solch einem Berggipfel sein, die Schönheit der Aussicht genießen und alles andere hinter sich lassen.

Aber, und das sei nur mal am Rande gesagt: auch auf Berggipfeln regnet es, und auch dort stürmt und schneit es.

Das Leben hat nicht nur schöne Seiten, ganz egal, wo wir uns gerade befinden.

Aber die schönen Seiten in der Erinnerung zu bewahren und daraus Kraft zu schöpfen, das können wir und dürfen wir auch.

Gott hat uns ein Zeichen gegeben: Jesus Christus ist der, auf den die Menschheit gewartet hat. Er ist es, der das Werk Gottes vollendet.

Dieses Zeichen bewahren wir, auch wenn uns nur davon erzählt wird und wir es nicht selbst erlebt haben.

Und wir nehmen es mit hinein in unseren Alltag. Wir können es in uns tragen in der Hoffnung, dass wir auch dort hin und wieder etwas von diesem Glanz der Herrlichkeit Gottes erfahren können.

Und ich bin sicher, wenn Sie einmal zurückblicken in Ihr Leben, dass Sie so manchen Augenblick entdecken werden, in dem sie tatsächlich die Herrlichkeit Gottes schauen konnten.

Der Abstieg ist notwendig, damit das, was uns mit Freude und Hoffnung erfüllt, die erreicht, die es nicht erfahren konnten. Und so gehen wir den Weg wieder hinab mit den Vieren, fügen uns wieder ein in das Getümmel der Menschen, und reden davon. Denn das Gebot, das Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gibt, als sie vom Berg herabsteigen, ist bereits erfüllt:

Der Menschensohn ist von den Toten auferstanden.

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias
11. Januar 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

(Begrüßungsgottesdienst für die Konfirmand(inn)en, die im Jahr 2016 konfirmiert werden)

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. (Röm 12, 9-16)

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Gemeinde!

Der Apostel Paulus gehört nicht zu den Verfassern in der Bibel, die man leicht und auf Anhieb verstehen kann. Das geht übrigens nicht nur uns so – das war auch damals, zu seinen Lebzeiten – schon so.

Manches Mal verschachtelt er seine Sätze derart, dass man sie mehrmals lesen muss, bevor man richtig verstanden hat, worum es ihm eigentlich geht.

Und der Römerbrief, aus dem wir gerade einen Abschnitt gehört haben, hat es eigentlich besonders in sich, denn darin beschreibt er, was der christliche Glaube bedeutet. Es sind ganz grundsätzliche Fragen, die er da bewegt und zu beantworten versucht, und er will der römischen Gemeinde beweisen, dass er weiß, wovon er redet. Die Sätze sind meist sorgfältig formuliert und kunstvoll aufgebaut, aber eben nichts zum Sofort-Verstehen, sondern zum Nachlesen und Darüber-Nachdenken.

Aber irgendwie scheint das auf diesen Abschnitt gar nicht so richtig zuzutreffen. Wir finden da erstaunlicherweise kurze Sätze und klare Aussagen, die leicht nachvollziehbar sind.

Da könnte man schon erleichtert aufatmen und sich wieder der Tagesordnung zuwenden, denn wir haben ja alle verstanden, was Paulus uns da sagen will. Aber ganz so schnell kann es dann doch nicht gehen. Denn bei der ein oder anderen Aussage taucht vielleicht auch die Frage nach dem „Warum“ auf, und dann könnte man am Ende ja auch noch sagen: ist das nicht ein bisschen viel, was Du da von uns erwartest, lieber Paulus?

Abgesehen davon: vielleicht hat der eine oder die andere ja doch nicht so genau hingehört. Es sind ja eine Menge Dinge, die Paulus da aufzählt, und da kann man schnell mal an einem hängen bleiben und mit seinen Gedanken abschweifen.

Der Brief des Paulus an die Römer ist der letzte der Briefe, die uns von ihm überliefert sind. Er schrieb ihn mit dem Plan im Hinterkopf, selbst nach Rom zu reisen, um die Gemeinde dort zu besuchen. Denn schon zu seinen Zeiten hatte die Gemeinde dort eine herausragende Rolle bekommen.

Natürlich gab es damals noch keinen Papst und auch keinen Vatikan. Aber Rom war die Hauptstadt des römischen Reiches, in dem sie ja alle lebten. Die Stadt war das Zentrum dieses Reiches.

Dort hatte sich also eine kleine, aber nicht unbedeutende christliche Gemeinde gebildet, denn alle Wege führen bekanntlich nach Rom, und so sind natürlich auch Christen aus Israel und den griechischen Provinzen nach Rom gereist, um dort in den Synagogen und unter den Nichtjuden das Evangelium zu verkünden.

In den jüdischen Gemeinden.in Rom kam es allerdings zu Widerstand, der in die Öffentlichkeit hinausgetragen wurde und darum den Kaiser Claudius veranlasste, alle Juden aus der Stadt zu verbannen. Dazu gehörten dann natürlich auch die Juden, die Christen geworden waren, solange sie sich zu ihren jüdischen Wurzeln bekannten.

Übrig blieben die sogenannten Heidenchristen, also jene Christen, die ihren Ursprung nicht im jüdischen Volk haben. Doch nach einiger Zeit durften die Judenchristen zurückkehren, und man kann sich vielleicht vorstellen, dass es dann nicht so einfach war, dass Juden- und Heidenchristen wieder zusammenfanden.

Denn die Heidenchristen hatten sich schon deutlich als christliche Gemeinde etabliert, während es so aussah, als ob die Judenchristen nun nur dazu gekommen wären. Dabei war es ja doch umgekehrt: ursprünglich standen die Judenchristen an erster Stelle. Von ihnen wurde das Evangelium auch zu den Heiden, d.h. den Nichtjuden, gebracht.

Manche der Spannungen zwischen Juden- und Heidenchristen kann man auch aus dem Römerbrief erkennen, z.B. wenn Paulus die Heidenchristen vor Überheblichkeit gegenüber dem jüdischen Volk warnt.

Paulus’ Anliegen ist es natürlich, dass es nicht zu Spaltungen kommt, sondern dass alle Christen, ganz gleich woher sie kamen und welchen Ursprung sie in religiöser Hinsicht hatten, geschwisterlich miteinander umgehen und einander respektieren und anerkennen.

Und so kommt er auch zu dem Abschnitt, den wir als Predigttext gehört haben und der auch für Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmandinnen, ein Leitfaden sein kann für den Konfirmandenunterricht, aber auch für Euren gesamten Lebensweg.

