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Kanzel

Kanzelworte – Passionsandachten 2015

Ansprachen in der Karwoche zum Thema „Judas, der Verräter!?“

in der Stiftskirche (Kaiserdom) zu Königslutter
Karmontag bis Karmittwoch, 30. März bis 1. April 2015
von Pfr. Dr. Martin Senftleben

Die folgenden drei Ansprachen bilden ab, wie Judas Iskarioth

  1. in den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas)
  2. bei Johannes
  3. in der christlichen Tradition bis heute

gesehen wird.


3. Passionsandacht am 01.04.2015, 18 Uhr

„ ... und er nahm ihn vom Kreuz“ – oberes Fenster des Passionsfensters im Hohen Chor

Judas in der Tradition der Kirche bis heute

Während man anfangs nur wenig von ihm wusste – vermutlich haben nur die Stellen aus dem Markus-Evangelium, die über Judas berichten, etwas authentisches an sich – entwickelte man nach und nach umfangreiches Legendenmaterial, das die Person Judas mehr und mehr zur Verkörperung des Bösen machte.

Im „Hirt des Hermas“, einer Schrift aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, heißt es:

„Die Christen vom ersten Berg, dem schwarzen, sind solche, die abtrünnig geworden sind und den Herrn lästern, und solche, die Mitchristen verraten haben. Für sie gibt es keine Umkehr, nur den Tod. Und deshalb sind sie schwarz. Sie sind ohne Moral.“ (Sim IX, 19, 1)

Es wird zwar nicht explizit von Judas gesprochen, aber es wird schon deutlich, dass hier von einem Ursprung für die abtrünnigen Christen gesprochen wird. Für solche Menschen gibt es keine Umkehr, keine Buße, sondern nur den Tod. DasBild, das der Evangelist Johannes gezeichnet hat, findet hier seinen Niederschlag. Der Verräter gehört zur Macht der Finsternis und muss auch dorthin verschwinden, er kann das Licht nicht ergreifen.

In zwei anderen Schriften des zweiten Jahrhunderts wird Bezug auf Judas genommen und er als Ungläubiger und Verräter bezeichnet. In den Fragmenten des Papias wird der Tod des Judas beschrieben, allerdings anders und grausamer, als wir es aus von Matthäus und Lukas erfahren.

Judas wird dargestellt als ein ekelhaftes Monstrum, dem sich niemand zu nahen wagt. Als er auf seinem eigenen Grundstück stirbt, wird er nicht begraben. Das Grundstück aber will niemand haben, weil es dort ganz erbärmlich stinkt – sein Körper habe die Erde gewissermaßen verseucht.

Bei dieser Schilderung werden auch Texte aus zwei Psalmen herangezogen. So heißt es im 69. Psalm:

Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht sehen,
und ihre Hüften lass immerfort wanken. (Ps 69, 24)

und im Psalm 109:

Er zog den Fluch an wie sein Hemd,
der dringe in ihn hinein wie Wasser
und wie Öl in seine Gebeine. (Ps 109, 18)

Diese beiden Verse aus den Psalmen werden in der Schilderung in den Fragmenten des Papias übernommen und noch etwas ausgeschmückt.

In den Thomas-Akten, die am Anfang des dritten Jahrhunderts entstanden, wird Satan selbst zitiert mit den Worten:

„Ich bin derjenige, welcher Judas entzündete und erkaufte, Christus dem Tode zu überliefern.“ (Kap. 32)

Später beginnt man, auch von der Kindheit des Judas zu berichten und darin zu erzählen, dass er schon damals als Kind vom Satan besessen gewesen sei.

In den koptischen Bartholomäustexten, die in der Zeit vom 5. bis 7. Jahrhundert entstanden sind, wird beschrieben, wie der Tod das Grab Jesu besucht, um Jesus in das Totenreich zu holen. Doch er findet das Grab leer. Als er darauf ins Totenreich zurückkehrt, ist es verwüstet. Nur Herodes, Judas und Kain sind darin, alle anderen sind durch Christus vom Tod erlöst. Warum Judas in der Hölle ist und nicht vom Tod erlöst wurde, wird damit begründet, dass er vor seinem Tod den Satan angebetet habe.

An anderer Stelle, allerdings auch einem koptischen Text, wird noch die Frau des Judas mit hineingezogen. Judas habe nur getan, was sie ihm aufgetragen habe: so habe er ihr das Geld für die Armen gegeben, und auch den Verräterlohn habe sie an sich genommen.

So nimmt die Geschichte ihren Lauf, sie wird zu einem Komplott des Bösen, nachdem am Anfang nur mit wenigen Worten davon gesprochen wird, dass und wie Judas seinen Herrn an seine Verfolger auslieferte.

Es gab allerdings auch eine Schrift, die das „Judas-Evangelium“ genannt wurde. In ihr wurde die Tat des Judas als notwendig und richtig angesehen, denn ohne die Auslieferung des Gottessohnes hätte das Erlösungswerk nicht seinen Lauf nehmen können.

Es gab aber auch eine andere Variante, nämlich, dass Menschen glaubten, Jesus wäre dabei gewesen, die Wahrheit zu verraten, und Judas hat ihn durch die Auslieferung an die Römer daran gehindert. Hier erkennt man die Menschen, die meinten, nur mit Waffengewalt das messianische Reich errichten zu können. Jesus hat sich geweigert, diesen Weg zu gehen, und damit die Wahrheit verraten.

Später entstanden noch mehr Legenden um Judas, alle sahen in ihm das Werkzeug des Teufels. So wird in der Legenda aurea im Abschnitt über den Apostel Mathias folgendes erzählt:

In Jerusalem lebte ein Mann namens Ruben mit Beinamen Simon. Er und seine Frau Cyborea erwarteten Nachwuchs. Cyborea wurde von Vorahnungen und Befürchtungen während der Schwangerschaft gequält und glaubte, das Kind werde dem jüdischen Volk Verderben bringen. So setzten sie den Knaben nach seiner Geburt in einem Binsenkorb auf dem Meer aus. Der Korb landete auf der Insel Skarioth, wo Judas von der Königin der Insel aufgezogen wurde wie ein eigenes Kind. Als er erfuhr, dass er nicht das leibliche Kind der Königin war, tötete er den leiblichen Sohn und floh nach Jerusalem, wo er bei Pilatus schnell Beliebtheit erlangte.

Nun begab es sich, dass Pilatus in einem Hof einen Apfelbaum sah, und befahl Judas, ihm davon Früchte zu bringen. Als der Eigentümer sich wehrte, erschlug ihn Judas. Die Witwe bekam er von Pilatus zur Frau zugesprochen. Später wurde bekannt, dass der Mann, den Judas erschlagen hatte, sein Vater war, und er seine leibliche Mutter geheiratet hatte. Da fasst ihn die Reue und er wandte sich Jesus zu und schloss sich ihm an. Judas ärgerte sich aber über die Verschwendung durch die Frau, die Jesus mit kostbarer Salbe salbte, und verkaufte Jesus darum für die Summe Geldes, die die Salbe wert war. Doch reute ihn auch diese Tat, und er erhängte sich.

So die Legenda Aurea.

Judas wurde andererseits auch als Mahnung zur Reue genutzt. So wird von dem Heiligen Brendan erzählt, dass er auf einer Schiffsreise an einer Insel vorbeikam, auf der Judas von seinem Höllenleben Sonntagsurlaub bekommen hatte. Das erscheint einem zunächst wie die Einleitung zu einem Witz, ist es aber nicht. Vielmehr wurde der Sonntag als heiliger Tag begriffen, an dem die Gnade Gottes offenbar wird, und man glaubte, dass dann auch die, die in der Hölle sind, von ihren Qualen für die Dauer dieses Tages befreit sein müssten. Am Ende des Sonntags würde er wieder in die Höllenqualen zurückkehren müssen.

Brendan ging auf den offensichtlich leidenden Menschen, den er da am Strand sitzen sah, zu und fragte ihn, wer er wäre. Der antwortete:

„Ich bin der arme Judas, der Gott verriet, und aus rechter Verzweiflung erhängte ich mich selbst. Und hätte ich wahre Reue gehabt, so hätte mir Gott Gnade gewährt.“

Aus dieser kurzen Episode erfahren wir zweierlei: Judas hat Gott verraten und war darüber verzweifelt– das ist nichts Neues. Neu ist der Hinweis, dass, wenn er wahre Reue gehabt hätte, ihm die Gnade Gottes gewährt worden wäre. Daraus lässt sich etwas ableiten, was zu dem viele Jahrhunderte lang praktizierten Brauch führte, Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten, ohne den Segen der Kirche außerhalb oder später auch in einer „Arme-Sünder-Ecke“ des Friedhofs zu begraben, weil sie nicht nur an sich selbst, sondern auch an Gott derart schuldig geworden waren, dass keine Reue mehr möglich war. Denn der Tod nimmt einem die Möglichkeit zur Reue. Sich selbst zu töten verstößt zudem gegen das fünfte Gebot: du sollst nicht töten. Damit hat man eine schwere Sünde begangen, die es, indem sie durchgeführt wurde, auch unmöglich machte, die eigene Sünde noch zu bereuen.

Die Figur des Judas hatte auch Auswirkungen auf das Verhältnis der Christen zu den Juden. Judas wurde zum Prototypen des Juden, was auch durch seinen Namen gegeben war. So wie Judas der Verräter war und ein Übeltäter, so wurden diese Eigenschaften nun auf alle Juden übertragen. So wie Judas für das Geld verantwortlich war, so wurde jüdischen Mitbürgern Geldgier vorgeworfen und das Geschäft mit dem Geld zugestanden.