An erster Stelle steht die Liebe – denn Gott hat uns selbst in Jesus Christus seine unermesslich große Liebe bewiesen. Jesus Christus kam in die Welt, um uns mit Gott zu versöhnen – damit nichts mehr zwischen Gott und Mensch steht. Er war bereit, den Tod zu erleiden am Kreuz, obwohl ihn keine Schuld traf. Er nahm damit vielmehr unsere Schuld auf sich und schenkte uns Gottes Nähe. Das Kreuz ist die Brücke über dem Graben, der bis dahin zwischen Gott und Mensch bestand.

Gott verlangt nicht mehr, dass wir uns selbst darum bemühen, diesen Graben zu überbrücken. Die Menschen versuchten immer wieder, dies durch Opfer und strikte Befolgung der Gebote Gottes zu erreichen.

Doch Gott weiß, dass wir bei dem Versuch immer wieder scheitern würden. Darum kam er in Jesus Christus in die Welt und schlug selbst diese Brücke, damit wir nur noch hinüber zu gehen brauchen.

Das ist die Liebe Gottes zu uns Menschen: Er tut, was wir schuldig wären.

Wichtig ist zu verstehen, dass Gott diese Liebe nicht einigen ausgewählten Menschen zuteil werden lässt. Sie gilt vielmehr allen Menschen.

Das Wissen darum reflektieren wir in unserem Verhalten zueinander. Wir erkennen in unserem Gegenüber immer einen Menschen, den Gott liebt, und darum können wir eigentlich nicht anders als einander lieben.

Wenn Paulus dabei von „brüderlicher“ Liebe redet, dann meint er immer die geschwisterliche Liebe, die Menschen miteinander auf ganz eigene Weise verbindet.

Sicher, mit Geschwistern ist es nicht immer einfach – ich habe vier Geschwister, und während ich mich mit ihnen jetzt ganz gut verstehe, war das, als ich im Konfirmandenalter war, durchaus nicht so. Wenigstens einer von ihnen hat mich immer irgendwie genervt, wir haben gestritten und uns manchmal auch geprügelt. Aber irgendwann wurde das anders. Ich sah in meinem Bruder nicht mehr einen Rivalen oder gar Feind, sondern – eben – meinen Bruder.

Ich weiß andererseits von Familien, wo das nicht so ist, wo Geschwister bis ins hohe Alter hoffnungslos zerstritten sind.

Das soll aber nicht unser Vorbild sein. Geschwister gehören zueinander, sie können eigentlich nicht voneinander getrennt werden, und wenn es doch aufgrund von Streitigkeiten geschieht, dann ist das nicht nur bedauerlich, sondern es widerspricht dem Willen Gottes, der uns alle zu Versöhnung und Frieden untereinander auffordert.

Durch Christus, so sagt Paulus, sind wir also alle zu Geschwistern geworden. Denn wir sind alle durch ihn Kinder Gottes, und das macht uns natürlich auch zu Geschwistern. Jesus ist unser Bruder geworden, damit wir Gottes Kinder sein können. Und so ruft uns Paulus auf, genau so zu handeln, wie es den Kindern Gottes entspricht. Und das bedeutet: unserem Mitmenschen mit Liebe und Respekt begegnen.

„Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor“ (Röm 12, 10b). Ehrerbietung meint nichts anderes als die Würde unserer Mitmenschen als Kinder Gottes anzuerkennen. Und wenn Paulus uns auffordert, dem Herrn zu dienen (Röm 12, 11c), dann meint er damit auch den Dienst am Nächsten. Denn Jesus Christus hat ja selbst gesagt: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Mt 25, 40b). Jesus begegnet uns in unseren Mitmenschen, und auch das spiegelt sich in unserem Verhalten wider.

Nun könnte man meinen, dass sich diese Aufforderung zu einem Leben in geschwisterlicher Liebe nur auf die beschränkt, die auch getauft sind und sich zur christlichen Gemeinde halten. Aber das stimmt nicht ganz, im Gegenteil:

„Segnet, die euch verfolgen, segnet und flucht nicht!“ (Röm 12, 14), schreibt Paulus.

Da geht es mit der Liebe noch viel weiter, denn sie schließt die mit ein, die uns Schaden zufügen wollen. Die Aktion des Kaisers Claudius war damals solch ein Verfolgungsakt. Aber auch sonst gab es immer wieder Übergriffe gegen die Christen, so wie heute in manchen islamischen Ländern.

Paulus sagt nicht nur, dass wir die Menschen, die so etwas tun, in Ruhe lassen sollen, sondern er erwartet von uns, dass wir sie auch noch segnen. Dass das nicht immer einfach ist, vor allem für die, die solche Übergriffe erleiden, kann ich mir vorstellen. Mit dem Segen stellen wir auch diese Menschen unter den Schutz und Beistand Gottes. Wollen wir das wirklich?

Aber schauen wir einmal von der anderen Seite: genauso wie der Segen die gute Kraft Gottes über einen Menschen bringt, so kann ein Fluch das genaue Gegenteil bewirken. Ein Mensch, der verflucht wird, wird dem Bösen übergeben, und er wird ewig weitermachen mit dem, was er uns zuvor schon angetan hat, denn er wird vom Bösen geleitet. Ist da der Segen nicht tausendmal besser?

Habt also keinen Groll gegen irgend jemanden, sondern hegt nur versöhnliche Gedanken, auch wenn es schwer fällt. Seid bereit, zu segnen, und segnet den, der euch verflucht. Ihr werdet staunen: das macht das Leben ein ganzes Stück einfacher.

Eigentlich im Zentrum unseres Predigttextes steht aber noch etwas anderes:

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. (Röm 12, 12)

Hier beschreibt Paulus die Grundhaltung eines Christenmenschen, und er macht zugleich deutlich, dass das Leben alles andere als ein Zuckerschlecken ist. Das wisst auch Ihr schon, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: schlechte Noten, Ärger mit den Eltern, weil die nicht wollen, was ihr gerne möchtet, unerfreuliche Begegnungen, Ungerechtigkeit, das alles und noch viel mehr kann ganz schön belastend sein.

Paulus hält zunächst dagegen, dass wir eine Hoffnung haben, die auf etwas hinweist, das alles, was wir erfahren können, übersteigt. Wir hoffen auf die erfahrbare Gemeinschaft mit Gott. Da wird es keine Trauer mehr geben, keinen Streit, kein Unrecht, kein Leid, kein Schmerz. Gott ist da, er macht alles neu, und das heißt: er lässt alles gut werden.

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Menschen, dem ich zufällig begegnete und der sagte: wenn es das Böse nicht gibt, können wir das Gute auch nicht mehr erfahren, denn wir wissen ja nicht, dass es gut ist, weil wir keine Vergleichsmöglichkeit mehr haben.