Nicht ein neues Volk des Judas will Gott auf dieser Welt erstehen lassen, das seine Welt zerstört, weil es Gott verrät an das Geld.

so heißt es in einem Lehrbuch für Konfirmanden aus dem Jahr 1939. Judas wird zum Urvater des Volkes Israel, nicht Abraham. Sein Verrat, seine Verbindung zum Geld wird genutzt, um den Juden in Deutschland Habgier und Verrat zu unterstellen.

In unserer Zeit wird die Person des Judas wieder etwas weniger eindeutig dem Bösen zugeordnet. In dem Musical „Jesus Christ, Superstar“ ist Judas eher ein Suchender, der nicht den rechten Zugang zu Jesus findet.

Während des Abendmahls wird der Dialog zwischen Jesus und Judas deutlich umfassender gestaltet.

[Jesus:] Ich sehe einen, der hier mit euch isst,

einer der Zwölf, die ich erwählte,

wird hinausgehen und mich verraten.

[Judas:] Spar dir die Umschweife!

Du weißt genau, wer es ist!

[Jesus:] Warum gehst du nicht und tust es?

[Judas:] Du willst ja, dass ich es tue!

[Jesus:] Beeil dich, sie warten!

[Judas:] Wenn du nur wüsstest, warum ich es tue!

[Jesus:] Es interessiert mich nicht, warum du es tust.

[Judas:] Ich darf nicht daran denken, dass ich dich bewundert habe. Nun, jetzt verachte ich dich.

[Jesus:] Du Lügner. Du Judas!

[Judas:] Du wolltest, dass ich es tue!

Was, wenn ich einfach hier bliebe

und deinen Plan durchkreuzen würde?

Christus, du verdienst es!

[Jesus:] Beeil dich, du Dummkopf.

Spar mir deine Reden,

ich will sie nicht hören. Geh!

[Judas:] Du trauriger, bemitleidenswerter Mensch,

Sieh nur, wohin du uns gebracht hast.

Unsere Ideale sterben, und alles nur wegen dir.

Aber das Traurigste an allem ist, dass einer dich ausliefern muss.

Wie einen gewöhnlichen Kriminellen, wie ein verwundetes Tier,

ein nutzloser, alt gewordener Mann.

[Jesus:] Hau ab, sie warten! Hau endlich ab!

Sie warten auf dich!

[Judas:] Jedes Mal wenn ich dich anschaue, verstehe ich nicht

warum du die Dinge so außer Kontrolle geraten ließest.

Es hätte sicher besser funktioniert, wenn du alles geplant hättest.

Im Dialog benutzt Jesus den Namen „Judas“ als Schimpfwort: „Du Judas!“ Da steckt all das drin, was die Tradition dem Namen angehängt hat: du Verräter, du Neider, du Dieb, du Wucherer usw.

Judas bleibt in dem Musical eine unglückliche Gestalt, die wie im Matthäus-Evangelium beschrieben den Tod findet. Doch vor seinem Tod klagt er Gott an, als Werkzeug missbraucht worden zu sein, denn den Tod Jesu hatte er nicht gewollt. Und so ruft er Gott zu: „You murdered me!“ - Du hast mich getötet!

Hier wird Judas als ein Zelot dargestellt, dem daran gelegen war, die Macht der Römer zu einem Ende zu bringen. Dazu wollte er Jesus benutzen.

In dem Buch von Nikos Katzantzakis aus dem Jahr 1953: „Die letzte Versuchung Christi“, das später auch verfilmt wurde, kommt Judas eine ganz andere Rolle zu. Da ist er derjenige, der Jesus an seinen Auftrag erinnert und dazu bringt, das Heilswerk zu vollenden.

Judas ist darin die einzige Konstante, er ist die positive Schlüsselfigur. Er sorgt dafür, dass Jesus aus dem Schlaf der letzten Versuchung erwacht und schließlich doch am Kreuz sterben kann – als der Sohn Gottes. Judas wird unentbehrlich für die Erlösung der Menschen.

Diese Sichtweise – neben der letzten Versuchung Christi – hat dem Film viel Kritik eingebracht. In manchen Ländern wurde er verboten.

Judas bleibt eine rätselhafte Figur. In der Tradition der Kirche wurde er zum Urbild des Verräters und Wucherers, des Menschen, der für Geld zu allem bereit ist. Durch ihn hat das jüdische Volk einen Stempel aufgeprägt bekommen, der zum Holocaust geführt hat und der sich auch danach nur schwer entfernen lässt.

Erst in den letzten Jahrzehnten lockert sich das Bild von Judas wieder etwas auf, bis dahin, dass man vermutet hat, Judas habe gar nicht real existiert, er sei eine Fiktion, um die Gemeinde vor der Möglichkeit des Bösen zu warnen.