Damit mag er wohl recht haben. Aber dass etwas schön ist, wissen wir nicht erst, weil es auch das Hässliche gibt. Vielmehr rührt uns die Schönheit sofort an, und wir wissen nicht, warum. Und so ist es auch, wenn die Gemeinschaft mit Gott wieder vollkommen hergestellt ist: wir erfahren das Schöne dieser Gemeinschaft, und wir können darüber eigentlich nur staunen und uns daran erfreuen, brauchen aber auch nicht mehr die Erfahrung der Gottesferne, um das Besondere dieser Nähe Gottes zu begreifen und zu empfinden.

Es kann also auch Freude geben, wenn es nichts Böses mehr gibt und keine Trauer mehr. Und darauf hoffen wir, denn es ist uns versprochen durch Jesus Christus selbst. Und weil wir diese Hoffnung in uns tragen, darum sind wir auch fröhlich.

Die Fröhlichkeit gehört zur Natur eines Christenmenschen, auch wenn es mal Zeiten der Trauer geben kann. Doch dazu sagt uns Paulus dann: „seid geduldig in Trübsal“ (Röm 12, 12b). Habt Geduld, denn die Trübsal wird nicht ewig dauern. Am Ende steht immer das Ziel unserer Hoffnung, die Gemeinschaft mit Gott.

Auch in der Trübsal ist Gott uns nahe, so wie es der 23. Psalm beschreibt: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bis bei mir (Ps 23, 4). Auch wenn es finster ist und wir ihn nicht erkennen können, wissen wir doch, dass er da ist, und können darum geduldig ausharren, bis wir aus der Trübsal heraus sind.

Das dritte in diesem zentralen Vers ist die Aufforderung zum Gebet. Und das nicht nur einmal in der Woche im Gottesdienst. Vielmehr sagt Paulus: Seid beharrlich im Gebet.

Vor einigen Wochen habe ich begonnen, in der Gebetskapelle im Dom Zettel auszulegen, wo Besucher ihre Gebetsanliegen aufschreiben können. Diese Gebetsanliegen nehme ich dann in meine Fürbitte auf. Und immer wieder erlebe ich es, dass dann eines Tages da ein Zettel liegt, auf dem ein Dank steht: „Es hat geholfen!“, oder schlicht ein großes „Danke!“.

Das ist der Grund, warum uns Paulus zur Beharrlichkeit im Gebet auffordert, denn durch das Gebet können wir tatsächlich diese Welt verändern. „Bittet, so wird euch gegeben“ (Mt 7, 7a), hat Jesus einst gesagt, und darauf sollten wir vertrauen und das Gebet nicht unterschätzen.

Paulus skizziert mit wenigen Worten, was es bedeutet, Christ zu sein und wie wir als Christenmenschen unser Leben gestalten können. Ich wünsche Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, und allen, die heute hier sind, dass Ihr die Kraft und den Segen Gottes erfahrt bei allem, was Euch widerfährt.

Amen

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Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias
11. Januar 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. Und zu den Priestern sprach er: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des Herrschers über alle Welt wird vor euch hergehen in den Jordan. So nehmt nun zwölf Männer aus den Stämmen Israels, aus jedem Stamm einen. Wenn dann die Fußsohlen der Priester, die die Lade des HERRN, des Herrschers über alle Welt, tragen, in dem Wasser des Jordans stillstehen, so wird das Wasser des Jordans, das von oben herabfließt, nicht weiterlaufen, sondern stehen bleiben wie ein einziger Wall. Als nun das Volk aus seinen Zelten auszog, um durch den Jordan zu gehen, und als die Priester die Bundeslade vor dem Volk hertrugen und an den Jordan kamen und ihre Füße vorn ins Wasser tauchten – der Jordan aber war die ganze Zeit der Ernte über alle seine Ufer getreten –, da stand das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerichtet wie ein einziger Wall, sehr fern, bei der Stadt Adam, die zur Seite von Zaretan liegt; aber das Wasser, das zum Meer hinunterlief, zum Salzmeer, das nahm ab und floss ganz weg. So ging das Volk hindurch gegenüber von Jericho. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war. (Jos 3, 5-17)

Liebe Gemeinde!

Ich habe in der vergangenen Woche lange darüber nachgedacht, was dieser Text wohl mit dem Besonderen dieses Tages zu tun haben könnte.

Es geht ja heute um die Taufe Jesu, um seine Gottessohnschaft. Da ist das Bekenntnis Gottes zu Jesus Christus: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. (Mt 3, 17b) Er ist das fleischgewordene Wort des Schöpfers.

Für uns leichter noch nachvollziehbar in dem kleinen Kind in der Krippe als in dem erwachsenen Mann, der sich da nun in den Jordan begibt und taufen lässt, so als wäre er ein Mensch wie du und ich.

Aber so ist es ja auch schon in der Krippe gewesen: Der Sohn Gottes, der Allmächtige, gibt diese Allmacht auf, damit er unser Bruder werden kann.

Und jetzt dieser Predigttext, der uns davon erzählt, wie das Volk Israel damit beginnt, in das Land einzudringen, das ihnen Gott verheißen hatte.

Was verbindet diesen Text mit der Taufe Jesu?

Beide Texte haben mit dem Jordan zu tun – das wäre aber sicher nur eine dürftige und nicht besonders ergiebige Verbindung. Denn während hier das Wasser stehen bleibt, steigt dort Jesus in das fließende Wasser hinein. Aber immerhin ist es der Jordan.

Ja, aber das ist dann doch nicht so viel, dass man daraus eine Predigt stricken könnte, etwas, das uns für unseren Alltag Stärkung und Hoffnung schenkt.

Und dann überlegte ich, worum es eigentlich in dem Text aus dem Buch Josua geht, was der Kern dieses Textes ist. Und da merkte ich, dass es nicht um die Durchquerung des Jordans ging – immerhin ein ganz wunderbares Ereignis, denn schließlich blieben ja die Wasser des Flusses einfach so stehen, und die Israeliten konnten trockenen Fußes das Flussbett durchqueren – sondern darum, dass Gott sich in diesem Ereignis als der Gegenwärtige erweist, als der „Ich-Bin-Da“, wie Buber und Rosenzweig den Gottesnamen übersetzten.

Gott steht zu seinem Volk, er steht zu seinen Verheißungen, und macht dies nun auf wunderbare Weise deutlich.

Das Zeichen des Bundes – die Lade Gottes – steht in der Mitte des Jordans, und das Volk Gottes zieht trockenen Fußes an der Lade vorbei durch den Jordan hindurch.

Im wahrsten Sinne des Wortes ist Gott in ihrer Mitte – durch das Bundeszeichen und durch das Wunder, dass das Wasser des Flusses still steht und ihnen nicht schaden kann. Deutlicher kann die Gegenwart Gottes kaum werden.

Und dann wird diesem Ereignis ein Denkmal gesetzt – eigentlich sogar zwei. Die zwölf Männer, die da in der Mitte unseres Predigttextes erwähnt werden und dann gar nichts mehr zu tun zu haben scheinen, nehmen jeder einen Stein aus dem Flussbett und bringen ihn in das Lager. Josua macht daraus einen Steinhaufen in Gilgal, zum Zeichen dafür, dass Gott sein Volk trockenen Fußes durch den Jordan hindurch geführt hatte.

Der Erfahrung des lebendigen Gottes wird ein Denkmal gesetzt, sie wird versteinert.

So wichtig das Erinnern ist, und so wichtig es auch ist, dass solche Erfahrungen nicht nur mündlich überliefert, sondern auch manifestiert werden, weil sie irgendwann dann doch zu Märchen zu werden drohen, die niemand für wahr halten will, so wenig angemessen ist das, was hier geschieht.

Denn die Erfahrung der Nähe Gottes ist eine höchst lebendige Erfahrung, die man nicht mit noch so schönen oder beeindruckenden Denkmälern festhalten kann. Sie ist nicht erinnerte Vergangenheit, sondern sie ist und bleibt erlebte Gegenwart.

Und weil das Volk Israel nach vielen Jahren begann, auch diese Erinnerungen der vorigen Generationen zu vergessen, geschah, was geschehen musste: Der Abstand zu Gott wurde immer größer, bis sie ihn schließlich nicht mehr erkannten.

Er war nicht mehr der Gott, der mit ihnen einen Bund geschlossen hatte. Sie fühlten sich stark genug, für sich selbst zu reden und zu handeln. Sie dachten, sie bräuchten Gott nicht, und wenn doch, dann hätten sie ihn sich schon entsprechend zurecht gemacht. Aber das wäre dann nicht mehr dieser Gott gewesen, der sich so lebendig in ihrer Mitte gezeigt hatte, sondern ein Märchen, das sie sich dann erzählt hätten.

Ist das jetzt nicht doch sehr weit weg von der Taufe Jesu?

Nein, überhaupt nicht. Denn so wie Gott seinem Volk damals bei der Durchquerung des Jordans so nahe gekommen ist, so ist er erneut in Jesus in die Mitte seines Volkes gekommen.

Aber diesmal war es doch etwas anders. Jesus tat kein großartiges Wunder am ganzen Volk. Er wandte sich vielmehr den einzelnen Menschen zu. Er machte die Erfahrung der Nähe Gottes für jeden, der ihm begegnete, möglich.

„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“, hatte Petrus einst bekannt und dann noch hinzugefügt: „Wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh 6, 68)

Gott war in Jesus inmitten seines Volkes, so, dass man in der Begegnung mit ihm die Herrlichkeit Gottes erfahren konnte.

Und als Jesus nach seiner Auferstehung in das Reich Gottes aufgenommen wurde, da sagte er noch zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20b)

Mitten unter uns. Er ist da.

Doch dann begann das Gleiche wie damals im Volk Israel: Es wurde ein Denkmal errichtet.

Anfangs noch war der Fisch das Erkennungszeichen der Christen, dessen einzelne Buchstaben im Griechischen die Anfangsbuchstaben der Wortfolge „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter“ bildeten. Das war ein Bekenntnis, mit dem man sich zu erkennen, aber auch preis gab.

Die Gemeinde lebte im Verborgenen, getrieben und geführt vom Heiligen Geist, der ihnen immer wieder Mut zum Bekenntnis schenkte, auch auf die Gefahr hin, dass sie gefangen genommen und im schlimmsten Fall gefoltert und getötet werden würden.

Der Fisch war noch kein in Stein gehauenes Denkmal, auch wenn er auf manchen Grabplatten der ersten Jahrzehnte der Christenheit zu finden ist.

Er blieb Bekenntnis, denn sie alle vertrauten darauf: Jesus Christus ist da, mitten unter ihnen.

Doch dann kam das Kreuz als neues Symbol ins Spiel. Kaiser Konstantin sah es in einem Traum als Zeichen des Sieges über seine Widersacher, und weil er unter diesem Zeichen den Sieg errang, wurde fortan das Kreuz zum Symbol der Christenheit. Es erinnert uns an die Wundertaten Gottes – und versteinert diese Erinnerung.

Teils sehr schöne Kunstwerke wurden da geschaffen, aber sie sind nicht Gott, sie können die Nähe Gottes nicht bewirken. Und darum ging es den Christen genauso wie dem Volk Israel damals: Sie entfernten sich von Gott.

Kreuzzüge, Kriege gegeneinander, Machtmissbrauch unter dem Zeichen des Kreuzes – alles war da. Auch das „Gott mit uns“ stand auf den Gürtelschnallen der Soldaten des zweiten Weltkrieges und war der Leitspruch des preußischen Königshauses seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts. War es frommer Wunsch oder eine Feststellung?

Man kann sich jedenfalls erinnert fühlen an die muslimischen Terroristen, die in ganz ähnlicher Weise Gott für sich in Anspruch nehmen, obwohl sie bei dem, was sie tun, wohl kaum weiter entfernt von Gott sein können.

Es gibt nur einen, wenn auch geringen, Unterschied: Dort wurde unter diesem Leitspruch Krieg geführt, hier wird Terror verbreitet.

Jesus Christus wollte nichts von beidem. Er forderte seine Jünger vielmehr zur Feindesliebe auf. „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.“ (Lk 6, 27b; ähnlich Mt 5, 13b)

Kann man das denn? Es scheint nahezu unmöglich, gerade auch angesichts des Terrors, den wir jüngst erlebten. Muss man da nicht zurück schlagen?

Wenn wir auf Jesu Worte hören, ist die klare Antwort ein „Nein“. Denn Gewalt erzeugt wieder Gewalt.

Das ist aber kein Naturgesetz. Man kann diesen Kreislauf durchbrechen, indem man sich selbst dafür entscheidet, den Weg Jesu zu gehen und auf Gewalt zu verzichten.

Merkwürdigerweise musste es uns ein Hindu vormachen, dass Gewaltlosigkeit durchaus überwältigend sein kann: Mahatma Gandhi hat dadurch immerhin die Unabhängigkeit Indiens herbeigeführt.