Judas hält uns wach. Wir fragen, wie das Böse im Verhältnis zu Gott steht. Wir bleiben uns bewusst, dass das Böse seinen Platz hat in unserer Existenz. Und wir fragen: Kann es ohne den Verräter Gnade geben? Was bedeutet Gnade? Wie weit kann sie gehen? Gibt es einen Punkt, zu dem die Gnade nicht reichen kann?

Letztgültige Antworten werden wir mit unseren Möglichkeiten nicht finden. Aber es ist gut, wenn wir für diese Fragestellungen wach bleiben und uns ihnen immer wieder neu stellen. Wenn wir dabei auf Gott hören, kann es gut sein, dass wir von ihm auch eine Antwort bekommen.

Amen

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2. Passionsandacht am 31.03.2015, 18 Uhr

„Siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter“ – mittleres Fenster des Passionsfensters im Hohen Chor

Judas bei Johannes

Das Evangelium des Johannes entstand nach der überwiegenden Meinung deutlich nach den synoptischen Evangelien. Es verwundert aber, dass es kaum die Inhalte der anderen Evangelien aufnimmt, sondern vieles neu und als einziger erzählt. Man hat sich gefragt, woher der Evangelist diese Inhalte hat, und spricht in der Regel von einer johanneischen Tradition, die sich in einem bestimmten geographischen Raum entwickelt hat, der sich heute aber nicht mehr nachvollziehen lässt.

Es verwundert trotzdem, dass die anderen Evangelien, wenn sie tatsächlich zwei bis drei Jahrzehnte vorher entstanden sind, so wenig Einfluss auf das Evangelium des Johannes ausgeübt haben.

Ob der Evangelist sich bewusst abgrenzen wollte, oder ob er die anderen Evangelien tatsächlich nicht kannte, ist nicht klar, zumal es durchaus den Anschein hat, dass er schon auf eine gewisse Geschichte der christlichen Gemeinde zurückblicken kann, da er viele Fragen, die in den ersten Jahrzehnten der Christenheit auftauchten, reflektiert.

Anders als Lukas, der am Anfang seines Evangeliums ganz bewusst auf schon andere existierende Veröffentlichungen hinweist, fängt das Johannes-Evangelium ganz unvermittelt und ohne jeden Bezug auf irgendwelche anderen Quellen an:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (Joh 1, 1)

Johannes entfaltet diesen Ausgangssatz weiter und bedient sich dabei der griechischen Philosophie. Er lässt zunehmend erkennen, dass er nicht von dem Menschen Jesus von Nazareth, sondern von Jesus, dem Sohn Gottes, spricht. Alles, was Jesus tut und redet, ist dadurch geprägt. Und darum stellt Johannes auch die Kreuzigung nicht als schmählichen Tod, sondern als die Erhöhung des Gottessohnes dar. Das Kreuz ist sein Thron!

Für Johannes scheint schon klar zu sein, dass Jesus zu allen Menschen gesandt ist und nicht, so wie es bei den anderen Evangelien anklingt, nur zum Volk Israel. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass man den Eindruck hat, dass das Verhältnis zwischen Jesus und den Vertretern des jüdischen Volkes bei Johannes besonders angespannt ist.

Dementsprechend wird die Rolle des Judas auch deutlich anders bewertet als bei den drei anderen Evangelisten. Er ist die Verkörperung nicht nur der Boshaftigkeit, sondern er ist der Teufel in Person. Das wird das erste Mal deutlich beim Bekenntnis des Petrus:

Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel. Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet ihn hernach und war einer der Zwölf. (Joh 6, 66-71)

Und die Geschichte von der Salbung in Betanien, in der sich bei den anderen Evangelisten noch alle oder einige der Jünger entrüsten, lässt der Evangelist Johannes einzig Judas sprechen:

Da sprach einer seiner Jünger, Judas Iskariot, der ihn hernach verriet: Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatten den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war. (Joh 12, 4-6)

Judas wird dabei ohne Grund zum Bösewicht abgestempelt. Nur weil er den Beutel hatte, oder mit anderen Worten: weil er das Geld verwaltete, wird er zum Dieb, so als sei beides zwangsläufig miteinander verbunden. Sind nun alle Diebe, die Geld verwalten? Müsste das dann nicht auf jeden zutreffen, der ein Portemonnaie mit sich herum trägt?

Judas wird durch den Evangelisten verurteilt, ohne dass er irgend etwas Böses getan hat. Auch wird ihm eine Motivation untergeschoben, für die es eigentlich keine erkennbare Begründung gibt. Judas hat überhaupt keine Chance, so scheint es. Er ist von Anfang an der Böse.

Diese Darstellung setzt sich dann beim Abendmahl fort. Dabei verzichtet Johannes ja vollständig auf die Beschreibung des Abendmahls, so wie wir es meist kennen. Anstelle dessen tritt die Fußwaschung in den Vordergrund, die wir in dieser Form bei den anderen Evangelisten nicht finden. Dass es sich dennoch bei dem Ereignis vermutlich um das Sedermahl, also das Mahl vor dem Passahfest, handelt, wird durch die Einleitung der Fußwaschung deutlich.