Denn Gewaltlosigkeit ist nicht nur ein passives Hände-In-Den-Schoß-Legen. Sie macht vielmehr dem Gegenüber bewusst, dass er Unrecht tut. Und das wiederum bringt einen Prozess in Gang, der zum Frieden führt und zur Freiheit.

Dabei ist eins gewiss: Wer gewaltlos handelt, der wird auch erfahren, dass Gott bei ihm ist, denn er verlässt sich ja in erster Linie auf die Kraft Gottes und Sein Handeln.

Er benutzt Gott nicht als Kulturgut, sondern er vertraut auf das Handeln Gottes. Und dabei rechnet er auch damit, dass Gott durchaus andere Wege gehen kann, als wir es uns vorstellen oder vielleicht auch wünschen.

Denn Gottes Wege sind unergründlich. Wir können seine Gedanken nicht kennen und manches Mal auch nicht verstehen. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass es gute Wege sind, Wege, die zu Frieden und Freiheit führen, Freiheit in der Gegenwart Gottes.

Gott ist in unserer Mitte – das dürfen wir auch heute erleben. Aber sobald wir Gott instrumentalisieren, sobald wir ihn zum Denkmal machen oder zu einem Kulturgut, wie es die Organisation Pegida gerne möchte, entfernen wir uns von Gott, denn dann versuchen wir, Gott nach unseren Vorstellungen und Wünschen zu gebrauchen.

Aber Gott lässt sich nicht gebrauchen. Er ist kein Instrument in unseren Händen. Er ist souverän, er handelt auf seine Weise. Und dieses Handeln wird nun mal sichtbar am Kreuz, das aber nicht als Denkmal, sondern als Zeichen der Sühne und Vergebung verstanden sein will: das Kreuz, an dem die Schuld der Menschheit gesühnt wurde, damit wir erleben können: Gott ist mitten unter uns.

Amen

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Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest
4. Januar 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. (1. Joh 5, 11-13)

Liebe Gemeinde!

Ewigkeit – was für ein Wort.

Eigentlich ist es merkwürdig, dass wir dieses Wort in unserem Wortschatz haben, denn es ist so durch und durch unwirklich, es widerspricht so vollkommen unserer Lebenserfahrung, dass man es eigentlich getrost aus unserem Wortschatz streichen könnte.

Aber es bleibt. Auf ewig, so könnte man wohl sagen.

Aber was ist Ewigkeit?

Kaiser Lothar hier hat es auf immerhin schon fast 900 Jahre gebracht. Das ist eine lange Zeit. Wollte man Menschenleben bei einem Durchschnittsalter von 75 Jahren aneinanderreihen, käme man auf 12 volle Menschenleben. Wollte man Generationen zählen, so käme man auf etwa 30 Generationen. Und heute wird ihm vielleicht wieder mehr Beachtung geschenkt als vielleicht vor 300 oder 400 Jahren. Er ist jedenfalls nicht vergessen – fast 900 Jahre lang schon erinnert diese Kirche an ihn.

Aber was sind 900 Jahre im Blick auf die Ewigkeit?

„1000 Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache“ (Ps 90, 4), heißt es im 90. Psalm. Also hat Lothar vor Gott noch nicht einmal 24 Stunden verbracht.

Aber auch das ist nicht richtig. Ewigkeit lässt sich nicht berechnen, schon gar nicht mit Zeiteinheiten, denn die stehen ja völlig gegensätzlich zu allem, was Ewigkeit darstellt.

Aber was ist dann Ewigkeit?

Gestern hatte ich im Zuge der Vorbereitung der Andacht in den Zwölf Heiligen Nächten versuchsweise hier in der Kirche eine CD mit gregorianischen Gesängen aufgelegt. Ich wollte wissen, ob die Anlage in der Lage ist, Musik von CD in guter Weise wiederzugeben, denn nicht alle Verstärkeranlagen in Kirchen sind dazu geeignet.

Ich hatte mir diese CD eher zufällig gegriffen – doch als sie dann abgespielt wurde, war ich ergriffen. Ich setzte mich hin und saß da, lauschte dem Gesang und dachte: so war das hier in dieser Kirche vor 500 und mehr Jahren, ja schon damals, vor fast 900 Jahren, als das Kloster gegründet und die Kirche erbaut worden war.

So sangen die Mönche die Antiphonen, die Choräle und die Psalmen. Und auch heute gibt es noch Klöster, in denen diese Gesänge erklingen.

Da ist eine Beständigkeit, die schon fast an die Ewigkeit heranreicht, und doch gibt es diese Gesänge erst seit etwa 1500 oder weniger Jahren, also auch keine Ewigkeit, vor Gott noch nicht einmal zwei Tage, wenn man denn die Maßeinheiten des 90. Psalms übernehmen möchte.

Und dann kommen mir Klöster in den Sinn, die längst Ruinen sind, wo auch von der Kirche nur noch Überreste zu sehen sind. Der Zahn der Zeit nagt an ihnen, sie sind bestenfalls zu Museen umgestaltet, manches Kloster aber ist längst dem Erdboden gleich gemacht und vergessen.

Nichts ist also mit der Ewigkeit. Wir werden sie in dieser Welt nicht finden, und wir werden sie auch nicht beschreiben können.

Und doch hat Gott die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt, wie der Prediger Salomo so schön sagt (Pred 3, 11), und darum gibt es dieses Wort, das etwas benennt, das niemand wirklich beschreiben kann.

Und dann gibt es da unseren Predigttext, in dem so voller Selbstverständlichkeit vom ewigen Leben gesprochen wird:

Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.

Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. (1. Joh 5, 11-13)

„Wer den Sohn hat, der hat das Leben“ – und damit meint Johannes ganz eindeutig das ewige Leben. Aber können wir den Sohn „haben“? Am Ende unseres Predigttextes beschreibt er, was das bedeutet: „die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“

Ich finde es faszinierend, dass da kein Fünkchen Zweifel zu erkennen ist. Das hat natürlich einen Grund, der aus den Versen vor unserem Predigttext zu erkennen ist. Da schreibt Johannes:

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1. Joh 5, 4b) Und dann schreibt er vom Zeugnis Gottes für seinen Sohn.

Dabei geht es natürlich nicht um ein Schulzeugnis, sondern um eine Zeugenaussage. Gott steht für seinen Sohn ein. Aber wie?

Johannes schreibt von drei Dingen, die das Zeugnis geben:

der Geist, das Wasser und das Blut. (1. Joh 5, 6)

Da mag man zunächst etwas rätseln, was das bedeuten soll, aber man kann auch recht schnell dahinter kommen.

Ich beginne beim Wasser:

Hier spielt Johannes auf die Taufe an. Das Wasser der Taufe wird zum Symbol für das ewige Leben, das uns durch Christus geschenkt ist. Denn es ist Lebensspender. Aber wichtiger ist das Geschehen in der Taufe selbst: Gott wendet sich uns zu, er sagt sein „Ja“ zu uns, er nimmt uns in der Taufe als seine Kinder an. Durch die Taufe sind wir Geschwister Jesu, er ist unser Bruder. Und damit teilen auch wir, was Jesus seit der Auferstehung längst eigen ist: das ewige Leben.

Durch die Taufe wendet sich Gott uns zu durch seinen Heiligen Geist. Dieser Geist ist es, der den Glauben in uns wirkt. Wir können nicht über ihn verfügen – er ist wie der Wind, der weht, wo er will (Joh 3, 8). Aber man nimmt ihn wahr, und wer vom Geist Gottes erfüllt ist, der spürt ihn natürlich auch in sich. Der Geist Gottes bewegt uns, und er wirkt in uns das Wissen vom ewigen Leben.

Und schließlich ist da das Blut. Christus hat sein Blut vergossen, damit wir frei von allen Sünden werden. Im Abendmahl haben wir Teil an seinem Blut, wir haben Teil an ihm. Im Abendmahl vereinen wir uns gewissermaßen mit dem Sohn Gottes, und durch diese Vereinigung haben wir auch die Gewissheit des ewigen Lebens.

Darum kann Johannes so selbstverständlich davon reden. Ewiges Leben ist die Folge unseres Glaubens.

Nun kann man natürlich fragen, ob man das überhaupt will. Ist Ewigkeit so erstrebenswert? Wer 90 Jahre alt wird, ist bereits lebenssatt und auch -müde. Aber, wie gesagt: es ist unmöglich, sich die Ewigkeit wirklich vorzustellen. Immer wieder bleiben wir an der Zeit hängen, die unser Leben in messbare Einheiten einteilt.

Und darum gab es in unserem alten Gesangbuch noch ein Lied von Johann Rist mit dem Titel „O Ewigkeit, du Donnerwort“, in dem er das Schreckliche und Bedrohliche der Ewigkeit, dieser unendlich langen Zeit, zu verdeutlichen versucht:

1. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Mein ganz erschrocknes Herz erbebt,
dass mir die Zung am Gaumen klebt.

2. Kein Unglück ist in aller Welt,
das endlich mit der Zeit nicht fällt
und ganz wird aufgehoben.
Die Ewigkeit nur hat kein Ziel,
sie treibet fort und fort ihr Spiel,
lässt nimmer ab zu toben;
ja – wie mein Heiland selber spricht –

3. O Ewigkeit, du machst mir bang,
o ewig, ewig ist zu lang,
hier gilt fürwahr kein Scherzen.
Drum, wenn ich diese lange Nacht
zusamt der großen Pein betracht,
erschreck ich recht von Herzen;
nichts ist zu finden weit und breit
so schrecklich als die Ewigkeit.

4. Ach Gott, wie bist du so gerecht,
wie strafst du einen bösen Knecht
so hart im Pfuhl der Schmerzen;
auf kurze Sünden dieser Welt
hast du so lange Pein bestellt.
Ach nimm dies wohl zu Herzen;
betracht es oft, o Menschenkind:
kurz ist die Zeit, der Tod geschwind.

5. O Ewigkeit, du Donnerwort,
o Schwert, das durch die Seele bohrt,
o Anfang ohne Ende! O Ewigkeit,
Zeit ohne Zeit, ich weiß vor großer Traurigkeit
nicht, wo ich mich hinwende.
Nimm du mich, wenn es dir gefällt,
Herr Jesu, in dein Freudenzelt. (EKG 324)

Für Rist hat die Ewigkeit etwas sehr Bedrohliches – allerdings nur für den Sünder, der seine Sünde nicht erkennt und darum auch nicht bereut.

Ursprünglich hat dieses Lied noch elf weitere Verse, die alle ein Appell an den Sünder sind, angesichts der zu erwartenden ewigen Strafe seinen Lebenswandel doch zu ändern und das ganze Leben so zu gestalten, dass es Gott wohlgefällt.

Und erst in den letzten zwei Zeilen strahlt der Hoffnungsschimmer auf, der getragen wird von dem Glauben an die Gnade Gottes, die in Jesus Christus offenbar wurde: „Nimm du mich, wenn es dir gefällt, Herr Herr Jesu, in dein Freudenzelt.“

Viele konnten diese Aussicht nicht ertragen – auch nicht diejenigen, die die Revision des Gesangbuches in den 90er Jahren vornahmen und das Lied darum nicht mehr in unser aktuelles Gesangbuch aufnahmen.

Aber schon viel früher, im Jahre 1690, machte sich Kaspar Heunisch daran, gewissermaßen eine Antithese zu Johann Rists Lied zu dichten mit dem Titel: „O Ewigkeit, du Freudenwort“.

1. O Ewigkeit, du Freudenwort,
das mich erquicket fort und fort,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Freud ohne Leid,
ich weiß vor Herzensfröhlichkeit
gar nichts mehr vom Elende,
weil mir versüßt die Ewigkeit,
was uns betrübet in der Zeit.

2. O Ewigkeit, du währest lang!
Wenn mir auf Erden gleich ist bang,
weiß ich, dass solchs aufhöret.
Drum, wenn ich diese lange Zeit
erwäge samt der Seligkeit,
die nirgend nichts zerstöret,
so acht ich alles Leiden nicht,
weils kaum den Augenblick anficht.

3. Im Himmel lebt der Christen Schar
bei Gott viel tausend, tausend Jahr
und werden des nicht müde.
Sie stimmen mit den Engeln ein,
sie sehen stets der Gottheit Schein,
sie haben güldnen Frieden,
da Christus gibt, wie er verheißt,
das Manna, das die Engel speist.

4. O Ewigkeit, du Freudenwort,
das mich erquicket fort und fort,
o Anfang ohne Ende!
O Ewigkeit, Freud ohne Leid,
ich weiß von keiner Traurigkeit,
wenn ich mich zu dir wende.
Herr Jesu, gib mir solchen Sinn
beharrlich bis ich komm dahin. (EKG 325)

Hier wird die Ewigkeit aus der Sicht des Glaubenden betrachtet, für den sie Grund aller Hoffnung ist angesichts des Leides in dieser Welt.