Jesus schloss die Fußwaschung ab mit Worten, die zum Dienst aneinander auffordern. Dann setzt Johannes fort:

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und als der den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!

Aber niemand am Tisch wusste, wozu er ihm das sagte. Einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht. (Joh 13, 21-30)

Johannes beschreibt die Szene sehr detailliert. Sie unterscheidet sich nicht sehr deutlich von den Schilderungen in den anderen Evangelien, aber es gibt bei genauerem Hinsehen doch auffällige Besonderheiten.

So taucht nicht Judas gleichzeitig mit Jesus den Bissen in die Schüssel, sondern Jesus gibt ihm den Bissen. Judas ist also vollkommen passiv. Es sollte auch zu denken geben, dass der Satan erst in dem Moment in Judas fährt, als er den Bissen von Jesus nimmt. Jesus selbst scheint diese ganze Situation zu kontrollieren, er scheint ihm den Teufel auf den Hals zu hetzen, was durchaus der Intention des Evangelisten entspricht. Er will ja deutlich machen, dass in allem der Sohn Gottes handelt. Jesus kontrolliert darum das Geschehen vom ersten bis zum letzten und also auch hier. Aus der Sicht des Judas gesehen scheint es, als ob er überhaupt keinen Einfluss auf das Geschehen hätte. Aber dann ist wiederum die Aufforderung merkwürdig, die Jesus gleich danach sagt: „Was du tust, das tue bald.“

Die Tatsache, dass es nicht heißt: „Was du tun willst, das tue bald“, bestärkt noch einmal den Verdacht, dass sich Judas eigentlich gar nicht wehren kann. Er ist Opfer, nicht Täter.

Der Nachsatz „Und es war Nacht“ lässt eine Verbindung zum Beginn des Evangeliums erkennen, wo es heißt:

„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.“ (Joh 1, 5)

Judas verabschiedet sich gewissermaßen in die Finsternis hinein, fort vom Licht. Dorthin, wo er nach Meinung des Evangelisten Johannes hin gehört.

Der letzte Auftritt des Judas im Johannesevangelium ist dann bei der Gefangennahme:

Als Jesus das geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger. Judas aber, der ihn verriet, kannte den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft dort mit seinen Jüngern. Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen. Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin's! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen. Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin's!, wichen sie zurück und fielen zu Boden. (Joh 18, 1-6)

Wer nun noch mehr erwartet, wird enttäuscht. Es gibt keinen Verräterkuss, und es gibt auch keinen Tod des Judas. Es wird vielmehr völlig still um ihn, so als hätte er nie existiert. Er wird totgeschwiegen.

Schon bei der Gefangennahme spielt er keine Rolle mehr, außer, dass er den Weg zeigt. Aber das wäre vermutlich gar nicht nötig gewesen, denn den Garten hätte man sicher auch mit Hilfe einer Wegbeschreibung gefunden. Und Johannes sagt ja auch hoch ausdrücklich, dass sich Jesus oft dort aufhielt, es also ohne Weiteres noch anderen Menschen bekannt sein konnte.

Nachdem also Johannes dem Judas derart zugesetzt und ihn von Anfang an zum Bösewicht gemacht hatte, ist er am Ende doch von wenig Interesse. Wie kommt das?

Das hat damit zu tun, dass für Johannes Judas die Verkörperung des Bösen schlechthin darstellt. Die Finsternis in der Gestalt des Verräters stand dem Licht gegenüber und musste sich zurückziehen, denn nicht sie regiert das Geschehen, sondern Gott allein durch Jesus Christus.

Die kontrollierende Macht Jesu haben wir an allen Stellen im Johannesevangelium erkennen können. Judas konnte ohne Jesu Einwilligung nichts Schädliches tun, stand ihm aber zugleich als Widersacher gegenüber, der jedoch von Anfang an schon verloren hatte.

Judas verkörpert den Unglauben. Er zeigt uns, was passiert, wenn wir nicht auf Jesus Christus vertrauen, wenn wir nicht den Mächten der Finsternis widerstehen. Für Johannes gibt es kein vielleicht, sondern nur ein Ja oder Nein, wenn es um die Frage der Nachfolge geht. Für ihn gibt es nur Gut und Böse, nur Schwarz und Weiß. Johannes erwartet eine kompromisslose Entscheidung. Wer Kompromisse eingehen will, ist nicht geschickt zum Reich Gottes.

Judas ist darum im Johannes-Evangelium kaum mehr eine Person, sondern das Paradigma für den Unglauben, der sich auch unter denen findet, die sich zur Gemeinde zählen. So wie Judas lange Zeit für die anderen unerkannt bei den Zwölfen bleiben konnte, so kann es auch in der Gemeinde lange Zeit solche geben, die nicht glauben und vielleicht sogar als Denunzianten tätig sind. Das spielte in der Zeit des Johannes vermutlich schon eine Rolle, da die ersten Christenverfolgungen bereits begonnen und ihre Opfer gefordert hatten.

Johannes will uns warnen, dass wir keine Kompromisse dulden, denn wer von der Finsternis her kommt, gehört zur Finsternis, es sei denn, er nimmt das Licht von ganzem Herzen an und meidet fortan die Finsternis.

Amen

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1. Passionsandacht am 30.03.2015, 18 Uhr

„... und er trug sein Kreuz“ – unteres Fenster des Passionsfensters im Hohen Chor

Judas bei den Synoptikern (Markus, Matthäus und Lukas)

Was trieb Judas dazu, seinen Herrn zu verraten? Die Vermutungen sind vielfältig. Dass es so viele Vermutungen gibt, liegt daran, dass das Zeugnis von der Person des Judas sehr vielschichtig ist. Zugleich ist es wenig eindeutig und lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu.

Zunächst einmal ist auffällig, dass er in allen Evangelien in der Liste der zwölf Apostel aufgeführt ist. So lesen wir bei Markus im 3. Kapitel:

Jesus setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben. Und er setzte die Zwölf ein und gab Simon den Namen Petrus; weiter: Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und gab ihnen den Namen Bo'an'erges, das heißt: Donnersöhne; weiter: Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Thaddäus und Simon Kanaanäus und Judas Iskariot, der ihn verriet. (Mk 3, 13-19)

Wir sehen schon hier den Hinweis darauf, dass Judas Iskarioth seinen Herrn später verriet, aber andererseits ist er einer der Auserwählten, einer der Zwölf, und man mag zu Recht fragen, warum solch eine Gestalt, die später eine solch ruchlose Tat vorhat, in den Kreis derer aufgenommen wird, die vom Herrn mit einem besonderen Auftrag und mit besonderen Gaben versehen wurden.

Das passt doch nicht zusammen, zumal wir davon ausgehen dürfen, dass Gott wusste, was da geschehen würde. Warum sollte die Reihe der Zwölf nicht von Anfang an so makellos sein, wie es menschenmöglich war? Wir wissen ja von den Verfehlungen der anderen, von der Verleugnung durch Petrus, von dem Versagen in der Nacht, in der Jesus gefangen genommen wurde, und von dem Kleinglauben, den sie immer wieder zeigten. Das alles ist menschlich. Aber Verrat? Nein, da gehört Kalkül dazu, Überlegung, Berechnung; das muss wohl bedacht sein, und darum ist eine solche Handlung so abgrundtief böse, dass sie nur Verachtung verdient.

Auch Matthäus listet Judas Iskarioth wie Markus an letzter Stelle in der Apostelliste auf, und lässt darauf dann den Bericht von der Aussendung der Zwölf folgen.

Hier werden die Zwölf, also auch Judas, mit allen Vollmachten ausgestattet: sie können Kranke heilen, Aussätzige reinigen, böse Geister austreiben. Nichts Überflüssiges sollen sie bei sich haben, Gott wird für sie sorgen. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

Und schließlich Lukas. Er schreibt:

Als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte: Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, Jakobus und Johannes; Philippus und Bartholomäus; Matthäus und Thomas; Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot; Judas, den Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde. (Lk 6, 12-16)

Hier ist die Liste etwas trockener, es werden keine Vollmachten verteilt, das folgt erst drei Kapitel weiter. Aber auch der Evangelist Lukas erklärt Judas Iskarioth zum Apostel, zu einer Person, die vom Herrn Jesus Christus berufen und von ihm zum Apostel eingesetzt wurde.

Sonst aber erfahren wir aus den sogenannten synoptischen Evangelien, also Matthäus, Markus und Lukas, nur wenig über ihn, obwohl wir eigentlich meinen, so viel über ihn zu wissen. Es gibt keine Berufungsgeschichte, keinen Dialog mit Jesus, keine Taten, wo er eine Rolle spielt, aber auch kein Versagen, wie es z.B. von Petrus berichtet wird. Das ist aber auch kein Alleinstellungsmerkmal, denn genauso ist es mit einigen der anderen Apostel, die in der Liste aufgeführt sind. Auch von z.B. Jakobus, dem Sohn des Alphäus, und Thomas erfahren wir nichts weiter bei den Synoptikern.

Judas taucht erst wieder auf, als die Passionsgeschichte beginnt. Da aber bekommt er eine wichtige Rolle.

Wahrscheinlich denken Sie, dass der erste große Auftritt des Judas bei der Salbung in Betanien ist. Hatte er, der geldgierige und habsüchtige, da nicht die Verschwendung gerügt? Hatte er nicht vordergründig den Verkauf des kostbaren Öls gefordert, damit man das Geld den Armen geben könne?