Kaspar Heunisch's Lied hatte auch 16 Strophen, so wie das Lied von Johann Rist. Es wirkt tatsächlich wie eine Gegenrede, aber im Grunde sind sich beide einig: Die Ewigkeit ist eine Wohltat für die, die im Glauben auf die Liebe und Gnade Gottes vertrauen, und ein Schrecken für die, die nur sich selber sehen und zum Schaden ihrer Mitmenschen leben und handeln.

Freilich bleibt es schwierig, sich die Ewigkeit überhaupt vorzustellen. Es sind keine vieltausend Jahre, denn Zeit wird dort nicht gemessen. Die Ewigkeit kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft, die Ewigkeit kennt überhaupt keine Zeit.

Sie ist geprägt von der Gegenwart Gottes, des Ewigen, und das mag schon alles sein, was wir brauchen, um uns die Ewigkeit vorzustellen: er ist da, so wie es Johannes in der Offenbarung beschreibt:

„Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb 21, 3b-4)

Und ein bisschen von der Ewigkeit spüren wir auch jetzt schon, in der Zeit: wenn wir gemeinsam das Heilige Abendmahl feiern. Denn dann haben wir Gemeinschaft mit allen Heiligen, die uns im Glauben vorausgegangen sind – die schon in der Ewigkeit angekommen sind.

Und manchmal bricht sich die Ewigkeit auch anderswo schon Bahn, etwa wenn wir liebevoll mit unseren Mitmenschen umgehen.

Denn da kann man schon die Stimmen der Engel hören, deren hohen Lobgesang, der ewig klingt und uns von der Herrlichkeit Gottes kündet.

So möge uns die Ewigkeit umfangen, damit wir getrost und voller Zuversicht hier leben und dort die ewige Herrlichkeit Gottes schauen können.

Amen

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Predigt zum Tag der Beschneidung und Namengebung Jesu
1. Januar 2015 in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter

von Pfarrer Dr. Martin Senftleben

Ichthys

Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war. (Lk 2, 21)

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Weise uns deinen Weg, dass wir wandeln in deiner Wahrheit. Amen

Liebe Gemeinde!

Vielleicht haben Sie sich etwas über die Lesungstexte gewundert, wo immer wieder von Beschneidung die Rede war. Das hat seinen Grund.

Gestern im Gottesdienst zum Altjahrsabend habe ich darauf hingewiesen, dass dieser Tag im Jahr eigentlich überhaupt keine theologische Relevanz hat.

Heute sieht das anders aus. Der Neujahrstag hat ein sogenanntes Proprium, einen Inhalt, der von der Bibel her begründet ist. Er trägt den Titel „Tag der Beschneidung und Namengebung des Herrn“. Ein langer Titel, aber anders wäre es schwierig, deutlich zu machen, was sich heute vor rd. 2000 Jahren zugetragen hat.

Längst hat es sich eingebürgert, dass in den Kirchen unseres Landes am Neujahrstag über die Jahreslosung gepredigt wird. Das Besondere dieses Tages wird dabei leider fast vollständig beiseite geschoben, was ich sehr bedauerlich finde, denn es gewährt uns einen Einblick in die Lebenswelt Jesu, wie wir sie sonst kaum auf diese Weise wahrnehmen.

Wir erkennen zunächst einmal: Jesus wird von seinen Eltern behandelt wie jedes andere jüdische Kind. Trotz der umfangreichen Botschaften, die die besondere Rolle des Jesuskindes anlässlich seiner Geburt zum Ausdruck bringen und zumindest auf Maria einen nachhaltigen Eindruck gemacht haben – sie „behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ (Lk 2, 19) – scheren die Eltern nicht aus von dem, was ihnen in ihrem Lebensumfeld und in ihrem Glauben völlig vertraut und selbstverständlich ist:

Sie lassen das Kind beschneiden, und zwar am 8. Tag, wie es das Gesetz vorsieht und wie wir es vorhin in der alttestamentlichen Lesung gehört haben: „Jedes Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen.“ (Gen 17, 12)

Diese Aufforderung ergeht von niemand geringerem als Gott selbst an niemand geringeren als Abraham, den Vater des Glaubens. Und es ist keine willkürliche Angelegenheit, sondern ein Zeichen des Bundes, den Gott zwischen sich und Abraham geschlossen hat. Dies ist der Bund, der die Nachkommen Abrahams auf ewig zum Volk Gottes werden lässt, der Bund, der immer wieder in Zweifel gezogen, aber nie beendet wird, denn Gott steht zu seinem Volk.

Die Beschneidung ist also ein Zeichen für die Erwählung Gottes, und insofern unverzichtbar. Ohne dieses Zeichen würde sich das Volk Gottes von den umgebenden Völkern nicht unterscheiden.

Über die Beschneidung gab es dann unter den ersten Christen so manche Auseinandersetzung, denn einige der Judenchristen waren der Ansicht, dass sich auch die Heidenchristen, also die, die aus den nichtjüdischen Bevölkerungsgruppen der damaligen Welt stammten, beschneiden lassen müssten. Sonst seien sie keine wahren Christen, weil sie keinen Teil am Volk Gottes hätten.

Für die Judenchristen war Jesus Christus der dem Gottesvolk verheißene Messias. Wer diesen Messias für sich in Anspruch nehmen wollte, musste also ihrer Meinung nach auch das Zeichen des Bundes Gottes an sich tragen – denn für sie war Jesus die konsequente Fortführung der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Erst im Apostelkonzil, von dem uns die Apostelgeschichte berichtet (Apg 15, 1-29), wurde schließlich beschlossen, dass man auf die Beschneidung bei den Heidenchristen verzichten könne.

Hier ist übrigens Gelegenheit, einen kurzen Blick auf die Jahreslosung zu werfen:

„Nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat
zu Gottes Lob.“
(Röm 15, 7)

Denn auch dies kommt in dem Apostelkonzil zur Sprache: dass Christus alle Menschen aus Gnade selig werden lässt und nicht, weil sie irgendwelche Gesetze konsequent eingehalten haben.

Christus hat uns angenommen ohne Vorbehalte, ohne Vorbedingungen. Wir sind sein, wir gehören zu ihm allein durch den Glauben. Der Glaube allein ist der Schlüssel, mit dem wir die Nähe Gottes und seinen Beistand in Anspruch nehmen können.

Diesen Glauben können und dürfen wir niemandem absprechen, es sei denn, die Person sagt uns, dass sie nicht an Jesus Christus glaubt. Aber selbst dann steht Gott bereit, diesen Menschen wieder aufzunehmen, wenn er umkehrt und Gottes Liebe sucht.

Grundsätzlich gilt, dass alle, die getauft sind, von Christus angenommen wurden – denn in der Taufe offenbart sich das unbedingte Handeln Gottes. Er nimmt uns an als seine Kinder, ganz gleich, wie wir uns verhalten. Aber er lässt uns auch die Freiheit, sich von ihm abzuwenden.