Heute wollen wir uns ganz auf das Zeugnis der synoptischen Evangelien stützen, und da müssen wir erstaunt feststellen: Judas taucht da gar nicht auf. Hören wir, wie uns Markus dieses Ereignis überliefert:

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ (Mk 14, 3-8)

Matthäus berichtet von dem Ereignis fast mit den gleichen Worten. Ein bisschen anders ist es aber doch:

Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können.“ Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: „Was betrübt ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan...“ (Mt 26, 8-10)

Was davor und danach geschieht, ist mit der Erzählung von Markus weitgehend identisch. Wichtig ist nur: hier bei Matthäus sind es „die Jünger“ und nicht nur einige, wie es von Markus erzählt wird. Und Lukas? Der hatte diese Erzählung schon an einer anderen Stelle und auch etwas anders erzählt. Dort ereignet sie sich im Haus eines Pharisäers, und es sind Pharisäer, die sich über das Verhalten der Sünderin entrüsten. Die Jünger kommen da gar nicht richtig vor und Judas schon gar nicht.

Fest steht: Judas mag zwar unter denen sein, die sich da entrüsten, aber er wird nicht namentlich genannt. Und wenn er sich entrüstete, dann war er es nicht allein, sondern im Gegenteil: andere Apostel hatten sich genauso über die Verschwendung beklagt.

Diese Erzählung ist also für uns nicht erhellend, wenn wir Judas besser verstehen wollen.

Sein erster gewissermaßen großer Auftritt folgt erst nach dieser Salbung in Betanien. Es ist wie eine Einleitung: jetzt endlich – jetzt erst – kann von ihm und seiner Rolle in der Heilsgeschichte geschrieben werden.

Bei Markus ist es wie meist am knappesten:

Judas Iskarioth, einer von den Zwölfen, ging hin zu den Hohenpriestern, dass er ihn an sie verriete. Als sie das hörten, wurden sie froh und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte, wie er ihn bei guter Gelegenheit verraten könnte. (Mk 14, 10-11)

Und Matthäus schreibt es so:

Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskarioth, hin zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete. (Mt 26, 14-16)

Und Lukas schreibt es so:

Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskarioth, der zur Zahl der Zwölf gehörte. Und er ging hin und redete mit den Hohenpriestern und mit den Hauptleuten darüber, wie er ihn an sie verraten könnte. Und sie wurden froh und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er sagte es zu und suchte eine Gelegenheit, dass er ihn an sie verriete ohne Aufsehen. (Lk 22, 3-6)

Man merkt jetzt unter den Evangelisten eine gewisse Steigerung: Bei Markus bleibt Judas recht farblos, bei Matthäus schimmert durch die Frage „Was wollt ihr mir geben?“ so ein bisschen die Habsucht durch, die man ihm ja generell unterstellt, indem er nach einem Lohn fragt, und bei Lukas ist es der Satan, der in ihn fuhr. Der Widersacher Gottes, so sieht man ihn gerne, und so wird Judas zum Widersacher Gottes.

Die Tatsache, dass Judas vom Satan besessen wird, mag man als Segen verstehen, denn wenn der Satan in ihn fuhr, dann lenkte er hinfort sein Tun – er konnte sich nicht wehren, war also nur ein Werkzeug in des Bösen Hand.

Nur Matthäus zählt auch den Lohn, die dreißig Silberlinge, womit er Bezug nimmt auf eine Stelle aus dem Buch des Propheten Sacharja, wo es heißt:

„Ich sprach zu ihnen: Gefällt's euch, so gebt her meinen Lohn, wenn nicht, so lasst's bleiben. Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberstücke.“ (Sach 11, 12)

Unmittelbar darauf folgt das Abendmahl. Die zwölf Jünger sind mit Jesus zusammengekommen, um das Sedermahl zu halten – das Mahl am Vorabend des Passah. Markus berichtet es so:

Am Abend kam er mit den Zwölfen. Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich's? Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. (Mk 14, 17-21)

Matthäus folgt diesen Worten bis ins Detail, nur am Ende hängt er noch einen Satz an:

Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es. (Mt 26, 25)

Und Lukas erzählt die Geschichte vom Abendmahl in einer etwas eigenen Form. Wir finden da auch die Auseinandersetzung der Jünger darüber, wer von ihnen wohl der größte sei. In dieser Auseinandersetzung spielt Judas keine Rolle, und Lukas verzichtet auch auf den Nachsatz: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“

Es könnte sein, dass Lk hier den Gedanken von der Besessenheit durch den Teufel konsequent fortführt. Judas kann sein Handeln ja nicht mehr kontrollieren, er ist nur noch ein Werkzeug. Von daher ist die Feststellung, dass es für den Menschen besser wäre, nie geboren zu sein, nicht angebracht. Auf diese Weise würde der Mensch für etwas getadelt, was er nicht kontrollieren kann.

Aber es ist ohnehin schwierig: die Frage, warum Judas seinen Herrn ausliefert, bleibt unbeantwortet, zumindest bei Markus und Matthäus. Lukas startet einen Versuch, indem er davon schreibt, dass der Teufel in ihn fährt. So wird das ganze Geschehen eine Auseinandersetzung zwischen Gott und Satan. Satan will die Vollendung des Heilswerks verhindern.

Aber was geschieht dann mit Judas? Ist er eine Marionette in der Hand des Teufels? Kann man Verantwortung so einfach auf eine Macht abschieben, die sich uns völlig entzieht? Oder müssen wir nicht doch bekennen, dass das Böse immer schon in uns wohnt?

Und natürlich stellt sich die Frage: ist das, was Judas tat, tatsächlich Böse?

Wir reden immer von Verrat, und so steht es auch in der Bibel – in der Übersetzung nach Martin Luther. Im griechischen Urtext wird ein Wort verwendet, das richtiger mit „ausliefern“ zu übersetzen wäre. Das macht es zwar nicht wesentlich besser, aber es nimmt dem Akt die Heimtücke, die man bei einem Verrat eigentlich immer voraussetzen darf.

Die Frage ist: was verrät Judas eigentlich? Jesus sagt selbst bei der Gefangennahme, dass er immer öffentlich gepredigt hat – und da hatten sie ihn nicht ergriffen. Warum muss es in der Stunde der Finsternis geschehen?

Und was wäre, wenn Judas nicht hingegangen wäre, um Jesus auszuliefern? Vielleicht hätte Satan ihn in Ruhe lassen sollen – dann wäre Jesus nicht gekreuzigt worden und der Plan Gottes wäre zerstört gewesen.

Manche haben versucht, Judas als gar nicht real existierende Figur zu beschreiben, die die Fähigkeit des Menschen zum Bösen selbst in der Gegenwart Gottes noch einmal thematisieren soll. Judas würde uns dann nur daran erinnern, dass uns nichts davor schützen kann, selbst zum Verräter zu werden – in dem Sinn, dass wir den christlichen Glauben und damit Gott selbst verlassen.

Vielleicht steckt tatsächlich in uns allen ein Judas, der vielleicht nicht in solchem Ausmaß, aber doch hier und da schon mal die Oberhand gewinnt.

Aber wir erfahren viel zu wenig über Judas, um ihn wirklich als ein Beispiel für das Böse im Menschen zu begreifen. Seine Motivation bleibt undeutlich und vage. Einzig der Hinweis auf seinen Selbstmord im Matthäusevangelium mag verdeutlichen, dass die Intention seiner Tat eine gute war. Denn Matthäus beschreibt, dass ihn das, was er getan hatte, reute:

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. (Mt 27, 3-5)

Die Tatsache, dass wir nur bei Matthäus diesen Bericht finden, lässt vermuten, dass auch der Evangelist auf der Suche nach einem Motiv war. Und er wollte dem Judas nun nicht unterstellen, dass er mit böser Absicht gehandelt hat. Vielleicht konnte Matthäus auch auf Berichte von Augenzeugen zurückgreifen und daraus entsprechende Schlüsse ziehen. Und vielleicht ist das der Grund, warum die Figur des Judas so unklar bleibt. Wir wissen nur mit Gewissheit, dass er nach der Kreuzigung keine Rolle mehr unter den Zwölfen spielt.

Interessant ist, dass Lukas, dem wir neben dem Evangelium auch die Apostelgeschichte zu verdanken haben, in ganz anderer Weise von dem Tod des Judas berichtet. Er schreibt von einer Rede des Petrus:

„Ihr Männer und Brüder, es musste das Wort der Schrift erfüllt werden, das der Heilige Geist durch den Mund Davids vorausgesagt hat über Judas, der denen den Weg zeigte, die Jesus gefangen nahmen; denn er gehörte zu uns und hatte dieses Amt mit uns empfangen. Der hat einen Acker erworben mit dem Lohn für seine Ungerechtigkeit. Aber er ist vornüber gestürzt und mitten entzwei geborsten, so dass alle seine Eingeweide herausquollen.“ (Apg 1, 16-18)

Es ist ein Rätsel, warum wir zwei so völlig verschiedene Versionen vom Tod des Judas Iskarioth haben. Es zeigt uns vor allem, dass sich die Evangelisten nur in einem einig waren: dass Judas keinen gnädigen Tod verdient hatte. Obwohl es scheint, dass der Verrat nötig war, damit das Heilswerk Gottes vollendet werden konnte, bleibt Judas ein Verräter, der Unrecht getan hat und dafür büßen muss.

Und so sehen wir Judas in den synoptischen Evangelien als einen Menschen, der zum Kreis der Zwölf gehört, aber seiner Berufung nicht gerecht wird. So etwas gibt es auch in der christlichen Gemeinde, und vielleicht ist Judas wirklich nur ein Bild für solche Menschen. Aber dass Gott nicht auch ihnen gnädig sein kann, kann ich nicht glauben. Denn sonst wäre Jesus umsonst am Kreuz gestorben.

Amen

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