Doch das ist dann eine Sache zwischen Gott und diesem Menschen, da haben wir nicht hinein zu reden.

Die Konsequenz der bedingungslose Annahme durch die Taufe ist vielmehr, dass wir auch unsere Mitmenschen annehmen als Kinder Gottes. So manches Mal hat mir diese Prämisse im Umgang mit meinen Mitmenschen geholfen, ihnen freundlicher zu begegnen, als ich es eigentlich für angemessen gehalten hätte.

Die Jahreslosung erinnert uns nun daran, dass nicht wir die Bedingungen stellen, sondern alleine Gott. Wir sind nicht zu Wächtern bestellt, sondern sind gerufen, Gott von ganzem Herzen zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst.

Und diese Aufforderung überwindet sogar Glaubensgrenzen, denn das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37), das Jesus zur Erläuterung dieses höchsten Gebots erzählt, beschreibt solch eine Grenzüberschreitung. Samaritaner und Juden pflegten keinen Kontakt zu einander, weil die Samaritaner zwar auch an den Gott Abrahams glauben, aber nicht die Hoheit des Tempels und der Priesterschaft in Jerusalem anerkennen.

„Nehmt einander an“ – das ist eine Aufforderung zu aktivem Handeln. Es genügt nicht, den anderen neben sich existieren zu lassen. Es gehört auch dazu, auf seine Mitmenschen zu zu gehen und ihnen Freund zu werden oder es wenigstens zu wollen.

Dass das nicht immer einfach ist, werden wohl alle bestätigen können. Aber erst wenn wir auf unsere Mitmenschen zugehen – und seien sie noch so schwierig – kann etwas von dem Reich Gottes sichtbar werden so wie es damals sichtbar wurde, als Jesus in die Welt kam.

Und damit kehren wir wieder zurück zu dem eigentlichen Proprium dieses Tages.

Mit der Beschneidung ist Jesus eindeutig und unzweifelhaft in die Geschichte des jüdischen Volkes eingebettet. Wir können ihn da nicht herausreißen und werden uns darum auch immer weiter mit den Schriften des ersten Bundes, dem sogenannten Alten Testament, auseinandersetzen müssen und dürfen. Dazu mahnt uns auch Paulus im Brief an die Römer (Röm 9-11), wenn er uns vor Überheblichkeit warnt, nur weil die Zahl der Heidenchristen deutlich schneller zunahm als die Zahl der Judenchristen.

Ein weiteres verbindet Jesus eindeutig mit dem jüdischen Volk, und das ist sein Name. Er wird in der Regel übersetzt mit „Gott rettet“. Aber eigentlich müsste es richtig wiedergegeben werden als „Jahweh rettet“ oder „Jahwe hilft“, denn die erste Silbe „Je“ stellt den Bezug zu dem Gottesnamen „Jahweh“ her. Und hierin manifestiert sich erneut das Eingebundensein Jesu in die Geschichte des jüdischen Volkes, denn Jahweh ist der Name, den Gott dem Mose im brennenden Dornbusch offenbarte. Jahweh ist der Gott des Volkes Israel.

Gott – oder Jahweh – hilft bzw. rettet: damit ist in zwei Worten das Wesentliche des Handelns Gottes durch und in Jesus Christus gesagt. Gott hilft uns auf, nachdem die Menschheit versagt hatte: es war und ist nicht möglich, sich mit eigener Kraft von der Sünde zu lösen. Jesus selbst macht das mit den sogenannten Antithesen in der Bergpredigt besonders deutlich: „Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig“ (Mt 5, 22a). Es bedarf noch nicht einmal einer Handlung, sondern es genügen allein schon die Gedanken, um ein Gerichtsurteil herbeizuführen, wollten wir uns auf das Gesetz verlassen.

Da kann niemand bestehen. Aber auch sonst – wie oft ging uns ein böses Wort über die Lippen, wie oft haben wir uns von einem Mitmenschen, der unsere Hilfe brauchte, abgewandt, wie oft haben wir unseren Vorteil gesucht und nicht den unserer Mitmenschen.

„Gott rettet“ – durch Jesus Christus hat die Sünde ihre Macht verloren. Er rettet uns, er befreit uns von der Sünde und schenkt uns die Möglichkeit eines Neuanfangs – nicht nur einmalig, sondern jedesmal, wenn wir es wieder nicht geschafft haben, den guten Vorsätzen zu folgen.

Das ist der Name, der am achten Tag vor Gott über dem Christkind ausgerufen wurde.

Im Matthäus-Evangelium lesen wir noch von einem anderen Namen: „Immanuel“ (Mt 1, 13). Der Evangelist zitiert dabei aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 7, 14). „Gott mit uns“, das bedeutet der Name „Immanuel“, und unweigerlich denken wir daran, dass dieses Kind in der Krippe Gottes Sohn ist.

Gott ist in der Tat mit uns. Im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach wird in der vierten Kantate, die für diesen Tag bestimmt ist, dieser Name aufgegriffen und mit Hilfe des Namens Jesus besonders entfaltet. Dort heißt es:

Immanuel, o süßes Wort
mein Jesus heißt mein Hort
mein Jesus heißt mein Leben
mein Jesus hat sich mir ergeben
mein Jesus soll mir immerfort
vor meinen Augen schweben
mein Jesus heißet meine Lust
mein Jesus labet Herz und Brust
Und etwas weiter heißt es dann:
Auch in dem Sterben sollst du mir
Das Allerliebste sein;
In Not, Gefahr und Ungemach
Seh ich dir sehnlichst nach.
Was jagte mir zuletzt der Tod für Grauen ein?
Mein Jesus! Wenn ich sterbe,
So weiß ich, dass ich nicht verderbe.
Dein Name steht in mir geschrieben,
Der hat es Todes Furcht vertrieben.

„Dein Name steht in mir geschrieben, der hat des Todes Furcht vertrieben“ – Gott rettet, Gott ist mit uns. Das schreiben wir uns in unser Herz hinein. Gott ist da – das ist auch die Bedeutung des Namens Jahweh, den Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer Übersetzung der Heiligen Schrift mit „Ich-Bin-Da“ wiedergaben.

So vergewissern wir uns an diesem ersten Tag des Jahres 2015, dass auch dieses Jahr wieder ein „Annus Domini“, ein „Jahr des Herrn“, ist, nehmen es dankbar aus Gottes Händen und bitten ihn, dass er uns durch dieses Jahr hindurch begleite und führe.

Amen

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